Editorial: Richtige Intention und Sachgerechtigkeit im Bankgeschäft und in der Börsenspekulation


Die Schlagzeilen von Börsenhändlern, die in Singapur eine altehrwürdige Londoner Bank in den Ruin treiben oder in London der größten deutschen Bank enorme Verluste beibringen, sind um die Welt gegangen. Beide Male handelte es sich um Bankmitarbeiter, die offensichtlich "abgehoben" und den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hatten. Ihr Beispiel zeigt, daß "Wirklichkeit" selbst eine ethische Kategorie ist und daß es besonders im Bankwesen und in der Börsenspekulation des Willens bedarf, das Wirkliche zu erkennen und sich nicht an das nur Mögliche, Phantastische und bloß Imaginäre zu verlieren. Die Pflicht zur Objektivität und nüchternen Wirklichkeitswahrnehmung ist im Bankwesen die erste ethische Pflicht, weil der Gegenstand der Finanzinstitutionen und - märkte, Kredit und Kapital, wenig handgreiflich ist. Ein Schweizer Bankier meinte einmal zu Recht, daß das erste, was er hatte lernen müssen, war, das Bankgeschäft so nüchtern zu sehen, als ob es ein Geschäft mit Kartoffeln wäre.
Die Wirtschaftsethik des Bankwesens ist besonders wichtig, weil das Kredit- und Börsenwesen hoch abstrakt ist, eine hohe Vertrauensbereitschaft auf beiden Seiten, bei Bankier und Kunden, voraussetzt und weil Mißbräuche weniger handgreiflich sind als in anderen Wirtschaftsbereichen. Die Ethik und freiwillige Selbstkontrolle des Bankwesens muß neben dem Bankenrecht stehen und es auch vorbereiten.
Es kommt in Banken und an der Börse auf den Willen zur Sachgerechtigkeit und auf die richtige Intention an. Der Bankier und Börsenmakler muß die Absicht haben, dem Kredit- und Kapitalmarkt zu dienen und nicht durch Insidertrading und Manipulationen die Banken oder die Börse "auszutricksen". Die Banken und die Börse werden dies ihren Mitarbeitern verstärkt durch wirtschaftsethische Reflexion und die Vermittlung wirtschaftsethischer Normen beibringen müssen, um das gefährliche "Abheben" ihrer "Überflieger" in Phantasmata der Spekulation und in Insidertrading zu verhindern.

Peter Koslowski


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