Forum Wirtschaftsethik
10. Jahrgang/ Nummer 1/ Mai 2002/ ISSN 0947-756X/ Zürich
Forum Wirtschaftsethik
Buchbesprechungen

Bettina Palazzo: Interkulturelle Unternehmensethik.
Deutsche und amerikanische Modelle im Vergleich,
Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 2000, 287 Seiten, ISBN: 3-8244691-03, EUR 59,-

In Zeiten einer globalen Wirtschaft kann Wirtschaftsethik nicht mehr national ausgerichtet sein und ethische Implikationen der Ökonomie nur "vor der eigenen Haustüre" betrachten. Einen Beitrag zu einer internationalen Betrachtung der Wirtschaftsethik leistet Bettina Palazzo in ihrem Buch "Interkulturelle Unternehmensethik ", das im Jahr 2000 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München als Dissertation im Fach Philosophie angenommen wurde; Palazzo wurde für die Arbeit als Nachwuchswissenschaftlerin mit dem Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik ausgezeichnet.
Die Studie beschränkt sich dabei auf einen Vergleich zwischen den deutschen und amerikanischen Ansätzen. Als Leitfaden für die Untersuchung stellt Palazzo drei Fragen an jeden Entwurf (S. 2 ff.): (1.) In welchem Verhältnis stehen Ethik und Ökonomie innerhalb des Ansatzes?, (2.) Fällt die Verantwortung für die Moral im Wirtschaftsleben in den Zuständigkeitsbereich von Individuen oder Institutionen (Individual- versus Institutionenethik)' - und schließlich (3.) Wie kann man zu verbindlichen ethischen Normen für das wirtschaftliche Handeln gelangen? - dies betrifft also die Frage der Normenbegründung und der Normenfindung.
Solchermaßen mit einem hermeneutischen Instrumentarium ausgestattet und nach Klärung weiterer methodischer Details, wendet sich Palazzo zunächst den wirtschaftsethischen Ansätzen deutschsprachiger Provenienz zu (S. 25 ff.). Zur besseren Orientierung der Leserinnen und Leser unterscheidet Palazzo bereits in den Überschriften zu den einzelnen Ansätzen, in welche Richtung die Ansätze nach ihrer Interpretation gehen: So wird der Ansatz Koslowskis mit den Schlagworten "Ethics by Obligations, Virtues and Goods" (S. 26 ff.) , der Ansatz Homanns mit "Ethics by Interests an Institutions" (S. 31 ff.), der Ansatz Wielands mit "Ethics by Atmosphere " (S. 38 ff.), der Ansatz Ulrichs als "Ethics by Reflexion" (S. 45 ff.) und schließlich der Ansatz von Steinmann/Löhr mit "Ethics by Exception" (S. 51 ff.) überschrieben.
Die jeweils kurzen Einführungen geben eine guten Überblick über die deutschsprachige - sehr theorielastige Diskussion. Gleichermaßen verfährt Palazzo auch bei den amerikanischen Ansätzen: Der Ansatz von Weiss wird mit "Ethics by Stakeholder Analysis " (S. 58 ff.), der von Donaldson/Dunfee mit "Ethics by Social Contract" (S. 66 ff.), der von Brady als "Ethics by Impartiality and Particularity" (S. 74 ff.), der von Sharp-Paine mit "Ethics by Organisation" und schließlich der von Solomon mit "Ethics by Virtue" (S. 87 ff.) überschrieben.
Mit den schlagwortartigen Überschriften und der sich perpetuierenden hermeneutischen Leitfragen gelingt es Palazzo, bereits in diesem ersten Teil einen impliziten Vergleich der Ansätze vorzunehmen, der im zweiten Teil des Buches nun seine Vertiefung erfährt.
Dazu werden nun die drei Leitfragen in den Vordergrund gerückt. Anhand dieser Fragen werden die Ansätze in einer vergleichenden Analyse gegenübergestellt und jeweils mit unterschiedlichem Fokus aus deutschsprachiger und amerikanischer Sicht beleuchtet. Das Ergebnis dieser detaillierten Untersuchung kann nicht mehr überraschen. Palazzo schreibt (S. 189):
"So konnte festgestellt werden, dass deutsche Ansätze die Verhältnisbestimmung von Ethik und Ökonomie besonders intensiv und systematisch behandeln und dabei die Auseinandersetzung mit der Tradition des kantischen Antagonismus zu einer heterogenen Positionierung der Ansätze auf dem E-Ö-Kontinuum führt, 2. auf dem Kontinuum zwischen Institutionen und Individualethik ihren Schwerpunkt zugunsten der Institutionenethik setzen, ... 3. Folglich sind auch die Theorien und Methoden der Normenbegründung und Normenfindung eher formal und beschäftigen sich stärker mit einer idealen und deduktiven Normenbegründung als mit der praktischen Normenfindung und -umsetzung."
Die amerikanischen Ansätze beschreibt Palazzo folgendermaßen (S. 189): Sie gehen gemeinhin "1. von einen nichtantagonistischen Primat der Ethik gegenüber der Ökonomie aus und beschäftigen sich weniger intensiv und system- und theorieorientiert mit dieser Grundsatzfrage. 2. Sie präferieren klar eine auf eine intrinsische Moralmotivation vertrauende Individualethik .... 3. Sie legen den Schwerpunkt ihrer Theorie auf eine induktive, pluralistische und empirische Normenfindung, die teilweise auch das Postulieren materialer Vorgaben nicht scheut."
In den folgenden zwei Kapiteln werden nun auf der Basis dieser Theorien die praktischen Implementationsansätze der Unternehmensethik in USA wie in Deutschland untersucht. Dabei zeigt sich, dass amerikanische Unternehmen in ihrer Pragmatik schon wesentlich weiter sind als deutsche Unternehmen. Demzufolge wird folgerichtig im neunten Kapitel (S. 228 ff.) die Frage untersucht, ob amerikanische Modelle auf deutsche Unternehmen übertragbar sind. Palazzo kommt dabei zum Ergebnis, dass aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe eine einfache Eins-zu-eins-Übertragung so nicht möglich ist, sondern dass einer Umsetzung von Unternehmensethik die Analyse der kulturellen Voraussetzungen (im großen wie im kleinen Maßstab) vorangehen muss.
Palazzos Buch liefert die Grundlage für den internationalen Diskurs über die Kontinente hinweg. Es eignet sich für den wissenschaftlichen Gebrauch ebenso wie für einen schnellen Überblick über die aktuelle Diskussion in Deutschland und in den USA. Freilich ist damit erst ein Anfang gemacht: Gerade im Kontext der aktuellen politischen Ereignisse scheint ein Blick über die westliche Hemisphäre hinaus auf andere Kulturgebiete in Zukunft geboten.

