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| Horst Steinmann Methodischer Kulturalismus und Unternehmensethik Kurzbericht einer Tagung am 25. und 26. März 1999 in Nürnberg Das DNWE hatte in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Unternehmensführung der Universität Erlangen-Nürnberg zu einer Tagung eingeladen, auf der die Arbeiten der bekannten Marburger Forschergruppe zum Methodischen Kulturalismus vorgestellt und auf ihre Relevanz für die Kulturwissenschaften, insbesondere die Betriebswirtschaftslehre (und Unternehmensethik) sowie die Rechtswissenschaften eingeschätzt werden sollten. Die Arbeiten der Gruppe sind der größeren Öffentlichkeit in verschiedenen neueren Publikationen vorgestellt worden, insbesondere in: Dirk Hartmann und Peter Janich (Hrsg.): Methodischer Kulturalismus, Zwischen Naturalismus und Postmoderne, Frankfurt/ M. 1996, und dies. (Hrsg.): Die Kulturalistische Wende, Zur Orientierung des philosophischen Selbstverständnisses, Frankfurt/M. 1998. Einige Mitglieder der Marburger Forschergruppe sind inzwischen auch an der von C. F. Gethmann geleiteten Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich- technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr/Ahrweiler tätig und haben in diesem Rahmen relevante Arbeiten publiziert 1 . Die Namen Janich und Gethmann machen bereits deutlich, dass der Methodische Kulturalismus seine Ursprünge im Methodischen Konstruktivismus der Erlanger Schule hat, um deren kritische Fortentwicklung es geht. Der kleine Kreis von 25 Teilnehmern, zusammengesetzt aus Philosophen verschiedener Richtungen sowie Betriebswirten und Juristen, diskutierte 11 Vorträge. Die einzelnen Beiträge können hier nicht im Detail referiert werden. Ein kurzer Hinweis auf die Programmatik der Marburger Schule soll aber die Relevanz dieser Arbeiten auch für die Diskussion um die Wirtschafts- und Unternehmensethik andeuten. Peter Janich 2 hebt in einem programmatischen Aufsatz nach einer grundlegenden Kritik der Analytischen Philosophie (einschließlich des Kritischen Rationalismus) zwei Gesichtspunkte hervor, die für das Philosophieren der Marburger wichtig seien: einmal wird ein Primat der Handlungstheorie vor der Sprachphilosophie verteidigt (die pragmatische Wende des linguistic turn, S. 146) und zweitens eine kulturalistische Wende des pragmatisch gewendeten linguistic turn, da auch die pragmatische Wende in der Philosophie (und hier ist auch der Methodische Konstruktivismus kritisch angesprochen) das Problem der Begründungs- und Rechtfertigungsanfänge nicht habe lösen können (S. 146 f.). Im Zentrum der kulturalistischen Wende steht deshalb die Frage, wie Begründungs- und Rechtfertigungsanfänge (im Feld der theoretischen Philosophie) für die Unterscheidung von Erkenntnissen, bloßen Meinungen und Irrtümern und (im Feld der praktischen Philosophie) von gerechtfertigten, nicht-gerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden normativen Orientierungen gewonnen werden können. Realitätsbezug beansprucht dieser Vorschlag insofern, als er sich weder an einer durch methaphysische Spekulationen etablierten Ontologie noch an den quasi religiösen Bekenntnissen naturwissenschaftlicher Populärphilosophie über die Natur oder die gegebene Wirklichkeit orientiert, sondern die tatsächlichen Handlungsvollzüge im Alltagsleben wie in der wissenschaftlichen Forschung zum Gegenstand nimmt und (verglichen mit dem Methodischen Konstruktivismus, zusätzlich) betrachtet, unter welchen kultürlichen Bedingungen sie geschehen (S. 147). Die Hervorhebung des