2/1999
Forum Wirtschaftsethik

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Diskussion
 
Rüdiger Fox
Ein Weltwirtschaftskodex im Zwillingsgespann mit einer neuen Weltordnung

Abraham Lincoln hat einmal gesagt: „Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden“. Nichtsdestoweniger ist meines Erachtens eine nähere Betrachtung dieses Begriffes notwendig, um den von Udo Di Fabio in der August-Ausgabe 1998 begonnenen Faden über die Notwendigkeit und Rolle des Staates in der sich globalisierenden Wirtschaft aufzugreifen und mit dem der Herren Thomas Beyer und Dr. Michael Kläver in ihrer Antwort in der November-Ausgabe 1998 zu verknüpfen.
Auch ich erlaube mir zu Beginn den historischen Rückblick. Wie so oft bietet er natürlich nur bedingt die Möglichkeit, aus den empirisch ermittelten Kausalzusammenhängen auf zukünftige Sollzustände zu schließen. Im Vergleich der Epochen beitet er jedoch die Möglichkeit, allgemeingültige Zusammenhänge herauszudestillieren.
Der Verweis auf die politischen Fundamente der großen Hochkulturen ist bei der Suche nach Antworten zur Notwendigkeit und Rolle des Staates sicherlich ganz wesentlich und berechtigt, er greift jedoch zu kurz. Denn diese Ursache der wirtschaftlichen und kulturellen Prosperität war sicherlich immer notwendig, jedoch nie hinreichend.
Um diese Zusammenhänge näher zu beleuchten ist es hilfreich, zuerst einmal die Freiheit als solche diffferenziert zu analysieren, denn sie ist die eigentliche dimensionierende Größe der Fragestellung nach Regulierung. Dadurch wird ver mieden, daß Begriffe wie Liberalisierung, Eigenverantwortung, Kooperationsbereitschaft etc. innerhalb einer emotionsgeladenen Diskussion als Scheinargumente mit großem polemisierenden Kontext mißbraucht werden, um politische Grundeinstellungen zu zementieren.
Betrachtet man den Begriff der Freiheit in seiner umfassenden Bedeutung, so lassen sich zwei voneinander vollkommen getrennt zu betrachtende Aspekte unterscheiden. Diese sollten die gemeinsame Basis für eine umfassende Betrachtung der notwendigen Regulierungsgrößen einer sich ankündigenden ,Welthochkultur’ und einer damit zusammenhängenden Weltwirtschaft bilden. Der Freiheitsbegriff – und hier ist der anglizistische Sprachraum mit dem Begriffspaar Liberty bzw. Freedom weit präziser als der germanistische – läßt sich eindeutig in eine sozial-politisch-historische und eine philosophischtheologische Bedeutung trennen.
Bei ersterer (Liberty) handelt es sich im Wesentlichen um das gesamte politische Spektrum der Staatsformen von Anarchie bis Diktatur als ihre extremen Ausprägungen – kurz die Frage nach der Handlungsfreiheit. Die Feststellung, daß hier der Staat schon immer eine ganz entscheidende Regulierungs- und Schutzfunktion im Spannungsfeld von Freiheit und Ordnung inne hatte und diese historisch mit mehr oder weniger Erfolg und mehr oder weniger lauteren Mitteln erfüllte, ist sicherlich richtig. Aufgrund des stetigen Fortschritts und der Fortentwicklung der Kulturen und der eher statischen Strukturen der öffentlichen Organe ist hier per Definition ein ewig schwelendes Konfliktpotential vorhanden. Dieses war oft Ursache dafür, dass regelmäßig die notwendigen organisatorischen Veränderungen verspätet und eher eruptiv der ökonomischen Evolution folgten.
Diese ,ökonomisch-politische Kontinentaldrift’ hat aufgrund der immer rasanteren Globalisierung in ihrem Ausmaß und ihrer Relativgeschwindigkeit immer stärker zugenommen - und damit auch die Amplitude der ihr innewohnenden Spannungen. Hieraus jedoch abzuleiten, daß der Staat als solches ausgedient hat und zur Disposition gestellt werden kann, wäre jedoch so falsch wie die Folgerung, aus den Begrenzungen des kupferkabelgestützten Telefonnetzes die Suche nach neuen Mitteln globaler Kommunikation aufzugeben und die Kommunikation an sich in Frage zu stellen. Die Frage nach staatlicher Ordnung und ihrer Steuerorgane muß lediglich heute auf eine der Tragweite des Problems äquivalenten Ebene gehoben werden und ebenfalls die makroskopisch-globale Perspektive annehmen.
