3/1997
Forum Wirtschaftsethik

 
Thema
 
Andreas Georg Scherer
Spirale nach unten?
Zur Verantwortung multinationaler Unternehmen bei der Etablierung weltweiter Sozial- und Umweltstandards


In Zuge der Globalisierung konkurrieren Standorte um Investitionen und Arbeitsplätze. Der Abbau von Handelsschranken, die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie, die Senkung der Transportkosten sowie der verbesserte Infrastruktur- und Bildungsstandard in vielen Ländern der Welt ermöglichen eine höhere Mobilität des Kapitals und befähigen multinationale Unternehmen (MNUs) dadurch in viel stärkerem Maße als früher, binnen kurzer Zeit Produktionsstätten in den Schwellen- und Entwicklungsländern aufzubauen oder zu verlagern. Es liegt in der Logik des marktwirtschaftlichen Systems begründet, daß das Kapital sich die billigsten Anbieter der Produktionsfaktoren sucht. Im Gefolge dieser Entwicklung entzieht sich die netzartig ausbreitende Geschäftstätigkeit multinationaler Unternehmen nach und nach den Regelungsgrenzen einzelner Staaten und deren Gesetze, ohne daß sich bislang auf internationaler Ebene ein ausreichendes Rechtssystem etablieren konnte (Ohmae 1995, Orts 1995, Thurow 1996).

Der Standort Deutschland hat in den letzten Jahren erfahren müssen, daß ganze Industriezweige ihre Betriebe schließen. Dies kann zum Teil mit den niedrigeren Produktionskosten in anderen Ländern erklärt werden, mit denen die deutschen Betriebsstätten in vielen Fällen nur schwer konkurrieren können. Die Textilindustrie, die Stahlindustrie, der Schiffbau sowie die Computer- und Halbleiterindustrie sind nur einige Beispiele, die hier zu nennen sind. Doch nicht nur die niedrigeren Arbeitskosten sind es, die das Kapital in andere Länder locken. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern herrschen Rahmenbedingungen, in denen Arbeitsschutz- und Sicherheitsbestimmungen, gewerkschaftliche Organisierung, Mitbestimmung und Umweltschutz unbekannt, Löhne unterhalb des Existenzminimums, Kinderarbeit und Diskriminierung von Frauen und ethnischen Minderheiten dagegen die Regel sind. Besonders in solchen Industrien, in denen in großem Maße lediglich angelernte Arbeitskräfte eingesetzt werden, wirken diese Rahmenbedingungen kostenmindernd und stellen somit einen zusätzlichen Anreiz für Investitionen dar (Greider 1997, Martin/Schumann 1996).

Diesen komparativen Kostenvorteil bringen viele Länder inzwischen zur Geltung, indem sie die Verabschiedung genereller Sozial- und Umweltstandards für die internationale Geschäftstätigkeit in den multinationalen Verhandlungen des GATT bzw. der WTO, der UNCTAD und der ILO immer wieder erschweren oder gar verhindern. Entsprechende Intitiativen der westlichen Industrieländer werden insbesondere von den Vertretern der Schwellen- und Entwicklungsländer (und zum Teil auch der Industriestaaten) als protektionistische Maßnahmen kritisiert, die verhindern sollen, daß diese Länder ihre Kostenvorteile nutzen und sich einen Zugang zu den Weltmärkten verschaffen können (ECONOMIST, 20.07.1996). Zugleich werden die Vorschläge der Industrieländer als Versuche diskreditiert, eine neuerliche Phase des Imperialismus einzuleiten, in der westliche Werte über andere, insbesondere asiatische kulturelle Wertvorstellungen dominieren sollen (SPIEGEL, 21.08.1995). Dabei werden nicht einmal die Menschenrechte und deren Geltung als selbstverständlich anerkannt. Der Ministerpräsident von Malaysia, Mahathir, der schon lange als der auffälligste Kritiker der westlichen Industriestaaten bekannt ist, nahm den jüngsten Besuch der U.S.-amerikanischen Außenministerin Albright in Malaysia wieder einmal zum Anlaß, eine Revision der U.N.-Menschenrechtsdeklaration zu fordern, da diese "von den Supermächten formuliert worden ist, die von den Bedürfnissen der ärmeren Länder nichts wußten." (DIE ZEIT, 12.09.1997). Selbst in den Bereichen, in denen in multinationalen Gremien bereits Einigungen über Sozial- und Umweltstandards erzielt wurden, ist deren Implementierung gefährdet, da viele Staaten sich bemühen, mittels lockerer Handhabe dieser Standards ausländisches Kapital anzuziehen und multinationale Unternehmen zu Direktinvestitionen zu bewegen (Thurow 1996). Es steht also zu befürchten, daß ein immer größerer Teil der weltwirtschaftlichen Produktion unter immer schlechteren Arbeits- und Umweltschutzbedingungen erbracht wird, so daß unweigerlich eine Spirale nach unten in Gang gesetzt wird (Greider 1997, Martin/Schumann 1996).

