4/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Theorie
 
Andreas Georg Scherer
Transzendierung von Ökonomik und Systemtheorie?
– Die »Ethik der Governance« von Josef Wieland


1.) Die Globalisierungdebatte führt zu einer Flut an Neuerscheinungen. Inzwischen haben die unterschiedlichsten Disziplinen dieses Thema aufgegriffen. Auch aus der Perspektive der Wirtschaftsethik wurden bereits einige Versuche unternommen, die Globalisierungsproblematik in den Blick zu nehmen. Jedoch ist noch völlig unklar, auf welches theoretische Fundament ein solcher Versuch gründen sollte. Im Angebot stehen ökonomische, soziologische und politische Theorien sowie philosophische Grundlagenüberlegungen. Die Globalisierungsskeptiker, zumeist in Philosophie, Soziologie und Politik beheimatet, stehen notorisch unter dem Verdacht, die Debatte »systematisch in die Irre« zu führen, weil es ihnen, so die Kritik, am ökonomischen Sachverstand und der notwendigen Einsicht in die Funktionsbedingungen moderner Gesellschaften fehle. Dagegen kaprizieren sich die ökonomisch orientierten Autoren häufig auf institutionenökonomische Analysen und blenden dabei nicht nur philosophische Grundlagenfragen sowie sozial- und politikwissenschaftliche Überlegungen aus, sondern scheinen auch noch den Anschluß an die aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion zu verlieren. – Wo also soll die Wirtschaftsethik nach Orientierungen im Dickicht der Globalisierungsdiskussion suchen?
2.) In einer solchen Situation trifft es sich gut, wenn engagierte Versuche unternommen werden, unterschiedliche Theorienstränge zusammenzuführen und über den Tellerrand des eigenen Paradigmas hinauszublicken. Josef Wieland hat dies für die Ökonomik in Angriff genommen und einen Entwurf zu einer »Ethik der Governance« vorgelegt, der sich von theoretischen Verengungen befreien will und das Verhältnis zwischen globaler Ordnung und lokaler Steuerung durch eine ökonomische und funktionale Analyse von »Governancestrukturen« lösen möchte. Im Methodenarsenal seines Ansatzes finden sich die Institutionenökonomik, insbes. Transaktionskostentheorie und Vertragstheorie, aber auch der Ressource-based-view, lerntheoretische Überlegungen und eine weiterentwickelte Variante der Luhmannschen Systemtheorie.
Zwei zentrale Fragen stehen am Ausgangspunkt von Wielands Analyse:
(1) Welche Ressourcen und Kompetenzen versetzen die Unternehmen in die Lage und was legitimiert sie dazu, eine ordnungspolitische Funktion zu übernehmen?
(2) Wie verträgt sich diese Funktion mit ihrem wirtschaftlichen Auftrag, innerhalb einer geltenden Rahmenordnung Gewinne zu erzielen? – Mit diesen Fragestellungen weist Wieland den Unternehmen von Anfang an eine ökonomische und eine politische Rolle zu.

Auch wenn Wieland häufig auf seinen ökonomischen Hintergrund verweist, so ist doch unübersehbar, daß seine Überlegungen in einen systemtheoretischen, d.h. in einen funktional-strukturellen, Bezugsrahmen eingebettet sind. Genau besehen geht es in seinem Beitrag um das Problem der Steuerung komplexer Gesellschaften unter den Bedingungen der Globalisierung. Die »Ethik der Governance«, die mit besonderem Fokus auf die Unternehmen betrachtet wird, soll einen Beitrag zur Erklärung des Steuerungsproblems liefern, indem sie die Funktionen alternativer Governancestrukturen analysiert und miteinander vergleicht. Das von Wieland entfaltete Programm einer »Ethik der Governance« läßt sich wie folgt skizzieren (S. 67 ff.):

