|
Bettina Palazzo: Interkulturelle Unternehmensethik.
Deutsche und amerikanische Modelle im Vergleich, Deutscher
Universitätsverlag, Wiesbaden 2000, 287 Seiten, ISBN: 3-8244691-03, EUR
59,-
In Zeiten einer globalen Wirtschaft kann Wirtschaftsethik nicht
mehr national ausgerichtet sein und ethische Implikationen der Ökonomie
nur "vor der eigenen Haustüre" betrachten. Einen Beitrag zu einer
internationalen Betrachtung der Wirtschaftsethik leistet Bettina Palazzo in
ihrem Buch "Interkulturelle Unternehmensethik ", das im Jahr 2000 an der
Ludwig-Maximilians-Universität in München als Dissertation im Fach
Philosophie angenommen wurde; Palazzo wurde für die Arbeit als
Nachwuchswissenschaftlerin mit dem Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik
ausgezeichnet. Die Studie beschränkt sich dabei auf einen Vergleich
zwischen den deutschen und amerikanischen Ansätzen. Als Leitfaden für
die Untersuchung stellt Palazzo drei Fragen an jeden Entwurf (S. 2 ff.): (1.)
In welchem Verhältnis stehen Ethik und Ökonomie innerhalb des
Ansatzes?, (2.) Fällt die Verantwortung für die Moral im
Wirtschaftsleben in den Zuständigkeitsbereich von Individuen oder
Institutionen (Individual- versus Institutionenethik)' - und schließlich
(3.) Wie kann man zu verbindlichen ethischen Normen für das
wirtschaftliche Handeln gelangen? - dies betrifft also die Frage der
Normenbegründung und der Normenfindung. Solchermaßen mit einem
hermeneutischen Instrumentarium ausgestattet und nach Klärung weiterer
methodischer Details, wendet sich Palazzo zunächst den
wirtschaftsethischen Ansätzen deutschsprachiger Provenienz zu (S. 25 ff.).
Zur besseren Orientierung der Leserinnen und Leser unterscheidet Palazzo
bereits in den Überschriften zu den einzelnen Ansätzen, in welche
Richtung die Ansätze nach ihrer Interpretation gehen: So wird der Ansatz
Koslowskis mit den Schlagworten "Ethics by Obligations, Virtues and Goods" (S.
26 ff.) , der Ansatz Homanns mit "Ethics by Interests an Institutions" (S. 31
ff.), der Ansatz Wielands mit "Ethics by Atmosphere " (S. 38 ff.), der Ansatz
Ulrichs als "Ethics by Reflexion" (S. 45 ff.) und schließlich der Ansatz
von Steinmann/Löhr mit "Ethics by Exception" (S. 51 ff.)
überschrieben. Die jeweils kurzen Einführungen geben eine guten
Überblick über die deutschsprachige - sehr theorielastige Diskussion.
Gleichermaßen verfährt Palazzo auch bei den amerikanischen
Ansätzen: Der Ansatz von Weiss wird mit "Ethics by Stakeholder Analysis "
(S. 58 ff.), der von Donaldson/Dunfee mit "Ethics by Social Contract" (S. 66
ff.), der von Brady als "Ethics by Impartiality and Particularity" (S. 74 ff.),
der von Sharp-Paine mit "Ethics by Organisation" und schließlich der von
Solomon mit "Ethics by Virtue" (S. 87 ff.) überschrieben. Mit den
schlagwortartigen Überschriften und der sich perpetuierenden
hermeneutischen Leitfragen gelingt es Palazzo, bereits in diesem ersten Teil
einen impliziten Vergleich der Ansätze vorzunehmen, der im zweiten Teil
des Buches nun seine Vertiefung erfährt. Dazu werden nun die drei
Leitfragen in den Vordergrund gerückt. Anhand dieser Fragen werden die
Ansätze in einer vergleichenden Analyse gegenübergestellt und jeweils
mit unterschiedlichem Fokus aus deutschsprachiger und amerikanischer Sicht
beleuchtet. Das Ergebnis dieser detaillierten Untersuchung kann nicht mehr
überraschen. Palazzo schreibt (S. 189): "So konnte festgestellt
werden, dass deutsche Ansätze die Verhältnisbestimmung von Ethik und
Ökonomie besonders intensiv und systematisch behandeln und dabei die
Auseinandersetzung mit der Tradition des kantischen Antagonismus zu einer
heterogenen Positionierung der Ansätze auf dem E-Ö-Kontinuum
führt, 2. auf dem Kontinuum zwischen Institutionen und Individualethik
ihren Schwerpunkt zugunsten der Institutionenethik setzen, ... 3. Folglich sind
auch die Theorien und Methoden der Normenbegründung und Normenfindung eher
formal und beschäftigen sich stärker mit einer idealen und deduktiven
Normenbegründung als mit der praktischen Normenfindung und -umsetzung."