Dr. Daniel Dietzfelbinger,
MAN AG Referat Technik- und Innovationsanalyse
80805 München
daniel.dietzfelbinger@ag.man.de

 

 

Elmar Waibl:
Praktische Wirtschaftethik
Studienverlag Innsbruck, Wien, München, Bozen, 2001, 293 Seiten, ISBN: 3-7065162-84, EUR 21,50

Der Wirtschaftsethik gerade im deutschsprachigen Raum wird oft der Vorwurf gemacht, sie sei zu theorielastig und von einem für die Praxis nicht mehr handhabbaren Grad der Verwissenschaftlichung. Einen anderen Weg, der sich diesen Vorwurf nur schwerlich zuziehen kann, beschreitet Elmar Waibl mit seinem 2001 vorgelegten Buch "Praktische Wirtschaftsethik". Das Buch ist im besten Sinne eine Handgabe für Einsteiger in das Thema. Die tatsächliche Praxisorientierung des Buches zeigt sich schon im Aufbau: Das Buch ist in neununddreißig Abschnitte gegliedert, die - vergleichbar mit einem Lexikon - alphabetisch nach Stichworten geordnet sind, von A wie Aktiengesellschaft bis W wie Wettbewerb.
Dieser Aufbau ermöglicht es, das Buch nach den für den Leser und die Leserin relevanten Stichworten zur Hand zu nehmen. Vorangestellt sind dieser ausführlichen Themenbehandlung "Vorbemerkungen" (S. 11 ff.), in denen Waibl nicht nur erläutert, worum es sich bei dem Gebiet Ethik bzw. Wirtschaftsethik handelt, sondern in denen er in sieben Abschnitten auch Rechenschaft darüber ablegt, warum es sich lohnt, moralisch zu wirtschaften (S. 31 ff.): Moral als Wettbewerbsvorteil, als Vorsorgemaßnahme, als Anerkennung der Interessengleichheit, als Umweg zum Glück, als Vorleistung für eine freie Wirtschaft, schließlich: Moral, weil wir es uns schuldig sind und Moral als Stressreduktion und Lebenserleichterung.
Die Stichworte im Einzelnen durchzugehen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, nur soviel: Die Abschnitte lesen sich flüssig und sind unterfüttert mit Praxisbeispielen, Bildern (beim Thema "Spielregeln" der Wirtschaft [S. 18 ff.] darf natürlich Dagobert Duck nicht fehlen) und Grafiken.
Man kann gleichwohl nicht erwarten, dass man auf alle ethisch relevanten Fragen klare Antworten nach einem "Gut-Böse-Schema" bekommt. Waibl will das auch nicht, wie er an mehreren Stellen verdeutlicht. Ob es bei allen wirtschaftsethischen Problemen aber damit getan ist, sich auf Luthers Beschreibung des Menschen als "simul iustus et pecator" zurückziehen (S. 133), scheint dem Rezensenten eine offen Frage. Gleichwohl: Gerade die starke Praxisorientierung des Buches muss sich diese offene Flanke geben, da es andernfalls in die Gefahr geriete mit dem moralischen Zeigefinger auf die Wirtschaft zu zugehen.

