Wofür sind Unternehmen
verantwortlich? Daß diese Frage zum zweiten Mal Leitthema einer "Forum"-Ausgabe
wird, zeigt ihre gegenwärtige Bedeutung. Wo Handlungsspielräume
zunehmen, wächst Verantwortung. Wo Unternehmen zu globalen Akteuren
werden, die wirtschaftspolitische Rahmenordnung aber national orientiert
bleibt, kommt ihnen eine neue Verantwortung zu.
Und doch erzeugt diese Frage bei einer Philosophin Unbehagen. Können
Unternehmen überhaupt für irgendetwas verantwortlich sein?
Denn Organisationen sind künstliche Entitäten. Aufgrund ihrer
Zielgerichtetheit kann man ihnen lediglich in einem analogen
Sinn so etwas wie Intentionalität zuschreiben und die Umsetzung
dieser Ziele als Aktivitäten bezeichnen. Als operational
geschlossene Systeme im Sinne der neueren Systemtheorie werden sie durch
die Ausführung bestimmter Operationen im Dienste ihrer
systemspezifischen Zwecke konstituiert. Unternehmen sind demnach darauf
ausgerichtet, sich selbst zu erhalten, indem sie diese Zwecke angemessen
verfolgen. Würde diese Zweckverfolgung von einer Art Super-Computer
geleistet und kontrolliert, wäre es in der Tat absurd, Unternehmen
Verantwortung in einem moralischen oder anderweitig bestimmten
normativen Sinn zuzuschreiben. Computer setzen das um, was ihnen ihr
Programm vorschreibt. Nur aufgrund der entsprechenden Überlegungen
ihres Programmierers könnte es Up-Dates geben, bei denen ethische
Fragestellungen berücksichtigt werden.
Nun werden Unternehmen bislang nicht von Computern gesteuert,
sondern von Menschen geleitet. In ihrer Funktion als Unternehmensrepräsentanten
sind sie gleichsam sich selbst programmierende Programmierer. Nur weil
sie ihre besonderen menschlichen Vermögen der Reflexion und
Selbstreferenz in den Dienst der organisationalen Intentionalität
stellen, werden Unternehmen zu handlungsfähigen Systemen im
eigentlichen Sinn. Und nur, wo Unternehmensmitglieder ihre ethische und
soziale Kompetenz einbringen, sind Unternehmen über die reine
Verfolgung ihrer sytemspezifischen Ziele hinaus moralisch
verantwortungsfähig.
Das setzt allerdings voraus, daß Unternehmensrepräsentanten
sich nicht selbst auf den Status eines Computerprogramms reduzieren,
d.h. in ihrer Funktion als Erfüllungsgehilfe der systemspezifischen
Sachlogik aufgehen. Es setzt auch voraus, daß sie nicht zur
multiplen Persönlichkeit geworden sind und als solche eine strikte
Trennung vornehmen zwischen dieser funktionalen Rolle und ihrer
Verantwortung als Bürger und Mitglied der globalen menschlichen
Persongemeinschaft. Diese Prämisse macht die Frage nach der
Verantwortung von Unternehmen nicht nur legitim und notwendig, sondern
gibt bereits einen Hinweis auf ihre mögliche Beantwortung.
Annette Kleinfeld |