4/1998
Forum Wirtschaftsethik

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Praxis
 
Johannes Merck
Sozialverantwortung im Handel
Der SA 8000 als Element der Strategie des Otto Versand


Einleitung

Die Diskussion um die Durchsetzung sozialer Mindeststandards im weltweiten Handel hat in jüngster Zeit an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen - und dies nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in breiten Bevölkerungsschichten.

Ursache für diese bemerkenswerte Themenkarriere ist ein Phänomen: die Globalisierung. Als Schlagwort in aller Munde ist dieser Begriff dennoch nebulös geblieben. Bei genauerer Betrachtung kann man sogar feststellen, daß das Grundmuster der Globalisierung gar nicht neu ist. Denn bereits seit vielen Jahren nutzt die Wirtschaft die Möglichkeiten einer weltweit arbeitsteiligen Produktion und damit die Vorteile kostengünstiger Produktionsstandorte. Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür ist die Textilindustrie. Als sogenannte Pionierindustrie mit geringem Investitionskapital und niedrigem Ausbildungsniveau ihrer Beschäftigen siedelt sie sich vor allem dort an, wo Arbeit preiswert zur Verfügung steht. Der Nutzen hiervon kommt insbesondere dem heimischen Verbraucher zugute. Umwelt- und Sozialstandards können dabei aber auf der Strecke bleiben.

Diese ökologischen und sozialen Folgen des internationalen Austausches von Waren und Dienstleistungen werden nun mehr und mehr zu einem Gegenstand des Alltagsbewußtsein des Konsumenten. (Der garantierte Ausschluß von Kinderarbeit beispielsweise wird zu einem wichtigen, die Kaufentscheidung positiv beeinflussendem Kriterium.) Dies ist ein Indiz dafür, daß sich der rein zweckrationale Konsument immer mehr zu einem kritischen Verbraucher wandelt, der nicht nur den eigenen ökonomischen Vorteil sucht, sondern mit seiner Kaufentscheidung ein Gefühl von Verantwortung für die sozialen und ökologischen Bedingungen des Produktionsprozesses verbindet. Mit diesen moralischen Ansprüchen tritt er nun nachdrücklich an die Unternehmen heran, deren Mitverantwortung für ihn auf der Hand liegt - den Unternehmen des direktimportierenden Einzelhandels.

Der Otto Versand bekennt sich zu dieser Mitverantwortung. Aus diesem Grund wurde die Umweltverantwortung bereits Mitte der 80er Jahre zum ausdrücklichen Unternehmensziel erklärt und zahlreiche Maßnahmen zur Produktoptimierung sowie zur Optimierung der logistischen Systeme umgesetzt. Im folgenden soll die Konzeption des Otto Versand zur Durchsetzung sozialer Mindeststandards vorgestellt werden.

Die Strategie des Otto Versand zur Sicherstellung sozialer Mindeststandards

Allein die Hamburger Muttergesellschaft des Otto Versand erwirtschaftet einen Umsatz von rund 6 Mrd. DM. Für die Produktion der vom Otto Versand vertriebenen Konsumgüter existieren Beziehungen zu ca. 1.500 bis 2.000 Lieferanten auf allen fernostasiatischen sowie ost- und südeuropäischen Märkten. Hinter jedem Lieferanten stehen im Durchschnitt 2 bis 3 Sublieferanten. Als Unterauftragnehmer werden diese durch den Lieferanten selbst in die Auftragsfertigung eingebunden. Die Zahl der Produktionsstätten, die mittel- wie unmittelbar für den Otto Versand tätig sind, erhöht sich somit auf bis zu 6.000 Betriebe. Hinzu tritt die Komplexität der textilen Wertschöpfungskette mit ihren diversen Vorstufen und Teilfertigungen.

Diese Rahmenbedingungen und komplexen Zusammenhänge müssen in Rechnung gestellt werden, um zu verstehen, warum kein weltweit agierendes Handelshaus zum jetzigen Zeitpunkt glaubhaft garantieren kann, daß auf allen Stufen der Produktion und Fertigung soziale Mindeststandards eingehalten werden.

Angesichts dieser Ausgangslage galten die Bemühungen des Otto Versand zur Durchsetzung sozialer Mindeststandards ganz konkreten Maßnahmen, die gemeinsam mit den Lieferanten entwickelt und erarbeitet wurden. Dabei ist die Basis jeder Geschäftsbeziehung mit dem Otto Versand, daß weder menschenverachtende noch ausbeuterische Praktiken toleriert werden. Hierfür wurde ein "Code of Conduct" entwickelt, der die Einkaufsbedingungen ergänzt und von jedem Lieferanten unterschrieben werden muß. Im Rahmen dieser Selbstverpflichtung wird der Lieferant aufgefordert, das nationale Arbeitsrecht einzuhalten und die verfassungsmäßigen Rechte auf Organisationsfreiheit einzuräumen. Er wird verpflichtet, alle geleisteten Arbeitsstunden wenigstens mit dem gesetzlichen Mindestlohn zu vergüten und Mehrarbeit entsprechend besser zu bezahlen, sich keiner Form der Diskriminierung schuldig zu machen und auf Kinder- und Zwangsarbeit zu verzichten. Die Forderung nach sicheren und nicht gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen ergänzt dieses Dokument.

