3/1997
Forum Wirtschaftsethik

 
Kommentar
 
Josef Wieland
Unternehmen als moralische Akteure

Am Anfang des Kapitalismus stand Adam Smiths Überzeugung "a joint stock company...cannot long carry on any branch of foreign trade".

Heute, am Ende dieses Jahrhunderts sind Unternehmen zu den wichtigsten globalen Akteuren avanciert. Nicht nur des internationalen Handels und der globalen Organisation von Produktionsprozessen. Vielmehr werden den Unternehmen zunehmend Aufgaben zugeschrieben, die traditionell dem Staat und der Politik vorbehalten waren. Heute reden wir auch in Deutschland nicht mehr nur über das Für und Wider der Privatisierung so wichtiger Dinge wie die Müllabfuhr und die Kloreinigung. Programmatisch sind hier die wirtschaftspolitischen Thesen Gerhard Schröders, mit der die SPD sich auf den Stand der Dinge bringen will. Es überrascht kaum noch, die Unternehmen in allen 12 Abschnitten des Papiers als die eigentlichen Akteure der Politik zu identifizieren. Es findet sich dort etwa der Gedanke: "Für uns ist die Bestimmung der Staatsaufgaben eine Frage der praktischen Vernunft. Ob eine Aufgabe vom Staat oder von Privaten erledigt wird, muß nach dem Grundsatz der Effizienz, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichen Akzeptanz entschieden werden."

Ob Unternehmen all das können und können wollen sollten, was ihnen aus der Gesellschaft zugespielt wird, kann dahingestellt bleiben. Fest steht, sie haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten eine gesellschaftliche Reputation für das erfolgreiche Management komplexer Aufgaben und Produkte erarbeitet. Anders als Staaten sind sie dabei letztlich nicht an die Raumdimension sozialen Handelns gebunden, sondern eher an Kooperationsmöglichkeiten. Daher ihr Vorteil gegenüber den Staatsakteuren in einer globalen Welt. Daher der Wandel der fortgeschrittenen Ökonomien zu Kooperationsökonomien. In ihr ist das entscheidende Asset von Unternehmen deren Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit.

Die Renaissance der Unternehmensethik als Thema der Praxis sollte in dieser Perspektive gesehen werden. Ob bei der Bildung modularer Organisationen, internationaler Teams, Firmennetzwerken oder der Erschließung neuer Märkte oder bei der Übernahme vormals staatlicher Aufgaben - die moralischen Werte der jeweiligen Partner zählen und dem Unternehmen wird gesellschaftliche Verantwortung zugerechnet. Damit können Unternehmen nur umgehen, wenn sie es nicht wie Adam Smith bei "moral sentiments", also der Tugend ihrer Mitglieder, belassen. Dazu braucht es schon die Implementierung unternehmensethischer Programme.

Das Modewort von der "virtuellen Organisation" hält hier allerdings etwas für die Unternehmensethik Wichtiges fest: den permanenten Umbau und Ortswechsel interner und externer Kooperationsbeziehungen. Wie und in welcher Weise können Unternehmen, die sich fortlaufend desintegrieren, Adressaten von Politik und Ethik sein?

Ethik kommt von Ethos und das meint den gewohnten Ort und die üblichen Sitten menschlicher Interaktion. Wenn wir die Welt der Globalisierung und Virtualisierung und Temporalisierung gegen diese Tradition laufen lassen, sehen wir das Problem, das uns noch eine Weile beschäftigen wird. Es ist der Wandel der Formen der Institutionalisierung moralischer Gemeinsamkeiten und Ansprüche in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Unternehmung scheint hier eine Option zu sein.

Freilich, nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Auch erinnert uns Adam Smiths Prognose über die Zukunft der Unternehmen an die Irrtumsfähigkeit des Menschen, besonders wenn er Ökonom ist. Aber Verschiebungen in der Steuerungstektonik sozialer Körper zu ignorieren, ist am Ende der größere Fehler, weil man sich der Chance beraubt, sie zu gestalten. Und darauf kommt es an.