Shareholder Value
- wertorientierte Unternehmensführung in der Praxis
Interview mit Dr. Norbert Bensel, Personalvorstand der
Daimler-Benz InterServices AG
"Sag mir, wie hälst Du es
mit dem Shareholder Value?" Diese Frage scheint gegenwärtig zur
Gretchenfrage für Unternehmen zu werden, die auch zukünftig
international wettbewerbsfähig bleiben wollen. Betrachtet man die
Diskussion der vergangenen Monate, so hat es den Anschein, als sei der Begriff "Shareholder
Value" geeignet, die Gemüter zu erhitzen und die Geister zu scheiden.
Was für die einen im Zuge der Globalisierung als Notwendigkeit erscheint,
verstehen andere als "das Diktat der Wertsteigerung des Anteilseigners über
das Interesse des Arbeitnehmers, der Umwelt und der Gesellschaft" (K.
Zwickel, IG Metall).
Der Daimler-Benz-Konzern gehört zu
denjenigen Unternehmen in Deutschland, die im Zuge ihrer Internationalisierung
die nachhaltige Steigerung des Unternehmenswertes an die Spitze ihrer
unternehmenspolitischen Agenda gestellt haben und damit dem Shareholder-Value
bei der Unternehmensführung eine Schlüsselfunktion einräumen. Die
Daimler-Benz AG hat hierzu im Rahmen einer Restrukturierung ihrer Führungssorganisation
und durch eine Konzentration des Geschäftsportfolios auf 23 Geschäftsfelder
wichtige strategische Weichenstellungen für eine wertorientierte
Unternehmensführung vollzogen.
FORUM Wirtschaftsethik sprach mit
Dr. Norbert Bensel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Daimler-Benz
InterServices AG, der Dienstleistungstochter des Daimler-Benz-Konzerns, über
die Bedeutung und die Auswirkungen einer wertorientierten Unternehmensführung
in der Praxis. |
FORUM Wirtschaftsethik: In ihrer
Ausgabe vom 22. Mai 1997 zitiert die Süddeutsche Zeitung Helmut Ruwisch,
Vorstand der Westdeutschen Genossenschafts-Zentralbank eG, als Befürworter
des Shareholder-Value-Konzepts. Danach ist die Aktie das Produkt, an dem alle
Mitarbeiter eines Unternehmens arbeiten, und der Aktionär der entscheidende
Kunde, den es zu gewinnen oder zu verlieren gilt. Warum betonen deutsche
Unternehmensvertreter in der Öffentlichkeit die Bedeutung des Shareholder
Values gegenwärtig so stark?
Dr. Bensel: Um einer verkürzten
Diskussion von vorn herein entgegenzuwirken, möchte ich zunächst
folgendes vorausschicken. Wertorientierte Unternehmensführung zielt nicht
allein auf eine angemessene Verzinsung für unsere Aktionäre, sondern
ebenso auf attraktive Dienstleistungen und innovative Produkte für unsere
Kunden und vor allem auf anspruchsvolle und sichere Arbeitsplätze für
unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Shareholder Value im Sinne von
kurzfristiger Gewinnmaximierung ist somit nicht zielführend und sichert
noch keinen langfristigen und dauerhaften Unternehmenserfolg. Entscheidend ist
hierfür vielmehr eine Zusammenschau der bezeichneten Ziele im Rahmen einer
ganzheitlichen wertorientierten Sichtweise. Mit anderen Worten: Die Diskussion
Shareholder Value versus Stakeholder Value - die nebenbei gesagt keineswegs frei
von ideologisch überholten Überzeichnungen ist - bezeichnet im Grunde
eine schiefe Alternative, die theoretisch möglicherweise denkbar, praktisch
jedoch für eine Unternehmensführung kaum durchführbar ist. Die
Interessen der Shareholder kann eine Unternehmensführung dauerhaft nur
bedienen, wenn sie die berechtigten Interessen der anderen Stakeholder -
Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Gesellschaft - nicht vernachlässigt,
sondern stets als gleichrangige Interessen im Auge behält.
