4/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Editorial
Ich habe da ein Problem: Was bitte ist „feministische Wirtschaftsethik“?

Jüngst sprach frau mich darauf an, daß unser Netzwerk zu wenig für die Frauen täte. Ich wies darauf hin, daß erst vor kurzem eine komplette Ausgabe von „Forum Wirtschaftsethik“ mit Business-Frauen illustriert worden sei. Doch darum ging es in diesem Fall nicht: Ein eigener Facharbeitskreis „Feministische Wirtschaftsethik“ sollte ins Leben gerufen werden, so der Wunsch.
Zur gleichen Zeit landete eine Referentenanfrage für eine „Frauentagung“ auf meinem Tisch: „Wirtschafts- und Unternehmensethik aus der Genderperspektive“. Ich war zu dem fraglichen Termin verhindert – zum Glück, denn allmählich dämmerte mir, was erwartet worden wäre: eine „Einführung in die Unternehmensethik aus feministischer Sicht“. Aber, was zum Teufel, ist das eigentlich?
Ich hakte also bei der Antragstellerin für den Arbeitskreis nach. Sie war verwundert: schließlich sei ich doch selbst eine Frau. Ob mir noch nie aufgefallen wäre, daß die existierenden wirtschafts- und unternehmensethischen Ansätze von einem „männlich dominierten Rationalitätsmodell und der dazugehörigen zweiwertigen Logik“ geprägt seien. Frauen gingen an diese Themen viel offener und emotionaler heran. Nun glaubte ich verstanden zu haben: „Sie meinen, Frauen bringen stärker ihre persönliche Betroffenheit ein, bleiben in ihrer Argumentation nicht so sachlich wie Männer?“
Der Blick meines Gegenübers verriet, daß ich es wohl nicht ganz getroffen hatte. Nein, es ginge um die Vermittlung einer spezifisch weiblichen Ethik für die wirtschaftsethische Debatte und deren Umsetzung in die Praxis - Stichwort: Wo bleibt die Frau im Unternehmen? Männer und Frauen seien nun einmal verschieden, dem müßte stärker Rechnung getragen werden, auch in der Netzwerkarbeit.
Der letzte Punkt leuchtete mir ein, der Rest weniger. Eigentlich hatte ich immer gedacht es ginge um die Frage, wo der Mensch im Unternehmen bleibt; um die Vermittlung allgemeinverbindlicher, weil allgemein konsensfähiger ethischer Orientierungen, für deren Begründung auf Argumente rekurriert wird, die qua Vernunft allen Menschen gleichermaßen zugänglich sind.
Nun lernte ich, daß es offensichtlich geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Bestimmung des unternehmensethisch Gebotenen gibt. Am Ende war das auch der Hintergrund dafür, in der Ernennung von weiblichen Frauenbeauftragten und der Einführung einer Frauenquote adäquate Maßnahmen zur Realisierung des Gleichbehandlungsprinzips in Organisationen zu sehen. Denn aus herkömmlicher – also „männlich dominierter“ – ethischer Sicht, bezugnehmend auf entsprechend geprägte Gerechtigkeitsvorstellungen, müßte es ja auch Männerbeauftragte geben. Feministisch betrachtet erfüllen aber wahrscheinlich de facto Ethikbeauftragte diese Funktion....

Wie auch immer, die ursprünglich an mich gerichtete Anfrage bezog sich auf die Einrichtung eines Frauenarbeitskreises. Wenigstens zu diesem Punkt konnte ich überzeugt Stellung beziehen: Sinn und Ziel des dnwe ist es, die Vertreter unterschiedlicher Perspektiven in einen Dialog zu bringen – zur wechselseitigen Verständigung, nicht zur Vertiefung wie auch immer gearteter Differenzen. Für ersteres scheinen mir aber gerade die vorhandenen „gemischten“ Arbeits- und Gesprächskreise eine gute Gelegenheit zu bieten. Oder sehe ich da was falsch, denke gar zu „männlich dominiert“ ....?

Annette Kleinfeld
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