Gerhard Blickle
Chancen der ethische Selbstregulierung der
Wirtschaft
Wieviel Staat ist nötig und wieviel Selbstregulierung der
Wirtschaft ist möglich? Um diese Fragen kreiste eine
Podiumsdiskussion, die vom Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik zusammen
mit dem Wirtschaftsclub der Bayern-SPD am 23. Mai in der Akademie
Frankenwerte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Würzburg veranstaltet
wurde. Der Wirtschaftsclub der BayernSPD steht für die Auffassung,
daß Unternehmer nicht nur die Politik und die Politiker
kritisieren dürfen, sondern selbst etwas unternehmen müssen,
damit Fehlentwicklungen verhindert bzw. notwendige Maßnahmen
ergriffen werden.
Das Netzwerk war durch seinen Vorsitzenden Professor Horst
Steinmann auf dem Podium vertreten. Der Wirtschaftsclub wurde durch
dessen Vorsitzenden, Dr. Gerd-Dieter Schmid, bis vor kurzem Geschäftsführer
der Peroxid-Chemie, Pullach, sowie durch den Unternehmer Wolfgang
Seidelmann, Sprecher des Regionalkreises Mittelfranken, auf dem Podium
repräsentiert, der auch die Diskussion moderierte. Mitdiskutanten
waren außerdem Werner Maly, ehemaliger Personalvorstand bei
Siemens, sowie Dr. Heinz Kaiser, stellvertretender Vorsitzender des
Ausschusses für Wirtschaft und Verkehr im Bayrischen Landtag.
Werner Maly schilderte die Schwierigkeiten einer sozial
verantwortungsbewußten Unternehmensführung aus dem
Blickwinkel eines Großunternehmens. Man könne zwar schwarz
und weiá oft klar unterscheiden. Angesichts der unterschiedlichen
Bezugsgruppen sei jedoch häufig eine Entscheidung für die eine
oder andere Abstufung von grau erforderlich.
Professor Steinmann legte dar, daß es in einem
demokratischen Rechtsstaat die Aufgabe einer ethisch verantwortungsbewuáten
Unternehmensführung sei, erstens die geltenden Gesetze anzuwenden,
zweitens dort, wo man sich auf rechtlichem Neuland befinde, durch eigene
Regelungen das Recht zu ergänzen, und drittens dort, wo rechtliche
Fehlentwicklungen erkennbar seien, in kritischer Distanz Korrekturen des
geltenden Rechts in der Öffentlichkeit anzumahnen. In einer
Zivilgesellschaft sei von den Unternehmen eine aktive Selbstregulierung
gefordert. Dies schlage sich derzeit bereits auf der europäischen
Ebene nieder, wo Ethik nun auch zum integralen Bestandteil von
Richtlinien bei der Total Quality-Certifizierung werde.
Dr. Schmid schlug vor, sich auch hierzulande noch stärker an
dem angelsächsischen Certifizierungsmodell, mit privaten, aber
unabhängigen Gutachtern und freiwilliger Auditierung der
Unternehmen zu orientieren. Schmid forderte außerdem von der SPD,
sie solle mit dazu beitragen, daß in Zukunft nicht weiterhin
falsche Tatbestände belohnt würden, wie z.B. die weit überzogenen
Möglichkeiten zur legalen Reduzierung von Unternehmenssteuern.
Dr. Kaiser stellt den derzeitigen Stand der Überlegungen
innerhalb der SPD zur Beteiligung der Arbeitnehmer/innen am
Produktivkapital sowie zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung vor.
Alle Teilnehmer des Podiums waren sich darin einig, daß die
Korruptionsbekämpfung in der Wirtschaft mit zu den wichtigsten
Aufgaben nicht nur des Staates, sondern auch der Unternehmen gehört.
Rainer E. Zimmermann
Erster Workshop "Wirtschaftsethik an
Fachhochschulen"
Universität Erlangen-Nürnberg, 15.5.98
In den Räumen der Universität Erlangen-Nürnberg
trafen sich am 15. Mai 1998 sechzehn Teilnehmer unter der Leitung des
Ersten Vorsitzenden des Deutschen Netzwerkes Wirtschaftsethik, Prof. Dr.
Horst Steinmann, um in einem ersten Workshop zum Thema "Wirtschaftsethik
an Fachhochschulen" über die mögliche Einführung
eines curricular verankerten Lehrplans zu diskutieren. Dabei sollten in
einem überschaubaren Kreis mögliche Inhalte und
Lehrkonzeptionen des überwiegend noch im Entstehen befindlichen
Faches "Wirtschafts- und Unternehmensethik" erörtert
werden. Vom Organisator des Treffens, Dr. Albert Löhr (Universität
Erlangen-Nürnberg), angesprochen wurden dazu vor allem Angehörige
der Fachhochschulen, die in eigenen Lehrveranstaltungen bereits mit
Fragen der praktischen Umsetzung der Thematik befaßt waren.
