2/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Buchbesprechung
 
Neubauer, Bernd (Hg)
Eigenverantwortung: Positionen und Perspektiven
Licet Verlag, Waake 1998 (ISBN 3-9804225-2-6, 241 Seiten)

Wer verantwortet die Eigenverantwortung?
In dem von Bernd Neubauer herausgegebenen Sammelband „Eigenverantwortung“ setzen sich die Autoren mit einem Begriff auseinander, der die aktuelle politische Debatte vielfach strukturiert. Forderungen nach einer Verantwortungsübernahme stehen meist im Zusammenhang mit ethischen Problemen der Technik, der Wirtschaft oder der Gesellschaft. Eigenverantwortung kann prima facie auf solche Probleme keine Antwort sein. Die durch den Titel vorgegebene begriffliche Beschränkung der Verantwortung auf die eigene Person umgeht viele Probleme einer allgemeinen Verantwortungsdiskussion, indem sie etwa die Fragen von Subjekt oder Zurechnung der Verantwortung definitorisch festlegt. Sie führt so aber auch zu einem Verlust an Leistungsfähigkeit des Begriffs.
Eigenverantwortung kann gleichzeitig als Chance und als Bedrohung aufgefaßt werden. Die gesellschaftlichen Veränderungen werden so beschrieben, daß der Zerfall der traditionellen Bindungen neue Räume der Freiheit öffnet. Diese, in einer liberalen Gesellschaft positiv zu bewertende, neue Freiheit ist auch der Grund für die Forderung nach Eigenverantwortung. Die neue Freiheit ist als Risiko aber auch gleichzeitig eine Bedrohung, der widerstanden werden soll. Ein Aspekt der bedrohlichen Seite von Eigenverantwortung ist die Tarnung gesellschaftlicher Entsolidarisierung Der Ambivalenz des Themas stellen sich die Autoren in drei Abteilungen des Buchs. Unter der Rubrik „Ansprüche und Widersprüche“ werden grundsätzliche Überlegungen dargestellt. Fragen nach der Möglichkeit von Eigenverantwortung in komplexen Systemen (Rötzer) werden dort ebenso behandelt wie philosophische Fragen der Begriffsklärung und -präzisierung (Nida-Rümelin, Voland, Reck), die interkulturelle Bedeutung des Konzepts (Tuna) oder die geradezu existenzialistische Unausweichlichkeit der Verantwortung für sich selbst (Keil). Schwingt in den ersten Beiträgen bereits ein gesellschaftskritischer Unterton mit, so wird dieser im zweiten Abschnitt, „Auswege und Irrwege“ noch erweitert. Hier werden die gesellschaftlichen Problemlagen allgemein betrachtet (Müller) und es wird über die Bedeutung der bürgerlichen Verantwortung in einem gesellschaftlichen Kontext (Keupp) nachgedacht. Ein paradigmatisches Problem scheint dabei die Instrumentalisierung des Begriffs zum Zweck des Sozialabbaus (Hensche). Weiterhin wird Eigenverantwortung in anderen Kontexten wie denen der Wirtschaft (Spiekermann), der Medizin (Ehlert, Munzel, Knieps, Uhlemann), der Wissenschaft (Görnitz), der Theologie (Harig) oder verschiedener Politikfelder wie der Bildungspolitik (Wunder) oder der inneren oder äußeren Sicherheit (Lutz, Brunner) diskutiert.
Die dritte Abteilung des Buches stellt unter dem Titel „Sinn und tionen der Eigenverantwortung vor. Hier werden gesellschaftliche Entwicklungen und Nischen unter der Perspektive der Eigenverantwortung beschrieben. Gretchen Dutschkes Auseinandersetzung mit dem Erbe der 68er gehört ebenso dazu wie die Kritik der ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge (Roth) und der Kultur (Busse) oder die Kritik der eigenen Generation durch Politycki. Auch Fragen der persönlichen Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext (Silbermann, Wecker) sind hier beschrieben. Der Versuch zu provozieren führt hier leider an einigen Stellen zum Verlust des Zusammenhangs der Beiträge mit dem Thema.
Im gesamten Buch, vielleicht besonders in den Beiträgen, die diesen Gedanken ablehnen, wird deutlich, daß Eigenverantwortung immer in soziale Zusammenhänge eingebunden ist. Gesellschaftliche Weichenstellungen sind für die Übernahme von Verantwortung unabdingbare Voraussetzung. Neubauer trägt mit diesem Band zur Antwort auf die von ihm selbst gestellte Frage bei, ob Eigenverantwortung in der heutigen Zeit als Orientierung gelten kann. Gleichzeitig wird deutlich, daß das Thema Eigenverantwortung nur in einem umfassenderen Rahmen der gesellschaftlichen Verantwortung gebührend behandelt werden kann. Offen bleibt daher naturgemäß die Frage, ob und wie Eigenverantwortung zu verantworten ist.

Bernd Carsten Stahl







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