3/1996
Forum Wirtschaftsethik
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Thema
Dr. Detlef Marquardt

Die moralische Verantwortung der Banken in der heutigen Zeit

Die Diskussion um die moralische Verantwortung der nach Gewinn strebenden Unternehmen hat seit rund zehn Jahren einen festen Platz in der öffentlichen Diskussion und der Wissenschaft. Die öffentliche Auseinandersetzung setzte dabei phasenweise wechselnde Schwerpunkte: Standen zunächst - ausgehend vom wachsenden Umweltbewußtsein in der Bevölkerung - die Atom- und die chemische Industrie im Rampenlicht, so wird gegenwärtig vor allem das Verhalten der Finanzinstitute kritisch beleuchtet.
Das Erkenntnisinteresse der Wissenschaft, hier in erster Linie der wirtschaftswissenschaftlichen und philosophischen Fakultäten, an Fragen der Moral und Ethik im Wirtschaftsprozeß hat zu einer mittlerweile kaum noch überschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen geführt. Die anhaltende Aktualität sowie die beständige Forschungsarbeit auf diesem Sektor der Ökonomik spiegelt sich in der Gründung mehrerer, regelmäßig erscheinender wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriften, deren Beiträge überwiegend oder sogar ausschließlich die Diskussion um diesen Themenkreis begleiten. An beinahe allen deutschen Universitäten gehören Seminare zur Wirtschaftsethik mittlerweile zum regelmäßigen Angebot in den Lehrplänen, einige Universitäten haben sogar eigene Lehrstühle für Wirtschafts- und Unternehmensethik eingerichtet. Diese Entwicklungen lassen ahnen, zu welchem Umfang und zu welcher Komplexität das Thema herangewachsen ist und vor welche Anforderungen die gestellt werden, die vor der Aufgabe stehen, "ihr" Thema einzugrenzen und Komplexitätsreduzierung vorzunehmen.
Die Unternehmen können sich dieser breit gestreuten Auseinandersetzung in der sensibilisierten Öffentlichkeit nicht entziehen, wollen sie nicht an Glaubwürdigkeit verlieren und damit nicht zuletzt ihre Stellung am Markt schwächen. Kein Unternehmen im Wettbewerb kann es sich heute mehr erlauben, seine Wertorientierung auf die Position Milton Friedmams zu reduzieren, wonach die einzige moralische Verpflichtung in der Erhöhung seines Gewinns liegt. Angesichts der zum Teil recht wirkungsvollen öffentlichen Kritik am Verhalten von Unternehmen, ist die Wirtschaft gefordert, überzeugende Antworten zu geben, die auch in der Praxis durchstehen.
Bei der Suche nach solchen Antworten hat es offensichtlich wenig Sinn, an das Thema allein mit gesinnungsethischen Ansprüchen heranzugehen. Es geht nicht um die Infragestellung unseres marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystems als solches, sondern um das Verhalten der Akteure innerhalb dieses ordnungspolitischen Rahmens. Es führt zu keiner neuen Erkenntnis, die Bedingungen des modernen Marktgeschehens - dies gilt insbesondere auch für das hochtechnisierte Bankwesen - zur Disposition zu stellen; sie müssen zunächst als gegeben hingenommen werden. Moralisch noch so hochstehende oder gutgemeinte Forderungen helfen nicht weiter, wenn sie von den Teilnehmern des Marktprozesses weder eingelöst noch wegen ihrer Folgen akzeptiert werden können.
Ethik hat sich deshalb zunächst mit Sachkenntnis über den Gegenstand zu verbinden, damit Ansprüche und Normierungen nicht Gefahr laufen, an den Realitäten vorbeizugehen oder Menschen und Institutionen mit unerfüllbaren oder ökonomisch "vernichtenden" Handlungsanweisungen zu überfordern.
Die eigentliche "Dramaturgie" wirtschaftsethischer Betrachtungen, und noch mehr wirtschaftsethisch gestützter Entscheidungen, entsteht nicht daraus, daß sich die Akteure in einem klar und eindeutig definierten Zielkonflikt von Moral und Ökonomie befinden. Der Entscheidungsdruck gründet vielmehr in der Bewertung von komplexen Sachverhalten mit einer Vielzahl von Optionen und Handlungsalternativen mit jeweils eigenen Wert- korridoren.
Das Bankgeschäft sieht sich regelmäßig mit solchen komplexen Handlungsalternativen konfrontiert. Jedes apodiktische Urteil über "die Bankwirtschaft", "die Banken" oder "die Banker" ist daher fehl am Platz. Der Ausweg bei der Suche aus dem Entscheidungsnotstand im Fadenkreuz zwischen Moral und Geschäft kann weder sein, das System selbst, unsere Wirtschaftsordnung, in Frage zu stellen, noch einen Moralismus zu entwerfen, der einen "neuen Menschen" oder "moralische Unternehmen" benötigt und sich in die Utopie flüchtet, um seinen Forderungen Genüge zu tun. Wo das hinführt, konnten und können wir in den Staatshandelsländern beobachten. Eine wirtschaftsethische Beurteilung des Verhaltens von Marktteilnehmern hat zunächst von den Funktionsweisen und Grundlagen des marktwirtschaftlichen Systems auszugehen.
Markt an sich hat keine moralische Dimension. Rein technisch gesprochen handelt es sich um den Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen. Auf den Märkten werden Allokationentscheidungen getroffen, also Entscheidungen darüber, wie die Güter aufgeteilt werden sollen, um konkurrierenden Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Moral beginnt erst bei den Regeln, nach denen die Verteilung der Güter auf dem Markt organisiert wird.
Vorausgesetzt Wettbewerb funktioniert, sorgt der Markt mit seinen Anreizen und Sanktionen dafür, daß durch das Motiv des Eigeninteresses auch eine Art gesamtgesellschaftliche Produktivität entsteht und folglich den Bedürfnissen der Marktteilnehmer entsprochen werden kann. Das Prinzip des Marktes ist damit sehr wirkungsvoll in den Dienst einer gesellschaftlichen Aufgabe gestellt. Nur über einen solchen Marktmechanismus läßt sich Wohlstand erwirtschaften, der Verteilungsspielräume eröffnet und die materielle Grundlage zur Sozialverträglichkeit des marktwirtschaftlichen Systems schafft.
Erst wenn diese marktwirtschaftlichen Prämissen unserer Wirtschaftsordnung anerkannt und eingeübt sind, kann die Frage nach Normierungen des wirtschaftlichen Handelns ansetzen.
Die Erkenntnis ist gesichert, daß langfristig eine gesinnungsethisch orientierte Wirtschaftsordnung genauso wenig Bestand hat, wie eine allein auf moralischen Postulaten begründete und dabei in Widerspruch zu den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten stehende. Gefragt ist der "Mittelstreifen der Vernunft", auf dem wertorientiertes Managen und ökonomische Gesetzmäßigkeit gleichermaßen ihren Platz finden.
Die wirtschaftswissenschaftliche Ursachenforschung hat bei der Motivsuche für die aktuelle, anhaltend intensive Auseinandersetzung über Moral in der Wirtschaft die folgenden Faktoren erkannt:

  • Wachstum und Wohlstand, als Ergebnis marktwirtschaftlichen Handelns, sind in ihrer Akzeptanz nicht mehr unumstritten; Wirtschaftswachstum dient nicht mehr der Wohlstandsmehrung, sondern avanciert zum Selbstzweck. Der scheinbar untrennbare Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und sozial gerechter Verteilung ist unter den fortschreitenden Bedingungen von Rationalisierung und Internationalisierung brüchig geworden.
  • Ethik stellt sich immer die Frage nach den Folgen menschlichen Handelns; daher lösen gerade Phasen wirtschaftsstruktureller Krisen und Umbrüche (Technisierung, Um-/Abbau der sozialstaatlichen Fürsorge, Globalisierung, Kapitalismus ohne Arbeit) die Suche nach tragfähigen ethischen Normen im neuen ökonomischen Umfeld aus. Angesichts zunehmender sozialer und ökologischer "Schieflagen" wächst das Bewußtsein, daß ökonomische und technologische Rationalität nicht der Schlüssel zu allen akuten Problemen unseres Gemeinwesens ist.
  • Die einseitige Orientierung am materiellem Fortschritt nimmt ab. Ein wachsender Teil der Bevölkerung erkennt, daß sich ein sinnvoll geführtes Leben schwerlich im materiellen Wohlstand erschöpft; immaterielle Werte, die nicht durch "Angebot und Nachfrage" des Marktes befriedigt werden können, rücken verstärkt in den Vordergrund. Gerade bei der jungen Generation artikuliert sich der Wunsch nach ganzheitlicher Lebensentfaltung, die sich über Konsum allein nicht herstellen läßt. Postmaterialistische Werte als Selbstentfaltungswerte, so Ronald Inglehart, verdrängen die strategischen Leitbilder, die auf Größe, Naturbeherrschung und Wachstum gesetzt haben. Dieser Wertewandel im weiteren Sinn schlägt auch auf das traditionelle Verständnis der Bank-Kunden-Beziehung durch.


