Neubauer, Bernd (Hg)
Eigenverantwortung: Positionen und Perspektiven
Licet Verlag, Waake 1998 (ISBN 3-9804225-2-6, 241 Seiten)
Wer verantwortet die Eigenverantwortung?
In dem von Bernd Neubauer herausgegebenen Sammelband
Eigenverantwortung setzen sich die Autoren mit einem Begriff
auseinander, der die aktuelle politische Debatte vielfach strukturiert.
Forderungen nach einer Verantwortungsübernahme stehen meist im
Zusammenhang mit ethischen Problemen der Technik, der Wirtschaft oder der
Gesellschaft. Eigenverantwortung kann prima facie auf solche Probleme keine
Antwort sein. Die durch den Titel vorgegebene begriffliche Beschränkung
der Verantwortung auf die eigene Person umgeht viele Probleme einer allgemeinen
Verantwortungsdiskussion, indem sie etwa die Fragen von Subjekt oder Zurechnung
der Verantwortung definitorisch festlegt. Sie führt so aber auch zu einem
Verlust an Leistungsfähigkeit des Begriffs.
Eigenverantwortung kann gleichzeitig als Chance und als Bedrohung
aufgefaßt werden. Die gesellschaftlichen Veränderungen werden so
beschrieben, daß der Zerfall der traditionellen Bindungen neue Räume
der Freiheit öffnet. Diese, in einer liberalen Gesellschaft positiv zu
bewertende, neue Freiheit ist auch der Grund für die Forderung nach
Eigenverantwortung. Die neue Freiheit ist als Risiko aber auch gleichzeitig
eine Bedrohung, der widerstanden werden soll. Ein Aspekt der bedrohlichen Seite
von Eigenverantwortung ist die Tarnung gesellschaftlicher Entsolidarisierung
Der Ambivalenz des Themas stellen sich die Autoren in drei Abteilungen des
Buchs. Unter der Rubrik Ansprüche und Widersprüche werden
grundsätzliche Überlegungen dargestellt. Fragen nach der
Möglichkeit von Eigenverantwortung in komplexen Systemen (Rötzer)
werden dort ebenso behandelt wie philosophische Fragen der Begriffsklärung
und -präzisierung (Nida-Rümelin, Voland, Reck), die interkulturelle
Bedeutung des Konzepts (Tuna) oder die geradezu existenzialistische
Unausweichlichkeit der Verantwortung für sich selbst (Keil). Schwingt in
den ersten Beiträgen bereits ein gesellschaftskritischer Unterton mit, so
wird dieser im zweiten Abschnitt, Auswege und Irrwege noch
erweitert. Hier werden die gesellschaftlichen Problemlagen allgemein betrachtet
(Müller) und es wird über die Bedeutung der bürgerlichen
Verantwortung in einem gesellschaftlichen Kontext (Keupp) nachgedacht. Ein
paradigmatisches Problem scheint dabei die Instrumentalisierung des Begriffs
zum Zweck des Sozialabbaus (Hensche). Weiterhin wird Eigenverantwortung in
anderen Kontexten wie denen der Wirtschaft (Spiekermann), der Medizin (Ehlert,
Munzel, Knieps, Uhlemann), der Wissenschaft (Görnitz), der Theologie
(Harig) oder verschiedener Politikfelder wie der Bildungspolitik (Wunder) oder
der inneren oder äußeren Sicherheit (Lutz, Brunner) diskutiert.
Die dritte Abteilung des Buches stellt unter dem Titel Sinn und tionen
der Eigenverantwortung vor. Hier werden gesellschaftliche Entwicklungen und
Nischen unter der Perspektive der Eigenverantwortung beschrieben. Gretchen
Dutschkes Auseinandersetzung mit dem Erbe der 68er gehört ebenso dazu wie
die Kritik der ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge
(Roth) und der Kultur (Busse) oder die Kritik der eigenen Generation durch
Politycki. Auch Fragen der persönlichen Einordnung in den
gesellschaftlichen Kontext (Silbermann, Wecker) sind hier beschrieben. Der
Versuch zu provozieren führt hier leider an einigen Stellen zum Verlust
des Zusammenhangs der Beiträge mit dem Thema.
Im gesamten Buch, vielleicht besonders in den Beiträgen, die diesen
Gedanken ablehnen, wird deutlich, daß Eigenverantwortung immer in soziale
Zusammenhänge eingebunden ist. Gesellschaftliche Weichenstellungen sind
für die Übernahme von Verantwortung unabdingbare Voraussetzung.
Neubauer trägt mit diesem Band zur Antwort auf die von ihm selbst
gestellte Frage bei, ob Eigenverantwortung in der heutigen Zeit als
Orientierung gelten kann. Gleichzeitig wird deutlich, daß das Thema
Eigenverantwortung nur in einem umfassenderen Rahmen der gesellschaftlichen
Verantwortung gebührend behandelt werden kann. Offen bleibt daher
naturgemäß die Frage, ob und wie Eigenverantwortung zu verantworten
ist.
Bernd Carsten Stahl |