Wilhelm Scior
Corporate Governance bei der Benckiser N.V.
Die vielbeschworene Globalisierung eröffnet auch für
mittelständische Unternehmen Chancen. So hat 1997 die
Benckiser-Gruppe ihre beiden Unternehmensbereiche in selbstständig
agierende Unternehmen überführt: die Codein Inc., mit Sitz in
New York, und die Benkciser N.V. für den Bereich Wasch-, Putz-, und
Reinigungsmittel mit Sitz in Amsterdam. Mit dieser Focussierung der
beiden Unternehmen fiel auch der Entschluß, mit dem Amsterdamer
Unternehmen Benckiser N.V. mit rund 40 % des Aktienkapitals an die Börse
zu gehen.
Die internationale Ausrichtung zeigt sich auch darin, daß das
Unternehmen am 24. November 1997 seine Aktien sowohl an der Börse
in Amsterdam wie in New York (NYSE) einführte.
Die Erschließung des internationalen Kapitalmarktes setzt
voraus, daß es gelingt, das Vertrauen der internationalen
Investoren zu gewinnen. Ein wesentliches Instument dazu sind auch "Corporate
Governance", die Transparenz und Überprüfbarkeit der
Unternehmensaktivitäten sicherstellen. Daß dies auch mittelständischen
Unternehmen gelingen kann, zeigt das Beispiel von Benckiser.
Wachsende Bedeutung institutioneller Investoren
Eine der herausragenden Entwicklungen auf den globalen Finanzmärkten
ist die zunehmende Delegation der Verwaltung privater Ersparnisse an
professionelle Kapitalanleger - institutionelle Investoren.
Der Anteil des institutionell gebundenen Kapitals aus den
internationalen Finanzmärkten nimmt stetig zu. Die Zahlen der OECD
verdeutlichen die dynamische Entwicklung von 1990 - 1995.
| Land |
USA |
UK |
Frankreich |
Deutschland |
Japan |
Niederlande |
Total |
| 1990 |
6.995,5 |
1.116,8 |
632,0 |
599,0 |
2.427,8 |
378,3 |
12.149,4 |
| 1995 |
11.870,9 |
1.788,7 |
1.158,8 |
1.113,2 |
3.953,5 |
626,5 |
20.530,1 |
| Wachstum |
69,7
% |
60,2
% |
83,4
% |
85,8
% |
62,8
% |
65,
6% |
69
% |
US Währung
(Milliarden US $)
In ähnlichem Umfang wie
das Marktvolumen wächst auch die Konkurrenz unter den
institutionellen Investoren. Nur durch besonders gute Performance können
sich einzelne Investoren erfolgreich im Markt abheben.
Dieser Performancedruck wird von den Fondsmanagern an die
Unternehmen weitergegeben. Um Einfluß auf die Geschäftspolitik
der Unternehmen auszuüben, bedient sich das Fondmanagement in der
Regel folgender Optionen:
- Exit Strategy: Diese eher
passive Form des Verhaltens zwingt die Unternehmen über die Möglichkeit
der positiven oder negativen Anlageentscheidung zu
anlegerorientiertem Verhalten. Dabei findet in der Regel kein Dialog
mit dem betroffenen Unternehmen statt.
- Shareholder
Activism: Bei dieser aktiven Form der Einflußnahme werden die
Unternehmen, deren Aktien sich im Portfolio der Investoren befinden,
im Rahmen der "Corporate Governance" überwacht. Damit
soll sichergestellt werden, daß die Interessen der
Anteilseigner durchgesetzt werden.
Eine Orientierung an den
Marktgegebenheiten setzt sich bei der Beschaffung des notwendigen
Kapitals durch. Die Aktie bzw. das Unternehmen wird als Produkt
verstanden und die Investoren werden als Kunden des Unternehmens
wahrgenommen.
Was ist Corporate
Governance?
Corporate Governance kann als Oberbegriff für das gesamte
System von internen und externen Kontroll- und Überwachungsmechanismen
bezeichnet werden. Wichtigstes Ziel ist, den Interessenschutz der
Kapitalanleger gegenüber dem Management sicherzustellen. Aus Sicht
des Shareholder Value-Konzepts eröffnet eine effiziente Corporate
Governance dem Anteilseigner die Möglichkeit, eine wertorientierte
Unternehmensführung beim Management einzufordern.
Neue Formen der Information
Hauptversammlungen vieler Gesellschaften werden als ineffizient und
mit zu vielen Anliegen überfrachtet angesehen. Deshalb
konzentrieren sich viele institutionelle Anleger auf persönliche,
direkte Kommunikationswege. Um ihre Vorstellungen als Anteilseigner zu
verdeutlichen, gewinnen regelmäßig stattfindende "One-on-Ones",
also exklusive Gespräche mit dem Management und insbesondere dem
Finanzvorstand an Bedeutung.
Neben den direkten Kontakten sind Unternehmenspräsentationen,
Telefonkonferenzen, Roadshows etc. gefordert. Einige amerikanische "Investor-Aktivisten"
haben bei einigen Unternehmen die Einführung von Best
Practice-Standards für eine effiziente Corporate Governance
erreicht.