Gegenstand der »Governanceethik« sind »die moralischen Ressourcen, die Handlungsbeschränkungen aus organisationalen Regeln und Werten sowie deren Kommunikation in und mittels von Kooperationsprojekten.« (S. 67). Die Governanceethik untersucht derartige Strukturen hinsichtlich ihres Einflusses auf das Handeln der wirtschaftlichen Akteure innerhalb des Unternehmens, zwischen Unternehmen sowie zwischen Unternehmen und Gesellschaft. Dabei wird ein breiter Strukturbegriff zugrundegelegt. Wieland versteht unter Governancestrukturen »formale und informale Ordnungen zur Steuerung der verschiedenen Codes oder Logiken eines Systems oder einer Organisation, eine Matrix, innerhalb derer distinkte Transaktionen verhandelt und möglichst vollständig durchgeführt werden … Globale Governancestrukturen beziehen sich auf die konstitutionellen Parameter einer Organisation oder eines Systems, lokale auf die mikropolitische Steuerung von Transaktionen.« (S. 46)
Die Governanceethik vergleicht alternative Governancestrukturen hinsichtlich ihres Beitrags zur Steuerung wirtschaftlicher Transaktionen. D.h. sie fokussiert darauf, durch welche Regeln und Anreize sie welches Handeln »ökonomisch prämiert« (S. 69 ff.). Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen – präskriptiv gewendet – der Entwicklung von Ethikmanagementsystemen dienen, d.h. Managementsysteme, die die Kooperationschancen der Wirtschaftssubjekte erhöhen und damit die Möglichkeit steigern, aus Kooperationen Gewinne zu erzielen (S. 91 ff.).

Wieland unterstreicht in seinem Ansatz die besondere Bedeutung von Kooperationen. Die Globalisierung der Wirtschaft erfordere von den Unternehmen, nicht nur ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, sondern gleichzeitig auch ihre Kooperationsfähigkeit innerhalb der entstehenden globalen Netzwerke zu steigern. Je mehr die Unternehmen gezwungen werden, ihre Wertkette global aufzuspannen, desto größer werden die Integrationsprobleme. Damit steigt aber das Erfordernis, die Wertaktivitäten innerhalb des Unternehmens und zwischen den Unternehmen aufeinander abzustimmen. Aufgrund der Komplexität und Dynamik dieser Beziehungen kann dies immer weniger ex ante über allgemeine Regeln oder marktliche Austauschprozesse erfolgen (Koordination), sondern erfordert immer häufiger die direkte Selbstabstimmung der betroffenen Akteure vor Ort (Kooperation) (S. 29 ff.). Unternehmen, die eine besondere Fähigkeit zur Kooperation entwickeln, schaffen sich dadurch auch einen Vorteil im Wettbewerb mit anderen. Wettbewerbsfähigkeit und Kooperationsfähigkeit setzen so gesehen einander voraus.