Da eine solche Verpflichtung aber nur so gut sein kann, wie ihre Kontrolle auf Einhaltung, hat der Otto Versand ein eigenes, stichprobenartiges Kontrollsystem entwickelt, an dessen kontinuierlicher Verbesserung gearbeitet wird. Doch auch das beste interne Monitoringsystem wird angesichts häufig wechselnder Lieferanten, Vergabe von Unteraufträgen und indirekter Erweiterung des Lieferantenstammes durch Subunternehmer nicht nur lückenhaft bleiben, sondern darüber hinaus immer auch schnell an die Grenzen seiner Glaubwürdigkeit stoßen.

Die Kontrolle ist das Zentralproblem in der Debatte um "Code of Conducts"

Eine weit verbreitete Einschätzung der kritischen Stakeholder lautet, daß rechtsunverbindliche Kodizes ohne öffentliche Kontrolle mehr oder weniger wirkungslos bleiben. Und obwohl darüber, wie die öffentliche Kontrolle ausgestaltet sein soll, viele unterschiedliche Vorstellungen existieren, ist man sich in der Forderung nach einer angemessenen Beteiligung an derartigen Systemen einig. Wie aber die Beteiligung aussehen könnte, läßt sich mal mehr und mal weniger mit der unternehmerischen Praxis in Einklang bringen. So wird beispielsweise im Konzept der "Clean Clothes Campaign", die die gegenwärtige Diskussion in Europa wesentlich prägt, eine sehr weitgehende Forderung nach Partizipation skizziert. Vorgeschlagen wird eine gemeinsame Stiftung von Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften, die von den Unternehmen finanziert wird. Dieser Stiftung sind alle Lieferantendaten und -listen auszuhändigen. Auf Basis dieser Daten sollen alle Produktionsbetriebe von unabhängigen Instituten kontrolliert werden. Klassische Wirtschaftsprüfungsunternehmen werden hierbei nicht eingebunden, da ihnen weder die Qualifikation noch die notwendige Unabhängigkeit zugetraut wird. Ohne daß es dafür bislang praktische Vorschläge gäbe, besteht selbstverständlich das Postulat, daß alle Zulieferer und Sublieferanten in diese Kontrolle einbezogen werden.

Die Zertifizierungsinitiative SA 8000

Ein anderes, deutlich praxisrelevanteres Modell ist die Zertifizierungsinitiative Social Accountability - kurz SA 8000, die von einer großen US-amerikanischen Verbraucherorganisation - dem Council on Economic Priorities - in Kooperation mit anderen NGOs, Vertretern der Wirtschaft und Zertifizierungsunternehmen entwickelt wurde.

Ziel der Initiative ist es, ein weltweit gültiges Zertifizierungs- und Kontrollsystem auf der Ebene der betroffenen Produktionsstätten zu etablieren. Analog der bekannten Zertifizierungsprozesse für Qualität und Umweltmanagement - den ISO-Normen 9000 und 14000 - sollen Produktionsbetriebe so die Möglichkeit erhalten, sich die Einhaltung sozialer Mindeststandards bestätigen zu lassen. Die Einhaltung wird extern von Zertifizierungs- und entsprechend qualifizierten Wirtschaftsprüfungsunternehmen nach klaren, allgemein bekannten und nachvollziehbaren Regeln und Gesetzen kontrolliert.

Als einziges deutsches Handelsunternehmen wurde der Otto Versand von dem "Council on Economic Priorities" bereits 1996 aufgefordert, sein Know-how in den Entwicklungsprozeß einzubringen.

Die Elemente des SA 8000

Das Basisdokument des SA 8000 ist der Standard. Er definiert die Anspruchsgrundlage für den Zertifizierungsprozeß und legt die geforderten sozialen Mindeststandards fest. Die hier getroffenen Regelungen umfassen das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, enthalten detaillierte Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, verbieten Diskriminierung sowie alle Formen der Gewaltanwendung, regeln die zulässigen Arbeitszeiten sowie die Entlohnung und räumen das verfassungsmäßige Recht auf Organisationsfreiheit und Kollektivverhandlungen ein.

Darüber hinaus sieht der Standard die Einrichtung eines Managementsystems vor. Hierin werden Dokumentationspflichten geregelt, die einschlägigen Verfahren bei Verstößen beschrieben, die Zuständigkeiten festgelegt und Verantwortliche benannt. Die Anforderungen an das Managementsystem entsprechen denen der ISO 9000 und 14000 und basieren somit auf dem Prinzip des "Plan-Do-Check-Act".

