3/1998
Forum Wirtschaftsethik

 Forum Wirtschaftsethik Forum Wirtschaftsethik
Praxis
 
Frank Peusquens
Sich im Denken orientieren
Philosophische Gespräche mit Führungskräften



"Wir fangen mit dem Denken an."
(H. Cohen)
"(…) die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung."
(I. Kant)
"Allein, wie viel und mit welcher Richtigkeit würden
wir wohl denken, wenn wir nicht gleichsam in Gemeinschaft
mit andern, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, dächten!"
(I. Kant)


1. Der philosophische Dialog als Ort des Denkens
Selbstverantwortet und differenziert zu denken, gilt als eine wichtige Grundlage umfassender Allgemeinbildung und zählt zu den unabdingbaren Anforderungen, die an Führungskräfte gestellt werden.
Der bloß affirmativ vorgetragene Wunsch, Führungskräfte mögen ihre Fähigkeit zu kritischer Reflexion schulen, reicht aber weder aus, kritisches Denken als Habitus in den Subjekten zu befestigen, denn dazu bedarf es wiederholter praktischer Übung, noch erhält der Begriff des ,Denkens' dadurch irgendeine positive Bestimmtheit.
Die Philosophie nun bietet mit der Gesprächsform des philosophischen Dialogs für die Teilnehmer/-innen von Führungskräftetrainings einen vorzüglichen Ort, das Spezifische des Denkens, losgelöst von der detaillierten Kenntnis philosophischer Denktheorien, im selbsttätigen Vollzug des Gesprächs "erfahrbar" zu machen. Die Konkretion wichtiger Denkfiguren und -kategorien (Urteil, Grund-Folge, Identität und Differenz) vollzieht sich so in den teilnehmenden Dialogpartnern selbst.
Dabei folgt der real stattfindende Dialog spezifischen Zielsetzungen und methodischen Regeln eines ideal gedachten Dialogs, durch die er von anderen Formen des Gesprächs (Mitteilung, Gerede) abgegrenzt ist. Von diesen idealen Strukturmerkmalen des Dialogs werde ich zwei, mir wichtig erscheinende, kurz skizzieren.

Vom Meinen zum WissenIm philosophischen Gespräch bemühen sich die Dialogpartner, Klarheit über etwas zu gewinnen, das ihnen problematisch geworden ist. Zum Problem wird uns in der Regel etwas genau dann, wenn es den Status des für uns Selbstverständlichen, fraglos Gültigen verliert, was sehr vielfältige Gründe haben mag. Es genügt, nach der präzisen Bedeutung eines Begriffs zu fragen, um das bisher vorgeblich für wahr gehaltene Wissen über diesen Begriff, radikal zu erschüttern. Durch eine maieutische Gesprächsführung, die den Dialogpartner nicht belehren, sondern zur selbstgewonnenen Erkenntnis führen möchte, wird der philosophische Dialog bis an den Punkt fortgetrieben, wo den Gesprächsteilnehmern klar wird, dass die vermeintlich sicheren begrifflichen Bestimmungen für ein qualifiziertes Wissen nicht hinreichend sind. Sie können allenfalls beanspruchen, ein bloß kontingentes Meinen über den problematisierten Begriff zu sein.

Für die Subjekte des philosophischen Dialogs besteht nun die anspruchsvolle Aufgabe darin, gemeinsam in einem Wechselspiel von Frage, Antwort und wohlmeinender Widerlegung dem fragwürdig gewordenen Begriff, eine präzisere und vor allem begründetere Fassung zu geben. Das Meinen soll also durch den Dialog in ein Wissen übergeführt werden.

Angestrebter Zweck des philosophischen Gesprächs ist daher die "begründete Übereinstimmung (Homologie), nicht die bloße Durchsetzung (…)" vereinzelter Interessen; letzteres wäre ein Zugeständnis an die sophistische Intention, den philosophischen Dialog, unter Verzicht der Forderungen nach Wahrhaftigkeit und begrifflicher Strenge, auf eine bloße Kunst der Wortstreiterei zu reduzieren.

Autoritätsverzicht im philosophischen Dialog
Das im philosophischen Dialog erstrebte Wissen soll nicht aus einer unkritischen Komposition schon vorhandener Teilerkenntnisse hervorgehen sondern das Ergebnis eines freien Austauschs der besten Gründe sein. Dazu ist es unabdingbar, dass die am Dialog Beteiligten in ihren Begründungsversuchen weder auf fremde (im Sinne vorgegebener, vorgefaßter Meinungen) noch eigene Autorität (im Sinne des "sich (…) selbst an die Stelle anderer zu setzen, (…)" ) zurückgreifen. Von eigener Autorität abzusehen bedeutet, die am Dialog Beteiligten verpflichten sich, mit anderen konstruktiv zu disputieren und, wenn immer es gefordert ist, den eigenen Standpunkt zu revidieren.