Die Globalisierung hat zur Folge, daß die nationalstaatliche Politik und ihre Rechtsinstitute immer weniger in der Lage sind, die Rahmenordnung den funktionalen Erfordernissen von Wirtschaft und Gesellschaft anzupassen. Dies deshalb, weil Politik und Recht immer noch im »Territorialprinzip« verankert sind, welches aber durch die Globalisierung unterlaufen wird. Diese Steuerungsdefizite nationalstaatlicher Politik führe dazu, daß die entstehende Steuerungslücke durch andere Akteure aufgefangen werden müsse. Dabei spielen insbesondere die Unternehmen eine große Rolle. Ihnen werde zunehmend »gesellschaftliche Verantwortung … zugerechnet« und ein Beitrag zur Gestaltung der Rahmenordnung abverlangt (S. 18). Die Unternehmen seien neben den nationalstaatlichen Institutionen freilich nicht die einzigen politischen Akteure in der entstehenden »Governancegesellschaft«. Deren »ordnungspolitischer Referenzpunkt« sei
»nicht mehr der Staat, sondern die Gesellschaft freier Bürger und ihrer Organisationen, die zur Lösung ihrer Gestaltungs- und Erzwingungsprobleme multiple Governancestrukturen nutzen können und nutzen werden. Staatliche Organe, Unternehmen, Kirchen, Umweltschutzgruppen, Audit-Organisationen und so weiter – sie alle sind immer auch Steuerungsstrukturen gesellschaftlicher Aufgaben.« (S. 42)
Im Unterschied zu Homann betont Wieland, daß moralische Anreize nicht auf ökonomische Anreize zurückgeführt werden können: »Es gibt moralische Anreize. Nicht alles in der Ökonomie ist ökonomisch. Moral hat Konsequenzen in der Wirtschaft.« (S. 63) Zugleich grenzt sich Wieland von Luhmanns »Theorie sozialer Systeme« ab, indem er der Moral einen funktionalen Beitrag zur Steuerung der Wirtschaft und zur Integration der Gesellschaft zuweist: »Ihre Leistung für die Organisationen der Wirtschaft ist es, die Durchführung des ökonomischen Funktionscodes auch dort noch zu sichern, wo das mit rechtlichen und ökonomischen Mitteln nicht mehr möglich ist.« Dies könnten z.B. die Unternehmen mittels moralischer Kommunikation leisten. Insofern sei die Unternehmensethik ein »konstitutives Element des Unternehmens selbst« (S. 62). Ziel einer moralischen Kommunikation und der Setzung moralischer Anreize sei es nämlich, »stabile Handlungserwartungen und Kontrolle über die Organisations- und Gesellschaftsumwelt des Unternehmens dadurch zu erreichen, daß man sich selbst bindet und damit Anreize für andere schafft, sich auch zu binden.« (S. 62) Moral sei so gesehen ein integraler Bestandteil eines Vorrats an »Weisen und Algorithmen«, die den Unternehmen zur Lösung ihrer Aufgaben, insbesondere zur Lösung des Kooperationsproblems, zur Verfügung stehen. Wieland versteht demzufolge moralische Kommunikation »als ein Element im Prozeß der Herstellung und Sicherstellung von Kooperation« (S. 18). Die Moral komme daher nicht mehr »von außen als Korrektiv, Kritik oder Ermahnung zum Besseren«, vielmehr sei sie »integraler Bestandteil des ökonomischen Problems, die Knappheit der Ressourcen und Kompetenzen durch kooperative Anstrengungen zu überwinden.« (S. 35)

Wieland setzt sich für eine strikte Trennung von Begründungsdiskurs und Anwendungsdiskurs ein. Universalistische Begründungen ethischer Normen entfalteten zwar eine handlungsbeschränkende Wirkung in ihren Handlungskontexten. Dort seien sie jedoch »nur eine durch nichts ausgezeichnete Entscheidungslogik neben vielen anderen Handlungsbeschränkungen« (S. 24), wie z.B. der Ökonomie, des Rechts oder der Technik. Zur Lösung solcher Entscheidungsprobleme dürfe es nicht zu einer »Primäranwendung von Moral« kommen, vielmehr käme es auf eine Ausbalancierung der verscheidenen handlungsbeschränkenden Logiken an. Die Moral müsse, so Wieland, ihre Referenzposition gegenüber den anderen Entscheidungslogiken aufgeben.

Schließlich käme es in der Weltökonomie nicht darauf an, nach einem »begründbaren Mix universalistischer und lokaler Werte oder Wertfindungsverfahren zu suchen« (S. 27). Solange nämlich globale und lokale Wertvorstellungen nicht in Konflikt liegen, gäbe es kein Problem. Aus diesem Grunde sei es wichtig, Lösungspotentiale zu entwickeln für die Fälle, in denen eine Inkompatibilität zwischen unterschiedlichen Standards auftrete. Es käme daher auf die Entwicklung einer Governancestruktur an, die eine für alle Transaktionspartner tragbare Entscheidung ermögliche. Nicht universalistische Begründung sei daher das Gebot der Stunde, sondern lokale Akzeptanz (S. 27).