Viele internationale Investoren messen dem Thema Corporate
Governance große Bedeutung zu, um ihr Recht auf
Unternehmenskontrolle besser und umfassender wahrzunehmen. Angelsächsische
Fondgesellschaften nutzen in der Mehrzahl Kriterienkataloge, um eine
effiziente Unternehmenskontrolle und -überwachung durchzuführen.
Die Erkenntnisse spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, in
das betroffene Unternehmen zu investieren bzw. sich zurückzuziehen.
Große angelsächsische Investmentfonds haben bereits
eigene Best-Practice Standards für Corporate Governance entwickelt
und deren Einführung in einigen Unternehmen durchgeführt. Auch
die Veröffentlichung von sogenannten "Watch-Lists" durch
Investorengruppen haben bei den betroffenen Unternehmen als auch im
Markt Unruhe verursacht. In diesen vielbeachteten Listen sind die
Unternehmen aufgeführt, die die Performanceerwartung, die
Anforderungen an die Zusammensetzung des Boards oder die Anwendung von
klaren Shareholder Value-Kriterien nicht erfüllt haben.
Die weitere Globalisierung des Kapitalmarktes wird auch in Europa
die Dynamik bei der Ausbreitung von Corporate Governance verstärken.
An den beiden europäischen Finanzplätzen London und Amsterdam
bestehen klare Empfehlungen für Corporate Governance. Unternehmen
sind aufgefordert, im Rahmen der jährlichen Aktionärsversammlung
detailliert über die Anwendung / Durchsetzung der Corporate
Governance-Empfehlung zu berichten.
Corporate Governance bei Benckiser
Offenheit und Transparenz sind bei Benckiser fest verankerte
Leitgedanken der Unternehmensverfassung, die zu einer echten Kontrolle
im Sinne des Streubesitzes entwickelt werden. Benckiser, mit seinem
Firmensitz in Amsterdam, wendet weitestgehend die angelsächsische
und holländische Corporate Governance an.
Bei Benckiser ist vor allem die Rolle des Aufsichtsrats anders als
in Deutschland üblich definiert. Am Börsenplatz Amsterdam hat
das Unternehmen aus dem Aufsichtsrat und dem Vorstand in der täglichen
Arbeit ein Board nach angelsächsischem Vorbild installiert. Die
Hauptversammlung kommt dabei nicht zu kurz. Sie wählt die künftig
mindestens sieben Aufsichtsratsmitglieder sowie - anders als in
Deutschland - die Vorstandsmitglieder, wobei der Ausichtsrat das
wichtige Vorschlagsrecht hat. Das Board-Modell soll sich besonders darin
ausdrücken, daß Vorstand und Aufsichtsrat fünf- bis
sechs Mal im Jahr gemeinsam tagen. Die Mitbestimmung stellt für
Benckiser kein Problem dar, da sie als Holdinggesellschaft niederländischen
Rechts keine Arbeitnehmervertreter aufnehmen muß.
Ziel von Benckiser ist es, im künftigen Aufsichtsrat, der sich
momentan noch in der Gründung befindet, eine Mehrheit externer
Mitglieder zu haben, die keine Verbindung zum Unternehmen oder zum
Mehrheitsaktionär haben. Der Aufsichtsrat soll vor allem
international besetzt werden und auch weibliche Mitglieder aufnehmen.
Seine Arbeit soll der Aufsichtsrat mit Hilfe von Ausschüssen
besonders wirksam gestalten. Hierzu gehören Komitees für
Bilanzierung und Finanzen (Audit and Finance), Statuten und Regeln
(Corporate Goverance) sowie Personal (Human Resources). Letzteres erhält
dabei ein zusätzliches Gewicht durch Formen der Erfolgsbeteiligung
der Manager.
Der Erfolg gibt Benckiser Recht. Seit dem Börsengang im Herbst
vergangenen Jahres zu 66 Gulden hat die Aktie um rund 55 Prozent und
damit deutlich stärker als der Börsenindex zugelegt.
Allerdings hatte der Höchstkurs dieses Jahres von 112 Gulden den
Ausgabepreis schon um 70 Prozent übertroffen.
Corporate Governance - eine Frage der Ethik?
Corporate Governance ist ein begrenzter aber gleichwohl wichtiger
Aspekt der Wirtschaftsethik. Dabei geht es um die gewünschten und
vereinbarten Normen des geschäftlichen Verkehrs auf globaler Ebene.
Nationale Aspekte spielen für wirtschaftliche und insbesondere
Anlageentscheidungen eine immer geringere Rolle, während ihre
Bedeutung für die Menschen immer unmittelbarer spürbar wird.
Die Entwicklung und Durchsetzung von Corporate Governance ist ein Weg,
im "globalen Dorf" Vertrauen und Verläßlichkeit zu
schaffen und damit Steuerungsfähigkeit zu erhalten.
Die Orientierung am Shareholder Value steht dabei nicht im
Gegensatz zu den legitimen Interessen der Stakeholder. Denn Corporate
Governance fördert solide Unternehmen, die aufgrund ihrer Kompetenz
Mitarbeitern und Partnern Zukunft bieten können. Coporate
Governance sind ein zentraler Aspekt für seriöse Investoren.
Spekulation und Corporate Governance dagegen passen kaum zusammen. |