Michael H. Wiehen
Globale Koalition gegen Korruption:
Jahresversammlung 1998 von Transparency International
(TI)
Die Jahresversammlung 1998 von TI,
die vom 12. bis 16. September 1998 in Kuala Lumpur/Malaysia stattfand und 180
TI-Mitglieder aus über 60 Ländern mit Regierungsvertretern aus vielen
asiatischen Staaten und hochrangigen Vertretern der EU, OECD, der Weltbank, der
Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) und des IWF zusammenbrachte, stand unter dem
Motto: Stärkung der Integrität: Herausforderung für Asien
- Eine Globale Agenda. Der Tagungsort hatte eine besondere Bedeutung: Die
Tiger länder Asiens waren lange als Beweis dafür zitiert
worden, dass nachhaltige, rapide wirtschaftliche Entwicklung und Korruption
durchaus miteinander vereinbar seien; im Herbst 1998 war es jedoch klar, dass
Korruption, Vetternwirtschaft und Ausbeutung durch Insider ein
wesentlicher Grund für die wirtschaftliche Krise der Tiger
waren, unter der vor allem die Armen und Ärmsten der Bevölkerungen zu
leiden hatten. Damit war auf schmerzhafte Weise einmal mehr der Nachweis
erbracht, dass Korruption einen starken negativen Einfluss auf die Achtung der
Menschenrechte und die wirtschaftliche Entwicklung hat, politische
Stabilität unterminiert und Frieden und Sicherheit gefährden kann. Im
Gegensatz zu dieser kritischen Entwicklung in Asien nahmen die Teilnehmer mit
Genugtuung und Freude zur Kenntnis, dass die OECD-Konventionen zur Strafbarkeit
der grenzüberschreitenden Bestechung, die im Dezember 1997 von den
Mitgliedern der OECD und fünf weiteren wichtigen internationalen
Handelsstaaten (darunter Brasilien, Argentinien und Chile) unterzeichnet worden
war und an deren Akzeptanz vor allem in den grossen Mitgliedsländern die
örtlichen TI-Nationalen Sektionen wesentlich beteiligt waren, auf dem
besten Wege war, internationales Gesetz zu werden. Tatsächlich war es dann
Mitte Dezember 1998 so weit: Mit der Ratifizierung u.a. durch Japan,
Deutschland, die USA, das Vereinigte Königreich und Canada wurde die
kritische Schwelle erreicht und die Konvention trat am 15. Februar 1999 in
Kraft. Auch die deutsche Wirtschaft muss sich damit auf eine völlig neue
Rechtslage einstellen. Es ist zu erwarten, dass die übrigen Unterzeichner
die Konvention ebenfalls sehr bald ratifizieren werden und dass sich damit
Nationen, die ca. 75% des internationalen Handels betreiben, einer bindenden
Verpflichtung zur Vermeidung der internationalen Korruption unterwerfen. Die
praktische Durchsetzung dieser Konvention wird viele Fragen aufwerfen, aber ein
wohldurchdachtes System zur Überwachung der Durchsetzung ist bereits
entworfen, und TI ist sowohl an der Entwicklung dieses Systems wie auch an
seiner Anwendung beteiligt. Man erwartet, dass peer pressure zu
einer weitgehenden Einhaltung der neuen Verpflichtungen führen wird. Das
ist ein ganz signifikanter Erfolg für TI und die Kräfte, die die
internationale Korruption wesentlich einschränken wollen. Die Konvention
selbst beschränkt sich auf die Kriminalisierung der Korruption.
