Dr. Detlef
Marquardt Die moralische
Verantwortung der Banken in der heutigen Zeit
Die Diskussion um die moralische Verantwortung der nach Gewinn
strebenden Unternehmen hat seit rund zehn Jahren einen festen Platz in der
öffentlichen Diskussion und der Wissenschaft. Die öffentliche
Auseinandersetzung setzte dabei phasenweise wechselnde Schwerpunkte: Standen
zunächst - ausgehend vom wachsenden Umweltbewußtsein in der
Bevölkerung - die Atom- und die chemische Industrie im Rampenlicht, so
wird gegenwärtig vor allem das Verhalten der Finanzinstitute kritisch
beleuchtet. Das Erkenntnisinteresse der Wissenschaft, hier in erster Linie
der wirtschaftswissenschaftlichen und philosophischen Fakultäten, an
Fragen der Moral und Ethik im Wirtschaftsprozeß hat zu einer mittlerweile
kaum noch überschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen geführt.
Die anhaltende Aktualität sowie die beständige Forschungsarbeit auf
diesem Sektor der Ökonomik spiegelt sich in der Gründung mehrerer,
regelmäßig erscheinender wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher
Zeitschriften, deren Beiträge überwiegend oder sogar
ausschließlich die Diskussion um diesen Themenkreis begleiten. An beinahe
allen deutschen Universitäten gehören Seminare zur Wirtschaftsethik
mittlerweile zum regelmäßigen Angebot in den Lehrplänen, einige
Universitäten haben sogar eigene Lehrstühle für Wirtschafts- und
Unternehmensethik eingerichtet. Diese Entwicklungen lassen ahnen, zu welchem
Umfang und zu welcher Komplexität das Thema herangewachsen ist und vor
welche Anforderungen die gestellt werden, die vor der Aufgabe stehen, "ihr"
Thema einzugrenzen und Komplexitätsreduzierung vorzunehmen. Die
Unternehmen können sich dieser breit gestreuten Auseinandersetzung in der
sensibilisierten Öffentlichkeit nicht entziehen, wollen sie nicht an
Glaubwürdigkeit verlieren und damit nicht zuletzt ihre Stellung am Markt
schwächen. Kein Unternehmen im Wettbewerb kann es sich heute mehr
erlauben, seine Wertorientierung auf die Position Milton Friedmams zu
reduzieren, wonach die einzige moralische Verpflichtung in der Erhöhung
seines Gewinns liegt. Angesichts der zum Teil recht wirkungsvollen
öffentlichen Kritik am Verhalten von Unternehmen, ist die Wirtschaft
gefordert, überzeugende Antworten zu geben, die auch in der Praxis
durchstehen. Bei der Suche nach solchen Antworten hat es offensichtlich
wenig Sinn, an das Thema allein mit gesinnungsethischen Ansprüchen
heranzugehen. Es geht nicht um die Infragestellung unseres marktwirtschaftlich
organisierten Wirtschaftssystems als solches, sondern um das Verhalten der
Akteure innerhalb dieses ordnungspolitischen Rahmens. Es führt zu keiner
neuen Erkenntnis, die Bedingungen des modernen Marktgeschehens - dies gilt
insbesondere auch für das hochtechnisierte Bankwesen - zur Disposition zu
stellen; sie müssen zunächst als gegeben hingenommen werden.
Moralisch noch so hochstehende oder gutgemeinte Forderungen helfen nicht
weiter, wenn sie von den Teilnehmern des Marktprozesses weder eingelöst
noch wegen ihrer Folgen akzeptiert werden können. Ethik hat sich
deshalb zunächst mit Sachkenntnis über den Gegenstand zu verbinden,
damit Ansprüche und Normierungen nicht Gefahr laufen, an den
Realitäten vorbeizugehen oder Menschen und Institutionen mit
unerfüllbaren oder ökonomisch "vernichtenden" Handlungsanweisungen zu
überfordern. Die eigentliche "Dramaturgie" wirtschaftsethischer
Betrachtungen, und noch mehr wirtschaftsethisch gestützter Entscheidungen,
entsteht nicht daraus, daß sich die Akteure in einem klar und eindeutig
definierten Zielkonflikt von Moral und Ökonomie befinden. Der
Entscheidungsdruck gründet vielmehr in der Bewertung von komplexen
Sachverhalten mit einer Vielzahl von Optionen und Handlungsalternativen mit
jeweils eigenen Wert- korridoren. Das Bankgeschäft sieht sich
regelmäßig mit solchen komplexen Handlungsalternativen konfrontiert.