Im Zuge der Globalisierung erfahren die Unternehmen kulturelle Unterschiede und Konflikte zwischen verschiedenen moralischen Wertvorstellungen als »intra- und interorganisationales Kommunikations- und Gestaltungsproblem« (S. 17). Folglich müssen sie geeignete Methoden zum Umgang mit moralischer und kultureller Diversität entwickeln (S. 99 ff.). Dabei dürfe Diversität allerdings nicht bloß als Nachteil gesehen werden. Vielmehr gehe es darum, das innovative Potential der Diversität, etwa im Rahmen multikultureller Arbeitsgruppen, zu nutzen, und zugleich die aus der Diversität entstehenden Inkompatibilitäten und Konflikte produktiv abzuarbeiten. Auf den ersten Blick scheint es dabei um das Dilemma zwischen Relativismus und Universalismus zu gehen, d.h. die Unternehmen müßten sich entscheiden, ob sie sich den lokalen kulturellen Gebräuchen und moralischen Wertvorstellungen anpassen oder aber die eigenen moralischen Ansprüche generell anwenden sollen. Zur Beantwortung dieser Frage konzentriert sich Wieland (S. 103 ff.) zunächst auf die ökonomischen Kostenwirkungen der Moral. Bei den Aktivitäten international tätiger Unternehmen zeigen sich Kostenwirkungen im Hinblick darauf, ob sie sich den vorherrschenden kulturellen Wertvorstellungen im Gastland anpassen, oder aber eigene Werte universell anwenden. In beiden Fällen können Kosten anfallen, so z.B. »als Verlust von friktionsfreien Geschäftsmöglichkeiten« im Gastland oder als Reputationsverlust im Mutterland (S. 107).

Wieland besteht darauf, daß hinsichtlich der Entscheidung zwischen lokaler Anpassung (Relativismus) und der universellen Anwendung eigener Wertvorstellungen keine allgemeine Lösung möglich wäre. Vielmehr müsse eine lokale Lösung im Rahmen eines gemeinsamen moralischen Lernprozesses zwischen den Vertretern unterschiedlicher Kulturen angestrebt werden. Eine Governanceethik könne hier dazu beitragen, die institutionellen und organisatorischen Voraussetzungen zur Ermöglichung eines solchen Lernprozesses zu schaffen (S. 109).
Mit diesem Lernprozeß werde allerdings der Versuch unternommen, die Entscheidungsalternative zwischen Werterelativismus und Werteuniversalismus ein Stück weit zu unterlaufen. Diese Alternative laufe nämlich, ökonomisch betrachtet, auf einen moralischen Verlust bei gleichzeitiger Minimierung der ökonomischen Kosten hinaus (S. 110). Dieses Dilemma gelte es, im »globalen Wertekreis« zu überwinden, indem die entscheidenden kulturellen Wertedifferenzen identifiziert und auf eine Verträglichkeit hin entwickelt werden. Ziel eines solchen Unterfangens soll sein, »moralische Gemeinsamkeit« bei gleichzeitigem »ökonomischen Gewinn« zu sichern (S. 111). Der Konflikt zwischen Moral und Effizienz soll also situationsgerecht gelöst werden. Wenn dieses in einer bestimmten Kultur grundsätzlich nicht möglich ist, bestünde »keine Basis für erfolgreiche globale Transaktionen« (S. 113).
