4/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Rezensionen
 
Waldkirch, Wagner u.a.
”Wirtschaftsethik - das rechnet sich nicht und was dahinter steckt”
Reihe Recht, Wirtschaft, Finanzen, Abt. Management
Deutscher Sparkassenverlag
Stuttgart 1999
ISBN 3-09-305 934-8

Manchen wird der Buchtitel wie betörender Sirenengesang in den Ohren klingen, beschreibt Wirtschaftsethik nach deren Meinung doch ein von vornherein nicht auflösbares Spannungsverhältnis von ökonomischer und ethischer Rationalität und ist getreu den Worten des Nestlé-Chefs Maucher ”ethisches Gesäusel”, ”moralinsaures Feldpredigertum” und für ein Unternehmen letztendlich pure Zeit- und Geldverschwendung. Doch wie schon in der griechischen Sage lockt der Sirenengesang auch hier in die Irre, denn in dem vom Deutschen Sparkassenverlag veröffentlichten Aufsatzband geht es gerade nicht um eine Abrechnung mit dem Thema Wirtschaftsethik (was der Titel auf den ersten Blick ja durchaus nahelegt), sondern im Gegenteil um eine fundierte Auseinandersetzung mit den Fragen, wie eine Wirtschaftsethik im Kern begründet werden kann, wo sie ihren systemtischen Platz findet, wie sie in der Praxis konkret gestaltet werden kann und welche Auswirkungen eine Wertediskussion auf die Unternehmenskultur bzw. auf die Mitarbeiterführung haben kann.
Zusätzlich wird dieser Themenkomplex in einigen Beiträgen im Zusammenhang mit dem für ethische Aspekte besonders sensiblen Bankenwesen - erinnert sei in diesem Zusammenhang kurz an den Werbeslogan einer deutschen Großbank: ”Vertrauen ist der Anfang von allem” - beziehungsweise der speziellen gesellschaftlichen Stellung und Verantwortung der Sparkassen diskutiert (Gemeinwohlorientierung in den Satzungen).
Bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen kommen in dem Aufsatzband Autoren der unterschiedlichsten Disziplinen aus Theorie und Praxis zu Wort. Diese interdisziplinäre Kooperation eröffnet ein breites Spektrum von Meinungen, Überzeugungen und manch grenzüberschreitenden Gedanken. So sehr die einzelnen Beiträge hinsichtlich ihrer Themenstellung und Grundannahmen differieren, herrscht unter den Autoren jedoch dahingehend grosse Übereinstimmung, dass es in einer modernen Wirtschaftsordnung einer Wirtschaftsethik dringend bedarf. Denn nur durch die unternehmerische Investition in Ethik entstehen Vertrauen und Glaubwürdigkeit als langfristig unabdingbar notwendige Voraussetzung für unternehmerisch erfolgreiches Handeln.
Als Beispiel sei hierfür der Beitrag des Eichstätter Ökonomen Andreas Wagner in Kürze dargestellt, in dem er die Notwendigkeit einer ethikorientierten Rahmenordnung begründet und Gestaltungsmöglichkeiten in Form eines Ethikmanagements speziell für den Bankensektor skizziert.
Andreas Wagner eröffnet seinen Beitrag mit der These, dass insbesondere Banken mit einem Akzeptanz- und Reputationsverlust in der Öffentlichkeit zu kämpfen haben und die moralische Kritik quasi zur Rahmenbedingung des Bankgeschäfts geworden ist. Da die Unterstellung eines unmoralischen Verhaltens für das Bankenwesen nicht befriedigend sein kann, erscheint es dringend geboten, Maßnahmen zur Vertrauens- und Reputationssteigerung zu ergreifen, was im übrigen in strategischer Hinsicht auch als Differenzierungsmerkmal im relativ homogenen Finanzgewerbe genutzt werden kann.
Die Basis für die Gestaltung eines Ethikmanagements ist nach Wagner nun nicht in einer individualethischen Perspektive, d.h. im moralischen Appell an ein Individuum zu finden, da dies im wettbewerbsintensiven Umfeld der Finanzmärkte und aufgrund der mangelhaften Zurechenbarkeit der Verantwortung zum Scheitern verurteilt ist. In der Praxis werden moralisch handelnde Akteure vom System Wirtschaft bestraft, da für dieses System moralische Kategorien nicht verständlich sind. Vielmehr sind moralische Anliegen systematisch als Verhaltensregeln in Gesetzen und Normen und somit in einer Rahmenordnung zur Geltung zu bringen. Diese systemkonformen Verhaltensregeln wirken nun zum einen restringierend auf das Handeln der wirtschaftlichen Akteure, zum anderen schaffen sie als Anreizstrukturen für moralisches Handeln stabile Verhaltenserwartungen. Die institutionalisierten Verhaltensregeln entfaltet aber nicht nur eine Wirkung nach außen im Sinne der Einhaltung der Gesetze und der Berücksichtigung legitimer Rechte externer Anspruchsgruppen, sondern sie schützen auch den Bankmitarbeiter im Unternehmen - in dem ja ebenfalls Wettbewerb um Aufstiegschancen, Reputation, Entlohnung etc. herrscht - gegen moralische Defektion anderer Mitarbeiter. Ohne diese Rahmenordnung würde der moralisch integre Mitarbeiter permanent in eine für ihn nachteilige Situation gebracht, was über kurz oder lang zu einer moralischen Erosion auf individueller Ebene und im gesamten Bankensektor führen wird.
Auf der Basis einer bankinternen Rahmenordnung stellt Wagner im folgenden einige weitere Bestandteile eines Ethikmanagements dar. Dazu zählen die ethikgerechte Modifikation der Vergütungs- und Beurteilungssysteme, die Niederschrift eines ethikorientiereten Verhaltens- und Wertekatalogs in Form eines Ethikkodex, die Bedeutung der moralischen Führung und die Einführung einer ethischen Aus- und Weiterbildung. Hinsichtlich der Erfolgschancen all dieser Maßnahmen weist Wagner immer wieder deutlich auf die Notwendigkeit hin, sie derart zu gestalten, dass sie für das ökonomische System verständlich sind, also einen Andockpunkt zur ökonomischen Rationalität besitzen. Ist dies nicht der Fall, wird es keinen ”return on ethics” geben, was über kurz oder lang zu einer Verdrängung eines Ethikmanagements aus dem Bankengewerbe bzw. des ganzen Wirtschaftssystem führt.
Ebenso hebt er aber deutlich heraus, dass ein ”return on ethics” nicht kurzfristig zu erwarten ist, sondern die Führungskräfte den Ertrag in Form von höherer Reputation, Vertrauenszuwächsen etc wie bei jeder anderen Investition erst in längerfristiger Perspektive erwarten dürfen, es also eines langen Atems bedarf.
Wagner ist zuzustimmen, dass es aufgrund der Akzeptanzdefizite und der herausgehobenen Position der Banken in unserem Wirtschaftssystem gerade in dieser Branche eines Ethikmanagements bedarf. Fraglich ist jedoch, ob Gestaltungsansätze, die ausschließlich über Anreizsysteme auf die extrinsische Motivation der wirtschaftlichen Akteure setzen nicht zu kurz greifen. Denn sie vernachlässigen – ja zerstören langfristig sogar – die intrinsische Motivation der Mitarbeiter zu ethisch reflektiertem Handeln, was für ein effizient funktionierendes Ethikmanagement aber von grosser Bedeutung ist.
Lesenswert ist der Aufsatzband aufgrund der allgemein hohen Qualität der Beiträge und der ausgewogenen Mischung zwischen Aufsätzen, die sich einerseits der Begründungsproblematik zuwenden und andererseits aufzeigen, dass Wirtschaftsethik sich entgegen landläufiger Meinung (”alles graue Theorie”) nicht nur im Begründungsdiskurs erschöpfen muss, sondern auch in der Praxis ”institutionalisierbar” ist. Vor allem aus diesem Grund ist das Buch für Praktiker - nicht nur aus dem Bankensektor - ein empfehlenswerter Einstieg in das Thema Wirtschaftsethik.