Jedes apodiktische Urteil über "die Bankwirtschaft", "die Banken" oder
"die Banker" ist daher fehl am Platz. Der Ausweg bei der Suche aus dem
Entscheidungsnotstand im Fadenkreuz zwischen Moral und Geschäft kann weder
sein, das System selbst, unsere Wirtschaftsordnung, in Frage zu stellen, noch
einen Moralismus zu entwerfen, der einen "neuen Menschen" oder "moralische
Unternehmen" benötigt und sich in die Utopie flüchtet, um seinen
Forderungen Genüge zu tun. Wo das hinführt, konnten und können
wir in den Staatshandelsländern beobachten. Eine wirtschaftsethische
Beurteilung des Verhaltens von Marktteilnehmern hat zunächst von den
Funktionsweisen und Grundlagen des marktwirtschaftlichen Systems auszugehen.
Markt an sich hat keine moralische Dimension. Rein technisch gesprochen
handelt es sich um den Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen. Auf
den Märkten werden Allokationentscheidungen getroffen, also Entscheidungen
darüber, wie die Güter aufgeteilt werden sollen, um konkurrierenden
Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Moral beginnt erst bei den Regeln, nach
denen die Verteilung der Güter auf dem Markt organisiert wird.
Vorausgesetzt Wettbewerb funktioniert, sorgt der Markt mit seinen Anreizen
und Sanktionen dafür, daß durch das Motiv des Eigeninteresses auch
eine Art gesamtgesellschaftliche Produktivität entsteht und folglich den
Bedürfnissen der Marktteilnehmer entsprochen werden kann. Das Prinzip des
Marktes ist damit sehr wirkungsvoll in den Dienst einer gesellschaftlichen
Aufgabe gestellt. Nur über einen solchen Marktmechanismus läßt
sich Wohlstand erwirtschaften, der Verteilungsspielräume eröffnet und
die materielle Grundlage zur Sozialverträglichkeit des
marktwirtschaftlichen Systems schafft. Erst wenn diese
marktwirtschaftlichen Prämissen unserer Wirtschaftsordnung anerkannt und
eingeübt sind, kann die Frage nach Normierungen des wirtschaftlichen
Handelns ansetzen. Die Erkenntnis ist gesichert, daß langfristig eine
gesinnungsethisch orientierte Wirtschaftsordnung genauso wenig Bestand hat, wie
eine allein auf moralischen Postulaten begründete und dabei in Widerspruch
zu den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten stehende. Gefragt ist der
"Mittelstreifen der Vernunft", auf dem wertorientiertes Managen und
ökonomische Gesetzmäßigkeit gleichermaßen ihren Platz
finden. Die wirtschaftswissenschaftliche Ursachenforschung hat bei der
Motivsuche für die aktuelle, anhaltend intensive Auseinandersetzung
über Moral in der Wirtschaft die folgenden Faktoren erkannt:
- Wachstum und Wohlstand, als Ergebnis marktwirtschaftlichen
Handelns, sind in ihrer Akzeptanz nicht mehr unumstritten; Wirtschaftswachstum
dient nicht mehr der Wohlstandsmehrung, sondern avanciert zum Selbstzweck. Der
scheinbar untrennbare Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und sozial gerechter
Verteilung ist unter den fortschreitenden Bedingungen von Rationalisierung und
Internationalisierung brüchig geworden.
- Ethik stellt sich immer die Frage nach den Folgen menschlichen
Handelns; daher lösen gerade Phasen wirtschaftsstruktureller Krisen und
Umbrüche (Technisierung, Um-/Abbau der sozialstaatlichen Fürsorge,
Globalisierung, Kapitalismus ohne Arbeit) die Suche nach tragfähigen
ethischen Normen im neuen ökonomischen Umfeld aus. Angesichts zunehmender
sozialer und ökologischer "Schieflagen" wächst das Bewußtsein,
daß ökonomische und technologische Rationalität nicht der
Schlüssel zu allen akuten Problemen unseres Gemeinwesens ist.