3.) Ich will es an dieser Stelle mit dem Referat der Ausführungen Wielands bewenden lassen und den verbleibenden Raum für einige kritische Bemerkungen nutzen. Dabei werde ich erwägen, inwieweit Wieland eine zureichende Beantwortung seiner eingangs gestellten Fragen leistet. Wieland sieht in der Moral ein unverzichtbares Medium der Kooperation und damit der Integration der Gesellschaft. Indem er die Unternehmensethik als »konstitutives Element des Unternehmens selbst« (S. 67) konzeptionalisiert, stellt er die Moral zunächst gleichrangig neben den Gewinn und transzendiert damit den ökonomischen Ansatz, der die Moral bislang lediglich als Restriktion thematisiert hatte. Zugleich schafft er damit eine Brücke zwischen der Systemlogik der Wirtschaft mit ihrem Steuerungscode »Geld« und der Ethik mit ihren moralischen Ansprüchen. Wieland transzendiert damit auch die in der Systemtheorie vertretene operative Geschlossenheit der Teilsysteme moderner Gesellschaften. Luhmann hatte immer wieder darauf insistiert, daß die Wirtschaft nur die Sprache der Preise kenne und für moralische Anforderungen völlig taub sei. Dies hätte zur Folge, daß moralische Ansprüche, um überhaupt in der Wirtschaft wirksam werden zu können, immer erst umständlich über ökonomische Anreize in den Code »Geld« übersetzt werden müßten; diesen Weg hat bekanntermaßen Homann eingeschlagen. In der neueren soziologischen Diskussion wird allerdings darauf hingewiesen, daß zwischen den Subsystemen und ihren Eigenlogiken Brücken bestehen. »Interpenetration«, d.h. das Zusammenwirken einander entgegengesetzter Handlungslogiken, wie z.B. Ökonomik und Ethik (»Zahlung und Achtung«), sei, so der Soziologe Münch, ein »Bauprinzip der Moderne«, das zur Integration moderner Gesellschaft unverzichtbar sei. Insofern scheint die These Wielands in der aktuellen soziologischen Diskussion ihre Bestätigung zu finden:
»Die individualistische Berufsethik und die Rechtsinstitute des freien Eigentums und des freien Vertrags sind nicht Umwelt des wirtschaftlichen Handelns, sondern dessen konstitutiver Bestandteil.«
Für die Unternehmen hieße dies, daß sie nicht ausschließlich den Maßstäben des ökonomischen Leistungsaustausches unterworfen sind, sondern auch die moralischen Ansprüche der Gesellschaft befriedigen müssen. Wieland spricht hier von der Reputation des Unternehmens, die auf dem Spiel stünde (S. 40).
Welche Folgen hat dies nun aber für die Beantwortung der o.g. Fragen? Worauf stützt sich das Vermögen und die Legitimität der Unternehmen, als politische Akteure tätig zu werden? Und wie verhält es sich mit ihrem ökonomischen Auftrag Gewinne zu erzielen? – Zur Disposition steht hier wieder einmal das Verhältnis zwischen ökonomischer und ethisch-politischer Rationalität. Wieland stellt auf die Entwicklung lokaler Strategien ab, in denen der Widerspruch zwischen diesen beiden Rationalitäten aufgehoben werden soll. Dies ist im Grundsatz zu begrüßen. Was passiert aber, wenn dies nicht möglich ist?