Die regelmäßig erhobene Frage nach den Nebenwirkungen wirtschaftlichen Handelns für die Umwelt ist hinsichtlich der ökologischen Folgen schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Der Begriff "Umwelt" und dementsprechend die "Umwelt" der unternehmerischen Tätigkeit wird heute allerdings sehr viel weiter definiert: Die kritische Öffentlichkeit erhebt auch Fragen nach den Nebenwirkungen für die gesellschaftliche Umwelt im weiteren Sinn (Stichworte: gesundheitliche Risiken, soziale und kulturelle Störfelder).
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen, vom gesellschaftlichen Wandel bestimmten Motive für die Wiederentdeckung der Wirtschaftsethik stellt sich Frage, warum in diesem Kontext die Banken auf den Prüfstand gestellt werden.
Banken sind als universale Intermediäre im Wirtschaftsprozeß in besonders intensiver Weise mit den Folgen wirtschaftlichen Handels konfrontiert. Aus dieser zentralen Funktion im modernen Wirtschaftsprozeß ist die exponierte Position des Bankensektors in der aktuellen öffentlichen Diskussion erwachsen. Worin liegen die Ursachen für die häufig ablehnende Haltung gegenüber dem Finanzsektor, auf dessen Dienstleistungen dennoch keiner verzichten kann? Banken verfügen unbestreitbar über einen erheblichen Einfluß im Wirtschaftsprozeß; aus ihrer Doppelfunktion als Finanzintermediäre ergibt sich häufig ein Dilemma: Durch die Gewährung ihrer Finanzkraft ermöglichen sie Personen und Unternehmen, Ziele zu verfolgen und zu erreichen; sie können dies aber auch behindern, indem sie keine Liquidität zur Verfügung stellen. Die Anleger erwarten Sicherheit, Zuverlässigkeit, maximale Rendite; die Kreditnehmer suchen Aufgeschlossenheit, Risikokapital, Flexibilität, günstige Konditionen, geringstmögliche Gebühren.
Diese Doppelfunktion zwischen notwendiger Profitabilität und sozialer Verpflichtung erzeugt Spannungsverhältnisse. Eine zurückhaltende Kreditvergabepolitik zur Vermeidung notleidender Kredite in Zeiten allgemeiner wirtschaftlicher Schwäche steht der Vorwurf liquiditätspolitischer Strangulierung der Wirtschaft gegenüber; eine großzügige, risikofreudige Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität muß sich im Insolvenzfall der Kritik offensichtlich leichtsinniger Kreditvergabe erwehren. Ebenso sehen sich gerade in jüngster Zeit die Banken immer wieder gezwungen, ihre im Branchenvergleich überdurchschnittlichen Gewinne in einem schwachen konjukturellen Umfeld gegenüber dem Vorwurf unternehmerischer Gier zu rechtfertigen.
Spektakuläre Beispiele, die das Vorurteil vom "unmoralischen Verhalten" der Finanzinstitute bestätigen, gibt es offenbar genug. Hier genügt ein Blick auf die Auslagen einschlägiger Titel in den Buchläden: Da stehen die "Raubritter in Glaspalästen" neben dem "Kartell der Kassierer", oder man findet sich "Im Netz der Geldfänger" wieder. Als anschauliche Beispiele für fehlgeleitetes Agieren der Banken lieferten in jüngerer Vergangenheit die ruinösen Spekulationen des Börsenhasadeurs Nick Leeson oder der leichtfertige Umgang bei der Kreditvergabe im Fall Schneider. Von "Geld regiert die Welt" zu "Geld verdirbt die Welt" ist es nur ein kurzer gedanklicher Sprung. Die Banken haben hieran einen beträchtlichen Anteil.
Wie können sich die Banken aus diesem Dilemma befreien? Welche Instrumente und Prozesse stehen dem Management zur Verfügung, um Verantwortungsbewußtsein zu demonstrieren und dennoch in der Wettbewerbsgesellschaft erfolgreich zu agieren? Wie kann das Netzwerk von ökonomischen und wertorientierten Entscheidungen zu einem tragfähigen Geflecht für das wirtschaftliche Handeln verknotet werden, so daß es den Ansprüchen der Gesellschaft standhalten kann?