Anfangsproblems der Begründung in diesem Zitat macht bereits deutlich, dass hier ein neuer Versuch unternommen wird, die Natur- und Kulturwissenschaften (einschließlich der Ethik) auf der Grundlage einer schon bewährten Praxis aufzubauen. In diesem Zusammenhang wird die Unterscheidung zwischen der Erfahrung normativer Fundierung einerseits und der empirischen Erfahrung andererseits relevant, die derjenigen von Empirie und Theorie vorausgehe 3 . Die Konsequenzen für die Ethik, die sich aus dieser Position ergeben, werden von Gutmann und Hanekamp angedeutet: Die Validität der empirischen Ergebnisse hängt dabei nicht davon ab, ob die vorempirischen Bedingungen als generell gültig nachgewiesen werden können das ist in der Tat nicht möglich. Die Vorbedingungen entsprechen vielmehr Einschlägigkeitskriterien. Analog dazu ist eine Ethik darauf angewiesen, dass ihre Präsuppositionen erfüllt sind. Die Formulierung dieser Präsuppositionen zu unterscheiden vom Ausbuchstabieren einer Ethik in Anwendungskontexten ist gewiss auch dann sinnvoll, wenn sie nicht absolut begründet werden können. Nach diesem Verständnis kann es folglich Ethik ohne moralisches Fundament nicht geben, ohne Anwendung ist sie sinnlos. Aus diesen Bemerkungen wird bereits ansatzweise deutlich, dass sich das Programm des Methodischen Kulturalismus im Bereich der Ethik u.a. gegen transzendentalpragmatische Ansätze wendet. Eine genauere Beschäftigung mit diesem Programm, seine kritische Prüfung und Fortentwicklung für eine Wirtschafts- und Unternehmensethik durch die neue Generation der Wirtschafts- und Unternehmensethiker wäre deshalb wünschenswert. Diese neue Generation hat sich im Band 5 der Schriftenreihe des DNWE in verdienstvoller Weise mit den Konzeptionen von Homann, Ulrich und mir auseinandergesetzt, hat aber kaum auf die hier einschlägigen Arbeiten des Marburger Kreises (und darüber hinaus auf die ähnlich gelagerten Arbeiten von Friedrich Kambartel) Bezug genommen. Dieses Defizit sollte im Sinne einer vorwärts gerichteten Perspektive recht bald aufzuarbeiten versucht werden. Dann besteht vielleicht auch eine Chance, die wirtschafts- und unternehmensethische Diskussion aus der von Hans G. Nutzinger zurecht konstatierten Skylla praxisferner, ja praxisunwirksamer Abstraktion und der Charybdis vorschneller, ja rezeptbuchartiger Indienstnahme für eine wenig reflektierte ökonomische Praxis herauszuführen und eine eigenständige Position zwischen diesen Extremen zu finden 4 und alles dies ohne (unzulässigen) naturalistischen Fehlschluß. Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Steinmann Universität Erlangen-Nürnberg Lange Gasse 20 90403 Nürnberg Tel.: 0911/5302-314 Fax: 0911/5302-474 E-mail: steinmann@wiso.uni-erlangen.de |
| Johann-Peter Regelmann 3. Ethikforum Regio Bodensee (3. und 4. Juni 1999) Dezentralisierung und weltweite Kooperation Die moralische Herausforderung der Unternehmen Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Er-win Teufel und der Leitung von Prof. Dr. Josef Wieland, Konstanz Institut für WerteManagement - KIeM, fand am 3. und 4. Juni im Steigenberger Inselhotel in Kon-stanz das 3. Ethikforum der Euregio Bodensee statt. Zum Thema wurden sieben hochkarätige Referenten eingeladen. Dr. Cornelius G. Fetsch, ehemaliger Generalbevoll-mächtigter der C&ADeutschland und Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer, sprach zu Werte-Management, Global Sourcing und Verantwortung der Unternehmen. C&Aist ein weltweit operierendes Un-ternehmen, das sich der christlichen Ethik verpflichtet fühlt. In