Die amerikanischen Ansätze beschreibt Palazzo folgendermaßen (S.
189): Sie gehen gemeinhin "1. von einen nichtantagonistischen Primat der Ethik
gegenüber der Ökonomie aus und beschäftigen sich weniger
intensiv und system- und theorieorientiert mit dieser Grundsatzfrage. 2. Sie
präferieren klar eine auf eine intrinsische Moralmotivation vertrauende
Individualethik .... 3. Sie legen den Schwerpunkt ihrer Theorie auf eine
induktive, pluralistische und empirische Normenfindung, die teilweise auch das
Postulieren materialer Vorgaben nicht scheut." In den folgenden zwei
Kapiteln werden nun auf der Basis dieser Theorien die praktischen
Implementationsansätze der Unternehmensethik in USA wie in Deutschland
untersucht. Dabei zeigt sich, dass amerikanische Unternehmen in ihrer Pragmatik
schon wesentlich weiter sind als deutsche Unternehmen. Demzufolge wird
folgerichtig im neunten Kapitel (S. 228 ff.) die Frage untersucht, ob
amerikanische Modelle auf deutsche Unternehmen übertragbar sind. Palazzo
kommt dabei zum Ergebnis, dass aufgrund der unterschiedlichen kulturellen
Hintergründe eine einfache Eins-zu-eins-Übertragung so nicht
möglich ist, sondern dass einer Umsetzung von Unternehmensethik die
Analyse der kulturellen Voraussetzungen (im großen wie im kleinen
Maßstab) vorangehen muss. Palazzos Buch liefert die Grundlage
für den internationalen Diskurs über die Kontinente hinweg. Es eignet
sich für den wissenschaftlichen Gebrauch ebenso wie für einen
schnellen Überblick über die aktuelle Diskussion in Deutschland und
in den USA. Freilich ist damit erst ein Anfang gemacht: Gerade im Kontext der
aktuellen politischen Ereignisse scheint ein Blick über die westliche
Hemisphäre hinaus auf andere Kulturgebiete in Zukunft geboten.
