Eckart Müller
Ein Ordnungskonzept für das nächste
Jahrhundert?
Ist die Soziale Marktwirtschaft
ein taugliches Ordnungskonzept für die Wirtschaft des nächsten
Jahrhunderts? Dietzfelbinger hat in seinem Beitrag diese Frage angeschnitten
und die Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft treffend dargestellt. Wie er
zurecht feststellt, ist die Soziale Marktwirtschaft ein umfassend gedachter
Wirtschaftsstil, der auch heute noch als Leitperspektive für die
Wirtschaft Gültigkeit beansprucht. Freilich - das Konzept Soziale
Marktwirtschaft hat eine fast fünfzigjährige Geschichte hinter sich
und deshalb stellt sich die Frage, ob ein Konzept, welches im
Nachkriegsdeutschland für die damalige Gesellschaft entwickelt worden ist,
ein Leitbild für die Gestaltung der Zukunft sein kann?
Die folgenden Überlegungen bauen auf den Überlegungen Dietzfelbingers
auf und versuchen, diese in Blick auf die Herausforderungen der Zukunft zu
vertiefen. Ich lasse mich dabei von der These leiten, daß die heutige
Gesellschaft sich in der Entwicklung zu einer "Marktgesellschaft"
befindet. Immer mehr Lebensbereiche werden entweder direkt durch
wirtschaftliche Märkte geprägt oder aber so für das Individuum
gestaltbar, daß man auch hier im Sinne der Institutionenökonomie von
Märkten sprechen kann. So hat der Mensch in allen Lebensbereichen
Wahlmöglichkeiten, und er versteht zunehmend sowohl seine individuellen
Beziehungen als auch gesellschaftliche Prozesse als Tauschbeziehungen auf der
Grundlage der Freiwilligkeit. Die Soziale Marktwirtschaft muß diesen
Entwicklungen Rechnung tragen, wenn sie den Anspruch erhebt, auch für die
Zukunft ein Gestaltungspotential zu besitzen.
Ich möchte die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Sozialen
Marktwirtschaft in zwei Schritten bearbeiten. In einem ersten Schritt werde ich
auf einige Trends eingehen, die auf die Entwicklung der Gesellschaft zu einer
Marktgesellschaft hinweisen. Im zweiten Schritt versuche ich darzustellen, wie
Soziale Marktwirtschaft im Blick auf diese Entwicklungen gestaltungsfähig
ist.
In bezug auf den ersten Schritt sind m.E. fünf Aspekte relevant:
1. Gegenüber dem Nachkriegsdeutschland hat sich die außen-
politische Lage nach dem Ende des Ost - West - Konfliktes grundlegend
geändert. Die Länder Europas und der Welt müssen ihre
bilateralen und besonders auch ihre wirtschaftspolitischen Beziehungen neu
regeln. Dabei nehmen die wirtschaftlichen Beziehungen, die zunehmend von der
WTO geregelt werden, einen hohen Stellenwert ein. Verändert hat sich auch
der europäische Rahmen, in dem die Bundesrepublik eingebunden ist. Im Zuge
der europäischen Integration und der Einführung des EURO kommt jede
nationale Wirtschaftspolitik rasch an ihre Grenzen. Die Liberalisierung der
Märkte innerhalb der EU und im Rahmen der WTO stellt nationale Synthesen
von Freiheit und Gerechtigkeit, die nicht mit den anderen Wirtschaftssystemen
kompatibel sind, schnell in Frage. Eine Konsequenz dieser Entwicklung ist,
daß soziale Standards einzelner Länder selbst zu
Wettbewerbsvorteilen, bzw. Nachteilen werden und sich die sozialen Leistungen
unmittelbar auf die Kostenstruktur der Produkte und Dienstleistungen auswirken.
2. Innenpolitisch hat die Wiedervereinigung Deutschlands einen schon vorher zu
beobachtenden Prozeß beschleunigt, nämlich daß der Staat mit
seinen traditionellen Steuerungspotentialen Recht, Bürokratie und
Verwaltung an seine Grenzen stößt. Sie reichen nicht mehr hin, um
eine komplexe, auf Marktprozessen aufbauende und international vernetzte
Gesellschaft zu steuern. Konsequenz dieser Entwicklung ist einerseits die
Privatisierung großer Betriebe, wie Telekom und Post, und andererseits
die Umstrukturierung der öffentlichen Verwaltung nach dem Vorbild der
Privatwirtschaft.
