Kaum wahrgenommene Gläubige

Wo die Religionsfreiheit nichts gilt, ist es auch mit anderen Menschenrechten nicht weit her. Deshalb leben schon rund 2,5 Millionen orientalische und orthodoxe Christen in Deutschland.

Wie geht es den Christen aus dem Nahen Osten, die in Deutschland leben? Kirchenrat Klaus Rieth, der Leiter des Referats Mission, Ökumene und Kirchlicher Entwicklungsdienst im Oberkirchenrat, stellte diese Frage an den Beginn der Tagung „Bekenntnis und Martyrium“. Die Online-Tagung, die als Kooperation zwischen Akademie (Dr. Verena Wodtke-Werner und Dr. Vladimir Latinovic) und Hauptabteilung Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Dr. Wolf Gero-Reichert) sowie der Evangelischen Landeskirche Württemberg (Klaus Rieth) organisiert wurde, stellte die Antwort auf diese Frage an den Anfang: Wir wissen es nicht, denn wir wissen kaum etwas über diese Menschen und ihren Hintergrund. Die Absicht der zweitägigen Veranstaltung war deshalb nicht nur, mehr über diese Gläubigen zu erfahren, sondern auch die Politik dafür zu sensibilisieren, diese Menschen mit ihren Rechten und Bedürfnissen wahrzunehmen. Denn Religionsfreiheit ist nicht nur ein Menschenrecht, das wir in anderen Teilen der Welt einfordern, sondern auch ein Anspruch auf faire Gleichbehandlung von zugewanderten Menschen in unserem Land.

Religionsfreiheit ist ein zentrales Menschenrecht

In seiner Keynote schilderte Professor Dr. Dr. h.c Heiner Bielefeldt mit einer Vielzahl von Beispielen aus aller Welt die Religionsfreiheit als ein „umkämpftes Menschenrecht“. Der Theologe, Philosoph und Historiker ist nicht nur Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, er war auch von 2010 bis 2016 Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit im UN-Menschenrechtsrat und hat in zahllosen Gesprächen große praktische Erfahrung weltweit gesammelt. Für ihn ist dieses Menschenrecht auf zwei Ebenen umkämpft: Zum einen kämpfen die Menschen um ihre Freiheit in der Praxis, zum anderen werde Religionsfreiheit auch auf staatlich-politischer Ebene „verdreht“. 

„Die Verletzung der Religionsfreiheit geschieht an vielen Orten, vom Kindergarten bis zum Friedhof, manchmal sogar schon pränatal“ sagte Bielefeldt. Die Gründe dafür seien vielfältig und reichten von religiösem Fanatismus bis zu unersättlichem Machtanspruch wie in Nordkorea. Zu leiden darunter hätten viele: Konvertiten, christliche Gemeinden etwa in Ägypten, im Iran und Sudan oder Somalia, zunehmend auch in Indien. Aber auch Hindus in Pakistan, Buddhisten in Malaysia, Atheisten und ReligionskritikerInnen in aller Welt, Angehörige indigener Völker. Auch Antisemitismus habe starke Bezüge zur Verletzung der Religionsfreiheit.

Freiheit des Glaubens auch für Glaubenszweifel

Als Beispiel für seine These, dass Religionsfreiheit „verdreht“ werde, nannte Bielefeldt, dass es in Indien in einigen Bundesstaaten „religious freedom acts“ gebe, die Menschen, die vom Hinduismus zum Christentum konvertieren, mit Strafen bedrohen. Damit soll freiwilliger Glaubenswechsel verhindert werden. Drakonische Anti-Blasphemiegesetze zählt Bielefeldt ebenfalls dazu, die bis zur Todesstrafe reichen und im Kern nur eine einzige (staatlich erwünschte) Religion zulassen. Auch das Zurückweisen von Religionen ausschließlich in die Privatsphäre zählt Bielefeldt zu solchen Verdrehungen, denn Bestandteil der Religionsfreiheit sei auch das Präsentieren der Religion in der Öffentlichkeit – etwa durch eine Prozession. Bielefeldt erinnerte daran, dass Träger des Rechts auf Religionsfreiheit nicht die Religion, sondern die einzelnen Menschen sind. Religionsfreiheit beziehe sich deshalb auch nicht nur auf Religionen, sondern generell auf die Freiheit des Glaubens und der Weltanschauungen; sie erstrecke sich auf die Rede- und Versammlungsfreiheit, aber auch auf die innere Autonomie von Institutionen – etwa von Schulen oder Sozialeinrichtungen. Damit sei die Religionsfreiheit ein sehr weit gespanntes Freiheitsrecht und die Nagelprobe sei die Freiheit, Religionen zu wechseln, denn authentisches Glauben sei nur möglich, wenn auch erlaubt sei zu zweifeln.