Dr. Daniel Dietzfelbinger, MAN AG Referat Technik- und
Innovationsanalyse 80805 München daniel.dietzfelbinger@ag.man.de
|
|
Elmar Waibl: Praktische Wirtschaftethik Studienverlag
Innsbruck, Wien, München, Bozen, 2001, 293 Seiten, ISBN: 3-7065162-84, EUR
21,50
Der Wirtschaftsethik gerade im deutschsprachigen Raum wird oft der
Vorwurf gemacht, sie sei zu theorielastig und von einem für die Praxis
nicht mehr handhabbaren Grad der Verwissenschaftlichung. Einen anderen Weg, der
sich diesen Vorwurf nur schwerlich zuziehen kann, beschreitet Elmar Waibl mit
seinem 2001 vorgelegten Buch "Praktische Wirtschaftsethik". Das Buch ist im
besten Sinne eine Handgabe für Einsteiger in das Thema. Die
tatsächliche Praxisorientierung des Buches zeigt sich schon im Aufbau: Das
Buch ist in neununddreißig Abschnitte gegliedert, die - vergleichbar mit
einem Lexikon - alphabetisch nach Stichworten geordnet sind, von A wie
Aktiengesellschaft bis W wie Wettbewerb. Dieser Aufbau ermöglicht es,
das Buch nach den für den Leser und die Leserin relevanten Stichworten zur
Hand zu nehmen. Vorangestellt sind dieser ausführlichen Themenbehandlung
"Vorbemerkungen" (S. 11 ff.), in denen Waibl nicht nur erläutert, worum es
sich bei dem Gebiet Ethik bzw. Wirtschaftsethik handelt, sondern in denen er in
sieben Abschnitten auch Rechenschaft darüber ablegt, warum es sich lohnt,
moralisch zu wirtschaften (S. 31 ff.): Moral als Wettbewerbsvorteil, als
Vorsorgemaßnahme, als Anerkennung der Interessengleichheit, als Umweg zum
Glück, als Vorleistung für eine freie Wirtschaft, schließlich:
Moral, weil wir es uns schuldig sind und Moral als Stressreduktion und
Lebenserleichterung. Die Stichworte im Einzelnen durchzugehen, würde
den Rahmen dieser Rezension sprengen, nur soviel: Die Abschnitte lesen sich
flüssig und sind unterfüttert mit Praxisbeispielen, Bildern (beim
Thema "Spielregeln" der Wirtschaft [S. 18 ff.] darf natürlich Dagobert
Duck nicht fehlen) und Grafiken. Man kann gleichwohl nicht erwarten, dass
man auf alle ethisch relevanten Fragen klare Antworten nach einem
"Gut-Böse-Schema" bekommt. Waibl will das auch nicht, wie er an mehreren
Stellen verdeutlicht. Ob es bei allen wirtschaftsethischen Problemen aber damit
getan ist, sich auf Luthers Beschreibung des Menschen als "simul iustus et
pecator" zurückziehen (S. 133), scheint dem Rezensenten eine offen Frage.
Gleichwohl: Gerade die starke Praxisorientierung des Buches muss sich diese
offene Flanke geben, da es andernfalls in die Gefahr geriete mit dem
moralischen Zeigefinger auf die Wirtschaft zu zugehen.
Dr. Daniel
Dietzfelbinger, MAN AG Referat Technik- und Innovationsanalyse 80805
München daniel.dietzfelbinger@ag.man.de
|
|
Mathias Schüz: Werte - Risiko - Verantwortung.
Dimensionen des Value Managements, Gerling Akademie Verlag München
1999, 213 Seiten, ISBN 3- 9324252-00, EUR 19,90
Gesunde Unternehmen in gesunder Umgebung: so könnte die
Vision, die Mathias Schüz' Programm des Value Management leitet, in einem
Satz gefasst werden. Schüz nimmt mit der Definition der World Health
Organisation einen weiten und tragfähigen Begriff von Gesundheit auf,
distanziert sich damit meilenweit von dunklen Assoziationen, die die Rede von
"Gesundheit " im gesellschaftlichen Kontext immer noch begleiten: Gesundheit
sei ein "Zustand völligen körperlichen, sozialen und geistigen
Wohlbefindens und nicht bloss...Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen" (S.
116). Mit diesem Verständnis von Gesundheit sind drei Wertedimensionen
intoniert, die nach Schüz auch in Unternehmen nicht aufeinander reduziert
werden können, drei Wertedimensionen, die wie ineinander verflochtene
Stränge sein ganzes Buch durchziehen und in dessen erstem Teil
eingeführt werden:Werte des körperlichen Selbsterhalts,Werte des
sozialen Miterhalts und Werte des universalen, geistigen Gesamterhalts.