Da die Bemühungen auf multinationaler Ebene bislang noch keinen rechten Ertrag brachten, sah sich die U.S.-amerikanische Regierung veranlaßt, die Macht der globalen Unternehmen zu nutzen, um einheitlichen Sozial- und Umweltstandards, die sich an den Menschenrechten orientieren, weltweit Geltung zu verschaffen. Im Sommer 1995 verabschiedete die U.S.-Administration die sogenannten Model Business Principles, mit denen amerikanische Unternehmen aufgefordert werden sollen, im internationalen Geschäft eine Reihe von Prinzipien freiwillig einzuhalten (New York Times, 27.05.1995). Dabei geht es in erster Linie um die Schaffung gesundheitsförderlicher Arbeitsplätze, den verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt, den Verzicht auf Diskriminierung, Kinder- und Zwangsarbeit und die Anerkennung des Rechts, Gewerkschaften zu gründen. Die Unternehmen werden weiterhin angehalten, sich an die bestehenden Gesetze zu halten, Korruption und Bestechung zu unterbinden und einen fairen Wettbewerb zu führen. Die Model Business Principles empfehlen den Unternehmen, hierfür Grundsätze ethischen Verhaltens zu formulieren und allen Organisationsmitgliedern zu vermitteln. Das U.S.-Handelsministerium hat zu diesem Zweck ein Information Clearinghouse eingeführt, in dem sich interessierte Unternehmen über die Kodizes anderer Unternehmen und deren praktische Erfahrungen informieren können. Um die Umsetzung dieser Maßnahmen zu befördern, wurde ein Best Global Business Award ausgelobt, der alljährlich an ein Unternehmen vergeben wird, das sich beispielhaft für die Model Business Principles engagiert und sich damit um die Menschenrechte verdient gemacht hat. Im Juni dieses Jahres wurde die kalifornische Beratungsfirma Asia Pacific Resources, Inc., (APR) für ihr Eintreten für die Menschenrechte in China ausgezeichnet: "Präsident Clinton hat unterstrichen, daß die U.S.-amerikanischen Firmen eine positive und wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Menschenrechte, dem Schutz der Umwelt und der Schaffung demokratischer Gemeinschaften spielen. Die Aktivitäten der Firma APR spiegeln diese Grundidee der Model Business Principles in vorzüglicher Weise wider und stehen so als ein Beispiel guter Praxis für die Wirtschaftswelt", hob Staatssekretär Stuart Eizenstat bei der Preisverleihung hervor (U.S. Department of Commerce News, 06.06.1997). Zusätzlich wurden die Model Business Principles mit den Programmen anderer U.S.-Ministerien und Organisationen abgestimmt und zu einer Politik der Etablierung weltweiter Standards des Wirtschaftens integriert, für deren Unterstützung auch andere Industriestaaten gewonnen werden sollen (U.S. Department of State 1997).