Zunächst: Es gibt keinen Königsweg! Instrumentenfetischismus konkurriert mit Prozeßfetischismus. Es ist ein Minimalkonsens zu finden, der "Ökonomisten" mit Sinn allein für die marktwirtschaftliche Rationalität ebenso vermittelbar ist wie Gesinnungsethikern, die wirtschaftliches Handeln vor allem als eine soziale Veranstaltung begreifen. Der Kerngehalt eines solchen Konsenses müßte der erklärte Verzicht auf wirtschaftliche Schädigung anderer sein. Die Umsetzung eines solchen Konsenses müßte innerhalb und außerhalb der Bank subjektiv nachvollziehbar und empirisch überprüfbar sein; es muß erkennbar werden, ob eine solche Selbstverpflichtung des Unternehmens im Rahmen seines wirtschaftlichen Handelns eingehalten wird.
Die Selbstverpflichtung zur Einhaltung nicht schädigenden Verhaltens könnten die Banken in der Formulierung eines allgemeingültigen moralischen Verhaltenskodexes konkretisieren, der die Werthaltungen der Bank gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Anteilseignern und der Umwelt abbildet. Durch einen solchen "code of conduct" artikuliert die Bank Prinzipien, Werte und Verhaltensregeln. Der Kodex bildet die Wertvorstellungen und Überzeugungen, das Wertgefüge der Bank ab. Dieses Wertesystem steht als eigenständige Dimension - als ethische Struktur - neben der betriebswirtschaftlichen und der technischen Dimension des Bankbetriebes. Diese Wertmuster werden zu Nebenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns. Sie müssen sich auf dem Markt behaupten, sie werden zu einem Aspekt der Finanzdienstleistung wie eine finanztechnische Kondition der Finanzdienstleistung. Sie werden auf dem Markt genauso im Wettbewerb um Akzeptanz stehen wie ein Produkt oder eine Dienstleistung. Handelt die Bank "moralisch" im Sinne des gesellschaftlichen Konsenses und ihres eigenen moralischen Anspruchs, dann wird dieser Anspruch zu einem integralen Bestandteil des "Corporate design", zu einem Prädikat wie ein Gütesiegel.
Ein solcher Kodex stellt als Nebenbedingung des unternehmerischen Handelns die Hauptziele - Erwirtschaftung von Erträgen bzw. Gewinnmaximierung - nicht in Frage, grenzt aber den Handlungsspielraum der Bank ein. Wie die Unternehmensstrategie müssen die Normen dieses Kodexes regelmäßig auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden. Das Wertgefüge muß in der Lage sein, auf Umweltveränderungen zu reagieren. Der Kodex soll Handlungsorientierung bieten, ohne daß sich aus ihm Handlungsanweisungen starr und dogmatisch deduzieren lassen.
Als Träger der Leitsätze fungiert jeder einzelne Mitarbeiter des Unternehmens, er vertritt sie nach innen und außen durch sein Handeln. So wird wertorientiertes Management zu einem Kernelement der Unternehmenskultur. Jedem Bankmitarbeiter muß bewußt werden, daß die Integrität seines Unternehmens maßgeblich von seinem Verhalten abhängig ist. Daraus ergibt sich als elementare Voraussetzung, daß die innere Befindlichkeit der Mitarbeiter, die Loyalität mit ihrem Unternehmen und ihr Verantwortungsbewußtsein in der Arbeit am Kunden mit dem Wertgefüge der Bank im Einklang steht. Dieses Bewußtsein kann nur in einem fortlaufend regenerativen, der Selbstkontrolle unterliegenden Prozeß erreicht werden. Nur so kann die Bank die moralische Dimension überzeugend ausfüllen. Im Sinne dieses Prozesses versteht sich die DG BANK auch als "lernende Organisation".
Welche Normen bieten sich als Bestandteile eines Moralkodexes für Finanzinstitutionen an? Exemplarisch hat die DG BANK dieses in ihrem Unternehmensleitbild entwickelt und dargestellt. Dieses Unternehmensleitbild ist sozusagen die Magna Charta ihrer Unternehmenskultur; sie gilt sowohl für das Verhalten der Mitarbeiter untereinander als auch im Kontakt nach außen. Die Verfassung besteht aus gleichrangigen Grundsätzen:

  • die Mitarbeiter sind ein wesentlicher, entscheidender Faktor für den Erfolg des Unternehmens
  • Kundeninteressen bestimmen Denken und Handeln
  • individuell zugeschnittene Leistungen anbieten
  • Erträge erwirtschaften als Grundlage für Investitionen und Arbeitsplätze
  • dezentrale Marktbearbeitung, zentrale Unternehmenssteuerung
  • Kommunikation nach innen und außen, Handeln und Ziele offenlegen

Das Unternehmensleitbild umreißt die Fläche, auf der das moralische Gerüst der DG BANK verankert ist. Ziel ist es, mit diesem Gerüst die Entscheidungsfähigkeit der Mitarbeiter zu stärken und Impulse zu geben, wie Handlungsalternativen im Kontakt zu Geschäftspartnern, Anteilseignern und Mitarbeitern legitimiert werden. Gewiß, das Leitbild umfaßt neben komplementären auch konkurrierende Ziele. Doch wird damit lediglich versucht, der angesprochenen Komplexität des Bankgeschäfts gerecht zu werden.
Das Unternehmensleitbild setzt an bei dem Kerngedanken, daß Bankgeschäft zutiefst eine gesellschaftliche Veranstaltung ist. In der Wertschöpfungskette werden nicht nur kurzfristige Vorteile einkalkuliert, sondern auch die langfristigen Folgen der Geschäftsbeziehung. Geschäftsaktivitäten werden im Licht partnerschaftlicher Beziehungen und partnerschaftlichen Verhaltens gesehen, und zwar nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch im Verhältnis zu den Kunden und Anteilseignern. Nicht nur "ich" mache das Geschäft, sondern "wir". "Wir" ziehen Nutzen, Gewinn, Erträge aus dem Geschäft. Bank und Geschäftspartner partizipieren gemeinsam am Erfolg. Auf diese Weise wird Vertrauen geschaffen, das die langfristig Kundenbindung fördert. Konsequenterweise hat die DG BANK dieses "Wir"- Prinzip zur ihrer Unternehmens-"Marke" gemacht.


Wie wird in der DG BANK dieser Kerngedanke umgesetzt? Vier Verantwortungsebenen rücken hierbei in den Mittelpunkt:

  1. Die Beziehung zum Kunden:
    Den Bedürfnissen und Erwartungen von Kunden wird im Geschäft in einer Art entsprochen, die tatsächlich den Vorstellungen des Kunden entspricht. D.h.
    • keine Geschäfte, die die legitimen Rechte Dritter einschränken (Verzicht auf Gewinnmaximierung),
    • keine unfairen, undurchsichtige Verträge,
    • vorhersehbare Probleme/Risiken/Nachteile werden offengelegt.

