Anarchie ist machbar - und lustig

Was passiert, wenn armen Menschen sich Lebensmittel im Supermnarkt holen, ohne zu zahlen? Tubulenzen! Das beweist das Trott!war-Theater mit "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo.

Seit 1994 gehören die Verkäufer und Verkäuferinnen des Straßenmagazins Trott!war zum  Stadtbild Stuttgarts. Rund 30 000 Exemplare beträgt die Auflage der Monatszeitung und sichert damit einer ganzen Reihe von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, einen eigenen Lebensunterhalt. Denn sie sind sozialversicherungspflichtig bei dem Sozialunternehmen angestellt. Mehr als das: Der Zeitungsverkauf gibt diesen Menschen Struktur für ihr Leben; die Begegnungen beim Verkauf bieten Abwechslung und soziale Kontakte.

Das Sozialunternehmen, das keine öffentliche Förderung erhält, sondern sich aus eigenen Mitteln, vor allem aber aus dem Verkauf der Zeitungen erhält, arbeitet nach dem Prinzip: „Beteiligen statt nur versorgen“. Mit dem Verkauf der Zeitungen, aber auch alternativen Stadtführungen  will das  Selbstbewusstsein dieser Menschen stärken. Mit dem Trott!war-Wohnprojekt, das in Kooperation mit der Stadt jährlich zehn Wohnungen für Trott war-Verkäufer bereitstellt, wird den teils ehemals Obdachlosen der Weg zurück in eine Mietwohnung geebnet.

Theater spielen stärkt das Selbstbewusstsein

Auch das Trott!war-Theaterteam hat in diesem Kontext eine Aufgabe, die über das reine Theaterspiel hinausgeht: Die Aufführungen sollen Geld in die Kasse bringen und das Selbstwertgefühl der Laiendarsteller erhöhen. Die Premiere des aktuellen Stücks „Bezahlt wird nicht“ des italienischen Literaturnobelpreisträgers Dario Fo fand erstmals im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim statt. In seiner Begrüßung betonte der Vorsitzende des Kuratoriums der Akademie, Thomas Löffler, dass es beim Trott!war-Theaterteam darum gehe „aus Betroffenen Beteiligte zu machen“. Bei dem Theaterprojekt gehe es für die Beteiligten darum, „neue Erfahrungen und Fähigkeiten zu entdecken und in neue Rollen zu schlüpfen.“Thematisch passend beschäftigt sich das Theaterteam mit sozialkritischen Stoffen – freilich nicht bierernst, sondern komödiantisch-vergnüglich. Dario Fo bezeichnete sein Stück selbst als Farce – es ist eine Verwechslungs- und Lügenkomödie, die an die comedia dell‘arte  erinnert.

Mit wenigen Requisiten hat Regisseur Uwe Determann – hauptamtlich stellvertretender Geschäftsführer von Trott!war – deutlich gemacht, dass die Geschichte, die von fünf Akteuren dargeboten wird, in ärmlichen Verhältnissen spielt. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Regal, in dem Ess- und Kochutensilien Platz finden – mehr besitzen Anna und Ludwig nicht. Nicht einmal für  Miete, Strom und Wasser reicht das Geld, das Ludwig von der Arbeit nach Hause bringt;  aber das hat Anna ihrem Mann noch nicht gebeichtet. Freilich – nicht nur bei den beiden reicht das Geld hinten und vorne nicht. Im Supermarkt haben deshalb viele Hausfrauen den Aufstand geprobt, haben sich geweigert, die verlangten Preise zu zahlen. Sie haben einfach den Marktleiter überrannt und sich genommen, was sie brauchten – zu Preisen, die sie für angemessen hielten oder gleich ganz ohne zu bezahlen. Margarete, Annas Freundin und Frau von Ludwigs Freund, der namenlos bleibt, war dabei und präsentiert nun stolz Anna ihre Beute – die sie vor der herannahenden Polizei rasch unter ihrem Pullover versteckt und so zur vermeintlich Schwangeren wird.

Nichts ist so, wie es scheint

Damit beginnt eine Kaskade von Flunkereien und Notlügen, Irrungen und Wirrungen, die immer absurder werden. Sie belegen nicht nur Annas schier unerschöpfliche Fantasie beim Geschichten erfinden. Sie zeugen auch von Margaretes rasanter Auffassungsgabe und enormer Anpassungsfähigkeit, um Anna nicht bloßzustellen und den Nachstellungen der Ehemänner und den Fängen der Polizei zu entwischen. Den beiden Männern wird ob solch turbulenter Ereignisse zunehmend schwindelig – sie wissen überhaupt nicht mehr, was sie noch glauben sollen. Langsam kommen sie dem Schwindel auf die Spur – freilich erst, nachdem sie selber bei passender Gelegenheit zu Dieben werden und Spuren verwischen müssen. Auch die Polizei hat zwei Gesichter – mal droht sie mit der Pistole, mal drückt sie beiden Augen zu. Fazit: Nichts ist so, wie es scheint, aber in einer Welt, die ungerecht ist, hat auch die Moral zwei Seiten. Monika Krichenbauer (Anna), Irma Schlegel ( Margarete), Susanne Meiser (Polizisten), Helmut Schmid (Ludwig) und Günther Häberlein (sein namenloser Freund) meistern das Zwei-Stunden-Stück mit für Laien erheblichen Textmengen gut verständlich, kurzweilig und vergnüglich. Dass die Frauen dabei ein gutes Stück cleverer sind als ihre tollpatschigen Männer,  erhöht den Spaß. (Barbara Thurner-Fromm)

Das Trott!war Theaterteam in Aktion.


Der Polizist (Susanne Meiser) ist Ludwig (Helmut Schmid, rechts) und seinem Freund (Günther Häberlein) auf die Schliche gekommen.


Margarete (Irma Schlegel, rechts) und Anna (Monika Krichenbauer) gaukeln dem Polizisten (Susanne Meiser) eine Schwangerschaft vor.


Uwe Determann führte Regie.