Aufgrund der hohen Verflechtung ihrer Netzwerke und der großen ökonomischen Bedeutung, die viele multinationale Unternehmen in manchen Staaten genießen, ist es unbestritten, daß MNUs großen Einfluß auf die Politik und die Kultur ihrer Gastländer nehmen können (Boddewyn 1995, ECONOMIST, 20.07.1996, Orentlicher/Gelatt 1993, Orts 1995). Wie kann jedoch gesichert werden, daß dieser Einfluß auch in verantwortungsvoller Weise geltend gemacht wird? Welcher Anreiz besteht für die Unternehmen, sich nicht auf die Politik des gegenseitigen Unterbietens von Sozial- und Umweltstandards und die Steuergeschenke der Gastländer einzulassen? Ist es nicht gerade ein besonderer ökonomischer Vorteil multinationaler Unternehmen, auf Kostenunterschiede an verschiedenen Standorten flexibel reagieren zu können (Kogut 1985)?

Zunächst einmal gibt es die kritische Öffentlichkeit, die schon lange die Aktivitäten der MNUs in Entwicklungsländern verfolgt und unethisches Verhalten, sofern es über die Medien bekannt gemacht wird, auf verschiedene Art und Weise bestraft. Man denke etwa an die Nigeria-Affäre der Shell-Erdölgesellschaft oder an die Kritik, die Nike, ein amerikanisches Unternehmen der Sportartikelindustrie, einstecken mußte, weil es einen großen Teil seiner Produkte durch Kinderarbeit in Entwicklungsländern fertigen ließ (TIME, 17.06.1996). Diese Probleme haben viele Unternehmen der Bekleidungs- und Sportartikelindustrie veranlaßt, Richtlinien ethischen Verhaltens im internationalen Geschäft zu verabschieden. Der Jeanshersteller Levi Strauss & Co. und die Sportartikelhersteller Nike und Reebok beanspruchen inzwischen sogar eine Vorreiterrolle bei der Durchsetzung der Menschenrechte (Orentlicher/Gelatt 1993). Allerdings scheinen sich viele Unternehmen noch zu scheuen, ihre Aktivitäten von neutraler Seite kontrollieren zu lassen. Dies um so mehr, als auch die Vorreiter immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen gemessen werden und regelmäßig in die Kritik geraten. So beklagt die Menschenrechtsorganisaton Human Rights Watch, daß viele Unternehmen zwar hinsichtlich der Diskussion von Menschenrechtsfragen sehr offen sind, daß allerdings bislang kaum ein Unternehmen bereit ist, seine Aktivitäten offenzulegen und überprüfen zu lassen.

Human Rights Watch hat beobachtet, daß die Unternehmen der Textil- und Sportindustrie eher geneigt sind, Menschenrechtsinitiativen und die Etablierung von Sozialstandards zu unterstützen als etwa multinationale Unternehmen der Schwerindustrie oder Erdöl- und Minengesellschaften. Dies deshalb, weil der Erfolg der Konsumgüterhersteller sehr stark an die Reputation ihres Markennamens gekoppelt ist. Die Shell AG hat jedoch aufgrund der Vorkommnisse um die geplante Versenkung der Erdölplattform Brent Spar sowie der Nigeria-Affäre erfahren müssen, daß auch hier eine wachsame Öffentlichkeit schnell mit Boykottmaßnahmen reagieren kann. Dieser Vorfall wurde in den genannten Branchen aus diesem Grunde auch mit Aufmerksamkeit verfolgt. Manager der Investitionsgüter- und der Grundstoffindustrie sind daher sensibilisiert und wollen bei ihren Entscheidungen den Menschenrechts-, Sozial- und Umweltfragen in Zukunft viel stärkeres Gewicht schenken (ECONOMIST, 20.07.1996).