FORUM
Wirtschaftsethik: Gibt es angesichts einer solchen ganzheitlichen
Betrachtungsweise Situationen, in denen eine Unternehmensführung geradezu
dazu verpflichtet ist, dem Shareholder Value besondere Aufmerksamkeit zu widmen?
Dr.
Bensel: Mit Sicherheit gibt es Situationen, in denen ein Unternehmen gut daran
tut, mit besonderem Augenmerk auf die Wahrung seiner Ertragsstärke zu
achten. Nachdem der Daimler-Benz-Konzern für das Berichtsjahr 1995 nach den
Regeln der US-amerikanischen Rechnungslegung einen empfindlichen Verlust von
-5,7 Mrd. DM ausweisen mußte, und wir für 1995 auf die Zahlung einer
Dividende an unsere Aktionäre verzichtet haben, galt es in der Tat, all
unsere Anstrengungen auf ein Ziel zu richten, nämlich die Rückkehr zu
unserer alten Ertragsstärke. Hierzu gehört ganz klar eine Orientierung
an den Renditeansprüchen der Kapitalgeber.
Doch auch dies
bedeutete zu keinem Zeitpunkt eine eindimensionale Fixierung der Unternehmensführung
auf die Interessen von nur einer Anspruchsgruppe. Vielmehr haben wir in einem
tiefgreifenden Gestaltungsprozeß, unsere Führungsstruktur und unsere
Ablauforganisation auf den Prüfstand gestellt. Gleiches gilt für die Überprüfung
unseres Geschäftsportfolios, das wir auf 23 Geschäftsfelder
konzentriert haben, sodaß Daimler-Benz heute wieder ein klar fokussiertes
Unternehmen ist.
Grundlegend ist hierbei für uns das Ziel der
langfristigen und dauerhaften Steigerung des Unternehmenswertes. Wir sind in
diesem Zusammenhang fest davon überzeugt, daß wir uns mit diesem
Kriterium nicht nur an den Renditeansprüchen der Kapitalgeber orientieren,
sondern auch den Interessen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dienen, die
auch zukünftig von unserem Unternehmen einen anspruchsvollen und sicheren
Arbeitsplatz erwarten. Gleiches gilt im übrigen auch für unsere
gesellschaftliche Verantwortung, zu der sich der Daimler-Benz-Konzern ausdrücklich
bekennt.
FORUM Wirtschaftsethik: Die Daimler-Benz AG hat sich mit dem
Gang an die New York Stock Exchange (NYSE) im Oktober 1993 als erstes deutsches
Unternehmen den direkten Zugang zum größten und bedeutendsten
Kapitalmarkt der Welt verschafft. Ist die verstärkte Orientierung am
Shareholder Value im Rahmen einer wertorientierten Unternehmensführung
nicht auch eine notwendige Konsequenz aus dieser strategischen Weichenstellung,
mit dem ihr Unternehmen in den Wettbewerb um internationales Anlagekapital
getreten ist?
Dr. Bensel: Vollkommen richtig. Mit der Entscheidung für
die Notierung der Daimler-Benz-Aktie an der New York Stock Exchange haben wir im
Zuge der Internationalisierung des Daimler-Benz-Konzerns zugleich einen am
Shareholder-Value-Konzept orientierten Prozeß eingeleitet, in dessen
Verlauf wir nicht nur unsere externe Berichterstattung, sondern auch das
Rechnungswesen und unser internes Steuerungsinstrumentarium nachhaltig verändert
haben.
Insbesondere mit der Umstellung der Berichterstattung auf
US-GAAP (US-generally accepted accounting principles) tragen wir dabei dem
Sachverhalt Rechnung, daß die Kapitalgeber von einem Unternehmen, in das
sie ihr Geld investieren, eine aktionärsfreundliche Informationspolitik
erwarten, die sich durch Verständlichkeit, Transparenz, Schnelligkeit und
eine "fair presentation" auszeichnet, und so für die Anleger
wohlbegründete Entscheidungen zugunsten eines Aktienerwerbs oder einer
Aktienveräußerung ermöglicht.
