|
||
| Forum Wirtschaftsethik Forum Wirtschaftsethik | ||
| Matthias König EthikManagement- und -AuditSystem: Kritische Bemerkungen zum Konzept von Wieland Die deutschsprachige Diskussion zur Unternehmensethik ist mittlerweile von theoretischen Begründungsfragen über praktische Implementierungsfragen hin zur Überprüfung der Implementierung von ethischem Management geschritten: der ethischen Auditierung. Auf der Jahrestagung 1999 des dnwe hat Prof. Dr. Josef Wieland, Konstanz, ein EthikManagementSystem und ein EthikAuditSystem vorgestellt, die in der bayrischen Baubranche umgesetzt wurden, sowie eine empirische Untersuchung über deren Wirksamkeit präsentiert. Damit hat Wieland die deutschsprachige Diskussion über die Umsetzung der Unternehmensethik einen Schritt weiter geführt. Allerdings sind einige kritische Fragen an sein Konzept zu stellen. So genügt es m.E. nicht einem umfassendem Begriff von Unternehmensethik und kann seine in der unternehmerischen Praxis intendierten ökonomischen Effekte nur bedingt erreichen. Die Anfragen betreffen sowohl das EthikManagementSystem (EMS) als auch das EthikAuditSystem (EAS). Im folgenden werde ich beide ethischen Systeme kurz beschreiben, kritische Anfragen an das Konzept richten und eine Alternative skizzieren. Moral- oder Ethikmanagement? Das EMS von Wieland hat zum Ziel, ethische Ansprüche in die Steuerung von Unternehmen einzubauen. Die Entwicklung und Implementierung von Ethikprogrammen in der unternehmerischen Praxis hat demnach zum Zweck, Moral im Durchgang von schwierigen Entscheidungen entstehen und sich festigen zu lassen. Das EMS umfaßt mehrere Elemente: Zunächst werden die Werte des Unternehmens kodifiziert. Diese sollten spezifisch sein und vom Unternehmen gewollt werden. Anschließend wird der Ethik-Code in das Alltagsgeschäft implementiert: durch Maßnahmen der Unternehmenskommunikation, Instrumente des Werte-Managements (Compliance, Werteprogramm/ Verhaltensstandards, Ethik Audit) und die organisatorische Verankerung des Ethik-Codes. Das EAS versteht sich als Prozeßbeobachtung und steht nicht in der Tradition des social accounting. Es umfaßt einen dokumentarischen Teil, der über Fragebogen erhoben wird, und qualitative Interviews. Ihr Ziel ist es, die Schwachpunkte des jeweiligen EMS aufzuzeigen, also Bereiche, in denen die Werte noch nicht implementiert wurden. Hier zeigt sich dann Handlungsbedarf für die Unternehmensführung. Das ausgefertigte Zertifikat bescheinigt dem auditierten Unternehmen, daß es sich mit dem Thema des Ethik Managements beschäftigt hat. Eine Aussage darüber hinaus, im Sinne einer ethischen Bewertung, wird nicht getroffen. Sie ist weder intendiert noch wird die Grundlage für eine ethische Bewertung erhoben. Das EMS und das EAS von Wieland können als Instrumente zur Implementation und Zertifizierung von Moral beschrieben werden - nicht aber von Ethik. Unter Ethik versteht man i.A. die Theorie der Moral, also das disziplinierte Nachdenken, die Reflektion der Moral. Die gelebten Vorstellungen vom Guten und Gesollten (Moral) werden hinterfragt und auf ihre Richtigkeit geprüft. Dies ist keine für die Philosophie reservierte Tätigkeit, sie kann und wird auch in der alltäglichen Praxis (und damit auch von Managern und Mitarbeitern) ausgeübt. Wieland hingegen nimmt die Moral eines Unternehmens als Datum, ohne sie zu hinterfragen und damit Ethik zu betreiben. Ich stimme mit Wieland darin überein, daß es heutzutage nicht Aufgabe der Wissenschaft Unternehmensethik und eines ethischen Audit sein kann, Unternehmen eine inhaltliche Moral vorzuschreiben. Wohl sollte es aber m.E. Aufgabe eines ethischen Managements sein, die Möglichkeit zur ethischen Reflektion zu eröffnen, anstatt nur die Implementation von Werten und/oder Normen anzuregen. D.h., die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen in einem Unternehmen die ethische Reflektion möglich wird. Dadurch können Unternehmen in spezifischen Situationen eine Antwort auf die Frage 'Was soll ich tun?' finden und werden so befähigt, ihre Werte bezogen auf neue Situationen problemspezifisch umsetzen zu können. Ein so verstandenes ethisches Management müßte zumindest vier Elemente umfassen: (1) die Fähigkeit eines Unternehmens (also erlaubender Strukturen, Kultur und Personen), Ethik zu betreiben, also Moral zu reflektieren. Diese Fähigkeit bezieht sich auf die innere Umwelt von Unternehmen (Mitarbeiter) als auch auf die äußere (übrige Stakeholder). Die Fähigkeit zur ethischen Reflektion setzt voraus, daß ein Unternehmen, vertreten durch seine Mitglieder, (2) moralisch sensibel genug ist, überhaupt moralische Konflikte wahrzunehmen und (3) fähig ist, mit moralischen Konflikten adäquat umzugehen. Adäquat heißt in diesem Zusammenhang, daß moralische Konflikte nicht durch Macht gelöst werden, sondern durch Kommunikation und bessere Argumente (den 'Medien' der Reflektion). Mit einem ethischen Management sind damit Werte und Tugenden wie Toleranz, kommunikative Freiheit, Wahrhaftigkeit, Einfühlungsvermögen oder gegenseitige Achtung verbunden. Da diese Werte bzw. Tugenden Voraussetzungen der moralischen Konfliktlösung sind, dürfen die Ergebnisse derselben ihnen (4) nicht widersprechen. Die vier Elemente erlauben ein ethisch reflektiertes Management bzw. Audit und gehen damit über ein bloßes Wertemanagement hinaus. Ordnungsethik heißt vor diesem Hintergrund nicht nur, die Ordnungsstruktur des wirtschaftlichen Handelns so zu gestalten, daß die Akteure auch moralisch handeln können, die es wollen, sondern auch die Rahmenbedingungen so zu gestalten, damit moralische Probleme wahrgenommen, die eigenen moralischen Werte bewußt, diese reflektiert werden sowie auf die konkrete Situation problemspezifisch angewandt werden können. Die Aufgabe eines ethischen Audit wäre es in diesem Zusammenhang zu überprüfen, inwieweit das ethische Reflektieren im Unternehmen möglich ist und praktiziert wird. Bezüglich des EAS stellt sich die Frage, wo für Wieland die ethische Grenze bei der Zertifizierung liegt: Ist jede Moral unabhängig von den sie bestimmenden Werten, Tugenden, Normen es 'wert', zertifiziert zu werden oder würde Wieland nicht auch Unternehmen mit bestimmten Moralen das Gütesiegel wegen ethischer Bedenken verweigern wollen? Beispiele liessen sich da genügend finden. Wieland scheint auf die 'reinigende' Eigendynamik eines EMS zu hoffen, da ein Unternehmen sich an die moralischen Ansprüche bindet, wenn es sie kommuniziert. Warum diese Eigendynamik aber nicht unterstützen?. Ökonomische Effekte Bei der Unterscheidung von Moral und Ethik geht es um mehr als eine akademische Debatte, da Wieland mit dem EMS und dem EAS ökonomische Vorteile für Unternehmen verbindet. Seine Moralsysteme können diesen Anspruch aufgrund der fehlenden ethischen Reflektion aber nur bedingt einlösen. Zunächst wird dem Unternehmen durch das EMS nach Wieland eine Identität gegeben. Aus ihr resultiere ein Signalisieren der moralischen Präferenzen an die potentiellen Partner und ein Instrument für das Screening von potentiellen Partnern. Bei wirtschaftlichen Transaktionen zahle sich ein moralischer Status durch geringere Transaktionskosten in barer Münze aus. Unternehmen werde es durch ein EMS ermöglicht, einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Last but not least werde durch ein EMS die moralische Integrität der wirtschaftlichen Akteure (z.B. gegen die Anfälligkeit vor Korruption) gestützt. Diese positiven ökonomischen Effekte können weder das EMS noch das EAS in einer ausreichenden Weise bewirken. Das EAS bescheinigt einem Unternehmen, daß es sich mit einem EMS beschäftigt - mehr nicht. Das