Georges Enderle
Amartya Sen:
Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften 1998 und Wegbereiter der
Wirtschaftsethik
In seiner Rede "Individuelle Freiheit als ein soziales Engagement"
zur Entgegennahme des Internationalen Giovanni Agnelli Preises 1990 berichtet
Amartya Sen von zwei schrecklichen Erfahrungen, die er als Junge 1941 und 1943
in Bengal, Indien, machte: von Gewalttätigkeit und Hungernot. Ein
muslimischer Taglöhner, der sein Holzbündel in einem Hindu-Quartier
in Dhaka verkaufen wollte, wurde von einem Hindu-Fanatiker mit Messerstichen
traktiert, flüchtete in das Haus der Sen-Familie und starb
schließlich im Krankenhaus. Zwei Jahre später besuchte Amartya die
Schule im ländlichen Bengal. Seine Umgebung schien zuerst die Hungersnot
im Land, die 3 Millionen Opfer forderte, nicht zur Kenntnis zu nehmen, bis
eines Tages ein ausgemergelter Mann im Schulhof auftauchte und dann Tausende
von hungernden Leuten ins Dorf einströmten und um Nahrung bettelten. Armut
und Hungersnot sind, wie Sen später in seiner berühmten Studie
Poverty and Famines (1981) belegte, weitgehend von Menschen gemacht und
bedeuten für die Betroffenen harte wirtschaftliche Unfreiheit. Sie kann,
wie der Taglöhner erfahren mußte, zum Tod führen.
Dieser Erfahrungshintergrund des Indiens der 1940er Jahre einschliesslich der
Unabhängigkeitserklärung (1947) und Ermordung Mahatma Gandhis (1948)
hat Sens Leben ohne Zweifel tief geprägt und seine starkes Interesse
sowohl für Ökonomik wie auch für Ethik und politische
Philosophie geweckt. Er hat sich seither stets von der Not und den ungerechten
Zwängen der Armen persönlich und in seinem Schaffen betreffen lassen.
Es ist unschwer zu sehen, daß diese für das 21. Jahrhundert
hochwichtige Perspektive der Entwicklungsländer anderen, heute
berühmten Wirtschafts wissenschaftlern und Philosophen weithin abgeht.
1951 begann Sen sein Studium der Wirtschaftswissenschaften am Presidency
College in Calcutta. 1953 wechselte er zum Trinity College in Oxford, UK,
über, wohin er 1998 als Master of Trinity College zurückkehrte.
Dazwischen liegt eine ausserordentlich produktive und innovative
wissenschaftliche Tätigkeit, die schon vor zehn Jahren den Nobelpreis
verdient hätte. Sen hatte hochangesehene Professuren der
Wirtschaftswissenschaften in Delhi, London, Oxford und Harvard (hier sogar
gleichzeitig zwei für Ökonomik und Philosophie) inne und war
Präsident der Indian Economic Association, International Economic
Association, Econometric Society und American Economic Association. Von Robert
Solow (MIT) wurde Amartya Sen "eine Art Gewissen" des Berufsstandes
der Wirtschaftswissenschaftler genannt, und die Financial Times bezeichnete ihn
als "economist capable of amazing grace" (November 28/29, 1998, iii),
eine Bezeichnung, die wohl nicht auf viele Ökonomen zutrifft.
Sens Schriften sind eine unerschöpfliche Fundgrube von neuen und
gründlich durchdachten Ideen und Perspektiven. Man gewinnt den Eindruck,
daß er schneller schreiben kann, als man zu lesen imstande ist. Aus der
Fülle der Themen möchte ich einige wenige herausgreifen, die mir
für die Entwicklung einer wohlfundierten Wirtschaftsethik besonders
wichtig erscheinen.
Wie kaum ein anderer Wissenschaftler befaßte sich Sen mit einem
ungewöhnlich weiten Spektrum von Fragestellungen: empirischen Analysen,
hoch formalisierten ökonometrischen Abhandlungen und philosophischen
Grundlegungsfragen und entwickelte in all diesen Gebieten eine herausragende
Meisterschaft. Als Beispiele seien seine oben erwähnte Armutsstudie und
sein einmaliges Buch Collective Choice and Social Welfare (1970) genannt, das
die Theorie der Sozialwahl sowohl in mathematisch-formalen wie auch in
nichttechnischen, allgemein zugänglichen Kapiteln behandelt (zur Theorie
der gesellschaftlichen Entscheidungen siehe auch "Social Choice
Theory" 1986 und "Rationality and Social Choice" 1996). Weil Sen
diese Spannweite zwischen Empirie und Theorie aushält und nicht in
voneinander gänzlich getrennte Bereiche spaltet, wird die Frage der
Informationsbasis für Empirie und Theorie zu einem zentralen Problem. Sie
bildet gleichsam die Schnittstelle oder das Interface zwischen
Wirtschaftswissenschaft und Ethik. Je nachdem wie diese Informationsbasis
konzipiert wird, kann das Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen mehr
oder weniger produktiv gestaltet werden. Sie sollte einerseits auf theoretisch
soliden Grundlagen beruhen und andererseits ohne große Schwierigkeiten
operationalisierbar sein. Es ist klar, daß diese beiden Forderungen
für eine wohlfundierte und konkret ausgerichtete Wirtschafts- und
Unternehmensethik von entscheidender Bedeutung sind.
