3/1998
Forum Wirtschaftsethik

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Berichte
 
Gerhard Blickle
Chancen der ethische Selbstregulierung der Wirtschaft

Wieviel Staat ist nötig und wieviel Selbstregulierung der Wirtschaft ist möglich? Um diese Fragen kreiste eine Podiumsdiskussion, die vom Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik zusammen mit dem Wirtschaftsclub der Bayern-SPD am 23. Mai in der Akademie Frankenwerte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Würzburg veranstaltet wurde. Der Wirtschaftsclub der BayernSPD steht für die Auffassung, daß Unternehmer nicht nur die Politik und die Politiker kritisieren dürfen, sondern selbst etwas unternehmen müssen, damit Fehlentwicklungen verhindert bzw. notwendige Maßnahmen ergriffen werden.

Das Netzwerk war durch seinen Vorsitzenden Professor Horst Steinmann auf dem Podium vertreten. Der Wirtschaftsclub wurde durch dessen Vorsitzenden, Dr. Gerd-Dieter Schmid, bis vor kurzem Geschäftsführer der Peroxid-Chemie, Pullach, sowie durch den Unternehmer Wolfgang Seidelmann, Sprecher des Regionalkreises Mittelfranken, auf dem Podium repräsentiert, der auch die Diskussion moderierte. Mitdiskutanten waren außerdem Werner Maly, ehemaliger Personalvorstand bei Siemens, sowie Dr. Heinz Kaiser, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr im Bayrischen Landtag.

Werner Maly schilderte die Schwierigkeiten einer sozial verantwortungsbewußten Unternehmensführung aus dem Blickwinkel eines Großunternehmens. Man könne zwar schwarz und weiá oft klar unterscheiden. Angesichts der unterschiedlichen Bezugsgruppen sei jedoch häufig eine Entscheidung für die eine oder andere Abstufung von grau erforderlich.

Professor Steinmann legte dar, daß es in einem demokratischen Rechtsstaat die Aufgabe einer ethisch verantwortungsbewuáten Unternehmensführung sei, erstens die geltenden Gesetze anzuwenden, zweitens dort, wo man sich auf rechtlichem Neuland befinde, durch eigene Regelungen das Recht zu ergänzen, und drittens dort, wo rechtliche Fehlentwicklungen erkennbar seien, in kritischer Distanz Korrekturen des geltenden Rechts in der Öffentlichkeit anzumahnen. In einer Zivilgesellschaft sei von den Unternehmen eine aktive Selbstregulierung gefordert. Dies schlage sich derzeit bereits auf der europäischen Ebene nieder, wo Ethik nun auch zum integralen Bestandteil von Richtlinien bei der Total Quality-Certifizierung werde.

Dr. Schmid schlug vor, sich auch hierzulande noch stärker an dem angelsächsischen Certifizierungsmodell, mit privaten, aber unabhängigen Gutachtern und freiwilliger Auditierung der Unternehmen zu orientieren. Schmid forderte außerdem von der SPD, sie solle mit dazu beitragen, daß in Zukunft nicht weiterhin falsche Tatbestände belohnt würden, wie z.B. die weit überzogenen Möglichkeiten zur legalen Reduzierung von Unternehmenssteuern.

Dr. Kaiser stellt den derzeitigen Stand der Überlegungen innerhalb der SPD zur Beteiligung der Arbeitnehmer/innen am Produktivkapital sowie zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung vor.

Alle Teilnehmer des Podiums waren sich darin einig, daß die Korruptionsbekämpfung in der Wirtschaft mit zu den wichtigsten Aufgaben nicht nur des Staates, sondern auch der Unternehmen gehört.






Rainer E. Zimmermann
Erster Workshop "Wirtschaftsethik an Fachhochschulen"
Universität Erlangen-Nürnberg, 15.5.98


In den Räumen der Universität Erlangen-Nürnberg trafen sich am 15. Mai 1998 sechzehn Teilnehmer unter der Leitung des Ersten Vorsitzenden des Deutschen Netzwerkes Wirtschaftsethik, Prof. Dr. Horst Steinmann, um in einem ersten Workshop zum Thema "Wirtschaftsethik an Fachhochschulen" über die mögliche Einführung eines curricular verankerten Lehrplans zu diskutieren. Dabei sollten in einem überschaubaren Kreis mögliche Inhalte und Lehrkonzeptionen des überwiegend noch im Entstehen befindlichen Faches "Wirtschafts- und Unternehmensethik" erörtert werden. Vom Organisator des Treffens, Dr. Albert Löhr (Universität Erlangen-Nürnberg), angesprochen wurden dazu vor allem Angehörige der Fachhochschulen, die in eigenen Lehrveranstaltungen bereits mit Fragen der praktischen Umsetzung der Thematik befaßt waren.

