1/1998
Forum Wirtschaftsethik

 
Editorial
Wofür sind Unternehmen verantwortlich? Daß diese Frage zum zweiten Mal Leitthema einer "Forum"-Ausgabe wird, zeigt ihre gegenwärtige Bedeutung. Wo Handlungsspielräume zunehmen, wächst Verantwortung. Wo Unternehmen zu globalen Akteuren werden, die wirtschaftspolitische Rahmenordnung aber national orientiert bleibt, kommt ihnen eine neue Verantwortung zu.
Und doch erzeugt diese Frage bei einer Philosophin Unbehagen. Können Unternehmen überhaupt für irgendetwas verantwortlich sein? Denn Organisationen sind künstliche Entitäten. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit kann man ihnen lediglich in einem analogen Sinn so etwas wie Intentionalität zuschreiben und die Umsetzung dieser Ziele als Aktivitäten bezeichnen. Als operational geschlossene Systeme im Sinne der neueren Systemtheorie werden sie durch die Ausführung bestimmter Operationen im Dienste ihrer systemspezifischen Zwecke konstituiert. Unternehmen sind demnach darauf ausgerichtet, sich selbst zu erhalten, indem sie diese Zwecke angemessen verfolgen. Würde diese Zweckverfolgung von einer Art Super-Computer geleistet und kontrolliert, wäre es in der Tat absurd, Unternehmen Verantwortung in einem moralischen oder anderweitig bestimmten normativen Sinn zuzuschreiben. Computer setzen das um, was ihnen ihr Programm vorschreibt. Nur aufgrund der entsprechenden Überlegungen ihres Programmierers könnte es Up-Dates geben, bei denen ethische Fragestellungen berücksichtigt werden.
Nun werden Unternehmen bislang nicht von Computern gesteuert, sondern von Menschen geleitet. In ihrer Funktion als Unternehmensrepräsentanten sind sie gleichsam sich selbst programmierende Programmierer. Nur weil sie ihre besonderen menschlichen Vermögen der Reflexion und Selbstreferenz in den Dienst der organisationalen Intentionalität stellen, werden Unternehmen zu handlungsfähigen Systemen im eigentlichen Sinn. Und nur, wo Unternehmensmitglieder ihre ethische und soziale Kompetenz einbringen, sind Unternehmen über die reine Verfolgung ihrer sytemspezifischen Ziele hinaus moralisch verantwortungsfähig.
Das setzt allerdings voraus, daß Unternehmensrepräsentanten sich nicht selbst auf den Status eines Computerprogramms reduzieren, d.h. in ihrer Funktion als Erfüllungsgehilfe der systemspezifischen Sachlogik aufgehen. Es setzt auch voraus, daß sie nicht zur multiplen Persönlichkeit geworden sind und als solche eine strikte Trennung vornehmen zwischen dieser funktionalen Rolle und ihrer Verantwortung als Bürger und Mitglied der globalen menschlichen Persongemeinschaft. Diese Prämisse macht die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen nicht nur legitim und notwendig, sondern gibt bereits einen Hinweis auf ihre mögliche Beantwortung.

Annette Kleinfeld