2/1998
Forum Wirtschaftsethik

 
Praxis
 
Wilhelm Scior
Corporate Governance bei der Benckiser N.V.

Die vielbeschworene Globalisierung eröffnet auch für mittelständische Unternehmen Chancen. So hat 1997 die Benckiser-Gruppe ihre beiden Unternehmensbereiche in selbstständig agierende Unternehmen überführt: die Codein Inc., mit Sitz in New York, und die Benkciser N.V. für den Bereich Wasch-, Putz-, und Reinigungsmittel mit Sitz in Amsterdam. Mit dieser Focussierung der beiden Unternehmen fiel auch der Entschluß, mit dem Amsterdamer Unternehmen Benckiser N.V. mit rund 40 % des Aktienkapitals an die Börse zu gehen.
Die internationale Ausrichtung zeigt sich auch darin, daß das Unternehmen am 24. November 1997 seine Aktien sowohl an der Börse in Amsterdam wie in New York (NYSE) einführte.
Die Erschließung des internationalen Kapitalmarktes setzt voraus, daß es gelingt, das Vertrauen der internationalen Investoren zu gewinnen. Ein wesentliches Instument dazu sind auch "Corporate Governance", die Transparenz und Überprüfbarkeit der Unternehmensaktivitäten sicherstellen. Daß dies auch mittelständischen Unternehmen gelingen kann, zeigt das Beispiel von Benckiser.

Wachsende Bedeutung institutioneller Investoren
Eine der herausragenden Entwicklungen auf den globalen Finanzmärkten ist die zunehmende Delegation der Verwaltung privater Ersparnisse an professionelle Kapitalanleger - institutionelle Investoren.
Der Anteil des institutionell gebundenen Kapitals aus den internationalen Finanzmärkten nimmt stetig zu. Die Zahlen der OECD verdeutlichen die dynamische Entwicklung von 1990 - 1995.


Land USA UK Frankreich Deutschland Japan Niederlande Total
1990 6.995,5 1.116,8 632,0 599,0 2.427,8 378,3 12.149,4
1995 11.870,9 1.788,7 1.158,8 1.113,2 3.953,5 626,5 20.530,1
Wachstum 69,7 % 60,2 % 83,4 % 85,8 % 62,8 % 65, 6% 69 %
US Währung (Milliarden US $)

In ähnlichem Umfang wie das Marktvolumen wächst auch die Konkurrenz unter den institutionellen Investoren. Nur durch besonders gute Performance können sich einzelne Investoren erfolgreich im Markt abheben.

Dieser Performancedruck wird von den Fondsmanagern an die Unternehmen weitergegeben. Um Einfluß auf die Geschäftspolitik der Unternehmen auszuüben, bedient sich das Fondmanagement in der Regel folgender Optionen:
  1. Exit Strategy: Diese eher passive Form des Verhaltens zwingt die Unternehmen über die Möglichkeit der positiven oder negativen Anlageentscheidung zu anlegerorientiertem Verhalten. Dabei findet in der Regel kein Dialog mit dem betroffenen Unternehmen statt.
  2. Shareholder Activism: Bei dieser aktiven Form der Einflußnahme werden die Unternehmen, deren Aktien sich im Portfolio der Investoren befinden, im Rahmen der "Corporate Governance" überwacht. Damit soll sichergestellt werden, daß die Interessen der Anteilseigner durchgesetzt werden.
Eine Orientierung an den Marktgegebenheiten setzt sich bei der Beschaffung des notwendigen Kapitals durch. Die Aktie bzw. das Unternehmen wird als Produkt verstanden und die Investoren werden als Kunden des Unternehmens wahrgenommen.

Was ist Corporate Governance?
Corporate Governance kann als Oberbegriff für das gesamte System von internen und externen Kontroll- und Überwachungsmechanismen bezeichnet werden. Wichtigstes Ziel ist, den Interessenschutz der Kapitalanleger gegenüber dem Management sicherzustellen. Aus Sicht des Shareholder Value-Konzepts eröffnet eine effiziente Corporate Governance dem Anteilseigner die Möglichkeit, eine wertorientierte Unternehmensführung beim Management einzufordern.