EMS ist darauf angelegt, eine im Unternehmen vorhandene Moral transparent zu machen und sie in das Tagesgeschäft zu integrieren - aber welche Moral? Nicht jede gelebte Moral ist aber dazu geeignet, Vertrauen zu bilden oder Korruption zu verhindern. Die von Wieland unterstellten ökonomischen Effekte treten nur bei einer bestimmten Moral auf. Ein wohlverstandenes ethisches Management ist eher in der Lage, die von Wieland intendierten Effekte auszulösen. Vertrauen als Grundlage für die Senkung von Transaktionskosten kann z.B. nur entstehen, wenn ein Unternehmen moralisch sensibel ist und adäquat mit moralischen Konflikten umgeht. Die identitätsbildende Wirkung von Unternehmenswerten dürfte auch größer sein, wenn sie im Unternehmen aktiv reflektiert werden. Gleiches gilt für die moralische Integrität. Darüber hinaus sind mit einem wohlverstandenen ethischen Management weitere positive ökonomische Effekte verbunden: Eine moralische Sensibilität und die Fähigkeit zur ethischen Reflektion ist für Unternehmen wichtig, da an sie vermehrt von innen und außen moralische Ansprüche gestellt werden, auf die adäquat geantwortet werden muß, um den moralischen Ansprüchen 'gerecht' werden zu können und die Legitimation des Unternehmens zu erhalten. Die bloße Kodifizierng und Implementation von vorhandenen Werten kann dies nur bedingt leisten. Steinmann/ et al. weisen auf die Parallelen einer ethischen Orientierung des Unternehmens mit der strategischen Wachsamkeit und modernen Managementansätzen hin. Auch ihnen ist Reflexivität eigen (z.B. strategisches Controlling) - warum diese gerade beim Thema Unternehmensethik aussparen? Umsetzung eines ethischen Managements / Audits Wie sieht es mit der Umsetzung / Ausgestaltung eines ethischen Managements und eines ethischen Audits aus? Die Unternehmensethik kann dabei Anregungen aus verschiedenen Disziplinen aufgreifen. Die kognitive Moralpsychologie z.B. weist eine umfangreiche empirische Forschung zum moralischen Lernen im Sinne von Kohlberg auf. Sie fragt danach, welche Situationsbedingungen das moralische Lernen fördern. Es lassen sich direkte von indirekten Bedingungen unterscheiden: Zu den direkten Situationsbedingungen gehören ein Pluralismus an Meinungen, die Aufklärung über die Folgen einer Handlung / Norm sowie eine Konfliktlösung in einem strukturierten gerechten und demokratischen Prozeß. Die eher indirekt wirkenden Faktoren sind ein gegenseitiges Vertrauen und gemeinsame Grundwerte, eine affektive Anteilnahme und ein gerechtes Klima bei aktiver Teilnahme an der Konfliktlösung. Diese empirischen Situationsbedingungen befördern nicht nur das moralische Lernen, sondern schildern auch eine Situation, die das ethische Reflektieren und eine adäquate Konfliktlösung ermöglichen. Sie weisen darüber hinaus Parallelen zur kommunikativen / diskursiven Ethik auf, wenn man diese als eine regulative Idee der moralischen Konfliktlösung versteht. Die oben angesprochenen kommunikativen Werte / Tugenden können in einer spezifizierten Form für ein ethisches Audit als Negativkriterium herangezogen werden. Weitere Bezugspunkte der Umsetzung eines ethischen Managements wären z.B. empirische Untersuchungen von Waterson über organisatorische Barrieren, die eine ethische Reflektion verhindern oder Steinmann/ Gerhard , die organisatorische Bedingungen bezogen auf die ethische Sensibilisierung herausgearbeitet haben. Auf der individuellen Ebene könnten sie z.B. durch ein moralisches Dilemmatraining nach van Luijk ergänzt werden. Damit liegen erste Anhaltspunkte vor, um ein ethisches Management / Audit konkret umzusetzen. Dies könnte durchaus managementtechnisch auf den Überlegungen von Wieland aufbauen, müßte seinem Konzept aber reflexive Stützpfeiler einziehen. |
||
|
© Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Impressum