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An verschiedenen Universitäten wurden Lehrstühle oder
Professuren für Wirtschaftsethik ausgeschrieben, die dann entweder nicht
besetzt wurden oder in deren Berufungsvorschlägen zu wenig Wert auf die
Kompetenz der Bewerber in der Ethik gelegt wurde.Mit dem
Zurückdrängen der Ethik in diesen Ausschreibungen wird erkennbar,
dass sich das Fach Wirtschaftsethik wissenschaftlich noch nicht durchgesetzt
hat. Zwar hat man die Forderung engagierter Einzelpersonen, die
Wirtschaftsethik stärker in den Universitäten zu verankern, und auch
den Wunsch der Wirtschaft nach besserer Beratung in unternehmensethischen
Fragen aufgenommen und an verschiedenen Stellen die Initiative ergriffen, um
Professuren für Wirtschaftsethik zu schaffen. Diese Initiativen wurden
aber häufig von den Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten nur
halbherzig unterstützt. Erstaunlich ist dieser Sachverhalt angesichts der
Bereitschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten,
unverzüglich Lehrstühle für die Electronic Economy und
ähnliches in großer Zahl einzurichten. Die Philosophen haben
erst spät das Fach Wirtschaftsethik entdeckt,weil sie zunächst keine
Kompetenz des Faches Philosophie für die Wirtschaft erkennen konnten.
Immerhin hat jetzt die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in
Deutschland auf Anregung ihres Ausschusses Wirtschaftsethik eine stärkere
Förderung des Faches Wirtschaftsethik für notwendig erklärt.
Gegenwärtig ist an den deutschen Universitäten nur ein einziger
Lehrstuhl für Wirtschaftsethik besetzt. Mit einem einzigen Lehrstuhl
für Wirtschaftsethik in Deutschland werden nicht einmal die
Mindestanforderungen für eine wissenschaftliche Grundversorgung
erfüllt. So stehen der einen Professur für Wirtschaftsethik in
Deutschland etwa 40- 50 Professuren in den USA gegenüber. Ein
ausreichendes Interesse an der Vertretung des Faches Wirtschaftsethik durch
Professoren in den Fachbereichen für Wirtschaftswissenschaft ist derzeit
nicht erkennbar. Ihre Vertreter erkennen in der Wirtschaftsethik meist nur eine
Infragestellung des neoklassischen Paradigmas. Normative Fragen, die über
die Norm der Nutzen- oder Gewinnmaximierung hinausgehen, sollten ihrer Meinung
nach aus der Ökonomie herausgehalten werden. Selbst kultur- und
ethikorientierte Ansätze der Tradition der Ökonomie wie etwa die
Historische Schule der Nationalökonomie werden als überholt und mit
der Dominanz der amerikanischen Wirtschaftstheorie unvereinbar angesehen. Dass
es möglich ist, auch ethische Fragen sachlich und ohne Bezug auf
unbegründete Wertungen wissenschaftlich zu klären,wird so
geflissentlich übersehen. Ebenso ist eine Tendenz der Ökonomie zu
erkennen, wichtige Monographien zur Wirtschaftsethik zu übergehen oder in
ihrem Fach nicht zur Kenntnis zu nehmen, weil sie außerhalb des
vorherrschenden Paradigmas liegen. Die Scholastisierung' und
Dogmatisierung der Ökonomie ist nicht zu übersehen. In dem
Maße, in dem man in der Ökonomie das Fach Dogmengeschichte'
abschaffte, vergaß man, dass man selbst in einem Dogma, demjenigen der
neoklassischen Ökonomie befangen ist. Auch ist nicht zu übersehen,
dass ein Ansatz, der die Wirtschaftsethik für eine andere Form der
Ökonomie ansah, zu einer unangemessenen Wirksamkeit gelangte,weil er der
Neigung der Ökonomen und der Manager entgegenkam, hören zu wollen,
dass Wirtschaftsethik nur eine andere Form des Selbstinteresses ist. Auch ist
es nicht zu einem wirklichen Zusammenschluss derjenigen Autoren gekommen, die
in Deutschland wichtige Monographien zur Wirtschaftsethik vorgelegt haben.
Einseitige Schulprofilierungen wurden über die gemeinsame Arbeit an
Sachfragen und an der Etablierung eines Ausbildungsganges Wirtschaftsethik
gestellt. Das dnwe hat zwar wichtige Anregungen für eine Vermittlung
wirtschaftsethischer Fragen in die Unternehmenspraxis gegeben, vermochte aber
bis heute nicht, das Fach als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Um
den Wissenschaftscharakter der Wirtschaftsethik zu stärken und das Fach im
Kanon der Universitätsdisziplinen besser zu verankern, ist eine
stärkere Fundierung der Wirtschaftsethik in der Philosophie
nötig,weil die Grundlagen der Ethik doch in der philosophischen Ethik
begründet wurden und werden. Auf der Grundlage sowohl der philosophischen
Ethik als auch der ökonomischen Theorie muss Wirtschaftsethik betrieben
werden. Sie ist weder nur ein Anhang der Wirtschaftswissenschaften noch ein
ohne die ökonomische Theorie denkbares Spezialgebiet der Angewandten
Ethik. Es sollen entweder neue Professuren für Wirtschaftsethik im
Fach Philosophie geschaffen oder bestehende Professuren für Praktische
Philosophie oder für Ethik verstärkt mit dem Spezialgebiet
Wirtschaftsethik versehen werden. Diese Professuren sollten dann auch
Servicefunktionen für die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten
erfüllen und Vorlesungen und Seminare für Studierende der
Wirtschaftswissenschaften anbieten sowie Prüfungen im Wahlfach
Wirtschaftsethik abnehmen. Eine Verankerung des Faches Wirtschaftsethik in der
Philosophie entspricht einer aus der Wirtschaft erkennbaren Nachfrage nach
Wirtschaftsphilosophie bzw. nach einer stärkeren philosophischen Beratung
der Wirtschaftspraxis. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die
Max-Planck-Gesellschaft sowie die Alexander von Humboldt-Stiftung hat die
Allgemeine Gesellschaft für Philosophie deshalb aufgefordert, das Fach
Wirtschaftsethik in ihrer Förderung stärker zu berücksichtigen.
Gemeinsam mit den stärker praxisorientierten Gesellschaften für
Wirtschaftsethik wie dem dnwe und EBEN sollte auf eine Verankerung der
Wirtschaftsethik in den Disziplinen der Wissenschaften hingearbeitet werden.
Langfristig kann Wirtschafts- und Unternehmensethik nur in der Wirtschaft und
Gesellschaft wirksam werden,wenn sie eine solide Verankerung in Forschung und
Lehre besitzt.
Prof. Dr. phil., Dr. oec. h.c. Peter
Koslowski Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaftsethik der Allgemeinen
Gesellschaft für Philosophie in Deutschland Mitglied im Kuratorium des
Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik e.V. |