3/1997
Forum Wirtschaftsethik

 
Berichte
 
EBEN-Konferenz 1997 in Prag

Vom 10.-12. September fanden sich in Prag zur 10. EBEN-Jahrestagung rund 180 Teilnehmer aus 32 Ländern und 5 Erdteilen ein. Diese erfreuliche Resonanz bescherte der Veranstaltung nicht nur rein zahlenmäßig einen "multikulturellen Rekord", sondern auch wichtige inhaltliche Bereicherungen, insbesondere aus asiastischer und osteuropäischer Perspektive. Auch von deutscher Seite wurden mehrere aktive Beiträge geleistet; im Plenum stellten Dr. Frauke Druckrey vom Verband der Chemischen Industrie und Dr. Uwe Büchner von der Daimler Benz AG die aktuellen Transformationsprozesse und Neuorientierungen in Ihren Organisationen vor. Daneben bot insbesondere das Workshop-Programm im Rahmen der bewährten Tagungsstrukur wieder vielfältige Gelegenheit zum Gedankenaustausch über aktuelle Ansätze zur konkreten Umsetzung der Wirtschaftsethik. Die wichtigsten Beiträge werden erstmals nicht in Buchform, sondern in der Mai/Juni-Ausgabe 1998 des "Journal of Business Ethics" veröffentlicht - EBEN-Mitglieder werden ein bevorzugtes Angebot erhalten.

Was die Situation im Veranstalterland angeht, so wurde insbesondere in den Plenumsvorträgen deutlich, welch steinigen Weg die Prager Republik auf dem Wege zu einer ethisch fundierten Entwicklung von Wirtschaft und Recht noch zu bewältigen hat. In seinem Grußwort an die Konferenz charakterisierte Präsident Vaclav Havel den seit 1989 anhaltenden extremen Wandel als eine vorrangig ökonomisch verstandene Herausforderung, bei der die Entwicklung von Rechtsregeln und die Diskussion der moralischen Grundlagen der Gesellschaft leider und zu Unrecht stark vernachlässigt worden sei: "The problem we put off then is getting back to us now."

Vor diesem Hintergrund wurden die ambivalenten Einschätzungen der dramatischen Umbruchsituation in den weiteren tschechischen Stellungnahmen teilweise beklemmend nachvollziehbar. So zeichnete das Eröffnungsreferat von Lubomír Mlcoch, Dekan der Wirtschaftswissenschaften an der Karls-Universität, ein reichlich pessimistisches Bild des derzeitigen Privatisierungsprozesses als eines "mißverstandenen, wilden Liberalismus", der es bei seinem alleinigen Drang nach schnellen Veränderungen ("speed at all cost") geradezu verhindere, elementare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, z.B. für die Unternehmensverfassung. Tschechien würde so zu einer Spielwiese für moralische Hasardeure mit einer Tendenz zur Eigentums- und Machtkonzentration, bei der soziale Gerechtigkeit auf der Strecke bleibt. Diese These blieb nicht ohne Widerspruch: Der Vorstand einer großen Versicherungsgesellschaft hob in einem eindrucksvollen Statement die Erfahrung hervor, daß unehrenhafte Geschäftsleute und "gold digger" zum Glück schnell wieder aus der Wirtschaft verschwänden und man viel häufiger auf ehrenwerte Geschäftspartner trifft, die alleine die Wirtschaft in den schwierigen Zeiten in Gang bringen und aufrecht erhalten würden. Man dürfe die Situation also nicht schlecht reden, sondern müsse die erkennbaren Schritte anerkennen, auch bei der Restitutierung ethischer Werte in der Wirtschaft.

Eine Konferenz zur Wirtschaftsethik in Prag - das klang, wenn man ehrlich ist, zum Zeitpunkt der "Vergabe" vor zwei Jahren noch als ein reichlich wagemutiges Unternehmen. Problematisch schienen damals nicht nur die Aufgeschlossenheit einer ehemals sozialistischen Gesellschaft für die wirtschaftsethische Grundlagendiskussion und die Tragfähigkeit der erst im Aufbau befindlichen intellektuellen Ressourcen zu sein, sondern auch solch elementare Dinge wie das Finanzierungsrisiko auf den Schultern der Veranstalter. Das konkrete Ereignis vor Ort belehrte die Teilnehmer jedoch in vielerlei Hinsicht über die Fortschritte. Beeindruckend war vor allem auch, mit welcher Professionalität und Geschicklichkeit diese erste EBEN-Konferenz im (früheren) Osten Europas unter der Regie von Prof. Marie Bohatá organisiert und inhaltlich gestaltet wurde. Prag 1998 präsentierte sich als hervorragende Grundlage für das zweite Jahrzehnt von EBEN - Fortsetzung folgt vom 9.-11.9.1998 in Leuven/Belgien.