3. Wirtschaftspolitisch ist der Trend zur Globalisierung unumkehrbar. Das
betrifft nicht nur den oben schon angesprochenen gemeinsamen EU-Markt und die
Öffnung der westeuropäischen Märkte nach Osteuropa hin. Vielmehr
steht dieser Begriff auch für einen deutlich zunehmenden Einfluß
international verflochtener marktwirtschaftlicher Prozesse auf die
Entscheidungen der Unternehmen. Sprach man früher von der
Außenwirtschaft einer Volkswirtschaft in Abgrenzung zur Binnenwirtschaft,
so verliert diese Trennung an Bedeutung. Konzerne wie DaimlerChrysler, Hoechst
u.a. beliefern nicht mehr nur vom deutschen Markt aus die Welt, sondern sie
agieren global. D.h. sie sind in verschiedener Hinsicht auf vielen Märkten
gleichzeitig präsent und verstehen sich zunehmend auch so. Dementsprechend
nehmen die Bindungen an das Mutterland auch in strategischen
Unternehmensentscheidungen ab. Die jüngsten Fusionen sind eine Folge
dieser Entwicklung. Eine Folge dieser Entwicklung sind die jüngsten
Fusionen von Daimler-Benz mit Chrysler und der Höchst AG mit einem
französischen Konzern zu Avartis.
4. Auch auf dem Arbeitsmarkt läßt sich ein Trend beobachten, der auf
die zunehmende Bedeutung marktwirtschaftlicher Prozesse hinweist. So verlangt
die Wirtschaft von den Bürgern eine immer größere
Mobilität und eine flexible Anpassung an die wirtschaftliche Dynamik.
Diese Entwicklung hat zur Konsequenz, daß traditionelle Bindungen in
Familie, Nachbarschaft und Vereinen zurückgehen. Auch der
gesellschaftliche Status ist weniger festgelegt als früher. Einmal
erworbene Bildungsabschlüsse bieten keine Gewähr mehr für einen
adäquaten Arbeitsplatz. Vielmehr wird vom Arbeitnehmer die Bereitschaft
erwartet, sich in "lernenden Organisationen" selbständig
fortzubilden.
5. Schließlich ist die heutige Gesellschaft als "plural" und
"multikulturell" zu kennzeichnen. Sie hat besonders in der Akzeptanz
von geistig - kulturellen und religiösen Traditionen ihre Homogenität
verloren. Das individuelle Wahlverhalten gewinnt sowohl im Blick auf die eigene
Weltanschauung bzw. Religiosität als auch im Blick auf die Gestaltung des
eigenen Lebensstiles an Bedeutung. Ein gesellschaftlicher Konsens über
grundlegende Gestaltungskonzepte von Wirtschaft und Politik ist deshalb nicht
mehr auf einer gemeinsamen weltanschaulich - religiösen Basis
möglich, sondern kann nur noch pragmatisch gestaltet werden. Mit dieser
Entwicklung geht einher, daß das ökonomische Denken auch in
Lebensbereiche Einzug hält, denen es bisher fremd war. So gibt es ebenso
eine ökonomische Theorie der Religion wie des Rechts oder des
Freizeitverhaltens.
Wie kann die Soziale Marktwirtschaft auf diese Entwicklungen reagieren? Damit
komme ich zu meinem zweiten Schritt. Ich orientiere mich dabei an den oben
dargestellten fünf Aspekten.
