Forum Wirtschaftsethik
10. Jahrgang/ Nummer 1/ Mai 2002/ ISSN 0947-756X/ Zürich
Forum Wirtschaftsethik
Editorial
Warum hat sich das Fach Wirtschaftsethik (noch) nicht durchgesetzt?

An verschiedenen Universitäten wurden Lehrstühle oder Professuren für Wirtschaftsethik ausgeschrieben, die dann entweder nicht besetzt wurden oder in deren Berufungsvorschlägen zu wenig Wert auf die Kompetenz der Bewerber in der Ethik gelegt wurde.Mit dem Zurückdrängen der Ethik in diesen Ausschreibungen wird erkennbar, dass sich das Fach Wirtschaftsethik wissenschaftlich noch nicht durchgesetzt hat. Zwar hat man die Forderung engagierter Einzelpersonen, die Wirtschaftsethik stärker in den Universitäten zu verankern, und auch den Wunsch der Wirtschaft nach besserer Beratung in unternehmensethischen Fragen aufgenommen und an verschiedenen Stellen die Initiative ergriffen, um Professuren für Wirtschaftsethik zu schaffen. Diese Initiativen wurden aber häufig von den Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten nur halbherzig unterstützt. Erstaunlich ist dieser Sachverhalt angesichts der Bereitschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, unverzüglich Lehrstühle für die Electronic Economy und ähnliches in großer Zahl einzurichten.
Die Philosophen haben erst spät das Fach Wirtschaftsethik entdeckt,weil sie zunächst keine Kompetenz des Faches Philosophie für die Wirtschaft erkennen konnten. Immerhin hat jetzt die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland auf Anregung ihres Ausschusses Wirtschaftsethik eine stärkere Förderung des Faches Wirtschaftsethik für notwendig erklärt.
Gegenwärtig ist an den deutschen Universitäten nur ein einziger Lehrstuhl für Wirtschaftsethik besetzt. Mit einem einzigen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik in Deutschland werden nicht einmal die Mindestanforderungen für eine wissenschaftliche Grundversorgung erfüllt. So stehen der einen Professur für Wirtschaftsethik in Deutschland etwa 40- 50 Professuren in den USA gegenüber.
Ein ausreichendes Interesse an der Vertretung des Faches Wirtschaftsethik durch Professoren in den Fachbereichen für Wirtschaftswissenschaft ist derzeit nicht erkennbar. Ihre Vertreter erkennen in der Wirtschaftsethik meist nur eine Infragestellung des neoklassischen Paradigmas. Normative Fragen, die über die Norm der Nutzen- oder Gewinnmaximierung hinausgehen, sollten ihrer Meinung nach aus der Ökonomie herausgehalten werden. Selbst kultur- und ethikorientierte Ansätze der Tradition der Ökonomie wie etwa die Historische Schule der Nationalökonomie werden als überholt und mit der Dominanz der amerikanischen Wirtschaftstheorie unvereinbar angesehen. Dass es möglich ist, auch ethische Fragen sachlich und ohne Bezug auf unbegründete Wertungen wissenschaftlich zu klären,wird so geflissentlich übersehen. Ebenso ist eine Tendenz der Ökonomie zu erkennen, wichtige Monographien zur Wirtschaftsethik zu übergehen oder in ihrem Fach nicht zur Kenntnis zu nehmen, weil sie außerhalb des vorherrschenden Paradigmas liegen. Die ‚Scholastisierung' und Dogmatisierung der Ökonomie ist nicht zu übersehen. In dem Maße, in dem man in der Ökonomie das Fach ‚Dogmengeschichte' abschaffte, vergaß man, dass man selbst in einem Dogma, demjenigen der neoklassischen Ökonomie befangen ist. Auch ist nicht zu übersehen, dass ein Ansatz, der die Wirtschaftsethik für eine andere Form der Ökonomie ansah, zu einer unangemessenen Wirksamkeit gelangte,weil er der Neigung der Ökonomen und der Manager entgegenkam, hören zu wollen, dass Wirtschaftsethik nur eine andere Form des Selbstinteresses ist. Auch ist es nicht zu einem wirklichen Zusammenschluss derjenigen Autoren gekommen, die in Deutschland wichtige Monographien zur Wirtschaftsethik vorgelegt haben. Einseitige Schulprofilierungen wurden über die gemeinsame Arbeit an Sachfragen und an der Etablierung eines Ausbildungsganges Wirtschaftsethik gestellt.
Das dnwe hat zwar wichtige Anregungen für eine Vermittlung wirtschaftsethischer Fragen in die Unternehmenspraxis gegeben, vermochte aber bis heute nicht, das Fach als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren.
Um den Wissenschaftscharakter der Wirtschaftsethik zu stärken und das Fach im Kanon der Universitätsdisziplinen besser zu verankern, ist eine stärkere Fundierung der Wirtschaftsethik in der Philosophie nötig,weil die Grundlagen der Ethik doch in der philosophischen Ethik begründet wurden und werden. Auf der Grundlage sowohl der philosophischen Ethik als auch der ökonomischen Theorie muss Wirtschaftsethik betrieben werden. Sie ist weder nur ein Anhang der Wirtschaftswissenschaften noch ein ohne die ökonomische Theorie denkbares Spezialgebiet der Angewandten Ethik.
Es sollen entweder neue Professuren für Wirtschaftsethik im Fach Philosophie geschaffen oder bestehende Professuren für Praktische Philosophie oder für Ethik verstärkt mit dem Spezialgebiet Wirtschaftsethik versehen werden. Diese Professuren sollten dann auch Servicefunktionen für die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten erfüllen und Vorlesungen und Seminare für Studierende der Wirtschaftswissenschaften anbieten sowie Prüfungen im Wahlfach Wirtschaftsethik abnehmen. Eine Verankerung des Faches Wirtschaftsethik in der Philosophie entspricht einer aus der Wirtschaft erkennbaren Nachfrage nach Wirtschaftsphilosophie bzw. nach einer stärkeren philosophischen Beratung der Wirtschaftspraxis. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft sowie die Alexander von Humboldt-Stiftung hat die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie deshalb aufgefordert, das Fach Wirtschaftsethik in ihrer Förderung stärker zu berücksichtigen.
Gemeinsam mit den stärker praxisorientierten Gesellschaften für Wirtschaftsethik wie dem dnwe und EBEN sollte auf eine Verankerung der Wirtschaftsethik in den Disziplinen der Wissenschaften hingearbeitet werden. Langfristig kann Wirtschafts- und Unternehmensethik nur in der Wirtschaft und Gesellschaft wirksam werden,wenn sie eine solide Verankerung in Forschung und Lehre besitzt.

Prof. Dr. phil., Dr. oec. h.c. Peter Koslowski
Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaftsethik der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland
Mitglied im Kuratorium des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik e.V.

 
 
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