Wie unterschiedlich Religionsfreiheit eingeschränkt wird und die Menschen darunter leiden müssen, machten anschließend Betroffene deutlich: Pater Johannes Ghali berichtete über die Verfolgungen und Ängste der koptischen Christen in Ägypten, Aron Asfaha schilderte die Nöte der Gläubigen in Eritrea, Linda Kaplanvon der Syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien informierte über die orthodoxen Christen in Syrien und im Südosten der Türkei. Theodor Lazar berichtete über die bedrängte Situation der Christen im Irak.

Grübel: Viele Gründe für Religionskonflikte

Im Mittelpunkt des zweiten Tages stand die Situation der orientalischen und orthodoxen Christen in Deutschland. Im Gespräch mit Klaus Rieth schilderte Markus Grübel, langjähriger Esslinger CDU-Bundestagsabgeordneter und seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, die Möglichkeiten und Begrenzungen, politischen Einfluss für Religionsfreiheit zu nehmen. Er verdeutlichte anhand zahlreicher Beispiele aus der ganzen Welt, dass Religionskonflikte vielfache Hintergründe haben. Ob die Verbrechen des islamistischen IS, der Uigurenstreit in China, der Bauernkonflikt in einigen Ländern Afrikas – kulturelle, ökonomische oder soziale Konflikte seien zumeist Mitursache. Grübel ist als Stabsstelle beim Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angesiedelt, muss aber naturgemäß bei seiner Aufgabe auch eng mit dem Außenministerium zusammenarbeiten. Im Oktober 2020 veröffentlichte er seinen ersten Bericht, in dem die Lage von 30 ausgewählten Ländern detailliert dargestellt wird. Darüber hinaus beschäftigt sich der Bericht auch mit drei Schwerpunktthemen:

  1. Wie sieht es mit dem Kern der Religionsfreiheit aus, der Frage von Blasphemie und Religionswechsel – so droht noch immer in elf Ländern die Todesstrafe bei einer Konversion sowie ein Missionsverbot in etlichen Ländern.
  2. Die Rolle der digitalen Kommunikation, die nach Grübels Ansicht „Fluch und Segen zugleich“ ist. Am Beispiel der pakistanischen Katholikin Asia Bibi wird anhand des Verlaufs von Nachrichten auf Twitter und Facebook untersucht, welchen Einfluss Hass in sozialen Medien auf tatsächliche politische Ereignisse wie Demonstrationen haben kann.
  3. Wird die Bildung in mehrfacher Hinsicht in den Blick genommen: Wie ist der Zugang für religiöse Minderheiten zur Bildung, aber auch wie werden diese in staatlichen Medien oder Schulbüchern dargestellt?

Auch konfliktträchtige Themen in Deutschland

Grübel schilderte darüber hinaus, dass es durchaus politisch strittig gewesen sei, ob die Lage der Religionsfreiheit in Deutschland ebenfalls in seinen Bericht aufgenommen werden soll. Denn die Bundesregierung wollte nicht, dass Deutschland in einem Atemzug etwa mit Saudi Arabien genannt wird. Allerdings machte Grübel deutlich, dass es auch hierzulande durchaus Themen bei der Religionsfreiheit gebe, die konfliktträchtig sind: Der Moscheebau, das liturgische Läuten, die Beschneidung von Jungen, das Kopftuch oder das Schächten, auch die Militärseelsorge zählte der frühere Staatssekretär im Verteidigungsministerium dazu. Der Bericht soll Handlungsempfehlung und Nachschlagewerk bei Reisen sein, Grübel ist es aber auch wichtig, das Potenzial von Religionen mit positiven Beispielen zu belegen. Dazu zählt der Politiker vor allem auch den interreligiösen Dialog, wenn es um Vertrauensbildung und Versöhnungsprozesse gehe.

