"Doch die Verhältisse,
die sind nicht so...!" belehrt uns schon Peachum aus Brechts
Dreigroschenoper. Gerne wäre der Mensch hilfreich, edel und gut,
aber er ist nun mal gezwungen zu betrügen, zu rauben, gar zu morden
- also auf Kosten anderer zu leben. Die Moral dieser Geschichte über
Doppelmoral: wer ethische Normen wie eine Monstranz trägt, gerät
leicht in Gefahr, Unrecht zu bemänteln. Eine Gefahr, in der sich
auch die Wirtschaftsethik befindet. Von Einzelnen, Unternehmen oder auch
ganzen Volkswirtschaften im sich zunehmend veschärfenden globalen
Wettbewerb zu verlangen, sie sollen sich doch bitte moralisch verhalten,
provoziert Heuchelei, Gleichgültigkeit oder gar Gelächter.
Dabei scheinen wirtschaftsethische Fragestellungen Konjunktur zu
haben. Gerade aus der Praxis heraus werden Fragen nach der Möglichkeit
der Verankerung ehtischer Systeme gestellt. Während Unternehmen das
Vertrauen der Aktionäre durch "Corporate governance"
gewinnen wollen, rufen Finanzfachleute angesichts der Krise in Ostasien
nach einer "Global governance". Während die einen mit
moralischer Inbrunst den Unternehmen bei der Verlagerung von
Produktionen "Vaterlandsverrat" vorwerfen, fragen
Unternehmensführer, wie sie erreichen können, daß die
zehntausende Mitarbeiter in aller Welt mindestens grundlegende Regeln
des Geschäftslebens beachten. Und an der Eindämmung von
Korruption sind nicht nur Sittenwächter interessiert, sondern auch
die Controller, die feststellen, daß sich hinter Korruption allzu
häufig ineffiziente Produktion verbirgt.
Wirtschaftsethik also als eine Art Leuchtfeuer im Dunkel der neuen
Unübersichtlichkeit? Solche Überforderung führt schnell
zur Affirmation der Maxime "Erst kommt das Fressen, dann die Moral".
Unternehmen haben zwar eine gesellschaftliche Verantwortung, aber können
und dürfen nicht die politische Verantwortung von Gesellschaft und
Staat übernehmen.
Letztlich geht es bei den wirtschaftsethischen Problemstellungen für
die wirtschaftlichen Akteure um Vertrauen als Grundlage der Geschäfts-
und Interaktionsfähigkeit: Vertrauen der Börsen in die
Unternehmensstrategie und die Qualität des Managements, Vertrauen
zwischen den Management und Belegschaft, Vertrauen zwischen Menschen
unterschiedlicher Kulturen als Grundlage der Zusammenarbeit, Vertrauen
zwischen Produzenten und Konsumenten, Vertrauen zwischen den Sphären
der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Gute Absichten reichen nicht aus, um Vertrauen zu gewinnen und auch
gutes Handeln braucht Zeugenschaft. In einer Welt, in der wir zunehmend
aus zweiter Hand voneinander hören, ist der "gute Ruf" zu
einem entscheidenden Faktor geworden. Vertrauen wird so gewissermaßen
zu einer Resultante aus Integrität und medialer Kommunikation. "EthikManagementSysteme"
und "Corporate Communications" sind so für Unternehmen
zwei Seiten einer Medaille. Blauäugigkeit wird in beiden Feldern
unverzüglich bestraft. Wer die kommunikative Seite seines
Ethiksystems nicht reflektiert, hat keine Chance, sich von denen zu
unterscheiden, die bloß moralisierende Statements abgeben. Dies
aber führt zur Entwertung der gesamten Bemühung - Moral und
Doppelmmoral lassen sich - wie bei Brecht - nicht mehr unterscheiden,
der Mörder wird begnadigt und in den Kreis der ehrenwerten
Gesellschaft aufgenommen.
Michael Behrent |