Sens Suche nach einer tragfähigen Informationsbasis ist stark
beeinflußt von seiner Beschäftigung mit der Wohlfahrtsökonomik,
der Armutsproblematik und John Rawls' politischer Philosophie. Seine Antwort,
kurz gesagt, ist der Fähigkeitsansatz, der ein realistisches
Verständnis der menschlichen Freiheit beeinhaltet (siehe Commodities and
Capabilities 1985). Der Taglöhner in Dhaka und die Hungernden in Bengal
waren nicht frei, sondern in ihren Handlungsspielräumen durch
wirtschaftliche, politische und kulturelle Umstände massiv
eingeschränkt. Sie hatten nicht die "Fähigkeiten", sich und
ihre Familie hinreichend zu ernähren, einer existenzsichernden Arbeit
nachzugehen, eine Grundausbildung zu bekommen. Solche Grundfähigkeiten
sind zentral für das Verständnis des Menschen und können
operationalisiert werden. Sie erlauben interpersonelle Vergleiche und bieten
eine solide Grundlage für öffentliche Entscheidungen. So hat Sens
Fähigkeitsansatz das Konzept der "menschlichen Entwicklung" als
"Erweiterung der Wahlmöglichkeiten der Menschen"
maßgeblich beeinflußt und zu den hervorragenden jährlichen
UNDP-Berichten seit 1990 geführt. Demgegenüber erweisen sich die
traditionellen Informationsbasen des Nutzens und Einkommens als höchst
unzulänglich und oft sogar irreführend (siehe Sens Kritik der
Wohlfahrtsökonomik und des Utilitarismus, besonders in Utilitarianism and
Beyond 1982). Aber auch Rawls' Konzept der Grundgüter trägt dem
realistischen Verständnis der menschlichen Freiheit (zum Beispiel von
Schwerbehinderten) nicht genügend Rechnung (siehe Inequality Reexamined
1992).
Solche solide begriffliche Grundlagenarbeit ist für die Wirtschaftsethik
von weitreichender Bedeutung. Sie macht die Diskussion der normativ-ethischen
Theorie unausweichlich und zeigt Wege, wie diese Diskussion produktiv gestaltet
werden kann. Gleichzeitig eröffnet sie auch gangbare Wege der
Operationalisierung.
Wenn "Grundfähigkeiten" des Menschen als Informationsbasis
für interpersonelle Vergleiche und öffentliche Entscheidungen
angenommen werden, ist schwer zu sehen, wie Positionen des ethischen
Relativismus und Skeptizismus aufrecht erhalten werden können. Sen
entwickelte seinen Ansatz einer normativen Theorie in Auseinandersetzung mit
Kenneth Arrows "Unmöglichkeitstheorem." In seinem "Paradox
des paretianischen Liberalen" (1970a) zeigt Sen, daß zwei Arten von
ethischen Prinzipien, das schwache Pareto-Prinzip und minimale Freiheiten,
miteinander unvereinbar sind. Er plädiert deshalb für eine erweiterte
Informationsbasis (siehe oben) und eine konsistente ethische Theorie, die er
später in seinem "Ziel-Rechte-Ansatz" in einigen
Grundzügen, aber nicht vollständig, entfaltete ("Rights and
Agency" 1982a). Sie bietet einen normativen Rahmen zur ethischen Bewertung
gesellschaftlicher Zustände. Darüber hinaus diskutierte Sen die
Relevanz normativer Ethik auch für die verhaltenstheoretischen Annahmen
der Ökonomik ("Rational Fools" 1977). Er kritisiert die
üblichen Präferenztheorien und führt die Unterscheidung zwischen
Präferenzen und Meta-Präferenzen ein. "Commitment" als
Meta-Präferenz bedeutet, daß die persönliche Entscheidung nicht
notwendigerweise mit persönlichem Vorteil verkoppelt ist, sondern für
oder gegen persönliche Vorteile erfolgen kann. Diese grundlegende
Unterscheidung wurde von anderen Ökonomen wie Albert Hirschman und Robert
Frank aufgenommen. Sie öffnet die Tür für ein differenzierteres
Verständnis der Motivationen und Präferenzen ökonomischen
Verhaltens. Gemäß Sen sollte sich die Wirtschaftswissenschaft nicht
nur mit instrumenteller Rationalität befassen (d. h. im Sinn eines
"engineering approach"), sondern auch Fragen der Motivation
wirtschaftlichen Handelns und der Beurteilung daraus resultierender
gesellschaftlicher Zustände einschließen (siehe On Ethics and
Economics 1987). Ein solcher "ethics-related approach" findet sich
schon bei Philosophen und Ökonomen wie Aristoteles und Adam Smith, hat
unter den heu- tigen Ökonomen jedoch nicht viele Anhänger, ist aber
für die Entwicklung einer "integrierten" Wirtschaftsethik von
entscheidender Bedeutung.