Jedoch sollte noch ein Blick auf die zweite Säule der Hochkulturen geworfen werden, nämlich die philosophischreligiöse Ordnung. Diese hat mit der politischen Ordnung einen zwar oft zerstrittenen, nichtsdestoweniger jedoch erst in der Kombination hinreichenden treibenden Dipol für die Prosperität der Völker gebildet und muß als Wiege ganz wesentlicher Aspekte unserer Kultur angesehen werden.
Der auch in diesem Zusammenhang verwandte Freiheitsbegriff (Freedom) unterscheidet sich ganz wesentlich von dem zuvor erwähnten. In der philosophisch-theologischen Betrachtung handelt es sich um die Willensfreiheit, die in der Philosophiegeschichte das gesamte Spektrum vom Determinismus bis zum Existenzialismus in allen Facetten erleben durfte. Die relative Gewichtung der Einflußgrößen Prägung und Erziehung gegenüber Selbstverantwortung als Bestimmungsgrößen unseres Handelns bedingen die Möglichkeit der Bewertung gegenüber ethisch-moralischen Maßstäben und schaffen erst hier dem Begriff der Verantwortung den entsprechenden Raum. Klammert man an dieser Stelle den fundamentalistischen Determinismus aus, der jegliches Handeln rein auf eine Verkettung von materiellen Einzelereignissen reduziert und somit die Frage der Willensfreiheit per Definition pervertiert, so kommt man sehr schnell auch bei diesem Freiheitsbegriff an einen Punkt, an dem sich die Frage nach Ordnungsgrößen förmlich aufdrängt. Als Regelgrößen kommen hier jedoch nicht Organe im autoritären Sinne in Frage, die in einem direkten Widerspruch mit Willensfreiheit stünden. Denn steigende Freiheit bringt auch steigende Verantwortung mit sich, die eine Form von ,Autolimitation’ notwendig macht, d.h. Selbstbeschränkung in der Freiheit, beliebig zu handeln. Unter diesem Blickwinkel lassen sich die von Udo di Fabio erwähn ten Paradoxien auflösen, die sich notwendigerweise aus der Personalunion des Staates als Schützer und gleichzeitig Bedrohung „wichtiger Rationalitätssphären wie Kunst, Wissenschaft oder Wirtschaft“ oder gar der Freiheit als Ganzes ergeben. Der Sozialstaat als Schutzmechanismus für „wirkliche oder vermeintliche Mißstände“ kann aufgrund seiner lokalen Beschränktheit, aber auch ganz grundsätzlich aufgrund seiner immanenten Möglichkeiten i.B. in der sich bereits am Horizont ankündigenden Weltgesellschaft nur noch kurzfristig die Rolle einer Ersatzlösung innerhalb existierender Staatsgrenzen erfüllen. Er muß einer Ordnung Platz machen, die gleichzeitig sowohl in ihrer geographischen Ausbreitung als auch in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz globalen Maßstäben gerecht wird. Um jedoch beide Aspekte der Freiheit gleichzeitig und hinreichend zu schützen und zu ordnen ist es notwendig, auch einen Weltwirtschaftskodex zu entwickeln, der zeitgleich zu einer staatsähnlichen globalen Wirtschaftsordnung die notwendige Regulierungsgröße aller Aspekte globalen wirtschaftlichen Handelns bildet.
Dieser Kodex muß sich einerseits auf von nationalistischen und kulturellen Eigenheiten und Interessensgruppen unabhängige und global anerkannte Werte stützen und andererseits durch freiwillige Selbstverpflichtung die notwendige innere Triebkraft hervorbringen, die als Garant zur Einhaltung dieser durch organische Institutionen nicht zu überwachenden Wertordnung dienen kann.
Nur eine solche Zwillingsinstitution könnte erfolgreich den hinreichenden Rahmen bilden, um eine weltstaatliche Ordnung im wirtschaftlichen wie auch in jedem anderen sozialen Bereich zu entwerfen und aufzubauen, die, während sie ihren Wirkungsbereich auf ihre ursprünglichen „fundamentalen Ordnungsfunktionen“ beschränkt, den neuen globalen Herausforderungen Rechnung trägt und nicht durch äußere Ansprüche überfordert wird, denen sie a priori gar nicht gerecht werden kann. Oder um es mit den Worten Immanuel Kants zu sagen: „So ist die Freiheit, ob sie zwar nicht eine Eigenschaft des Willens nach Naturgesetzen ist, darum doch nicht gar grenzenlos, sondern muß vielmehr eine Kausalität nach unwandelbaren Gesetzen, aber von besonderer Art sein; ...“


Dipl.-Ing.aer. Dipl. Wirt.-Ing Rüdiger Fox
Leiter Einkauf (Nacelle Systems, Investitionen & Dienstleistungen) BMW Rolls-Royce AeroEngines
Fliederweg 17
14469 Potsdam
Tel/Fax: 0331 / 5053540






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