Mit dem Geschäftsbericht
für 1996 präsentiert der Daimler-Benz-Konzern als erstes deutsches
Unternehmen einen vollständigen Jahresabschluß nach US-GAAP. Wir erfüllen
damit den Rechnungslegungsstandard mit der international höchsten
Reputation, der den wirtschaftlichen Erfolg wie auch die Vermögens- und
Finanzlage des Unternehmens nach unserer Einschätzung klarer und
zutreffender als jedes andere zur Zeit anwendbare System der Rechnungslegung
wiedergibt. Daimler-Benz wird dadurch transparenter und im internationalen Maßstab
vergleichbar.
Wertorientierte Unternehmensführung bedeutet in
diesem Zusammenhang im übrigen, daß wir uns gegenüber unseren
Aktionären verpflichten, den Unternehmenswert von Daimler-Benz nachhaltig
zu steigern. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns auf Kerngeschäfte
konzentrieren und dabei solche Geschäfte betreiben, bei denen eine
angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals dauerhaft realisiert werden
kann. Als Richtwert orientieren wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt an
einer Mindestrendite für die meisten Geschäftsfelder in Höhe von
12 Prozent. Für das Geschäftsfeld Dienstleistungen liegt die
Mindestrendite übrigens branchentypisch höher. Nach diesem Richtwert
wirken diejenigen Geschäfte wertsteigernd, die die Mindestverzinsung von
12% übertreffen, denn ihre Erträge liegen über den Kosten für
das eingesetzte Kapital. Umgekehrt mindern die Geschäfte, die die 12%-Marke
über einen längeren Zeitraum hinweg verfehlen, den Unternehmenswert
von Daimler-Benz.
FORUM Wirtschaftsethik: Erlaubt die Orientierung an
der nachhaltigen Steigerung des Unternehmenswertes Mitarbeitern noch Mitarbeiter
zu sein, oder sind zukünftig in Unternehmen nur noch solche Mitarbeiter
gefragt, die sich als Mitunternehmer verstehen?
Dr. Bensel:
Wertorientierte Unternehmensführung, wie wir sie verstehen, verlangt dem
Management sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Tat mehr ab. Die
konsequente Verlagerung von unternehmerischer Verantwortung an die Manager vor
Ort eröffnet für den Einzelnen größere unternehmerische
Handlungsspielräume und ermöglicht damit ein höheres Maß an
Kundennähe und Flexibilität im weltweiten Wettbewerb. Unsere neue Führungsstruktur
impliziert somit mehr Eigenverantwortung und stärkt die Unternehmer im
Unternehmen. Jeder Unternehmensangehörige - ob Mitarbeiter oder Führungskraft
- muß sich unseres Erachtens an der Frage messen lassen, ob er in seinem
Verantwortungsbereich erfolgreich wirtschaftet und wieviel Wert er für das
Unternehmen erwirtschaftet. Dies bedeutet, daß wertorientierte
Unternehmensführung unternehmerisches Mitdenken auf allen
Entscheidungsebenen erfordert.
Die langfristige und dauerhafte
Steigerung des Unternehmenswertes entscheidet sich nach unserem Verständnis
letztlich daran, ob es uns gelingt, Wertorientierung in den Köpfen und
Herzen unserer Mitarbeiter zu verankern. Ferner gelingt uns ein solcher mentaler
Wandel am ehesten, wenn wir jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter durch
entsprechende Vergütungssysteme und Beteiligungsmodelle stärker als
bisher am Unternehmenserfolg partizipieren lassen können. Dies haben wir
uns vorgenommen.
Mitarbeiter werden zukünftig nicht notwendig
Mitunternehmer im Vollsinn sein müssen. Dennoch geht kein Weg an der
Tatsache vorbei, daß wir zunehmend auf hochmotivierte Mitarbeiter
angewiesen sind, die unternehmerisch mitdenken und sich entsprechend engagieren.