  2. Förderung der Mitarbeiter, d.h.
    • Aufqualifizierung der Führungskräfte in Richtung wertorientierte Personalführung,
    • die Bank als lernfähige und lernende Organisation mit allen mühevollen Veränderungsprozessen begreifen,
    • Mitarbeiter nicht nur als Funktionsträger in einem technisch bestimmten Produktionsablauf am Ende der Wertschöpfungskette betrachten, sondern als wichtigste Ressource für den Geschäftserfolg begreifen,
    • das Kreativpotential der Mitarbeiter im Sinne der Unternehmensziele fördern, "gute Gewinne machen - aber nicht gegen die Belegschaft",
    • kundenorientiertes Führungsverhalten vorleben und belohnen,
    • sozio-kulturelle Entwicklungen aufgreifen und zum Bestandteil des Führungsverhaltens machen.

  3. Interessen der Anteilseigner ernst nehmen, d.h.
    • die Schaffung von Vermögenswerten, die Darstellung einer angemessenen Eigenkapitalverzinsung und Sicherung einer dauerhaften Dividendenfähigkeit - der Bank letztlich die Fähigkeit verleihen, dem shareholder-value-Prinzip gerecht zu werden,
    • spekulative Risiken soweit begrenzen, daß der Fortbestand des Unternehmens nicht gefährdet ist sowie,
    • offene, kritische Berichterstattung über die Unternehmensentwicklung und Ausbalancierung von kurz- und langfristigem Wachstum.

  4. Verantwortung für die Umwelt, d.h.
    • Prüfung von Investitionskrediten auf Umweltverträglichkeit, externe Effekte reflektieren, Krisenregionen aussparen,
    • marktorientierte Förderung des Umweltschutz/Umweltinvestitionen z.B. durch das Angebot von "Öko-Fonds" (dieses Zukunftssegment ermöglicht die Symbiose von Gewinnerzielungsabsicht und ökologischer Verantwortung)
    • Transparenz von Erfolgen und Mißerfolgen,
    • Übernahme gesellschaftlicher Aufgaben - Corporate Citizenship, -
    • Dialogfähigkeit mit der kritischen Öffentlichkeit herstellen.


Die Kodifizierung dieser Verhaltensregeln ist eine Sache, die gelebte Wirklichkeit eine andere. Die Grundsätze sind nicht einklagbar. Unternehmenskulturelle Tatbestände sind nicht über Nacht zu revidieren. Bestehende Angst- und Durchgriffskulturen lassen sich nicht per Dekret von einer Verantwortungskultur ablösen; ihre Etablierung - gegebenenfalls auch gegen interne Handlungsblockaden - ist daher eine fortlaufende, erfolgsnotwendige Managementaufgabe. Hilfsgrößen zur Implementierung und Evaluierung bietet der jährliche Planungs- und Budgetprozeß. Allein das Reporting hierüber bringt wertvolle Lernerfahrungen. Diese sind um so wichtiger je mehr im Zuge von Internationalisierung und Globalisierung des Bankwesens - begleitet von anonymen und technologisch gestützten Datenströmen - divergierende Kulturkreise und Unternehmensgrundsätze aufeinderprallen. Wenn es schon berechtigte Zweifel an der Machbarkeit eines Weltethos gibt, dann sollte wenigstens soviel Reflexion in das Thema investiert werden, daß die individuelle unternehmensspezifische Positionierung deutlich erkennbar erfolgt.

Dr. Detlef Marquardt ist Generalbevollmächtigter der DG BANK Deutsche Genossenschaftsbank, Frankfurt am Main.


Anmerkung: Unter Moral wird hier das Bündel von vorrangigen, sanktionsfähigen und verhaltensbeschränkenden Normen verstanden, die in einer Gesellschaft informell, aber verbindlich gelten; Ethik bezeichnet die Wissenschaft, deren Erkenntnisinteresse sinnvolles und verantwortungsvolles Handeln ist (zurück zum Textanfang).


 
 
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