2/1998
Forum Wirtschaftsethik

 
Editorial
"Doch die Verhältisse, die sind nicht so...!" belehrt uns schon Peachum aus Brechts Dreigroschenoper. Gerne wäre der Mensch hilfreich, edel und gut, aber er ist nun mal gezwungen zu betrügen, zu rauben, gar zu morden - also auf Kosten anderer zu leben. Die Moral dieser Geschichte über Doppelmoral: wer ethische Normen wie eine Monstranz trägt, gerät leicht in Gefahr, Unrecht zu bemänteln. Eine Gefahr, in der sich auch die Wirtschaftsethik befindet. Von Einzelnen, Unternehmen oder auch ganzen Volkswirtschaften im sich zunehmend veschärfenden globalen Wettbewerb zu verlangen, sie sollen sich doch bitte moralisch verhalten, provoziert Heuchelei, Gleichgültigkeit oder gar Gelächter.
Dabei scheinen wirtschaftsethische Fragestellungen Konjunktur zu haben. Gerade aus der Praxis heraus werden Fragen nach der Möglichkeit der Verankerung ehtischer Systeme gestellt. Während Unternehmen das Vertrauen der Aktionäre durch "Corporate governance" gewinnen wollen, rufen Finanzfachleute angesichts der Krise in Ostasien nach einer "Global governance". Während die einen mit moralischer Inbrunst den Unternehmen bei der Verlagerung von Produktionen "Vaterlandsverrat" vorwerfen, fragen Unternehmensführer, wie sie erreichen können, daß die zehntausende Mitarbeiter in aller Welt mindestens grundlegende Regeln des Geschäftslebens beachten. Und an der Eindämmung von Korruption sind nicht nur Sittenwächter interessiert, sondern auch die Controller, die feststellen, daß sich hinter Korruption allzu häufig ineffiziente Produktion verbirgt.
Wirtschaftsethik also als eine Art Leuchtfeuer im Dunkel der neuen Unübersichtlichkeit? Solche Überforderung führt schnell zur Affirmation der Maxime "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Unternehmen haben zwar eine gesellschaftliche Verantwortung, aber können und dürfen nicht die politische Verantwortung von Gesellschaft und Staat übernehmen.
Letztlich geht es bei den wirtschaftsethischen Problemstellungen für die wirtschaftlichen Akteure um Vertrauen als Grundlage der Geschäfts- und Interaktionsfähigkeit: Vertrauen der Börsen in die Unternehmensstrategie und die Qualität des Managements, Vertrauen zwischen den Management und Belegschaft, Vertrauen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen als Grundlage der Zusammenarbeit, Vertrauen zwischen Produzenten und Konsumenten, Vertrauen zwischen den Sphären der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Gute Absichten reichen nicht aus, um Vertrauen zu gewinnen und auch gutes Handeln braucht Zeugenschaft. In einer Welt, in der wir zunehmend aus zweiter Hand voneinander hören, ist der "gute Ruf" zu einem entscheidenden Faktor geworden. Vertrauen wird so gewissermaßen zu einer Resultante aus Integrität und medialer Kommunikation. "EthikManagementSysteme" und "Corporate Communications" sind so für Unternehmen zwei Seiten einer Medaille. Blauäugigkeit wird in beiden Feldern unverzüglich bestraft. Wer die kommunikative Seite seines Ethiksystems nicht reflektiert, hat keine Chance, sich von denen zu unterscheiden, die bloß moralisierende Statements abgeben. Dies aber führt zur Entwertung der gesamten Bemühung - Moral und Doppelmmoral lassen sich - wie bei Brecht - nicht mehr unterscheiden, der Mörder wird begnadigt und in den Kreis der ehrenwerten Gesellschaft aufgenommen.

Michael Behrent