Wesentliche begleiten de Empfehlungen des OECD-Ministerrats waren
die Abschaffung der steuerlichen Absetzbarkeit von Bestechungsgeldern, die
Verschärfung der Buchführungs- und prüfungsregeln und die
strafrechtliche Verantwortlichkeit juristischer Personen. Die Nationalen
Sektionen von TI, insbesondere in den Unterzeichnerstaaten der Konvention,
werden die Durchsetzung dieser begleitenden Empfehlungen in ihren Ländern
zu einem Hauptthema ihrer Arbeit machen. In Deutschland ist die Abschaffung der
steuerlichen Absetzbarkeit im Entwurf des Steuerentlastungsgesetzes enthalten,
dessen Verabschiedung für März erwartet wird. TI-Deutschland hat
intensiv auf diese gesetzliche Änderung gedrängt. Ein anderes
Hauptthema der Jahresversammlung war der TI Corruption Perceptions Index (CPI),
dessen letzte Veröffentlichung Anfang September ein starkes weltweites
Echo hervorgerufen hatte. Einige der besonders kritisch beurteilten Länder
hatten überraschend positiv auf den Index reagiert und verkündet, sie
müssten und wollten ein Programm zur Eindämmung der Korruption
durchführen. Die TI-Nationalen Sektionen gerade in diesen Ländern
werden sich in den kommenden Monaten darauf konzentrieren, ihre Regierungen an
diese Zusagen zu erinnern. Gleichzeitig wurde mit Genugtuung registriert, dass
TI in Zukunft neben dem Corruption Perceptions Index, der die Akzeptanz der
Bestechung bzw. das Verlangen nach Bestechung registriert, auch einen Bribery
Propensity Index (BPI) veröffentlichen wird, der die
Exporteure der Korruption kritisch auflisten wird. Dieser
BPI macht TI noch einige methodologische Schwierigkeiten, aber er
ist absolut notwendig als Begleiter des CPI. Ein anderes ganz
wesentliches Anliegen der Teilnehmer war das Recht jedes Bürgers auf
Zugang zu öffentlichen Informationen. Beispiele aus verschiedenen
asiatischen Ländern machten klar, dass Transparenz der öffentlichen
Verwaltung und Zugang für den einzelnen Bürger zu öffentlichen
Informationen und Daten wichtige Instrumente zur Erschwerung von Korruption und
Bestechung sind. Ermutigende Beispiele dafür gibt es beispielsweise in
Indien, wo lokale Bürgerinitiativen immer wieder durchsetzen, dass Akten
über Infrastrukturprojekte offengelegt werden und damit Nachweise für
Korruption und Verschwendung erbringen. Auch TI-Deutschland wird sich auf die
Verabschiedung eines Informations-Freiheitsgesetzes konzentrieren.
Die Teilnehmer forderten TI auch auf, systematische Anstrengungen zu
unternehmen, um das öffentliche Verständnis über den negativen
Einfluss von Korruption auf Bürger- und Menschenrechte sowie auf soziale
und wirtschaftliche Entwicklung zu stärken. Mehrere Nationale Sektionen
von TI berichteten über erfolgreiche nationale Befragungen über die
Einstellung der Bürger zum schädlichen Einfluss der Korruption: Die
Resultate zeigten eine absolut klare Einschätzung der Schäden durch
Korruption und eine unzweideutige Ablehnung von Vetternwirtschaft und
Bestechlichkeit der Beamtenschaft. Alle TI-Vertreter schliesslich waren der
Meinung, dass ein Ombudsman - sofern er mit ausreichenden Zuständigkeiten
und mit den notwendigen finanziellen und personellen Fazilitäten
ausgestattet ist eine wichtige Rolle im nationalen Kampf gegen die
Korruption spielen kann. Die indische TI-Sektion z.B. hat sich voll auf die
Durchsetzung eines entsprechenden Gesetzes das auch die Untersuchung von
Kabinettsmitgliedern, sogar des Premierministers, erlaubt konzentriert
und mit Gandhierprobten Fastenaktionen (Satyagraha) gedroht, falls dieses
Gesetz nicht bald verabschiedet wird. Vertreter der einzelnen Nationalen
Sektionen von TI berichteten über erfolgreiche Aktionen zur
Eindämmung der Korruption, und viele dieser Aktionen werden Nachahmer in
anderen Ländern finden. So konnte TI-Argentinien (dort unter dem Namen
Poder Ciudadano bekannt) überzeugend darlegen, wie es allein
durch Veröffentlichung der weit auseinanderklaffenden Preise, die die
verschiedenen Krankenhäuser in Buenos Aires im vergangenen Jahr für
ausgewählte Medikamente bezahlt haben, einen allgemeinen Preissturz
herbeiführen konnte. Die Teilnahme der EU, der OECD, der Weltbank, des IWF
und der ADB an der TI-Jahresversammlung durch hochrangige Vertreter, und vor
allem die weitreichenden Anpassungen der Beschaffungsrichtlinien dieser
Institutionen an die Forderungen von TI, zeigen, dass TI heute ein effektiver
Partner und ernstgenommener global player auf dem Gebiet der
internationalen Korruptionsbekämpfung ist. Die Deutsche Sektion von TI,
unter dem Vorsitz von RA Dr. Michael H. Wiehen in München, ist intensiv um
die Umsetzung all dieser Ziele in Deutschland bemüht. Sie sucht deshalb
zusätzliche Mitglieder (Einzel- oder korporative Mitglieder) und
insbesondere Personen, die bereit sind, ihr Engagement aktiv umzusetzen.
Mitgliedsanträge können im Büro von TI-Deutschland angefordert
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