Johannes Merck
Sozialverantwortung im Handel
Der SA 8000 als Element der Strategie des Otto Versand
Einleitung
Die Diskussion um die Durchsetzung sozialer Mindeststandards im weltweiten
Handel hat in jüngster Zeit an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen - und
dies nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in breiten
Bevölkerungsschichten.
Ursache für diese bemerkenswerte Themenkarriere ist ein Phänomen: die
Globalisierung. Als Schlagwort in aller Munde ist dieser Begriff dennoch
nebulös geblieben. Bei genauerer Betrachtung kann man sogar feststellen,
daß das Grundmuster der Globalisierung gar nicht neu ist. Denn bereits
seit vielen Jahren nutzt die Wirtschaft die Möglichkeiten einer weltweit
arbeitsteiligen Produktion und damit die Vorteile kostengünstiger
Produktionsstandorte. Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür
ist die Textilindustrie. Als sogenannte Pionierindustrie mit geringem
Investitionskapital und niedrigem Ausbildungsniveau ihrer Beschäftigen
siedelt sie sich vor allem dort an, wo Arbeit preiswert zur Verfügung
steht. Der Nutzen hiervon kommt insbesondere dem heimischen Verbraucher zugute.
Umwelt- und Sozialstandards können dabei aber auf der Strecke bleiben.
Diese ökologischen und sozialen Folgen des internationalen Austausches von
Waren und Dienstleistungen werden nun mehr und mehr zu einem Gegenstand des
Alltagsbewußtsein des Konsumenten. (Der garantierte Ausschluß von
Kinderarbeit beispielsweise wird zu einem wichtigen, die Kaufentscheidung
positiv beeinflussendem Kriterium.) Dies ist ein Indiz dafür, daß
sich der rein zweckrationale Konsument immer mehr zu einem kritischen
Verbraucher wandelt, der nicht nur den eigenen ökonomischen Vorteil sucht,
sondern mit seiner Kaufentscheidung ein Gefühl von Verantwortung für
die sozialen und ökologischen Bedingungen des Produktionsprozesses
verbindet. Mit diesen moralischen Ansprüchen tritt er nun
nachdrücklich an die Unternehmen heran, deren Mitverantwortung für
ihn auf der Hand liegt - den Unternehmen des direktimportierenden
Einzelhandels.
Der Otto Versand bekennt sich zu dieser Mitverantwortung. Aus diesem Grund
wurde die Umweltverantwortung bereits Mitte der 80er Jahre zum
ausdrücklichen Unternehmensziel erklärt und zahlreiche
Maßnahmen zur Produktoptimierung sowie zur Optimierung der logistischen
Systeme umgesetzt. Im folgenden soll die Konzeption des Otto Versand zur
Durchsetzung sozialer Mindeststandards vorgestellt werden.
Die Strategie des Otto Versand zur Sicherstellung sozialer
Mindeststandards
Allein die Hamburger Muttergesellschaft des Otto Versand erwirtschaftet einen
Umsatz von rund 6 Mrd. DM. Für die Produktion der vom Otto Versand
vertriebenen Konsumgüter existieren Beziehungen zu ca. 1.500 bis 2.000
Lieferanten auf allen fernostasiatischen sowie ost- und
südeuropäischen Märkten. Hinter jedem Lieferanten stehen im
Durchschnitt 2 bis 3 Sublieferanten. Als Unterauftragnehmer werden diese durch
den Lieferanten selbst in die Auftragsfertigung eingebunden. Die Zahl der
Produktionsstätten, die mittel- wie unmittelbar für den Otto Versand
tätig sind, erhöht sich somit auf bis zu 6.000 Betriebe. Hinzu tritt
die Komplexität der textilen Wertschöpfungskette mit ihren diversen
Vorstufen und Teilfertigungen.
Diese Rahmenbedingungen und komplexen Zusammenhänge müssen in
Rechnung gestellt werden, um zu verstehen, warum kein weltweit agierendes
Handelshaus zum jetzigen Zeitpunkt glaubhaft garantieren kann, daß auf
allen Stufen der Produktion und Fertigung soziale Mindeststandards eingehalten
werden.
Angesichts dieser Ausgangslage galten die Bemühungen des Otto Versand zur
Durchsetzung sozialer Mindeststandards ganz konkreten Maßnahmen, die
gemeinsam mit den Lieferanten entwickelt und erarbeitet wurden. Dabei ist die
Basis jeder Geschäftsbeziehung mit dem Otto Versand, daß weder
menschenverachtende noch ausbeuterische Praktiken toleriert werden.
