2/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Hans-Ulrich Zabel
Wissenschaft und Wissenschaftler vor ethischen Herausforderungen – dem Ethiker Hartmut Kreikebaum zum 65. Geburtstag

Hartmut Kreikebaum schreibt in seinem Lehrbuch „Grundlagen der Unternehmensethik“ als ersten Satz: „Ethik ist in“. Angesichts erschreckender Tendenzen von Kriminalität, Gewaltanwendung, Korruption, Bestechung, Rücksichtslosigkeit und immer gravierenderen Verteilungsproblemen und angesichts immer kritischerer Wirkungen aus Markt-, Staats- und Individualversagen (insbes. in Form ökologischer und sozialer Knappheiten) wird eines überdeutlich: Ethik tut noch mehr not, als sie „in“ ist.
Offenkundig ist, daß rein am ökonomischen Kalkül und Eigennutzstreben orientiertes Verhalten nicht nur ökologische und soziale Knappheiten erzeugt, sondern infolge der ökonomischen Vorteilhaftigkeit „ethiklosen“ Verhaltens (in Form der o. g. Gewaltanwendung, Bestechung etc.) letztendlich soziale Institutionen, wie den Markt, den demokratischen Staat, die Familie, die symbiotische Arbeitsteilung etc. zerstört.
Was ist aber von der These zu halten, daß Ethikintegration in ökonomische Entscheidungskalküle dennoch nicht notwendig sei, weil „Ethiksubstanz“ in Form einer Substanz an gemeinwohlorientierter Verhaltensnormierung außerökonomisch erzeugt und in ökonomischen Prozessen „gegenleistungsfrei“ zur Verfügung stehe (dann wäre der homo oeconomicus als Modellfigur dadurch gerechtfertigt, daß er das notwendige Maß an Altruismus im Verhaltensbackround enthalte - etwa in Form der Achtung des Eigentums).
Diese These bleibt deswegen eine Wunschvorstellung, weil die einseitig am Eigennutzstreben ansetzende rein ökonomische bzw. monetäre Verhaltenssteuerung leider systematisch die vorhandene Ethiksubstanz abbaut und damit die o. g. (in vielen Facetten weltweit erkennbaren) Selbstzerstörungskräfte des rein monetären Kalküls freisetzt. Der „Ethiksubstanzabbau“ basiert vor allem auf der Selbstverstärkungswirkung eines immer mehr belohnten und damit forcierten Eigennutzstrebens. Längerfristig erfolgreiches, nachhaltig menschendienliches Wirtschaften bedarf also eines angemessenen Mixes aus ökonomischen und außerökonomischen (ethischen) Verhaltensanreizen bzw. -normierungen und damit eines adäquaten Verhaltensmixes aus Egoismus und Altruismus.
Eine wesentliche (in der Ethikdebatte bisher unterbelichtete) Quelle altruistischen Verhaltens stellen die genetischen Prägungen dar, die Antriebs-, Sinngebungs-, Sozialisations- und Belohnungsmuster menschlichen Verhaltens auf Lebensdienlichkeit ausrichten. Die angemessene (Re-)Aktivierung der genetischen Prägungen ist deshalb nicht nur ein humanistisches Gebot der Befriedigung natürlicher Bedürfnisse (Stichworte im Zusammenhang mit dem genetisch geprägten Bedürfnis nach Arterhaltung: Liebe, Kinderliebe, sinnstiftende Sozialkontakte sowie Geistes- und Körperaktivitäten, Solidarität, Geborgenheit, Poesie, Muße, Hilfsbereitschaft, symbioseorientierte Kooperation und Kommunikation etc.), sondern sie ist auch insbesondere im Zusammenhang mit dem durch Selektion natürlich verstärkten „reziproken Altruismus“ als wesentliche Basis des „Ethiksubstanzaufbaues“ ein unverzichtbares ökonomisches Erfordernis nachhaltigen Wirtschaftens.
Die Unverzichtbarkeit von Ethiksubstanz bzw. altruistischen Verhaltensanteilen innerhalb eines an den Maximen von Überlebensfähigkeit und Humanität orientierten Wirtschaftens erzeugt im Sinne des „Sein-Sollens“ die Anforderungsdualität an den (ethikorientierten) Wirtschaftswissenschaftler, die Altruismuskomponente einerseits wissenschaftlich aufzugreifen und andererseits selbst zu leben. Diese Anforderung ist ausgesprochen normativ. Diese Norm aber ist unverzichtbar, um die o. g. Selbstzerstörungskräfte zu bändigen und die Marktkräfte auf Gemeinwohl auszurichten.
Gleichwohl wird die Anforderungsdualität eher selten erfüllt. Gerade deshalb ist die Pionierarbeit von Prof. Dr. Hartmut Kreikebaum in Bezug auf ethikgeladene Themen von unschätzbarem Wert. Prof. Kreikebaum hat (neben einer soliden Verankerung in traditionellen Ökonomiethemen, wie etwa Organisation, Produktion, Personalwirtschaft, Planung, Investitionstheorie etc.) diesbezüglich außerordentlich innovative und auch international beachtete Beiträge zu Themenfeldern, wie der Humanisierung der Arbeit, dem betrieblichen (insbes. dem integrierten) Umweltschutz, einer entscheidungsorientierten Unternehmensethik, einer „absichtengenerierten“ strategischen Unternehmensplanung sowie eines interkulturellen bzw. internationalen Managements geleistet. Insofern ist es folgerichtig, daß die Festschrift zum 65. Geburtstag von Herrn Kollegen Kreikebaum die wertvollen Arbeiten des Jubilars unter dem Titel: „Unternehmensführung, Ethik und Umwelt“ würdigt und weiterführt. (Herausgeber der Festschrift: Prof. Dr. G. R. Wagner).
Nun zur zweiten Seite der Anforderungsdualität: Die ethik- bzw. moralorientierte Verknüpfung der Verantwortung der Wissenschaft mit der Verantwortung des Wissenschaftlers. Da konnten und können sich Generationen von Kollegen, Assistenten und Studenten gleichermaßen, wie die vielen Kommunikations- und Kooperationspartner von Herrn Kollegen Kreikebaum immer wieder überzeugen von seiner herzhaften, ja wenn notwendig geradezu aufopfernden Mitmenschlichkeit.
Als ich gleich nach der Wende mit meinem Trabbi (dessen Größe umgekehrt proportional war zu Tatendrang, Wissensdurst, Neugierde, aber auch Verunsicherung) neben Besuchen u. a. bei den Kollegen Seidel und Steger auch bei Herrn Kreikebaum „landete“, konnte ich mich von dieser einmaligen (letztendlich in einer Vertretung des Kreikebaumlehrstuhles an der Goethe-Universität zu Frankfurt/M. mündenden) Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft selbst überzeugen. So wünsche ich Herrn Kollegen Kreikebaum – sicher im Namen aller Ethiksensiblen – weiterhin von Herzen Gesundheit, Schaffenskraft, Erfolg, Erfüllung und familiäres Glück. Mögen die Kreikebäume in den Himmel wachsen!


Prof. Dr. H.-U. Zabel
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Große Steinstraße 73
06108 Halle (Saale)






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