Josef Wieland Unternehmen
als moralische Akteure
Am Anfang des Kapitalismus stand Adam
Smiths Überzeugung "a joint stock company...cannot long carry on any
branch of foreign trade".
Heute, am Ende dieses Jahrhunderts sind
Unternehmen zu den wichtigsten globalen Akteuren avanciert. Nicht nur des
internationalen Handels und der globalen Organisation von Produktionsprozessen.
Vielmehr werden den Unternehmen zunehmend Aufgaben zugeschrieben, die
traditionell dem Staat und der Politik vorbehalten waren. Heute reden wir auch
in Deutschland nicht mehr nur über das Für und Wider der
Privatisierung so wichtiger Dinge wie die Müllabfuhr und die Kloreinigung.
Programmatisch sind hier die wirtschaftspolitischen Thesen Gerhard Schröders,
mit der die SPD sich auf den Stand der Dinge bringen will. Es überrascht
kaum noch, die Unternehmen in allen 12 Abschnitten des Papiers als die
eigentlichen Akteure der Politik zu identifizieren. Es findet sich dort etwa der
Gedanke: "Für uns ist die Bestimmung der Staatsaufgaben eine Frage der
praktischen Vernunft. Ob eine Aufgabe vom Staat oder von Privaten erledigt wird,
muß nach dem Grundsatz der Effizienz, Wirtschaftlichkeit und
gesellschaftlichen Akzeptanz entschieden werden."
Ob Unternehmen
all das können und können wollen sollten, was ihnen aus der
Gesellschaft zugespielt wird, kann dahingestellt bleiben. Fest steht, sie haben
sich in den letzten beiden Jahrzehnten eine gesellschaftliche Reputation für
das erfolgreiche Management komplexer Aufgaben und Produkte erarbeitet. Anders
als Staaten sind sie dabei letztlich nicht an die Raumdimension sozialen
Handelns gebunden, sondern eher an Kooperationsmöglichkeiten. Daher ihr
Vorteil gegenüber den Staatsakteuren in einer globalen Welt. Daher der
Wandel der fortgeschrittenen Ökonomien zu Kooperationsökonomien. In
ihr ist das entscheidende Asset von Unternehmen deren Kooperationsbereitschaft
und -fähigkeit.
Die Renaissance der Unternehmensethik als Thema
der Praxis sollte in dieser Perspektive gesehen werden. Ob bei der Bildung
modularer Organisationen, internationaler Teams, Firmennetzwerken oder der
Erschließung neuer Märkte oder bei der Übernahme vormals
staatlicher Aufgaben - die moralischen Werte der jeweiligen Partner zählen
und dem Unternehmen wird gesellschaftliche Verantwortung zugerechnet. Damit können
Unternehmen nur umgehen, wenn sie es nicht wie Adam Smith bei "moral
sentiments", also der Tugend ihrer Mitglieder, belassen. Dazu braucht es
schon die Implementierung unternehmensethischer Programme.
Das Modewort
von der "virtuellen Organisation" hält hier allerdings etwas für
die Unternehmensethik Wichtiges fest: den permanenten Umbau und Ortswechsel
interner und externer Kooperationsbeziehungen. Wie und in welcher Weise können
Unternehmen, die sich fortlaufend desintegrieren, Adressaten von Politik und
Ethik sein?
Ethik kommt von Ethos und das meint den gewohnten Ort und
die üblichen Sitten menschlicher Interaktion. Wenn wir die Welt der
Globalisierung und Virtualisierung und Temporalisierung gegen diese Tradition
laufen lassen, sehen wir das Problem, das uns noch eine Weile beschäftigen
wird. Es ist der Wandel der Formen der Institutionalisierung moralischer
Gemeinsamkeiten und Ansprüche in Wirtschaft und Gesellschaft. Die
Unternehmung scheint hier eine Option zu sein.
Freilich, nichts wird so
heiß gegessen wie gekocht. Auch erinnert uns Adam Smiths Prognose über
die Zukunft der Unternehmen an die Irrtumsfähigkeit des Menschen, besonders
wenn er Ökonom ist. Aber Verschiebungen in der Steuerungstektonik sozialer
Körper zu ignorieren, ist am Ende der größere Fehler, weil man
sich der Chance beraubt, sie zu gestalten. Und darauf kommt es an.
|