Inzwischen wurden auch Initiativen auf den Weg gebracht, ethisch einwandfreie Produkte in besonderer Weise zu kennzeichnen. In Deutschland wurde etwa von Teppichimporteuren ein Label eingeführt, aus dem hervorgeht, daß die Produkte ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. In den USA wurde von dem Kongressabgeordneten George Miller vorgeschlagen, die U.S.-Firmen sollten ein Label einführen, aus dem hervorgeht, daß die Produkte unter humanen Arbeitsbedingungen erstellt wurden. Dieser Vorschlag wurde inzwischen auch vom U.S.-Arbeitsministerium aufgegriffen und als sogenannte "No Sweat"-Initiative bekanntgemacht (Human Rights Watch 1997).

Es ist klar, daß die weltweite Durchsetzung akzeptabler Sozial- und Umweltstandards in vielen Fällen Geld kostet. An diesem Vorhaben sind Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen beteiligt. Die Verbraucher, indem sie das Verhalten der Unternehmen in entsprechender Weise sanktionieren oder belohnen, und die Unternehmen, indem sie sich an derartigen Initiativen nicht nur aus ökonomischen Gründen beteiligen.


 
 
Dr. Andreas Scherer
Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Allgemeine BWL und Unternehmensführung
Lange Gasse 20
90403 Nürnberg
Telefon: 0911/5302-372
Fax: 0911/5302-474
Email: scherer@wiso.uni-erlangen.de
Literatur
Boddewyn, J. J.: The Legitimacy of International-Business Political Behavior, in: The International Trade Journal IX (1995) 1, S. 143-161.

Greider, W.: One World, Ready or Not. The Manic Logic of Global Capitalism, New York: Simon & Schuster 1997.

Human Rights Watch: Corporations and Human Rights, der Text ist im Internet verfügbar unter: http://www.hrw.org/about/initiatives/corp.html (diese Seite enthält einen kritischen Überblick zum Menschenrechtsverhalten von MNUs und über verschiedene politische Initiativen mit vielen weiteren Internet-Verweisen)

Kogut, B.: Designing Global Strategies. Profiting from Operational Flexibility, in: Sloan Management Review 27 (1985), S. 27-38.

Martin, H.-P./Schumann, H.: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1996.

Ohmae, K.: The End of the Nation State. The Rise of Regional Economics, New York: Free Press 1995.

Orentlicher, D.F./Gelatt, T. A.: Public Law, Private Actors: The Impact of Human Rights on Business Investors in China, in: Northwestern Journal of International Law and Business 14 (1993), S. 66-129.

Orts, E. W.: The Legitimacy of Multinational Corporations, in: L. E. Mitchell (Ed.): Progressive Corporate Law, Boulder (CO): West View Press 1995, S. 247-279.

Thurow. L. C.: The Future of Capitalism. How Today's Economic Forces Shape Tomorrow's World, New York: William Morrow & Co. 1996.

Informationen zu den U.S. Model Business Principles können aus dem Internet auf folgenden Seiten bezogen werden (weitere Informationen sind in der New York Times vom 27.05.1995, S. 17 zu finden):
U.S. Department of Commerce: Model Business Principles, http://www.depaul.edu/ethics/principles.html (diese Seite enthält den Text der Model Business Principles sowie Kontaktadressen)

U.S. Department of State Publication 10486, Released June 1997, Bureau of Democracy, Human Rights and Labor: Promoting the Model Business Principles, http://www.state.gov/www/global/human_rights/business_principles.html (diese Seite enthält eine Übersicht über das Ineinandergreifen der verschiedenen Maßnahmen der U.S. Ministerien und multinationaler Organisationen, die auf eine weltweite Durchsetzung der Menschenrechte in der Wirtschaftswelt abzielen, sowie Kontaktadressen bezüglich der Principles)

U.S. Department of Commerce: Best Global Practices - Information Clearinghouse, http://www.ita.doc.gov/bgp/clearing.html (diese Seite enthält Informationen über das Information Clearinghouse)