In seinem Eröffnungsvortrag definierte und begründete
Horst Steinmann zunächst nocheinmal die Intention und allgemeine
Ausrichtung des Faches Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ausgehend von
der Abgrenzung der Moral gegen die Ethik und der Diskussion der
Vermittlungsmöglichkeiten ihres Verhältnisses - dabei auf
Erfahrungen aus der amerikanischen Diskussion Bezug nehmend - führte
er in einem mehrschrittigen Programm die exemplarische Entfaltung
relevanter Problemstellungen und ihrer Bearbeitung im Rahmen eines
Lehrplans vor. Erste Lehrerfahrungen am Fachbereich Betriebswirtschaft
der Fachhochschule München teilte Gerhard Heß mit. Von
besonderem Interesse waren hierbei auch die Ergebnisse von ihm durchgeführter
Fragenbogenerhebungen im Anschluß an die Lehr-veranstaltungen, die
geeignet waren, einige Einsicht in die Erwartungshaltung und den
Erkenntnisstand der Studierenden zu vermitteln. Albert Löhr und
Werner Fees (FH Nürnberg) diskutierten die Lehre im Bereich der
Unternehmensethik speziell am Beispiel des Fallstudienunterrichts. Sie
stellten hierzu einen detaillierten "Zeitfahrplan" für
Veranstaltungen einführenden Charakters vor. Die Wirtschaftspädagogin
Monika Reemtsma-Theis (Universität Erlangen-Nürnberg) zeigte Möglichkeiten
und Grenzen der Vermittlung moralischer Kompetenz auf. Sie führte
in diesem Zusammenhang aus, daß ethische Kompetenz nicht nur mit
der Entwicklung kognitiver Kompetenz einhergehe, sondern ihr praktisch äquivalent
sei. Von besonderem Interesse sei hierbei aber auch die Bedeutung der zu
vermittelnden Lehrinhalte für die Lehrenden selbst, die sich im
Zuge der Unterrichtsgestaltung eine neue eigene Beurteilung des
Stellenwertes ihrer Tätigkeit erarbeiten müßten, die
sich vor allem im Umgang mit den Studie-renden immer schon als
praktische Umsetzung ethischer Reflexion erweise und insofern durchaus
auch eine Vorbildfunktion erfülle. Hans Klaus (FH Kiel) stellte
schließlich erste Ergebnisse der sehr lebhaften Diskussionen
zusammen, um einen Überblick über mögliche didaktische
Strategien für Lehrkonzepte und eine curriculare Einbindung von
Wirtschafts- und Unternehmensethik im Rahmen des Lehrangebots an
Fachhochschulen zu ermöglichen. Wie bereits im Verlaufe der
Diskussion plädierte Rainer E. Zimmermann (Fachbereich
Allgemeinwissenschaften der FH München) nochmals für eine stärkere
Bezugnahme der fachspezifischen Ausrichtung von Ethik auf allgemeine
Probleme der Grundlegung von Ethik. Dabei sei die Vermittlung von Ethik
in der Hauptsache an die Vermittlung der Fähigkeit zur eigenständigen
Reflexion gebunden, so daß ein zentraler Anteil der Lehre im
Ethikbereich zuerst auf diesen Sachverhalt abzielen müsse. Abschließend
gab Michael Wörz (FH Karlsruhe) einen Einblick in die im Lande
Baden-Würtemberg bereits weit entwickelte didaktische Arbeit im
Bereich Ethik. In diesem Bundesland, in dem Ethik an Fachhochschulen
bereits seit längerem landesweit für alle Fachbereiche
verankert ist, mit einem obligatorischen Einstieg zur Übersicht und
fakultativen Ergänzungs-programmen, die bis zu einem "Ethicum"
führen und sogar die thematische Ausrichtung von Diplomarbeiten
gestatten, ist die Konzeption des Ethik-Lehrangebots nicht nur
vorbildhaft an den Fachhochschulen etabliert, sondern kann auch mit
Blick auf die Bereitstellung von Materialien und die organisatorische
Einbindung aller am Programm Beteiligten (bis hin zu
Weiterbildungsveranstaltungen für Lehrende) als Vorbild allen
weiteren Überlegungen zu pädagogischen Konzeptionen
zugrundegelegt werden.
Es wurde vereinbart, künftige Überlegungen zu einer
Verankerung von Ethik an Fachhochschulen in einem Ausschuß von
wenigen Personen zu konzentrieren und über die Ergebnisse dieser
Arbeit bei einem nächsten Workshop in ähnlichem Kreise zu
berichten. |