- Die einseitige Orientierung am materiellem Fortschritt nimmt
ab. Ein wachsender Teil der Bevölkerung erkennt, daß sich ein
sinnvoll geführtes Leben schwerlich im materiellen Wohlstand
erschöpft; immaterielle Werte, die nicht durch "Angebot und Nachfrage" des
Marktes befriedigt werden können, rücken verstärkt in den
Vordergrund. Gerade bei der jungen Generation artikuliert sich der Wunsch nach
ganzheitlicher Lebensentfaltung, die sich über Konsum allein nicht
herstellen läßt. Postmaterialistische Werte als
Selbstentfaltungswerte, so Ronald Inglehart, verdrängen die strategischen
Leitbilder, die auf Größe, Naturbeherrschung und Wachstum gesetzt
haben. Dieser Wertewandel im weiteren Sinn schlägt auch auf das
traditionelle Verständnis der Bank-Kunden-Beziehung durch.
Die regelmäßig erhobene Frage nach den
Nebenwirkungen wirtschaftlichen Handelns für die Umwelt ist hinsichtlich
der ökologischen Folgen schon fast zur Selbstverständlichkeit
geworden. Der Begriff "Umwelt" und dementsprechend die "Umwelt" der
unternehmerischen Tätigkeit wird heute allerdings sehr viel weiter
definiert: Die kritische Öffentlichkeit erhebt auch Fragen nach den
Nebenwirkungen für die gesellschaftliche Umwelt im weiteren Sinn
(Stichworte: gesundheitliche Risiken, soziale und kulturelle Störfelder).
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen, vom gesellschaftlichen Wandel
bestimmten Motive für die Wiederentdeckung der Wirtschaftsethik stellt
sich Frage, warum in diesem Kontext die Banken auf den Prüfstand gestellt
werden. Banken sind als universale Intermediäre im
Wirtschaftsprozeß in besonders intensiver Weise mit den Folgen
wirtschaftlichen Handels konfrontiert. Aus dieser zentralen Funktion im
modernen Wirtschaftsprozeß ist die exponierte Position des Bankensektors
in der aktuellen öffentlichen Diskussion erwachsen. Worin liegen die
Ursachen für die häufig ablehnende Haltung gegenüber dem
Finanzsektor, auf dessen Dienstleistungen dennoch keiner verzichten kann?
Banken verfügen unbestreitbar über einen erheblichen Einfluß im
Wirtschaftsprozeß; aus ihrer Doppelfunktion als Finanzintermediäre
ergibt sich häufig ein Dilemma: Durch die Gewährung ihrer Finanzkraft
ermöglichen sie Personen und Unternehmen, Ziele zu verfolgen und zu
erreichen; sie können dies aber auch behindern, indem sie keine
Liquidität zur Verfügung stellen. Die Anleger erwarten Sicherheit,
Zuverlässigkeit, maximale Rendite; die Kreditnehmer suchen
Aufgeschlossenheit, Risikokapital, Flexibilität, günstige
Konditionen, geringstmögliche Gebühren. Diese Doppelfunktion
zwischen notwendiger Profitabilität und sozialer Verpflichtung erzeugt
Spannungsverhältnisse. Eine zurückhaltende Kreditvergabepolitik zur
Vermeidung notleidender Kredite in Zeiten allgemeiner wirtschaftlicher
Schwäche steht der Vorwurf liquiditätspolitischer Strangulierung der
Wirtschaft gegenüber; eine großzügige, risikofreudige
Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität muß sich im Insolvenzfall
der Kritik offensichtlich leichtsinniger Kreditvergabe erwehren. Ebenso sehen
sich gerade in jüngster Zeit die Banken immer wieder gezwungen, ihre im
Branchenvergleich überdurchschnittlichen Gewinne in einem schwachen
konjukturellen Umfeld gegenüber dem Vorwurf unternehmerischer Gier zu
rechtfertigen. Spektakuläre Beispiele, die das Vorurteil vom
"unmoralischen Verhalten" der Finanzinstitute bestätigen, gibt es offenbar