Abschließend noch eine aktuelle Vereinsnachricht: Von der Generalversammlung wurde Dr. Albert Löhr von der Universität Erlangen-Nürnberg mit großer Mehrheit für das kommende Jahr zum Nachfolger des EBEN-Gründungsvorsitzenden Prof. Henk van Luijk - seine Verdienste wurden von Georges Enderle eindrücklich gewürdigt - in die Position des EBEN-Chairman gewählt. Deutschland und Europa erhalten dadurch sicher eine gute Chance, ein weiteres Stück zusammenzurücken.

Dr. Albert Löhr

 
MATWT – Ein neuer Verein stellt sich vor!

Der Marburger Arbeitskreis Theologische Wirtschafts- und Technikethik (MATWT) ist im Frühjahr 1993 als Diskussionsforum für Theologen/innen gegründet worden, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit mit wirtschafts- und technikethischen Fragen beschäftigen.

Seit dem 10. Januar 1997 besteht der Arbeitskreis als gemeinnützig anerkannter Verein mit Sitz in Marburg. Im Zuge dieser Vereinsgründung hat sich auch die Zielgruppe des Arbeitskreises erweitert. Mitglieder sind gegenwärtig ca. 25 an Wirtschafts- und Technikethik interessierte Theologen/innen, Ökonomen/innen und Ingenieure/innen. Es ist das Ziel des Vereins, die theologische Forschung auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Technikethik zu fördern.

Der Verein hat gegenwärtig folgende Arbeitsschwerpunkte:

Kolloquium: Zweimal jährlich findet ein Kolloquium für Doktoranden/innen und Habilitanden/innen statt. Hier können alle beteiligten ihre Arbeitsprojekte zur Wirtschafts- und Technikethik vorstellen. Die Arbeit sollte jedoch einen deutlichen Bezug zur theologischen Forschung haben. Ansprechpartner und verantwortlich für die Organisation des Kolloqiums ist Joachim Fetzer, Birkenweg 3, 63477 Maintal; Tel: 06181/45106; Fax: 441902; Email: fetzer.ji@t-online.de.

Forum Wirtschaftsethik: Der MATWT veranstaltet einmal jährlich eine öffentliche Tagung zu wirtschafts- und technikethischen Themen. Die nächste Tagung findet am 9.-11. Januar 1998 statt und beschäftigt sich mit der Ökonomie der Kirchen. Themen dieses Forums sind u.a.: "Unternehmen Kirche" – eine Metapher und ihre Grenzen; Kirche und Ökonomik. Die institutionenökonomische Analyse von Non-Profit-Organisationen als Ökonomik der Kirchen; Management und Kirchenleitung. P.Ulrich´s Managementtheorie als Konzept für kirchenleitendes Handeln und seine theologische Reinterpretation; Kirche und Geld. Kirchliche Finanzstrukturen in Gegenwart und Zukunft – Versuch einer Prognose. Die Tagung wird soweit möglich von Mitgliedern des Vereins inhaltlich vorbereitet. Interessenten wenden sich bitte an den 1. Vorsitzenden Dr. Eckart Müller, Grundstr.4, 36381 Schlüchtern; Tel: 06661/4695; Fax: 730088; Email: mueller.eg@t-online.de

Veröffentlichungen: Der Verein gibt wissenschaftliche Publikationen zu wirtschafts- und technikethischen Themen heraus.

Referentenliste: Der MATWT baut gegenwärtig eine Liste mit Referenten/innen auf, die als Referenten bzw. Seminarleiter für wirtschafts- und technikethische Themen zur Verfügung stehen. Entsprechende Anfragen richten Sie bitte an Ute Herrmann, Grünerstr.3, 67061 Ludwigsburg; Tel: 0621/582872; Email: herrmann.ute@t-online.de.

Haben Sie Interesse an unserem Verein und wollen nähere Informationen? Dann wenden Sie sich bitte an Ute Herrmann oder Dr. Eckart Müller.