In der ersten Phase bereitet sich das betroffene Unternehmen auf die Implementierung des SA 8000 vor. Das Unternehmen benennt einen verantwortlichen Mitarbeiter, der in enger Kooperation mit Beratern - dies können und sollen z. B. lokale NGOs sein - eine erste Bestandsaufnahme durchführt und die notwendigen Systemelemente in die Organisation einführt. In der zweiten Phase beginnt das System zu arbeiten. Dabei wird festgestellt, ob die implementierten Systemelemente geeignet sind, die im Standard festgelegten Bedingungen her- bzw. sicherzustellen. In der dritten Phase folgt das erste Auditverfahren durch unabhängige Prüfer. Diese untersuchen die Arbeitsbedingungen in dem Betrieb und gleichen sie mit den Anforderungen des Standards ab, erproben das Managementsystem auf seine Funktionstüchtigkeit und erteilen nach bestandener Prüfung das Zertifikat. In der vierten Phase folgen regelmäßige Überwachungsaudits durch unabhängige Prüfer. Wird dabei festgestellt, daß ein Unternehmen die Kriterien des Standards mißachtet, erhält es die Chance auf Nachbesserung. Gelingt dies nicht, wird ihm das erworbene Zertifikat entzogen.

Insbesondere für die Kritiker des SA 8000, die durchaus mit Recht darauf verweisen, daß die Sicherstellung sozialer Mindeststandards nicht gleichzusetzen ist mit der Implementierung von Qualitäts- und Umweltstandards, sei an dieser Stelle auf das Guidance Document verwiesen. Dies ist ein begleitendes Handbuch, in dem ganz konkrete Hinweise über die Auslegung der Kriterien des Standards in das jeweilige nationale Arbeitsrecht und gibt Hilfestellungen für den Zertifizierungsprozeß in extrem sensiblen Bereichen. Auch dieses Dokument ist in enger Abstimmung mit zahlreichen NGOs entstanden und lebt von seiner ständigen Aktualisierung. Damit verfügt der Auditor über ein Hilfsmittel, um die angetroffenen Verhältnisse an einem Produktionsstandort kompetent in die herrschenden politischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen in einem bestimmten Land einzuordnen.

Abschließend lassen sich die Vorteile des SA 8000 und seine Überlegenheit gegenüber anderen Systemen wie folgt zusammenfassen:

· Die Zertifizierungsinitiative SA 8000 stützt sich auf einen breit angelegten und allgemein anerkannten Standard.
  • Die Einhaltung des Standards wird nach bekannten Regeln und Normen kontrolliert und ist damit in hohem Maße nachvollziehbar.
  • Die Implementierung bewährter Managementsystematiken fördert die Entwicklung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses und damit langfristig die Durchsetzung sozialer Mindeststandards weltweit.
  • Durch das Zertifikat weist das Unternehmen adäquate Arbeitsbedingungen nach und kann sich damit einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten.
  • Der gesamte Prozeß verfügt über ein Höchstmaß an Transparenz und damit Glaubwürdigkeit.

Fazit und Ausblick

Die öffentliche Debatte über die Zertifizierungsinitiative SA 8000 beginnt erst jetzt. Der Otto Versand wird diese Diskussion um Vor- und Nachteile des Systems aktiv unterstützen, denn nur ein international anerkanntes und einheitliches System kann langfristig die Durchsetzung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen weltweit garantieren. Der Otto Versand wird daher nicht nur für das System werben, sondern auch erste Probeanwendungen des SA 8000 in Kooperation mit seinen Lieferanten durchführen.

Doch die Durchsetzung sozialer Mindeststandards in der internationalen Arbeitswelt wird nicht nur von den richtigen Konzepten abhängen, sondern auch von sachorientierten, vorurteilsfreien Dialogen zwischen allen tangierten Interessensgruppen. Der Otto Versand sucht daher die Zusammenarbeit mit innovativen und aufgeschlossenen Projektpartnern, wie z. B. dem Council on Economic Priorities, dem Fairhandelshaus gepa oder den kirchlichen Hilfswerken, mit denen sehr konstruktive Kooperationen begonnen und unterschiedliche Projekte entwickelt wurden. Solche Partnerschaften dienen dazu, voneinander zu lernen und im Dialog Möglichkeiten zu entwickeln, um schrittweise einen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen weltweit zu leisten. Derartige Kooperationen werden daher auch zukünftig die Strategie des Otto Versand zur Durchsetzung sozialer Mindeststandards ergänzen.


Dr. Johannes Merck,
Otto Versand Direktor Umwelt- und Gesellschaftspolitik
Otto Versand GmbH & Co
Wandsbeker Str. 3-7
22172 Hamburg
Tel: 040/6461-1372