genug. Hier genügt ein Blick auf die Auslagen einschlägiger Titel in
den Buchläden: Da stehen die "Raubritter in Glaspalästen" neben dem
"Kartell der Kassierer", oder man findet sich "Im Netz der Geldfänger"
wieder. Als anschauliche Beispiele für fehlgeleitetes Agieren der Banken
lieferten in jüngerer Vergangenheit die ruinösen Spekulationen des
Börsenhasadeurs Nick Leeson oder der leichtfertige Umgang bei der
Kreditvergabe im Fall Schneider. Von "Geld regiert die Welt" zu "Geld verdirbt
die Welt" ist es nur ein kurzer gedanklicher Sprung. Die Banken haben hieran
einen beträchtlichen Anteil. Wie können sich die Banken aus
diesem Dilemma befreien? Welche Instrumente und Prozesse stehen dem Management
zur Verfügung, um Verantwortungsbewußtsein zu demonstrieren und
dennoch in der Wettbewerbsgesellschaft erfolgreich zu agieren? Wie kann das
Netzwerk von ökonomischen und wertorientierten Entscheidungen zu einem
tragfähigen Geflecht für das wirtschaftliche Handeln verknotet
werden, so daß es den Ansprüchen der Gesellschaft standhalten kann?
Zunächst: Es gibt keinen Königsweg! Instrumentenfetischismus
konkurriert mit Prozeßfetischismus. Es ist ein Minimalkonsens zu finden,
der "Ökonomisten" mit Sinn allein für die marktwirtschaftliche
Rationalität ebenso vermittelbar ist wie Gesinnungsethikern, die
wirtschaftliches Handeln vor allem als eine soziale Veranstaltung begreifen.
Der Kerngehalt eines solchen Konsenses müßte der erklärte
Verzicht auf wirtschaftliche Schädigung anderer sein. Die Umsetzung eines
solchen Konsenses müßte innerhalb und außerhalb der Bank
subjektiv nachvollziehbar und empirisch überprüfbar sein; es
muß erkennbar werden, ob eine solche Selbstverpflichtung des Unternehmens
im Rahmen seines wirtschaftlichen Handelns eingehalten wird. Die
Selbstverpflichtung zur Einhaltung nicht schädigenden Verhaltens
könnten die Banken in der Formulierung eines allgemeingültigen
moralischen Verhaltenskodexes konkretisieren, der die Werthaltungen der Bank
gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Anteilseignern und der Umwelt abbildet.
Durch einen solchen "code of conduct" artikuliert die Bank Prinzipien, Werte
und Verhaltensregeln. Der Kodex bildet die Wertvorstellungen und
Überzeugungen, das Wertgefüge der Bank ab. Dieses Wertesystem steht
als eigenständige Dimension - als ethische Struktur - neben der
betriebswirtschaftlichen und der technischen Dimension des Bankbetriebes. Diese
Wertmuster werden zu Nebenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns. Sie
müssen sich auf dem Markt behaupten, sie werden zu einem Aspekt der
Finanzdienstleistung wie eine finanztechnische Kondition der
Finanzdienstleistung. Sie werden auf dem Markt genauso im Wettbewerb um
Akzeptanz stehen wie ein Produkt oder eine Dienstleistung. Handelt die Bank
"moralisch" im Sinne des gesellschaftlichen Konsenses und ihres eigenen
moralischen Anspruchs, dann wird dieser Anspruch zu einem integralen
Bestandteil des "Corporate design", zu einem Prädikat wie ein
Gütesiegel. Ein solcher Kodex stellt als Nebenbedingung des
unternehmerischen Handelns die Hauptziele - Erwirtschaftung von Erträgen
bzw. Gewinnmaximierung - nicht in Frage, grenzt aber den Handlungsspielraum der
Bank ein. Wie die Unternehmensstrategie müssen die Normen dieses Kodexes
regelmäßig auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden.