In seinem Eröffnungsvortrag definierte und begründete Horst Steinmann zunächst nocheinmal die Intention und allgemeine Ausrichtung des Faches Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ausgehend von der Abgrenzung der Moral gegen die Ethik und der Diskussion der Vermittlungsmöglichkeiten ihres Verhältnisses - dabei auf Erfahrungen aus der amerikanischen Diskussion Bezug nehmend - führte er in einem mehrschrittigen Programm die exemplarische Entfaltung relevanter Problemstellungen und ihrer Bearbeitung im Rahmen eines Lehrplans vor. Erste Lehrerfahrungen am Fachbereich Betriebswirtschaft der Fachhochschule München teilte Gerhard Heß mit. Von besonderem Interesse waren hierbei auch die Ergebnisse von ihm durchgeführter Fragenbogenerhebungen im Anschluß an die Lehr-veranstaltungen, die geeignet waren, einige Einsicht in die Erwartungshaltung und den Erkenntnisstand der Studierenden zu vermitteln. Albert Löhr und Werner Fees (FH Nürnberg) diskutierten die Lehre im Bereich der Unternehmensethik speziell am Beispiel des Fallstudienunterrichts. Sie stellten hierzu einen detaillierten "Zeitfahrplan" für Veranstaltungen einführenden Charakters vor. Die Wirtschaftspädagogin Monika Reemtsma-Theis (Universität Erlangen-Nürnberg) zeigte Möglichkeiten und Grenzen der Vermittlung moralischer Kompetenz auf. Sie führte in diesem Zusammenhang aus, daß ethische Kompetenz nicht nur mit der Entwicklung kognitiver Kompetenz einhergehe, sondern ihr praktisch äquivalent sei. Von besonderem Interesse sei hierbei aber auch die Bedeutung der zu vermittelnden Lehrinhalte für die Lehrenden selbst, die sich im Zuge der Unterrichtsgestaltung eine neue eigene Beurteilung des Stellenwertes ihrer Tätigkeit erarbeiten müßten, die sich vor allem im Umgang mit den Studie-renden immer schon als praktische Umsetzung ethischer Reflexion erweise und insofern durchaus auch eine Vorbildfunktion erfülle. Hans Klaus (FH Kiel) stellte schließlich erste Ergebnisse der sehr lebhaften Diskussionen zusammen, um einen Überblick über mögliche didaktische Strategien für Lehrkonzepte und eine curriculare Einbindung von Wirtschafts- und Unternehmensethik im Rahmen des Lehrangebots an Fachhochschulen zu ermöglichen. Wie bereits im Verlaufe der Diskussion plädierte Rainer E. Zimmermann (Fachbereich Allgemeinwissenschaften der FH München) nochmals für eine stärkere Bezugnahme der fachspezifischen Ausrichtung von Ethik auf allgemeine Probleme der Grundlegung von Ethik. Dabei sei die Vermittlung von Ethik in der Hauptsache an die Vermittlung der Fähigkeit zur eigenständigen Reflexion gebunden, so daß ein zentraler Anteil der Lehre im Ethikbereich zuerst auf diesen Sachverhalt abzielen müsse. Abschließend gab Michael Wörz (FH Karlsruhe) einen Einblick in die im Lande Baden-Würtemberg bereits weit entwickelte didaktische Arbeit im Bereich Ethik. In diesem Bundesland, in dem Ethik an Fachhochschulen bereits seit längerem landesweit für alle Fachbereiche verankert ist, mit einem obligatorischen Einstieg zur Übersicht und fakultativen Ergänzungs-programmen, die bis zu einem "Ethicum" führen und sogar die thematische Ausrichtung von Diplomarbeiten gestatten, ist die Konzeption des Ethik-Lehrangebots nicht nur vorbildhaft an den Fachhochschulen etabliert, sondern kann auch mit Blick auf die Bereitstellung von Materialien und die organisatorische Einbindung aller am Programm Beteiligten (bis hin zu Weiterbildungsveranstaltungen für Lehrende) als Vorbild allen weiteren Überlegungen zu pädagogischen Konzeptionen zugrundegelegt werden.

Es wurde vereinbart, künftige Überlegungen zu einer Verankerung von Ethik an Fachhochschulen in einem Ausschuß von wenigen Personen zu konzentrieren und über die Ergebnisse dieser Arbeit bei einem nächsten Workshop in ähnlichem Kreise zu berichten.
Prof. Dr. Dr. Rainer E. Zimmermann
Fachbereich Allgemeinwissenschaften
Fachhochschule München;
Tel: 089/1265-1376;
Fax: 089/1265-1475