Michael Fürst
KIEM- Konstanz Institut für WerteManagement
Brauneggerstraße 55
D – 78462 Konstanz

Eberhard Schnebel
Management - Werte - Organisation
Ethische Aufgaben im Management der Industrie vor dem Hintergrund der christlichen Theologie

Opladen (Westdeutscher Verlag) 1997
ISBN 3-531-12981-3
168 Seiten, DM 38,-

Eine vorrangige Führungsaufgabe in modernen Unternehmen ist die Einbindung kultureller und persönlicher Werte in Organisationsabläufe. Um die Möglichkeiten dieser Integration zu klären, stellt die vorliegende Studie die Frage nach den Bedingungen und dem Ort der ethisch qualifizierten Lebensführung in rational strukturierten Organisationen. Dazu schließt sie sich dem Verständnis der Wirtschaftsethik bei Max Weber und der Tradition christlicher Berufsethik an.
Aus der Perspektive der Berufswirklichkeit und der alltäglichen Prozesse beschreibt die Studie, wie sich innerhalb einer Organisation im Wechselspiel von Freiräumen und deren Begrenzung durch Reglements die ethische Qualität von Entscheidungen ausdrückt. Dabei prägen die implizit vorhandenen moralischen Ziele, Werte und Gefühle innerhalb der Unternehmenskultur die ethische Orientierung und die Entscheidungsmotive.
Am Beispiel der MAN AG wird der Einfluss wirtschaftlicher, technischer und ethischer Überlegungen auf die Handlungsmotive der Mitarbeiter diskutiert. Das Ergebnis verdeutlicht, wie Organisationsstrukturen einzelne ethische Prämissen verstärken und wie sie mit anderen im Konflikt stehen.
Christliches Handeln fordert die persönliche Verantwortung, wenn der einzelne Organisationsstrukturen in der Art und Weise prägt, wie er seine persönlichen Werte einbringt. Der Kern christlicher Wertorientierung ist die Akzeptanz dieser persönlichen Verantwortung in den Gestaltungsaufgaben. Zu Werten und Zielen des Unternehmens können dabei auch systematisch andere Werte wie "Nächstenliebe" oder "Option für die Schwachen" in Beziehung gesetzt werden.
(Red.)

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