seinem 1996 etablierten Code of Ethics werden u.a. Kinder- und Zwangsarbeit strikt abgelehnt, auf Einhaltung von Umweltstandards gedrungen und die Organisationsfreiheit der Arbeitnehmer respektiert. Die Einhaltung dieser Prinzipien wird weltweit bei allen Kooperationspartnern aktiv überprüft und über-wacht. Dr. Simon Zadek, Direktor des Institute of Social and Ethical Accounting, London, akzentuierte die Probleme der Standardisierung und der Implementierung und Auditierung von Standards anhand vieler Beispiele aus aller Welt in seinem Vortrag Standards in Social and Ethical Accounting - Concepts and Experiences, Christoph Warnecke, Direktor Zentrale Personal-entwicklung und Bildungswesen des Kölner Gerlin Konzern, sprach zu Werte-Management und Unter-nehmenskultur, insbesondere im Zusammenhang mit der Transformation des Gerling Konzerns von einem Familien- zu einem Managerunternehmen. Dr. Claus Hipp, Geschäftsführer der Hipp KG und Ökomanager des Jahres 1997, machte auf die vielfältigen Möglichkeiten eines Familienunternehmens aufmerk-sam, Werte-Management und Umwelt selbst in Krisenzeiten zu verbinden, Möglichkeiten, die er für Vorstände von Aktiengesellschaften nicht in diesem Maße sieht. Mehr als einmal in der Firmengeschichte war das Unternehmen dadurch gefährdet, hat jedoch ebenso oft die Erfahrung machen können, dass gelebte Unternehmensethik auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann gerade im Kampf um Marktanteile für ein so sen-sibles Produkt wie Babynahrung. Auch der aktuelle Bereich internationaler Wirtschafts-beziehungen, etwa mit russischen oder chinesischen Unternehmen, wurde als Problem des Managements divergenter Werte aufschlussreich erörtert. Dr. Mikhail Ivanov von der Unternehmensberatung The Five Ltd., Moskau, sprach über Die Bedeutung morali-scher Werte im russischen Management Kulturelle Wurzeln und praktische Bedeutung; Prof. Dr. Yong Liang, Fachhochschule Konstanz, analysierte schließ-lich das Werte-Management in deutsch-chinesischen Kooperationen. Prof. Wieland hielt den Abschlußvortrag über Ethik-Management- und EthikAuditSysteme - Konzepte, Instrumente, Erfahrungen. Am Beispiel der Bayeri-schen Bauindustrie stellte er darin die Arbeit des KIeM vor, das das EthikManagementSystem für die Bauwirtschaft entwickelt und in ca. 35 Unternehmen implementiert hat und seit drei Jahren extern auditiert. Diese Auditierungsarbeit wird zur Zeit in einer empiri-schen Untersuchung aufbereitet und soll demnächst in einer umfangreichen Studie publiziert werden. Den öffentlichen Festvortrag zum Thema Unterneh-menskultur und Unternehmensintegration Die Herausforderung hielt Dr. Rüdiger Grube, Mitglied des Direktoriums Konzernstrategie DaimlerChrysler AG Stuttgart und dort für die Umsetzung des Merger verantwortlich. Die gut 100 TeilnehmenrInnen - der Festvortrag hatte sogar gut 200 Zuhörer - dokumentierten durch äußerst rege Diskussionsbeteiligung und in ausführlichen in-formellen Gesprächen die Brisanz des gewählten Themas und die Qualität der Referenten. Zum Gelingen des Forums trugen jedoch auch wieder einmal sowohl das Organisationsmanagement (Roland Luxemburger, Monika Kuhl und Christine Böhm von der Technischen Akademie Konstanz mit dem Team des Inselhotels) wie auch das Ambiente des Steigenberger Inselhotels in einem ehemaligen Dominikanerkloster auf der klein-sten natürlichen Insel des Bodensees loziert selbst bei. Die Beiträge des 3. Ethikforums sollen in einem Ta-gungsband gesammelt herausgegeben werden. Dr. Johann-Peter Regelmann Anschrift wie Impressum |