Um hierzu die Position Wielands richtig zu verorten, muß man den Bezugspunkt seines systemtheoretischen Funktionalismus hinterfragen (S. 78). Dieser Bezugspunkt geht aus den Ausführungen Wielands allerdings, soweit ich sie verstanden habe, nicht eindeutig hervor. Zuerst ist von »ökonomischer Prämierung« die Rede (68 f.), unvermittelt wird zweitens die »moralische Prämierung« gestreift (S. 69) und drittens schließlich sollen »moralökonomische Probleme« gelöst werden:
»Äquivalenzfunktionalistisch nach der Funktion von Moral in lokalen Transaktionen zu fragen bedeutet, ökonomische, politische, rechtliche, technische und moralische Entscheidungswerte hinsichtlich ihrer Fähigkeit, ein bestimmtes moralökonomisches Problem zu lösen (oder zu dessen Lösung etwas beizutragen), zu vergleichen.« (S. 88)
Was heißt hier jedoch »Lösung«? Auf wessen Kosten und mit welchen moralischen Zumutungen? Und was soll das Vergleichskriterium sein? – Einige Leser werden Wieland eine »Instrumentalisierung der Moral« vorwerfen. Dies war zu erwarten und hat Wieland auch dazu veranlaßt, sich vorsorglich schon mit diesem Vorwurf auseinanderzusetzen (S. 78 ff).
Wieland scheint, ähnlich wie Homann, davon auszugehen, daß die Unternehmen, indem sie als politische Akteure tätig werden, notwendigerweise zu einer Verbesserung der Governancestrukturen bzw. der Rahmenordnung beitragen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr besteht die Gefahr, daß die Unternehmen ihre politische Rolle dazu mißbrauchen, solche Strukturen herzustellen, die die »ökonomische Prämierung« ihrer Handlungen maximieren. Genau besehen sind sie in einer Wettbewerbswirtschaft aufgrund der bestehenden ökonomischen Anreize sogar dazu verpflichtet. Diesen Widerspruch zwischen ökonomischer und politischer Rationalität hat die Ökonomik in der Tradition des Liberalismus bislang nicht lösen können und sich daher darauf verständigt, den Unternehmen eine ökonomische Rolle innerhalb einer Rahmenordnung, jedoch keine politische Rolle, zuzuweisen. Angesichts der Globalisierung der Wirtschaft steht die Ökonomik nun aber vor dem Problem, daß keine funktionierende Weltrahmenordnung existiert. Sie braucht daher die Unternehmung als politischen Akteur, ohne aber die politische Rolle mit der ökonomischen hinreichend vermitteln zu können. Der Begriff der »Reputation«, mit dem sowohl Wieland als auch Homann arbeiten, scheint dies bislang auch nicht zu leisten, da in diesem Begriff selbst der Konflikt zwischen Ethik und Effizienz von neuem aufbricht; wie soll hier zwischen »Sein« und »Schein« bzw. »Sein« und »Sollen« unterschieden werden? Die »Ethik der Governance« von Wieland kann also die selbstgestellte Aufgabe – soweit ich sehe – noch nicht lösen, auch wenn sie die Ökonomik entscheidende Schritte weitergebracht hat. Vielleicht müßte das Konzept der »Interpenetration« bereits im Begriff des Bürgers verankert werden, der einerseits als Privatbürger seine Interessen verfolgt und sich andererseits als Staatsbürger um die öffentliche Sache kümmert. Damit aber ließe die Ökonomik den Liberalismus hinter sich zugunsten einer republikanischen Konzeption.
4.) Die Arbeit von Wieland bietet eine Fülle innovativer Gedanken. Auf theoretischer Ebene öffnet sie die Enge des ökonomischen Ansatzes und schafft Anschlußstellen für Nachbardisziplinen. Auf praktischer Ebene stellt sie Instrumente bereit, die für das Management multinationaler Unternehmen unmittelbar handlungsorientierend sind. Die erfrischend scharfsinnige Argumentation Wielands bietet einerseits dem Ökonomen eine willkommene Alternative zu den zum Teil etwas verschrobenen institutionenökonomischen Abhandlungen, die sich in den Stufen des spieltheoretischen Ansatzes versteigen, ohne den Gipfel der Weltwirtschaftsordnung zu erklimmen, oder die dem Wettbewerb der Rahmenordnungen allzu blindes Vertrauen schenken, ohne sich über dessen übergeordnete Funktionsbedingungen im klaren zu sein. Andererseits ermahnt die Arbeit von Wieland die Globalisierungsskeptiker, sich auch auf die ökonomischen Konsequenzen der Moral zu besinnen. Im internationalen Management mögen kleine Schritte der Verbesserung in vielen Fällen vernünftiger sein, als mit universalistischem Rigorismus gleichsam das Kind mit dem Bade auszuschütten; dies hat Wieland am Beispiel der Kinderarbeit eindrucksvoll veranschaulicht (S. 111 ff.). Daß Wieland sich gar nicht erst belehrenden Attitüden hingibt, sondern das Terrain mit Vorsicht, Umsicht und dem Bewußtsein der eigenen Grenzen und Unzulänglichkeiten beschreitet, macht seinen Text auch für solche Leser sympatisch, die nicht zum Freundeskreis der Ökonomik zählen. Die konzentrierte Darstellung des Buches verlangt allerdings die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesers; viele der Überlegungen haben sich mir erst bei der zweiten, dritten Lektüre erschlossen, was neben der Komplexität der Materie und den Herausforderungen Wielands auch meinen Unzulänglichkeiten geschuldet ist.
Ob die »Ethik der Governance«, wie von Wieland angedeutet (S. 129), auch auf die Wissenschaften selbst anzuwenden ist, sei dahingestellt. Jedenfalls wünsche ich mir, daß diese Publikation nicht bloß »ökonomisch prämiert« wird, sondern möglichst viele Leser ebenso wie ich einen geistigen Gewinn aus der Lektüre ziehen.
Dr. Andreas Georg Scherer
Betriebswirtschaftliches Institut
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