Ad. 1. Für die Soziale Marktwirtschaft bedeutet die veränderte
außenpolitische Lage: Sie muß sich in Zukunft in einem
geopolitischen Umfeld zu bewähren, das von Ländern geprägt ist,
die einerseits eine große Diskrepanz im Blick auf ihre wirtschaftliche
Leistungskraft und ihre sozialen Standards aufweisen, andererseits aber auf
einem gemeinsamen Markt agieren. Das betrifft sowohl das Verhältnis von
Deutschland zu seinen osteuropäischen Nachbarn als auch das
Verhältnis zu anderen EU - Staaten. Zugleich muß sie als
ursprünglich nationale Ordnungskonzeption ihre Kompatibilität mit der
anderer Staaten erweisen. Das kann sie freilich nur, wenn das Konzept in
zweierlei Richtung weiterentwickelt wird: Zum einen muß sie ihren
explizit nationalstaatlichen Charakter aufgeben. Die Nationalstaaten
müssen Teile ihrer wirtschaftlichen Regelungskompetenz auf internationale
Organisationen wie die WTO und die EU übertragen mit dem Ziel, daß
diese Organisationen eine globale Wettbewerbsordnung mit finanztechnischen,
sozialen undökologischen Standards garantieren.
Zum anderen muß deutlicher als bisher üblich das Grundkonzept
Soziale Marktwirtschaft von der bundesdeutschen Realität unterschieden
werden. Gegenwärtig gilt es, die brüchig gewordene Synthese zwischen
der Leistungsfähigkeit der Wirtschafts- und Sozialsysteme neu zu
justieren. Hier gibt die Soziale Marktwirtschaft deutliche Gestaltungsimpulse,
nämlich weg von einer wohlfahrtsstaatlichen Orientierung hin zu einer
Grundsicherung über gesellschaftliche Solidarsysteme, die wirklich
für alle verbindlich sind. Die Freistellung vieler Berufsgruppen von der
Rentenversicherung paßt hierzu ebensowenig wie die private
Krankenversicherung vieler Wohlhabender oder das öffentliche
Beihilfesystem. Ziel der Reform der Solidarsysteme im Sinne der Sozialen
Marktwirtschaft muß es sein, jedem Menschen ein Leben in Würde zu
garantieren, aber jede darüber hinausgehende Zuwendung zu vermeiden.
Ad.2: Auch in bezug auf die Innenpolitik sind Weiterentwicklungen des Konzepts
erforderlich. Denn die Väter der Sozialen Marktwirtschaft hatten ein
Staatsverständnis, das diesem eine über den gesellschaftlichen
Interessen stehende, allein der Sache und dem Gemeinwohl verpflichtende
Stellung zusprach. Der Staat agiert jedoch nicht jenseits vom Markt stehend und
über der Gesellschaft schwebend, sondern er ist selbst nur ein Teil der
Gesellschaft und findet sich immer mehr in der Rolle eines Mitspielers am Markt
wieder.
Doch auch hier sehe ich Entwicklungspotentiale in der Konzeption angelegt. Denn
diese stellt alles staatliche Handeln unter das Kriterium der
"Marktkonformität". Da sich die Märkte in den letzten
Jahrzehnten grundlegend verändert haben, folgt daraus auch die
Notwendigkeit eines veränderten staatlichen Handelns. Konkret bedeutet
dies: Der Staat muß heute verstärkt auf die Gegebenheiten der
Märkte, etwa in der Gestaltung seiner Steuerpolitik, Rücksicht nehmen
und gleichzeitig prüfen, inwieweit er die Steuerungskompetenz von
Märkten für die Erreichung seiner Ziele nutzen kann. Die Steuerung
über Recht und Bürokratie kann nicht länger die dominante Form
bleiben. Vorbild sind hier m.E. die "U.S. Sentencing Guidelines", ein
staatlich entworfenes Anreiz system, das die Unternehmen dazu motiviert,
interne Ethikprogramme zur Verhinderung von Korruption aufzulegen.
Ad. 3: Die veränderte wirtschaftspolitische Lage, die mit dem Stichwort
der "Globalisierung" benannt wird, macht die Notwendigkeit dieser
Entwicklung deutlich. Es besteht die berechtigte Sorge, daß die
Internationalisierung der Märkte nationale Wirtschaftspolitik
marginalisiert. Hier bietet die Soziale Marktwirtschaft zwei Perspektiven an,
um dieser Entwicklung zu begegnen. Zum einen haben sich schon in den
fünfziger Jahren die Gründerväter des Konzepts dafür
ausgesprochen, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stabilisieren und klein-
und mittelständische Betriebe besonders zu fördern. Zu denken ist
hier z.B. an einen erleichterten Zugang zu Risikokapital durch regionale
Börsen oder an die staatliche Einführung einer Rückversicherung
für Aufträge bis zu einer bestimmten Höhe, um so wirtschaftliche
Insolvenzen aufgrund des Konkurses eines Großkunden zu vermeiden.
