Hans-Ulrich Zabel
Wissenschaft und Wissenschaftler vor ethischen
Herausforderungen dem Ethiker Hartmut Kreikebaum zum 65.
Geburtstag
Hartmut Kreikebaum schreibt in seinem Lehrbuch Grundlagen der
Unternehmensethik als ersten Satz: Ethik ist in. Angesichts
erschreckender Tendenzen von Kriminalität, Gewaltanwendung, Korruption,
Bestechung, Rücksichtslosigkeit und immer gravierenderen
Verteilungsproblemen und angesichts immer kritischerer Wirkungen aus Markt-,
Staats- und Individualversagen (insbes. in Form ökologischer und sozialer
Knappheiten) wird eines überdeutlich: Ethik tut noch mehr not, als sie
in ist.
Offenkundig ist, daß rein am ökonomischen Kalkül und
Eigennutzstreben orientiertes Verhalten nicht nur ökologische und soziale
Knappheiten erzeugt, sondern infolge der ökonomischen Vorteilhaftigkeit
ethiklosen Verhaltens (in Form der o. g. Gewaltanwendung,
Bestechung etc.) letztendlich soziale Institutionen, wie den Markt, den
demokratischen Staat, die Familie, die symbiotische Arbeitsteilung etc.
zerstört.
Was ist aber von der These zu halten, daß Ethikintegration in
ökonomische Entscheidungskalküle dennoch nicht notwendig sei, weil
Ethiksubstanz in Form einer Substanz an gemeinwohlorientierter
Verhaltensnormierung außerökonomisch erzeugt und in
ökonomischen Prozessen gegenleistungsfrei zur Verfügung
stehe (dann wäre der homo oeconomicus als Modellfigur dadurch
gerechtfertigt, daß er das notwendige Maß an Altruismus im
Verhaltensbackround enthalte - etwa in Form der Achtung des Eigentums).
Diese These bleibt deswegen eine Wunschvorstellung, weil die einseitig am
Eigennutzstreben ansetzende rein ökonomische bzw. monetäre
Verhaltenssteuerung leider systematisch die vorhandene Ethiksubstanz abbaut und
damit die o. g. (in vielen Facetten weltweit erkennbaren)
Selbstzerstörungskräfte des rein monetären Kalküls
freisetzt. Der Ethiksubstanzabbau basiert vor allem auf der
Selbstverstärkungswirkung eines immer mehr belohnten und damit forcierten
Eigennutzstrebens. Längerfristig erfolgreiches, nachhaltig
menschendienliches Wirtschaften bedarf also eines angemessenen Mixes aus
ökonomischen und außerökonomischen (ethischen)
Verhaltensanreizen bzw. -normierungen und damit eines adäquaten
Verhaltensmixes aus Egoismus und Altruismus.
Eine wesentliche (in der Ethikdebatte bisher unterbelichtete) Quelle
altruistischen Verhaltens stellen die genetischen Prägungen dar, die
Antriebs-, Sinngebungs-, Sozialisations- und Belohnungsmuster menschlichen
Verhaltens auf Lebensdienlichkeit ausrichten. Die angemessene (Re-)Aktivierung
der genetischen Prägungen ist deshalb nicht nur ein humanistisches Gebot
der Befriedigung natürlicher Bedürfnisse (Stichworte im Zusammenhang
mit dem genetisch geprägten Bedürfnis nach Arterhaltung: Liebe,
Kinderliebe, sinnstiftende Sozialkontakte sowie Geistes- und
Körperaktivitäten, Solidarität, Geborgenheit, Poesie,
Muße, Hilfsbereitschaft, symbioseorientierte Kooperation und
Kommunikation etc.), sondern sie ist auch insbesondere im Zusammenhang mit dem
durch Selektion natürlich verstärkten reziproken
Altruismus als wesentliche Basis des Ethiksubstanzaufbaues
ein unverzichtbares ökonomisches Erfordernis nachhaltigen
Wirtschaftens.
Die Unverzichtbarkeit von Ethiksubstanz bzw. altruistischen Verhaltensanteilen
innerhalb eines an den Maximen von Überlebensfähigkeit und
Humanität orientierten Wirtschaftens erzeugt im Sinne des
Sein-Sollens die Anforderungsdualität an den
(ethikorientierten) Wirtschaftswissenschaftler, die Altruismuskomponente
einerseits wissenschaftlich aufzugreifen und andererseits selbst zu leben.
Diese Anforderung ist ausgesprochen normativ. Diese Norm aber ist
unverzichtbar, um die o. g. Selbstzerstörungskräfte zu bändigen
und die Marktkräfte auf Gemeinwohl auszurichten.
Gleichwohl wird die Anforderungsdualität eher selten erfüllt. Gerade
deshalb ist die Pionierarbeit von Prof. Dr. Hartmut Kreikebaum in Bezug auf
ethikgeladene Themen von unschätzbarem Wert. Prof. Kreikebaum hat (neben
einer soliden Verankerung in traditionellen Ökonomiethemen, wie etwa
Organisation, Produktion, Personalwirtschaft, Planung, Investitionstheorie
etc.) diesbezüglich außerordentlich innovative und auch
international beachtete Beiträge zu Themenfeldern, wie der Humanisierung
der Arbeit, dem betrieblichen (insbes. dem integrierten) Umweltschutz, einer
entscheidungsorientierten Unternehmensethik, einer
absichtengenerierten strategischen Unternehmensplanung sowie eines
interkulturellen bzw. internationalen Managements geleistet. Insofern ist es
folgerichtig, daß die Festschrift zum 65. Geburtstag von Herrn Kollegen
Kreikebaum die wertvollen Arbeiten des Jubilars unter dem Titel:
Unternehmensführung, Ethik und Umwelt würdigt und
weiterführt. (Herausgeber der Festschrift: Prof. Dr. G. R. Wagner).
Nun zur zweiten Seite der Anforderungsdualität: Die ethik- bzw.
moralorientierte Verknüpfung der Verantwortung der Wissenschaft mit der
Verantwortung des Wissenschaftlers. Da konnten und können sich
Generationen von Kollegen, Assistenten und Studenten gleichermaßen, wie
die vielen Kommunikations- und Kooperationspartner von Herrn Kollegen
Kreikebaum immer wieder überzeugen von seiner herzhaften, ja wenn
notwendig geradezu aufopfernden Mitmenschlichkeit.
Als ich gleich nach der Wende mit meinem Trabbi (dessen Größe
umgekehrt proportional war zu Tatendrang, Wissensdurst, Neugierde, aber auch
Verunsicherung) neben Besuchen u. a. bei den Kollegen Seidel und Steger auch
bei Herrn Kreikebaum landete, konnte ich mich von dieser einmaligen
(letztendlich in einer Vertretung des Kreikebaumlehrstuhles an der
Goethe-Universität zu Frankfurt/M. mündenden) Herzlichkeit und
Hilfsbereitschaft selbst überzeugen. So wünsche ich Herrn Kollegen
Kreikebaum sicher im Namen aller Ethiksensiblen weiterhin von
Herzen Gesundheit, Schaffenskraft, Erfolg, Erfüllung und familiäres
Glück. Mögen die Kreikebäume in den Himmel wachsen!
|