Das Wertgefüge muß in der Lage sein, auf Umweltveränderungen zu
reagieren. Der Kodex soll Handlungsorientierung bieten, ohne daß sich aus
ihm Handlungsanweisungen starr und dogmatisch deduzieren lassen. Als
Träger der Leitsätze fungiert jeder einzelne Mitarbeiter des
Unternehmens, er vertritt sie nach innen und außen durch sein Handeln. So
wird wertorientiertes Management zu einem Kernelement der Unternehmenskultur.
Jedem Bankmitarbeiter muß bewußt werden, daß die
Integrität seines Unternehmens maßgeblich von seinem Verhalten
abhängig ist. Daraus ergibt sich als elementare Voraussetzung, daß
die innere Befindlichkeit der Mitarbeiter, die Loyalität mit ihrem
Unternehmen und ihr Verantwortungsbewußtsein in der Arbeit am Kunden mit
dem Wertgefüge der Bank im Einklang steht. Dieses Bewußtsein kann
nur in einem fortlaufend regenerativen, der Selbstkontrolle unterliegenden
Prozeß erreicht werden. Nur so kann die Bank die moralische Dimension
überzeugend ausfüllen. Im Sinne dieses Prozesses versteht sich die DG
BANK auch als "lernende Organisation". Welche Normen bieten sich als
Bestandteile eines Moralkodexes für Finanzinstitutionen an? Exemplarisch
hat die DG BANK dieses in ihrem Unternehmensleitbild entwickelt und
dargestellt. Dieses Unternehmensleitbild ist sozusagen die Magna Charta ihrer
Unternehmenskultur; sie gilt sowohl für das Verhalten der Mitarbeiter
untereinander als auch im Kontakt nach außen. Die Verfassung besteht aus
gleichrangigen Grundsätzen:
- die Mitarbeiter sind ein wesentlicher, entscheidender Faktor
für den Erfolg des Unternehmens
- Kundeninteressen bestimmen Denken und Handeln
- individuell zugeschnittene Leistungen anbieten
- Erträge erwirtschaften als Grundlage für
Investitionen und Arbeitsplätze
- dezentrale Marktbearbeitung, zentrale Unternehmenssteuerung
- Kommunikation nach innen und außen, Handeln und Ziele
offenlegen
Das Unternehmensleitbild umreißt die Fläche, auf der
das moralische Gerüst der DG BANK verankert ist. Ziel ist es, mit diesem
Gerüst die Entscheidungsfähigkeit der Mitarbeiter zu stärken und
Impulse zu geben, wie Handlungsalternativen im Kontakt zu
Geschäftspartnern, Anteilseignern und Mitarbeitern legitimiert werden.
Gewiß, das Leitbild umfaßt neben komplementären auch
konkurrierende Ziele. Doch wird damit lediglich versucht, der angesprochenen
Komplexität des Bankgeschäfts gerecht zu werden. Das
Unternehmensleitbild setzt an bei dem Kerngedanken, daß Bankgeschäft
zutiefst eine gesellschaftliche Veranstaltung ist. In der
Wertschöpfungskette werden nicht nur kurzfristige Vorteile einkalkuliert,
sondern auch die langfristigen Folgen der Geschäftsbeziehung.
Geschäftsaktivitäten werden im Licht partnerschaftlicher Beziehungen
und partnerschaftlichen Verhaltens gesehen, und zwar nicht nur innerhalb des
Unternehmens, sondern auch im Verhältnis zu den Kunden und Anteilseignern.
Nicht nur "ich" mache das Geschäft, sondern "wir". "Wir" ziehen Nutzen,
Gewinn, Erträge aus dem Geschäft. Bank und Geschäftspartner
partizipieren gemeinsam am Erfolg. Auf diese Weise wird Vertrauen geschaffen,
das die langfristig Kundenbindung fördert. Konsequenterweise hat die DG
BANK dieses "Wir"- Prinzip zur ihrer Unternehmens-"Marke" gemacht.
Wie wird in der DG BANK dieser Kerngedanke umgesetzt? Vier
Verantwortungsebenen rücken hierbei in den Mittelpunkt:
- Die Beziehung zum Kunden:
Den Bedürfnissen und
Erwartungen von Kunden wird im Geschäft in einer Art entsprochen, die
tatsächlich den Vorstellungen des Kunden entspricht. D.h.