Zum anderen gilt es, die gesellschaftspolitische Rolle der Unternehmen
verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Da die Regelungskompetenz des
Staates abnimmt, haben die Unternehmen einen erhöhten Gestaltungsspielraum
und eine erhöhte Verantwortlichkeit zugleich. Dabei entspricht der
Sozialen Marktwirtschaft der Ansatz der Kooperationsökonomie, nach der die
Unternehmen mehrdimensionale, systemisch-lebensweltlich organisierte
Koalitionen zwischen verschiedenen Stakeholdern sind, die verschiedene
Bedürfnisse befriedigen und verschiedene Zwecke erfüllen. Die
Unternehmen haben in diesem Sinne eine gesellschaftliche Mitverantwortung und
diese wächst in dem Maße, wie staatliche Regelungen über die
Rahmenordnung nicht mehr greifen.
Ad 4: Auch für den bundesdeutschen Arbeitsmarkt gilt: Das Konzept Soziale
Marktwirtschaft ist flexibler angelegt als das in Deutschland realisierte
System. So ist das gegenwärtige bilaterale Monopol, welches immer noch die
Arbeitsmärkte dominiert, nicht in der Sozialen Marktwirtschaft angelegt.
Und schon Rüstow empfahl, niedrige Lohngruppen bei gleichzeitiger
staatlicher Unterstützung, sogenannte "Kombilöhne",
einzuführen. Eine Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und eine
Orientierung derselben an den Bedürfnissen kleiner und
mittelständischer Betriebe ist im Sinne des Konzepts, freilich nicht um
den Preis, daß sämtliche gesellschaftliche Risiken den Arbeitnehmern
aufgebürdet werden und deren Interessenvertretungen marginaliert werden.
Darüber hinaus liegt es ganz im Sinne der Konzeption, wenn verstärkte
Anstrengungen unternommen werden, um Gemeinschaftsbildungen in Familien,
Vereinen und anderen Bürgergruppen zu fördern. Hier muß der
gegenwärtigen Entwicklung gegengesteuert werden. Alle
gemeinschaftbildenden, solidarisch strukturierten Gruppen, die bereit sind,
gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, sind zu stärken.
Rüstow nennt dies Vitalpolitik. Freilich kann auch dies heute im Angesicht
leerer Kassen nur unter Ausnutzung der wirtschaftlichen Dynamik und nicht
jenseits von ihr geschehen.
Ad 5. Hier haben die Väter der Sozialen Marktwirtschaft am weitesten
vorgedacht und deshalb hat das Konzept Soziale Marktwirtschaft auch heute noch
Gültigkeit und Gestaltungspotentiale. Denn es war von Anfang an eine
Grundbedingung, daß die Soziale Marktwirtschaft von verschiedenen
Weltanschauungen aus rezipierbar ist. Müller-Armack nennt es deshalb zu
Recht eine "Irenische Formel", die gesellschaftlichen Frieden
stiftet. Die Soziale Marktwirtschaft ist geprägt von einem Menschenbild,
das die "Freiheit", die "Achtung der Würde" und die
"Gemeinschaftsfähigkeit des Menschen" betont. Diese drei Werte
sind bis heute konsensfähig in der deutschen Gesellschaft quer durch alle
gesellschaftlichen Gruppen. Auf diesen Werten basiert sowohl die Wett
bewerbsordnung als auch die Sozial- bzw. Vitalordnung. Einen
"Trade-off" zwischen Leistung und Solidarität darf es nach dem
Konzept der Sozialen Marktwirtschaft nicht geben. Auch dies ist immer noch
gesellschaftlicher Konsens.
Auf dieser Grundlage ist es die Aufgabe der plural verfaßten
Gesellschaft, mittels eines gesellschaftlichen Diskurses einen praktischen
Konsens über die Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft unter
Berücksichtigung der oben genannten Entwicklungen anzustreben.
Die Soziale Marktwirtschaft hat eine Zukunft, wenn man sich ihrer
Gestaltungspotentiale erinnert und ihre internen Entwicklungspotentiale nutzt.
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