Auch in Richtung Operationalisierung hat Sen bahnbrechende Arbeit geleistet,
ausgehend von der Überzeugung, daß eine gute Theorie von
großer konkreter Relevanz ist. Schon Sens Ph.D. These über Choice of
Techniques 1960 diskutierte eine in sehr "praktischen" Problemen
involvierte Theorie (wie zum Beispiel arbeitsintensive Techniken in
Entwicklungsökonomien gewählt werden können) und ergänzte
sie mit empirischen Anhängen zum Baumwollspinnen und Stoffweben in der
indischen Wirtschaft. Von großer Bedeutung ist die
Operationalisierungsfrage auch für die Armutsproblematik. Denn, wie Peter
Drucker in anderem Zusammenhang sagt, "was man nicht messen kann, kann man
nicht managen." Sen entwickelte einen differenzierten Armutsindex,
analysierte zahlreiche Hungersnöte und trug wesentlich dazu bei, daß
"menschliche Entwicklung" sinnvoll gemessen, verglichen und für
Entwicklungspolitik fruchtbar gemacht werden konnte. Wie wichtig die
Operationalisierung für die Behandlung ökonomischer Ungleichheit ist,
kann kaum überschätzt werden. Sens 100-seitiges Buch On Economic
Inequality 1973 ist ein Musterbeispiel von Prägnanz, Substanz und Relevanz
wissenschaftlicher Arbeit. Es war meine erste Begegnung mit Sens Schaffen in
den 1970er Jahren und beeindruckte mich tief und nachhaltig. 24 Jahre
später hat Sen zusammen mit J. E. Foster eine um 150 Seiten erweiterte
Auflage des gleichen Buches On Economic Inequality 1997 herausgegeben. Es
präsentiert die Fragestellungen von damals, diskutiert die daraus
hervorgegangene, fast unübersehbar gewordene Literatur in dem
Vierteljahrhundert und kommt zu außerordentlich klarsichtigen
Schlußfolgerungen. Der Reichtum und die Präzision der Analyse
wirtschaftlicher Ungleichheit ist überwältigend. Sie zeigt
unmißverständlich, wie fragwürdig die Spaltung der
Realität in "quantitative" und "qualititive" Faktoren
ist und wie normativ-ethische Fragen und Operationalisierungsfragen miteinander
in Beziehung stehen.
Die wenigen Bemerkungen können die Breite und Tiefe des Schaffens von
Amartya Sen nur andeuten und möchten zum intensiven Studium seiner
Schriften einladen. Wenn sich die Wirtschafts- und Unternehmensethik
gründlich mit begrifflichen Grundlagenfragen befaßt, mutig und
differenziert ethische Theorien entwickelt und sich zugleich konsequent mit
Operationalisierungsfragen beschäftigt, wird sie unerhört spannend,
produktiv und nützlich. Von Amartya Sen können wir viel lernen.
Amartya Sens im Artikel erwähnte Schriften:
1960: Choice of Techniques. Oxford: Blackwell.
1970: Collective Choice and Social Welfare. San Francisco: Holden-Day.
1970a: The Impossibility of a Paretian Liberal, Journal of Political Economy,
78.
1973: On Economic Inequality. Oxford: Clarendon.
1977: Rational Fools: A Critique of the Behavioural Foundations of Economic
Theory, Philosophy and Public Affairs, 6.
1981: Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation. Oxford:
Clarendon.
1982: Utilitarianism and Beyond. (with B. Williams, eds.). Cambridge: Cambridge
University Press.
1982a: Rights and Agency, Philosophy and Public Affairs, 11.
1985: Commodities and Capabilities. Amsterdam: North-Holland.
1986: Social Choice Theory. In: Arrow, K. J., Intriligator, M. D. (eds.) 1986.
Handbook of Mathematical Economics, Vol. II, Amsterdam: North-Holland,
1073-1181.
1987: On Ethics and Economics. Oxford: Blackwell.
1990: Individual Freedom as a Social Commitment. The New York Review, June 14,
49-54.
1992. Inequality Reexamined. New York: Russell Sage Foundation.
1995: Rationality and Social Choice, American Economic Review, 85.
1997: On Economic Inequality. Expanded edition with a substantial annexe (with
J. E. Foster). Oxford: Clarendon.
Zur Person von Amartya Sen:
1988: Gaertner, W., Pattankaik, P. K. An Interview with Amartya Sen. Social
Choice and Welfare 5, 69-79.
1990: Armando Massarenti: Fragen an Amartya Sen. Informationsdienst des
Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin, Nr. 3-4.
1997: Nussbaum, M. C. Public Philosophy and International Feminism. Ethics,
108, 762-796.
1998: Luce, E. Economist Capable of Amazing Grace. Financial Times, November
28/29 1998, iii.
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