Hierfür wurde ein "Code of Conduct" entwickelt, der die
Einkaufsbedingungen ergänzt und von jedem Lieferanten unterschrieben
werden muß. Im Rahmen dieser Selbstverpflichtung wird der Lieferant
aufgefordert, das nationale Arbeitsrecht einzuhalten und die
verfassungsmäßigen Rechte auf Organisationsfreiheit
einzuräumen. Er wird verpflichtet, alle geleisteten Arbeitsstunden
wenigstens mit dem gesetzlichen Mindestlohn zu vergüten und Mehrarbeit
entsprechend besser zu bezahlen, sich keiner Form der Diskriminierung schuldig
zu machen und auf Kinder- und Zwangsarbeit zu verzichten. Die Forderung nach
sicheren und nicht gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen ergänzt
dieses Dokument.
Da eine solche Verpflichtung aber nur so gut sein kann, wie ihre Kontrolle auf
Einhaltung, hat der Otto Versand ein eigenes, stichprobenartiges Kontrollsystem
entwickelt, an dessen kontinuierlicher Verbesserung gearbeitet wird. Doch auch
das beste interne Monitoringsystem wird angesichts häufig wechselnder
Lieferanten, Vergabe von Unteraufträgen und indirekter Erweiterung des
Lieferantenstammes durch Subunternehmer nicht nur lückenhaft bleiben,
sondern darüber hinaus immer auch schnell an die Grenzen seiner
Glaubwürdigkeit stoßen.
Die Kontrolle ist das Zentralproblem in der Debatte um "Code of
Conducts"
Eine weit verbreitete Einschätzung der kritischen Stakeholder lautet,
daß rechtsunverbindliche Kodizes ohne öffentliche Kontrolle mehr
oder weniger wirkungslos bleiben. Und obwohl darüber, wie die
öffentliche Kontrolle ausgestaltet sein soll, viele unterschiedliche
Vorstellungen existieren, ist man sich in der Forderung nach einer angemessenen
Beteiligung an derartigen Systemen einig. Wie aber die Beteiligung aussehen
könnte, läßt sich mal mehr und mal weniger mit der
unternehmerischen Praxis in Einklang bringen. So wird beispielsweise im Konzept
der "Clean Clothes Campaign", die die gegenwärtige Diskussion in
Europa wesentlich prägt, eine sehr weitgehende Forderung nach
Partizipation skizziert. Vorgeschlagen wird eine gemeinsame Stiftung von
Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften, die von den Unternehmen finanziert wird.
Dieser Stiftung sind alle Lieferantendaten und -listen auszuhändigen. Auf
Basis dieser Daten sollen alle Produktionsbetriebe von unabhängigen
Instituten kontrolliert werden. Klassische Wirtschaftsprüfungsunternehmen
werden hierbei nicht eingebunden, da ihnen weder die Qualifikation noch die
notwendige Unabhängigkeit zugetraut wird. Ohne daß es dafür
bislang praktische Vorschläge gäbe, besteht selbstverständlich
das Postulat, daß alle Zulieferer und Sublieferanten in diese Kontrolle
einbezogen werden.
Die Zertifizierungsinitiative SA 8000
Ein anderes, deutlich praxisrelevanteres Modell ist die
Zertifizierungsinitiative Social Accountability - kurz SA 8000, die von einer
großen US-amerikanischen Verbraucherorganisation - dem Council on
Economic Priorities - in Kooperation mit anderen NGOs, Vertretern der
Wirtschaft und Zertifizierungsunternehmen entwickelt wurde.
Ziel der Initiative ist es, ein weltweit gültiges Zertifizierungs- und
Kontrollsystem auf der Ebene der betroffenen Produktionsstätten zu
etablieren. Analog der bekannten Zertifizierungsprozesse für Qualität
und Umweltmanagement - den ISO-Normen 9000 und 14000 - sollen
Produktionsbetriebe so die Möglichkeit erhalten, sich die Einhaltung
sozialer Mindeststandards bestätigen zu lassen. Die Einhaltung wird extern
von Zertifizierungs- und entsprechend qualifizierten
Wirtschaftsprüfungsunternehmen nach klaren, allgemein bekannten und
nachvollziehbaren Regeln und Gesetzen kontrolliert.
Als einziges deutsches Handelsunternehmen wurde der Otto Versand von dem
"Council on Economic Priorities" bereits 1996 aufgefordert, sein
Know-how in den Entwicklungsprozeß einzubringen.
Die Elemente des SA 8000
Das Basisdokument des SA 8000 ist der Standard. Er definiert die
Anspruchsgrundlage für den Zertifizierungsprozeß und legt die
geforderten sozialen Mindeststandards fest. Die hier getroffenen Regelungen
umfassen das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, enthalten detaillierte
Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, verbieten Diskriminierung sowie alle
Formen der Gewaltanwendung, regeln die zulässigen Arbeitszeiten sowie die
Entlohnung und räumen das verfassungsmäßige Recht auf
Organisationsfreiheit und Kollektivverhandlungen ein.
Darüber hinaus sieht der Standard die Einrichtung eines Managementsystems
vor. Hierin werden Dokumentationspflichten geregelt, die einschlägigen
Verfahren bei Verstößen beschrieben, die Zuständigkeiten
festgelegt und Verantwortliche benannt. Die Anforderungen an das
Managementsystem entsprechen denen der ISO 9000 und 14000 und basieren somit
auf dem Prinzip des "Plan-Do-Check-Act".