Schüz begreift Wirtschaft nun nicht mehr nur als Subsystem, dessen Zwecke
und Rahmenbedingungen wie noch im ordoliberalen Konzept von anderswoher
bestimmt werden müssen. Wirtschaft wird vielmehr als eigenständiger
Teil des Gesellschaftsganzen wahrgenommen: Unternehmerisches Handeln muss neben
Selbstentfaltung und Selbsterhalt auch die soziale Kooperation und die geistige
Kommunikation des Ganzen im Blick haben. Schüz vertritt damit einen bis in
kulturell-religiöse Dimensionen ausgreifenden Stakeholder-Ansatz.
Dass sich gerade die Vernachlässigung sozialer und geistiger Werte
desaströs auswirken kann, macht Schüz in der Analyse entsprechender
Risikoszenarien im zweiten Teil seines Buches plastisch plausibel: Oft sind es
just die sozialen oder gar die geistigen Werte, die übersehen werden, weil
sie in herkömmlichen Kosten- Nutzen-Abwägungen nicht
berücksichtigt werden, die aber ein erhebliches Risikopotential für
Erfolg, Image oder gar Bestand eines Unternehmens bergen. Unternehmerisches
Handeln, so der Focus im dritten Teil, das neben der herkömmlichen
funktionalen Verantwortung auch soziale und ganzheitliche Verantwortung
wahrnimmt, stellt das Unternehmen in einen positiven Zusammenhang mit der
mehrdimensionalen Interaktion alles Lebendigen und sichert mit der vielseitigen
Anerkennung seiner Leistungen auch seinen ökonomischen Erfolg. Schüz
entwirft damit eine faszinierende systemische und evolutionäre
Perspektive: Unternehmen sind lebendige Systeme im Austausch mit anderen
lebendigen Systemen, sie sind keineswegs bloße Funktionserbringer in
gesellschaftlichen Subsystemen. Schüz ist dabei zuversichtlich, dass
ganzheitliches, wertebestimmtes unternehmerisches Handeln auf lange Sicht auch
ökonomisch erfolgreich ist. Als Beleg zitiert er etwa George Merck II,
Sohn des Gründers des Pharma-Konzerns Merck: "Wir versuchen niemals zu
vergessen, dass Medikamente für den Menschen da sind und nicht, um Gewinne
zu machen ... . Und immer wenn wir dies beherzigten, haben wir Gewinne gemacht"
(S. 171). Das Buch ist gut geschrieben,Wirtschaftsphilosophie für
PraktikerInnen im besten Sinne, ohne je szientistisch-trocken oder
populistischplatt zu wirken, der Differenzierungs- und Reflexionsgrad ist bei
aller Elementarisierung hoch. Etliche bekannte und manche unbekannte Stories
aus der Unternehmenspraxis durchdringen die klare und stringente Argumentation
und machen das Buch abwechslungsreich und anschaulich. Aber vielleicht ist es
just diese Ästhetik des Gesamtbilds, die mich etwas stutzig macht. Fast zu
optimistisch, zu ganzheitlich-integrativ wirkt das Ganze auf mich.Werden von
Schüz nicht die Entlastungsfunktion und die Eigendynamik der Systemmedien
unterschätzt? Geld etwa entlastet die Koordination von unternehmerischen
Handlungsplänen immens, setzt aber funktions- notwendig problematische,
weil einseitig quantifizierende Wahrnehmungs- und Handlungsanreize. Hier zeigen
sich Konfliktlinien, Bruchstellen zwischen Ethik und Systemdynamik, zwischen
ganzheitlichem Zugang und ökonomischem Eigensinn, die Schüz
vielleicht zu schnell übergeht, an denen sich wertorientierte
Unternehmensethik aber bewähren muss. Aber diese kritische
Randbemerkung mindert kaum den Wert der visionären Impulse, die von
Schüz' schönem Entwurf ausgehen.
Dr. Andreas Grabenstein,
Pfarrer, Mitarbeiter am Institut "persönlichkeit + ethik" An der
Radrunde 111 90455 Nürnberg grabenstein@proethik.de |