Neue Formen der Information
Hauptversammlungen vieler Gesellschaften werden als ineffizient und mit zu vielen Anliegen überfrachtet angesehen. Deshalb konzentrieren sich viele institutionelle Anleger auf persönliche, direkte Kommunikationswege. Um ihre Vorstellungen als Anteilseigner zu verdeutlichen, gewinnen regelmäßig stattfindende "One-on-Ones", also exklusive Gespräche mit dem Management und insbesondere dem Finanzvorstand an Bedeutung.
Neben den direkten Kontakten sind Unternehmenspräsentationen, Telefonkonferenzen, Roadshows etc. gefordert. Einige amerikanische "Investor-Aktivisten" haben bei einigen Unternehmen die Einführung von Best Practice-Standards für eine effiziente Corporate Governance erreicht.
Viele internationale Investoren messen dem Thema Corporate Governance große Bedeutung zu, um ihr Recht auf Unternehmenskontrolle besser und umfassender wahrzunehmen. Angelsächsische Fondgesellschaften nutzen in der Mehrzahl Kriterienkataloge, um eine effiziente Unternehmenskontrolle und -überwachung durchzuführen. Die Erkenntnisse spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, in das betroffene Unternehmen zu investieren bzw. sich zurückzuziehen.
Große angelsächsische Investmentfonds haben bereits eigene Best-Practice Standards für Corporate Governance entwickelt und deren Einführung in einigen Unternehmen durchgeführt. Auch die Veröffentlichung von sogenannten "Watch-Lists" durch Investorengruppen haben bei den betroffenen Unternehmen als auch im Markt Unruhe verursacht. In diesen vielbeachteten Listen sind die Unternehmen aufgeführt, die die Performanceerwartung, die Anforderungen an die Zusammensetzung des Boards oder die Anwendung von klaren Shareholder Value-Kriterien nicht erfüllt haben.
Die weitere Globalisierung des Kapitalmarktes wird auch in Europa die Dynamik bei der Ausbreitung von Corporate Governance verstärken. An den beiden europäischen Finanzplätzen London und Amsterdam bestehen klare Empfehlungen für Corporate Governance. Unternehmen sind aufgefordert, im Rahmen der jährlichen Aktionärsversammlung detailliert über die Anwendung / Durchsetzung der Corporate Governance-Empfehlung zu berichten.

Corporate Governance bei Benckiser
Offenheit und Transparenz sind bei Benckiser fest verankerte Leitgedanken der Unternehmensverfassung, die zu einer echten Kontrolle im Sinne des Streubesitzes entwickelt werden. Benckiser, mit seinem Firmensitz in Amsterdam, wendet weitestgehend die angelsächsische und holländische Corporate Governance an.
Bei Benckiser ist vor allem die Rolle des Aufsichtsrats anders als in Deutschland üblich definiert. Am Börsenplatz Amsterdam hat das Unternehmen aus dem Aufsichtsrat und dem Vorstand in der täglichen Arbeit ein Board nach angelsächsischem Vorbild installiert. Die Hauptversammlung kommt dabei nicht zu kurz. Sie wählt die künftig mindestens sieben Aufsichtsratsmitglieder sowie - anders als in Deutschland - die Vorstandsmitglieder, wobei der Ausichtsrat das wichtige Vorschlagsrecht hat. Das Board-Modell soll sich besonders darin ausdrücken, daß Vorstand und Aufsichtsrat fünf- bis sechs Mal im Jahr gemeinsam tagen. Die Mitbestimmung stellt für Benckiser kein Problem dar, da sie als Holdinggesellschaft niederländischen Rechts keine Arbeitnehmervertreter aufnehmen muß.
Ziel von Benckiser ist es, im künftigen Aufsichtsrat, der sich momentan noch in der Gründung befindet, eine Mehrheit externer Mitglieder zu haben, die keine Verbindung zum Unternehmen oder zum Mehrheitsaktionär haben. Der Aufsichtsrat soll vor allem international besetzt werden und auch weibliche Mitglieder aufnehmen. Seine Arbeit soll der Aufsichtsrat mit Hilfe von Ausschüssen besonders wirksam gestalten. Hierzu gehören Komitees für Bilanzierung und Finanzen (Audit and Finance), Statuten und Regeln (Corporate Goverance) sowie Personal (Human Resources). Letzteres erhält dabei ein zusätzliches Gewicht durch Formen der Erfolgsbeteiligung der Manager.
Der Erfolg gibt Benckiser Recht. Seit dem Börsengang im Herbst vergangenen Jahres zu 66 Gulden hat die Aktie um rund 55 Prozent und damit deutlich stärker als der Börsenindex zugelegt. Allerdings hatte der Höchstkurs dieses Jahres von 112 Gulden den Ausgabepreis schon um 70 Prozent übertroffen.

Corporate Governance - eine Frage der Ethik?
Corporate Governance ist ein begrenzter aber gleichwohl wichtiger Aspekt der Wirtschaftsethik. Dabei geht es um die gewünschten und vereinbarten Normen des geschäftlichen Verkehrs auf globaler Ebene.
Nationale Aspekte spielen für wirtschaftliche und insbesondere Anlageentscheidungen eine immer geringere Rolle, während ihre Bedeutung für die Menschen immer unmittelbarer spürbar wird. Die Entwicklung und Durchsetzung von Corporate Governance ist ein Weg, im "globalen Dorf" Vertrauen und Verläßlichkeit zu schaffen und damit Steuerungsfähigkeit zu erhalten.
Die Orientierung am Shareholder Value steht dabei nicht im Gegensatz zu den legitimen Interessen der Stakeholder. Denn Corporate Governance fördert solide Unternehmen, die aufgrund ihrer Kompetenz Mitarbeitern und Partnern Zukunft bieten können. Coporate Governance sind ein zentraler Aspekt für seriöse Investoren. Spekulation und Corporate Governance dagegen passen kaum zusammen.
Wilhelm Scior
Benckiser N.V.,
Senior Vice President,
Corporate Communications - Investor Relations