In der ersten Phase bereitet sich das betroffene Unternehmen auf die
Implementierung des SA 8000 vor. Das Unternehmen benennt einen verantwortlichen
Mitarbeiter, der in enger Kooperation mit Beratern - dies können und
sollen z. B. lokale NGOs sein - eine erste Bestandsaufnahme durchführt und
die notwendigen Systemelemente in die Organisation einführt. In der
zweiten Phase beginnt das System zu arbeiten. Dabei wird festgestellt, ob die
implementierten Systemelemente geeignet sind, die im Standard festgelegten
Bedingungen her- bzw. sicherzustellen. In der dritten Phase folgt das erste
Auditverfahren durch unabhängige Prüfer. Diese untersuchen die
Arbeitsbedingungen in dem Betrieb und gleichen sie mit den Anforderungen des
Standards ab, erproben das Managementsystem auf seine Funktionstüchtigkeit
und erteilen nach bestandener Prüfung das Zertifikat. In der vierten Phase
folgen regelmäßige Überwachungsaudits durch unabhängige
Prüfer. Wird dabei festgestellt, daß ein Unternehmen die Kriterien
des Standards mißachtet, erhält es die Chance auf Nachbesserung.
Gelingt dies nicht, wird ihm das erworbene Zertifikat entzogen.
Insbesondere für die Kritiker des SA 8000, die durchaus mit Recht darauf
verweisen, daß die Sicherstellung sozialer Mindeststandards nicht
gleichzusetzen ist mit der Implementierung von Qualitäts- und
Umweltstandards, sei an dieser Stelle auf das Guidance Document verwiesen. Dies
ist ein begleitendes Handbuch, in dem ganz konkrete Hinweise über die
Auslegung der Kriterien des Standards in das jeweilige nationale Arbeitsrecht
und gibt Hilfestellungen für den Zertifizierungsprozeß in extrem
sensiblen Bereichen. Auch dieses Dokument ist in enger Abstimmung mit
zahlreichen NGOs entstanden und lebt von seiner ständigen Aktualisierung.
Damit verfügt der Auditor über ein Hilfsmittel, um die angetroffenen
Verhältnisse an einem Produktionsstandort kompetent in die herrschenden
politischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen in einem bestimmten
Land einzuordnen.
Abschließend lassen sich die Vorteile des SA 8000 und seine
Überlegenheit gegenüber anderen Systemen wie folgt zusammenfassen:
· Die Zertifizierungsinitiative SA 8000 stützt sich auf einen breit
angelegten und allgemein anerkannten Standard.
- Die Einhaltung des Standards
wird nach bekannten Regeln und Normen kontrolliert und ist damit in hohem
Maße nachvollziehbar.
- Die Implementierung
bewährter Managementsystematiken fördert die Entwicklung eines
kontinuierlichen Verbesserungsprozesses und damit langfristig die Durchsetzung
sozialer Mindeststandards weltweit.
- Durch das Zertifikat weist das
Unternehmen adäquate Arbeitsbedingungen nach und kann sich damit einen
Wettbewerbsvorteil erarbeiten.
- Der gesamte Prozeß
verfügt über ein Höchstmaß an Transparenz und damit
Glaubwürdigkeit.
Fazit und Ausblick
Die öffentliche Debatte über die Zertifizierungsinitiative SA 8000
beginnt erst jetzt. Der Otto Versand wird diese Diskussion um Vor- und
Nachteile des Systems aktiv unterstützen, denn nur ein international
anerkanntes und einheitliches System kann langfristig die Durchsetzung und
Verbesserung der Arbeitsbedingungen weltweit garantieren. Der Otto Versand wird
daher nicht nur für das System werben, sondern auch erste Probeanwendungen
des SA 8000 in Kooperation mit seinen Lieferanten durchführen.
Doch die Durchsetzung sozialer Mindeststandards in der internationalen
Arbeitswelt wird nicht nur von den richtigen Konzepten abhängen, sondern
auch von sachorientierten, vorurteilsfreien Dialogen zwischen allen tangierten
Interessensgruppen. Der Otto Versand sucht daher die Zusammenarbeit mit
innovativen und aufgeschlossenen Projektpartnern, wie z. B. dem Council on
Economic Priorities, dem Fairhandelshaus gepa oder den kirchlichen Hilfswerken,
mit denen sehr konstruktive Kooperationen begonnen und unterschiedliche
Projekte entwickelt wurden. Solche Partnerschaften dienen dazu, voneinander zu
lernen und im Dialog Möglichkeiten zu entwickeln, um schrittweise einen
Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen weltweit zu leisten. Derartige
Kooperationen werden daher auch zukünftig die Strategie des Otto Versand
zur Durchsetzung sozialer Mindeststandards ergänzen.
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