Dieses
gilt im übrigen insbesondere für den Dienstleistungsbereich, in dem
der Faktor Arbeit bzw. die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter
Wettbewerbsgesichtspunkten von alles entscheidender Bedeutung ist. Denn die
Mitarbeiter sind in einem Dienstleistungsunternehmen, wie der debis mit ihren
Geschäftsbereichen Finanzdienstleistungen, IT-Services, Telekommunikations-
und Mediendienste, Handel und Immobilienmanagement, die Garanten für
innovative und kundenorientierte, kurz erstklassige Dienstleistungen.
FORUM
Wirtschaftsethik: Wertorientierte Unternehmensführung hätte danach maßgebliche
Auswirkungen auf die Führung von Mitarbeitern und die Personalentwicklung
in einem Unternehmen, wie dem Daimler-Benz-Konzern.
Dr. Bensel: Das hat
sie zweifellos. Erweiterte Verantwortungsübernahme impliziert die
Erweiterung von Kompetenzen und bedarf einer entsprechenden Qualifizierung.
Mitarbeiter, die zunehmend als Mitunternehmer gefordert sind, müssen in
unserem Unternehmen die Möglichkeit erhalten, sich durch geeignete
Entwicklungsmaßnahmen und Kommunikationsplattformen im Unternehmen das
erforderliche Know-How anzueignen. Zugleich gilt es im Rahmen einer entsprechend
ausgerichteten Personalentwicklung Unternehmerpotentiale bei Mitarbeitern frühzeitig
zu erkennen und zu fördern.
Über die fachlichen Kompetenzen
hinaus werden in diesem Zusammenhang die sozialen Kompetenzen und insbesondere
die Fähigkeit sich selbst und andere in Veränderungsprozessen zu
orientieren und letztere aktiv zu gestalten immer bedeutsamer. Denn unsere
Arbeitswelt zeichnet sich zunehmend durch einen extrem hohen Grad an Komplexität
und Veränderungsdynamik aus und bedeutet von daher eine Herausforderung für
jeden, der hieran partizipiert. Die Personalarbeit verändert sich hierbei
selbst ebenfalls grundlegend in Richtung eines unternehmerischen
Personalmanagements, das untrennbar mit den strategischen Entscheidungen eines
Unternehmens verbunden ist und von daher eine aktive Rolle bei der
Unternehmensentwicklung übernimmt.
Wenn wir im Rahmen einer
wertorientierten Unternehmensführung von unseren Mitarbeitern
unternehmerisches Mitdenken erwarten und die Unternehmer im Unternehmen gezielt
unterstützen, dann ergeben sich hieraus in der Tat Konsequenzen für
die Anforderungen an unsere Führungskräfte und unsere Führungskultur.
Unsere
Führungskräfte müssen in diesem Zusammenhang nicht nur
hervorragende Manager, sondern insbesondere auch exzellente Leader sein.
Angesichts der angedeuteten Veränderungsdynamik ist es für unsere Führungskultur
von entscheidender Bedeutung, daß unsere Führungskräfte den
Wandel als unternehmerische Herausforderung begreifen. Sie müssen dabei
sowohl chancenorientiert als auch kapitalmarktorientiert denken und handeln. Vor
allem müssen sie jedoch ihren Mitarbeiter inmitten des Wandels eine
Unternehmensvision vermitteln, aus der hervorgeht, wohin sich das Unternehmen
entwickeln wird, welche Werte und Normen es bestimmen und welche Chancen der
Wandel mit sich bringt. Als exzellente Leader, die unternehmerisches Denken und
Handeln in ihrem Verantwortungsbereich fördern, sind unsere Führungskräfte
zunehmend als Coach für ihr Team und die ihnen anvertrauten Mitarbeiter
gefragt. Mitarbeiter benötigen als Mitunternehmer in erster Linie Führungskräfte,
die sie im Zweifelsfall konsultieren können und die im Regelfall tatsächlich
in der Lage sind, Verantwortung abzugeben, um hierdurch motivierten und
kreativen Mitarbeitern den erforderlichen Handlungsspielraum zu eröffnen,
in dem neue Geschäftsideen und innovative Lösungen in erfolgreiche
Geschäfte umgesetzt werden können. So können Führungskräfte
und Mitarbeiter im Team einen gemeinsamen Beitrag zu einer maßgeblichen
Steigerung des Unternehmenswertes leisten.
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