Denn nur so bleibt gewährleistet, dass sich Wissen durch und im wechselseitigen Wettstreit der jeweiligen Argumente bildet und sich nicht unausgewiesenen, rein subjektiven Setzungen verdankt. Das Denken soll nicht an einem dogmatisch gesetzten Punkt abgebrochen und stillgestellt werden; der philosophische Dialog impliziert eine Dynamik des Denkens, die sich ihren Weg nicht durch ungeprüfte Vorannahmen vorzeichnen läßt. I. Kant hat diese unabdingbare Voraussetzung aufgeklärten Denkens unmißverständlich klar formuliert: "Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche Seite sie notwendig ausfallen müsse."

2. Wie werden die Gespräche durchgeführt?
Grundlage der philosophischen Gespräche ist die vorgängige Lektüre klassischer philosophischer Texte, die entweder in Auszügen oder, wenn es der Umfang zuläßt, ganz von den Teilnehmern bis zum Gesprächsabend gelesen werden sollen (die Teilnehmer erhalten ihre Texte 1 bis 2 Tage vor dem Gespräch). Zusätzlich lege ich ein Informationsblatt bei, das kurz die biographischen Stationen des behandelten Philosophen präsentiert, sowie in die wichtigsten Grundgedanken und Fachtermini einführt.

Die Seminarteilnehmer/-innen können sich so selbst einen ersten Zugang zum Thema zu schaffen und Fragen formulieren, die am Abend des eigentlichen Gesprächs eingebracht werden können.

Nachdem ich den Teilnehmer/-innen einen Einblick in meine Tätigkeit in der Philosophischen Praxis gegeben habe, frage ich sie nach ihrem Verständnis von Philosophie. Hieraus entwickeln wir dann die elementaren methodischen Grundlagen und Grundhaltungen des Philosophierens, wobei der Akzent auf der dialogischen Struktur des philosophischen Denkens liegt.

Die anschließende Diskussion des zu Grunde liegenden Textes führt unmittelbar in das Zentrum des philosophischen Gesprächs. Die philosophischen Thesen werden auf ihre Begründung hin geprüft und mit aktuellen Fragestellungen und persönlichen Erfahrungen konfrontiert, um ihren Erkenntniswert zu bestimmen (z.B.: Können die Grundsätze der stoischen Ethik Leitsätze für die tägliche Arbeit als Führungskraft sein und wenn ja, wie?). In der Einheit von Begründungs- und Verständigungs-orientierung des Dialogs , erfahren die Teilnehmer/-innen Philosophieren als einen dynamischen Prozeß zunehmender Selbstbescheidung in Bezug auf das, was als gesicherte Erkenntnis festgehalten werden kann. Oftmals wird den Beteiligten in dieser Phase des Gesprächs deutlich, dass man sich vor allem von verfestigten Sichtweisen, bequemen Vorurteilen, vermeintlichen Sachzwängen und überholtem Wissen trennen muß, um überhaupt zum Fundament des Problems vordringen und eine Lösungsstrategie entwerfen zu können.

3. Echo der Teilnehmer
Seit 1996 führe ich im Auftrag der Sparkassenakademie Bonn philosophische Gespräche mit Führungskräften. Was als Experiment begann, hat sich als fester Bestandteil von Seminaren etabliert und wird von der Mehrzahl der Teilnehmer/-innen als begleitendes Element in der Führungskräfteausbildung begrüßt.

Die Seminarleiterin des DSGV, Frau Neugebauer, fragte die Teilnehmer/-innen der philosophischen Gesprächsabende, welchen Stellenwert sie der Philosophie im Rahmen eines Seminars für Führungskräfte geben (Die überwiegende Zahl der Teilnehmer/-innen hatte vor dem Gesprächsabend keine Berührung mit philosophischen Fragestellungen.).

Hier eine Auswahl aus den gegeben Antworten:
· - Einige Teilnehmer/-innen erklärten die Absicht, sich auch weiterhin mit dem Thema ,Philosophie' zu beschäftigen. Der Gesprächsabend habe ihnen hierzu wichtige Denkanstöße vermittelt. Die besprochenen Texte wurden teilweise auch nach dem Seminar nochmals intensiv gelesen und durch weiterführende Literatur ergänzt.

· - Gefragt, wo sie Verbindungen zwischen Philosophie und beruflicher Praxis sehen, antworteten die Befragten, dass durch die Philosophie die eigene Denkweise um neue Aspekte bereichert und das Verhältnis zu sich selbst und zu anderen nachhaltig verändert werden könne. Philosophie dokumentiere eine Grundhaltung zum Leben; sie präge Wünsche, Ziele und Erwartungen nachhaltig. Weiterhin fördere sie die Teamfähigkeit und die Kommunikation, indem man über sich selbst und sein Verhalten intensiv nachdenkt. Zudem schule Philosophie die soziale Kompetenz von Führungskräften und hier bestehe, so ein Teilnehmer, ein Nachholbedarf.

· - Die Teilnehmer/-innen äußerten den Wunsch, daß Philosophie häufiger in Seminare für Führungskräfte integriert werden solle. Es artikulierte sich allgemein das Bedürfnis nach Gesprächen, die thematisch nicht unmittelbar durch die berufliche Tätigkeit bestimmt sind und in ihrem Anspruch über einen unverbindlichen Smalltalk am Rande des Seminars hinausgehen.