Dr. Daniel Dietzfelbinger,
MAN AG Referat Technik- und Innovationsanalyse
80805 München
daniel.dietzfelbinger@ag.man.de

 

 

Mathias Schüz:
Werte - Risiko - Verantwortung. Dimensionen des Value Managements,
Gerling Akademie Verlag München 1999, 213 Seiten, ISBN 3- 9324252-00, EUR 19,90

Gesunde Unternehmen in gesunder Umgebung: so könnte die Vision, die Mathias Schüz' Programm des Value Management leitet, in einem Satz gefasst werden. Schüz nimmt mit der Definition der World Health Organisation einen weiten und tragfähigen Begriff von Gesundheit auf, distanziert sich damit meilenweit von dunklen Assoziationen, die die Rede von "Gesundheit " im gesellschaftlichen Kontext immer noch begleiten: Gesundheit sei ein "Zustand völligen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht bloss...Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen" (S. 116).
Mit diesem Verständnis von Gesundheit sind drei Wertedimensionen intoniert, die nach Schüz auch in Unternehmen nicht aufeinander reduziert werden können, drei Wertedimensionen, die wie ineinander verflochtene Stränge sein ganzes Buch durchziehen und in dessen erstem Teil eingeführt werden:Werte des körperlichen Selbsterhalts,Werte des sozialen Miterhalts und Werte des universalen, geistigen Gesamterhalts. Schüz begreift Wirtschaft nun nicht mehr nur als Subsystem, dessen Zwecke und Rahmenbedingungen wie noch im ordoliberalen Konzept von anderswoher bestimmt werden müssen. Wirtschaft wird vielmehr als eigenständiger Teil des Gesellschaftsganzen wahrgenommen: Unternehmerisches Handeln muss neben Selbstentfaltung und Selbsterhalt auch die soziale Kooperation und die geistige Kommunikation des Ganzen im Blick haben. Schüz vertritt damit einen bis in kulturell-religiöse Dimensionen ausgreifenden Stakeholder-Ansatz.
Dass sich gerade die Vernachlässigung sozialer und geistiger Werte desaströs auswirken kann, macht Schüz in der Analyse entsprechender Risikoszenarien im zweiten Teil seines Buches plastisch plausibel: Oft sind es just die sozialen oder gar die geistigen Werte, die übersehen werden, weil sie in herkömmlichen Kosten- Nutzen-Abwägungen nicht berücksichtigt werden, die aber ein erhebliches Risikopotential für Erfolg, Image oder gar Bestand eines Unternehmens bergen. Unternehmerisches Handeln, so der Focus im dritten Teil, das neben der herkömmlichen funktionalen Verantwortung auch soziale und ganzheitliche Verantwortung wahrnimmt, stellt das Unternehmen in einen positiven Zusammenhang mit der mehrdimensionalen Interaktion alles Lebendigen und sichert mit der vielseitigen Anerkennung seiner Leistungen auch seinen ökonomischen Erfolg. Schüz entwirft damit eine faszinierende systemische und evolutionäre Perspektive: Unternehmen sind lebendige Systeme im Austausch mit anderen lebendigen Systemen, sie sind keineswegs bloße Funktionserbringer in gesellschaftlichen Subsystemen. Schüz ist dabei zuversichtlich, dass ganzheitliches, wertebestimmtes unternehmerisches Handeln auf lange Sicht auch ökonomisch erfolgreich ist. Als Beleg zitiert er etwa George Merck II, Sohn des Gründers des Pharma-Konzerns Merck: "Wir versuchen niemals zu vergessen, dass Medikamente für den Menschen da sind und nicht, um Gewinne zu machen ... . Und immer wenn wir dies beherzigten, haben wir Gewinne gemacht" (S. 171).
Das Buch ist gut geschrieben,Wirtschaftsphilosophie für PraktikerInnen im besten Sinne, ohne je szientistisch-trocken oder populistischplatt zu wirken, der Differenzierungs- und Reflexionsgrad ist bei aller Elementarisierung hoch. Etliche bekannte und manche unbekannte Stories aus der Unternehmenspraxis durchdringen die klare und stringente Argumentation und machen das Buch abwechslungsreich und anschaulich. Aber vielleicht ist es just diese Ästhetik des Gesamtbilds, die mich etwas stutzig macht. Fast zu optimistisch, zu ganzheitlich-integrativ wirkt das Ganze auf mich.Werden von Schüz nicht die Entlastungsfunktion und die Eigendynamik der Systemmedien unterschätzt? Geld etwa entlastet die Koordination von unternehmerischen Handlungsplänen immens, setzt aber funktions- notwendig problematische, weil einseitig quantifizierende Wahrnehmungs- und Handlungsanreize. Hier zeigen sich Konfliktlinien, Bruchstellen zwischen Ethik und Systemdynamik, zwischen ganzheitlichem Zugang und ökonomischem Eigensinn, die Schüz vielleicht zu schnell übergeht, an denen sich wertorientierte Unternehmensethik aber bewähren muss.
Aber diese kritische Randbemerkung mindert kaum den Wert der visionären Impulse, die von Schüz' schönem Entwurf ausgehen.

Dr. Andreas Grabenstein,
Pfarrer, Mitarbeiter am Institut "persönlichkeit + ethik"
An der Radrunde 111
90455 Nürnberg
grabenstein@proethik.de

 
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