Sehr aufschlussreich für den politischen Kontext war auch die von der SWR-Redakteurin Anna Koktsidou geleitete Diskussionsrunde mit Landtagsabgeordneten. Relativ einig waren sich Sabine Kurtz (CDU), Peter Hofelich (SPD) und Willi Halder (Grüne), dass die Politik nur sehr magere Informationen über das Leben von orthodoxen Christen in Baden-Württemberg hat. Das liegt zum einen darin, dass es praktisch kaum persönliche Beziehungen zu diesen zugewanderten Menschen gibt. Zum anderen wurde beklagt, dass es bei dieser Bevölkerungsgruppe kaum gewählte Ansprechpartner gebe. „Sie sind problemlos im Sinne von unauffällig“ sagte Sabine Kurtz, „sie melden sich nicht so deutlich bei der Politik zu Wort, aber man weiß nicht, was sich im Verborgenen entwickelt“. Willi Halder unterstrich dies: „Es würde nichts schaden, wenn sie aktiver werden und auf uns zugehen.“ Dies würde, so die CDU-Politikerin Kurtz, auch davor schützen, „dass sich die AFD als Anwalt der christlichen Religionen aufspielt, denn das ist mir unangenehm.“

Es fehlt an Ansprechpartnern für Politik

Angesichts dieses Befundes überraschte nicht, dass die Landespolitik etwa die Frage nach orthodoxem Religionsunterricht eigentlich nicht auf dem Schirm hat. Es gibt im Land keinen Lehrstuhl dafür und damit auch keine Ausbildung von Religionslehrerinnen und -lehrern. Parteiübergreifend wurde angesichts der wachsenden Zahl orthodoxer Christen im Land Interesse signalisiert, sich damit zu beschäftigen. Einer der Tagungsleiter, Dr. Vladimir Latinovic, erklärte, dass eine passive Religionsfreiheit, in der man diesen Menschen sagt, dass sie die Dinge tun dürfen, nicht ausreicht. Sie müssen auch aktiv unterstützt werden, da sie keine eigenen finanziellen Mittel haben, zum Beispiel um den Religionsunterricht selbst zu organisieren. Er begrüßte die Bereitschaft des Landes und des Staates, die alten Verträge mit der katholischen und der evangelischen Kirche einzuhalten, sagte jedoch, dass wenn das Land und der Staat eine wirklich neutrale Position einnehmen wollen, sie auch die orientalischen und orthodoxen Christen finanziell unterstützen müssen, um zumindest minimale Bedingungen zu sichern.

Davon, wie bunt und aktiv das Leben in den unterschiedlichen Gemeinden im Land ist, berichteten dann Vertreter und Vertreterinnen. Dabei wurde auch deutlich, wie groß die Freude war, sich darstellen zu können und wahrgenommen zu werden. Und welches Potenzial damit nach Baden-Württemberg kommt, belegten eindrücklich eine Reihe von kurzen Video-Porträts aus der Koptischen Gemeinde in Stuttgart Degerloch: Junge Studierende berichteten da über ihren Wunsch nach einem guten Leben in Deutschland – es war eine Freude, ihre Energie und Offenheit zu spüren.
(Barbara Thurner-Fromm)

 

Medienecho

Der evangelische Pressedienst hat mit zwei Artikeln über die Tagung berichtet:

 

 

 

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Religionsfreiheit, Markus Grübel, betonte die Rolle der Religionen zur Konfliktlösung in vielen Ländern.

In vielen Ländern durchleiden Christinnen und Christen ein Martyrium, weil es keine Religionsfreiheit gibt.

Im Uhrzeigersinn: Peter Hofelich MdL (SPD), Sabine Kurtz MdL (CDU), Anna Koktsidou, SWR, Willi Halder MdL (Grüne) diskutierten über die Lage orthodoxer Christen in Baden-Württemberg.

Der Projektleiter der Akademie Vladimir Latinovic forderte von der Politik, die orthodoxen Christen stärker zu unterstützen.

Kirchenrat Klaus Rieth interviewte den Regierungsbeauftragten für Religionsfreiheit Markus Grübel.