4. Impressionen eines philosophischen Gesprächsabends auf Schloß Krickenbeck (Akademie der West LB) von H. Korsten
"Dienstag Abend, nach dem Abendessen. Nach einem fordernden Seminartag (,Qualität konkret planen und umsetzen!') sind alle Teilnehmer/-innen, Führungskräfte verschiedener Sparkassen, vollzählig zu einer trauten Runde im Kaminzimmer erschienen und mehr oder weniger neugierig auf den avisierten ,philosophischen Abend'. Ich selbst habe nun für ca. 3 Stunden die Trainer- gegen die Teilnehmerrolle getauscht und bin gespannt auf den weiteren Verlauf.

Die letzten Zwischengespräche ersterben, eine allgemeine Verblüffung lässt auch bis jetzt weniger Interessierte auf die Stuhlkanten vorrücken: Nach einer kurzen Vorstellung hebt der Dozent keineswegs zu dem wohl stillschweigend erwarteten Philosophie-Referat an, sondern wartet freundlich lächelnd (Re-) Aktionen ab, ,lässt kommen'. Sind Sie ein richtiger, ich meine studierter Philosoph? Können Sie denn davon leben? Welche Arbeitsfelder bearbeiten Sie und wie sieht Ihr Arbeitstag aus? - Der Dozent gibt Auskunft über das Arbeitsleben eines real existierenden Philosophen; oft geht er noch ein wenig über das Gefragte hinaus in Richtung Philosophie-Grundlagen. Auf diese Weise sanft und kaum merklich gelenkt, suchen wir bereits nach einer halben Stunde unser Wissen über die klassischen Philosophen zusammen und tauschen uns aus. Puzzelstücke fügen sich zusammen.

Wir scheinen einem unsichtbaren Drehbuch zu folgen und nähern uns - vom Allgemeinen zum besonderen fortschreitend - dem eigentlichen Thema dieses Abends: ,Was ist Aufklärung?'.

Die Frage nach der sozialen Herkunft seiner Klienten und was er mit Ihnen denn mache schlägt die Brücke zu unseren Seminarinhalten: Aha, Ihre Arbeitsweise geht in Richtung Sparringpartner und Coach bei Entscheidungen. Förderndes Verhalten. Genau, das ist Hilfe zur Selbsthilfe, Zielklarheit zu bekommen. So wird Selbst-Denken und Eigenverantwortung gefördert (eine der wesentlichen Postulate der Aufklärung); das soll ja auch unsere Hauptaufgabe als Führungskräfte sein. Soso, Sie geben keine Ratschläge? Das sollen wir ja bei unseren Mitarbeitern auch nur sehr sparsam, wie wir heute erarbeitet haben.

Längst hat sich ein kultiviertes, entspanntes Gespräch entwickelt. Die Antworten und Fragen des Dozenten fördern einen offenen Gedankenaustausch, auffallend geprägt von zunehmender Nachdenklichkeit und interessierter Aufmerksamkeit für alle Beiträge und Fragen. Das sonst allgegenwärtige ,Ja, aber …' ist nicht mehr zu hören. Von Kants Postulat sich von der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch den freien Gebrauch der Vernunft zu befreien, über den Kategorischen Imperativ zu aktuellen ethischen Fragen aus Politik und Wirtschaft: Alle beteiligen sich am Gespräch. Standpunkte werden nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern bedacht und abgewogen.

Die Meinung anderer bereichert und reizt nicht zum Widerspruch. Sehr wohltuend, Ich beginne zu ahnen, warum die Kunst des Dialogs eine Königsdisziplin der klassischen Philosophie gewesen ist. Der Dozent geht mit seiner einfühlsamen, gelassenen Art und Weise zu sprechen mit gutem Beispiel voran. Wieder wird mir bewusst, wie stark die Art und Weise des Gesprächs die Reaktionen anderer beeinflusst: Wie es in den Wald hineinruft …

Ein interessanter, intensiver Abend. Zeit zum Bedenken und Nachdenken, auf neudeutsch: ,Philosophie on the job'."
Frank Peusquens M.A.
geb. 1958, hat in Bonn Philosophie, Germanistik und Soziologie studiert (zur Zeit Promotion über die "Ethik des reinen Willens" von H. Cohen). Er arbeitet freiberuflich als Philosoph mit eigener philosophischer Praxis und hält Seminare für Führungskräfte zu philosophischen Fragestellungen.
Anschrift:
Akazienweg 17,
53343 Wachtberg-Adendorf,
Tel: 02225/702638;
Fax: 02225/702671;
Email: uzs5d2@uni-bonn.de
Literatur

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Herausgegeben von Raymund Schhmidt. Hamburg 1976.

Mittelstraß, Jürgen: Versuch über den sokratischen Dialog. In: Karlheinz Stierle/Rainer Warning (Hrsg.): Das Gespräch. (=Poetik und Hermeneutik XI). München 1984. S. 11-27.