- keine Geschäfte, die die legitimen Rechte Dritter
einschränken (Verzicht auf Gewinnmaximierung),
- keine unfairen, undurchsichtige Verträge,
- vorhersehbare Probleme/Risiken/Nachteile werden
offengelegt.
- Förderung der Mitarbeiter, d.h.
- Aufqualifizierung der Führungskräfte in Richtung
wertorientierte Personalführung,
- die Bank als lernfähige und lernende Organisation mit
allen mühevollen Veränderungsprozessen begreifen,
- Mitarbeiter nicht nur als Funktionsträger in einem
technisch bestimmten Produktionsablauf am Ende der Wertschöpfungskette
betrachten, sondern als wichtigste Ressource für den Geschäftserfolg
begreifen,
- das Kreativpotential der Mitarbeiter im Sinne der
Unternehmensziele fördern, "gute Gewinne machen - aber nicht gegen die
Belegschaft",
- kundenorientiertes Führungsverhalten vorleben und
belohnen,
- sozio-kulturelle Entwicklungen aufgreifen und zum
Bestandteil des Führungsverhaltens machen.
- Interessen der Anteilseigner ernst nehmen, d.h.
- die Schaffung von Vermögenswerten, die Darstellung
einer angemessenen Eigenkapitalverzinsung und Sicherung einer dauerhaften
Dividendenfähigkeit - der Bank letztlich die Fähigkeit verleihen, dem
shareholder-value-Prinzip gerecht zu werden,
- spekulative Risiken soweit begrenzen, daß der
Fortbestand des Unternehmens nicht gefährdet ist sowie,
- offene, kritische Berichterstattung über die
Unternehmensentwicklung und Ausbalancierung von kurz- und langfristigem
Wachstum.
- Verantwortung für die Umwelt, d.h.
- Prüfung von Investitionskrediten auf
Umweltverträglichkeit, externe Effekte reflektieren, Krisenregionen
aussparen,
- marktorientierte Förderung des
Umweltschutz/Umweltinvestitionen z.B. durch das Angebot von "Öko-Fonds"
(dieses Zukunftssegment ermöglicht die Symbiose von
Gewinnerzielungsabsicht und ökologischer Verantwortung)
- Transparenz von Erfolgen und Mißerfolgen,
- Übernahme gesellschaftlicher Aufgaben - Corporate
Citizenship, -
- Dialogfähigkeit mit der kritischen Öffentlichkeit
herstellen.
Die Kodifizierung dieser Verhaltensregeln ist eine Sache, die
gelebte Wirklichkeit eine andere. Die Grundsätze sind nicht einklagbar.
Unternehmenskulturelle Tatbestände sind nicht über Nacht zu
revidieren. Bestehende Angst- und Durchgriffskulturen lassen sich nicht per
Dekret von einer Verantwortungskultur ablösen; ihre Etablierung -
gegebenenfalls auch gegen interne Handlungsblockaden - ist daher eine
fortlaufende, erfolgsnotwendige Managementaufgabe. Hilfsgrößen zur
Implementierung und Evaluierung bietet der jährliche Planungs- und
Budgetprozeß. Allein das Reporting hierüber bringt wertvolle
Lernerfahrungen. Diese sind um so wichtiger je mehr im Zuge von
Internationalisierung und Globalisierung des Bankwesens - begleitet von
anonymen und technologisch gestützten Datenströmen - divergierende
Kulturkreise und Unternehmensgrundsätze aufeinderprallen. Wenn es schon
berechtigte Zweifel an der Machbarkeit eines Weltethos gibt, dann sollte
wenigstens soviel Reflexion in das Thema investiert werden, daß die
individuelle unternehmensspezifische Positionierung deutlich erkennbar erfolgt.
Dr. Detlef Marquardt ist Generalbevollmächtigter der DG
BANK Deutsche Genossenschaftsbank, Frankfurt am Main.
Anmerkung: Unter Moral wird hier das Bündel von
vorrangigen, sanktionsfähigen und verhaltensbeschränkenden Normen
verstanden, die in einer Gesellschaft informell, aber verbindlich gelten; Ethik
bezeichnet die Wissenschaft, deren Erkenntnisinteresse sinnvolles und
verantwortungsvolles Handeln ist (zurück zum
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