Eckart Müller
 
10 Jahre Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen

Im Sommer 1987 ist in St. Gallen der erste Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an einer deutschsprachigen Wirtschaftsfakultät geschaffen worden. Die öffentliche Resonanz war von Anfang an enorm: Es "gab" ja jetzt offenbar eine akademische Wirtschaftsethik, und diese sollte nun quasi wie ab der Tankstelle konsumfertig "geliefert" werden. In Tat und Wahrheit gab es damals kaum eine auf die europäischen Verhältnisse zugeschnittene, tragfähig und pädagogisch ausgearbeitete Konzeption moderner Wirtschaftsethik. Der Lehrstuhl und das zwei Jahre später gegründete Institut für Wirtschaftsethik (IWE) der Universität (damals: Hochschule) St. Gallen sahen daher ihre erste und wichtigste Aufgabe nicht in publizistischen "Schnellschüssen", sondern in der schrittweisen Klärung der konzeptionellen Grundlagen der jungen Inter- oder Hybriddisziplin. Neben dem Aufbau der Lehre, insbesondere des viersemestrigen Wahlpflichtfachs "Wirtschaftsethik" im Hauptstudium, aber auch verschiedener, z. T. obligatorischer Lehrangebote auf der Grund-, Diplom- und Doktoratsstufe, wurde eine - gemessen an der stets bescheidenen personellen Kapazität von 2 bis zeitweise 5 Mitarbeitern - rege wissenschaftliche Projekttätigkeit zu geistes- und theoriegeschichtlichen, empirischen und systematischen Fragen entfaltet, die unter je verschiedenen Aspekten zur Grundlegung des ins Auge gefassten integrativen Ansatzes von Wirtschaftsethik beitrug und ihren Niederschlag in mehreren Buchpublikationen fand (z. B. "Der andere Adam Smith" oder "Ethik und Erfolg - Unternehmensethische Denkmuster von Führungskräften"). In der IWE-Buchreihe der "St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik" sind bisher ingesamt 15 Bände erschienen, 7 weitere befinden sich zur Zeit im Druck oder in Vorbereitung. Und in der ISBN-klassierten Paper-Reihe "Beiträge und Berichte des Instituts für Wirtschaftsethik" sind bereits 77 Hefte vorgelegt worden, die sich einer beachtlichen Nachfrage erfreuen. Zu den Arbeitsergebnissen zählt auch das im Auftrag des schweizerischen Bundesamts für Industrie, Gewerbe und Arbeit entwickelte Lehrmittel "Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft" für die Sekundarstufe II, das im Forum Wirtschaftsethik, Nr. 1/1997, besprochen worden ist. Ferner sind 12 Dissertationen und 2 Habilitationsschriften zu wirtschaftsethischen Themen am Lehrstuhl abgeschlossen worden; 2 weitere Habilitationsprojekte und mehrere Dissertationen werden zur Zeit betreut.

Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Arbeitskapazität des Lehrstuhls bzw. Instituts ist in eine breite Vermittlungs- und insbesondere Vortragstätigkeit in Wissenschaft, Öffentlichkeit und Wirtschaftspraxis eingeflossen. Seit Jahren erreichen den Lehrstuhl aus breiten Kreisen jährlich mehr als 100 Vortragseinladungen, von denen unter den gegebenen Arbeitsbedingungen nur ein kleiner Teil angenommen werden kann. Nebenbei fiel dem Institut die ehrenvolle Aufgabe zu, im September 1994 die EBEN-Jahreskonferenz unter dem Rahmenthema "Facing Public Interest: The Ethical Challenge to Business Policy and Corporate Communications" zu organisieren (und sie als grösster Sponsor mit beträchtlichen eigenerwirtschafteten Mitteln zu unterstützen).

Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum ist Ende Juli 1997 als Zwischenbilanz der bisherigen Arbeit das vom Lehrstuhlinhaber während der letzten Jahre etappenweise verfasste Werk "Integrative Wirtschaftsethik - Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie" erschienen, das erstmals eine systematische Gesamtdarstellung des St. Galler Ansatzes der Wirtschaftsethik präsentiert (Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart/Wien, 516 Seiten; für nähere Informationen sei auf die Internet-Homepage des IWE verwiesen) Für die kommenden Jahre ist auf der geschaffenen Basis eine gewisse Neuakzentuierung der Arbeitsschwerpunkte des Instituts vorgesehen. Darüber wird zu gegebener Zeit zu berichten sein.

Peter Ulrich

Institut für Wirtschaftsethik (IWE) an der Hochschule St. Gallen für Wirtschafts- Rechts- und Sozialwissenschaften; CH-9010 St. Gallen, Guisanstrasse 11; Tel: ++41/71/2242644; Fax: ++41/71/2242881; Email: Peter.Ulrich@IWE.unisg.ch