Die Vorgänge um
Brent Spar und die Defizite des institutionenethischen Ansatzes
Ein Aufsatz von Jürgen Abendschein und Günther Seeber setzt sich mit
ordnungsethischen Ansätzen (Homann/Blome-Drees 1992) im Rahmen der
Unternehmensethik auseinander:
Abendschein, Jürgen/ Seeber, Günther, Die geplante Versenkung der
Brent Spar als typische Dilemmasituation. Ein unternehmensethisches
Lehrstück. In: Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht, 1997,
Heft 3, S. 373-392
Wir geben hier einige Thesen von Abendschein/Seeber wieder und ermuntern die
Leser zur kritischen Reflexion und Diskussion:
"Die Ereignisse um die Versenkung der Ölplattform Brent Spar durch
Royal Dutch/Shell demonstrieren die möglichen Schwachstellen des Modells
von Homann/Blome-Drees. Obwohl das Unternehmen in einer demokratisch
verfaßten Rahmenordnung agierte, sich an klaren Richtlinien orientierte
und innerhalb eines marktwirtschaftlichen Systems nach der ökonomisch
sinnvollsten Lösung suchte, entstand ein moralischer Konfliktfall. Die
Versenkung der Plattform erwies sich als umweltethisch fragwürdig und die
Konsequenzen des Handlungsablaufs führten zu einer ökonomisch
suboptimalen Lösung. Obwohl also das Unternehmen sich in der Praxis
konform zu dem theoretischen Modell einer Institutionenethik verhielt, entstand
ein Dilemma. Wir schließen aufgrund der Ereignisse auf mögliche
Lücken des Modells und wollen zur Begründung einige Thesen zur
Diskussion stellen:
- Auch in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft
müssen gesellschaftliche Normen und kodifiziertes Recht nicht
deckungsgleich sein. Sich auf den Ordnungsrahmen zu berufen, kann deshalb
fatale Folgen haben.
- Für global agierende Unternehmen gelten
Sonderbedingungen:
- Sie werden mit unterschiedlichen Rechtssystemen
konfrontiert, die dennoch alle einer demokratischen Kontrolle unterliegen
können.
- Sie sehen sich unterschiedlichen Kulturen und damit
Moralen gegenüber. So stieß der Widerstand gegen das Handeln der
Royal Dutch/Shell in Deutschland auf die größte Resonanz,
während er in England gegen Null tendierte.
- Sie werden global wahrgenommen.
Menschenrechtsverletzungen in Nigeria oder Offshore-Versenkungen auf hoher See
können Konsequenzen auf Märkten in anderen Regionen haben.
- Die im Modell vorgesehenen Strategien zur Umgehung eines
Dilemmas (wettbewerbs-/ordnungspolitische Maßnahmen) können gerade
beim global player versagen und der dann vorgesehene Marktaustritt
ist weder praktikabel noch sinnvoll, obwohl der nicht für möglich
gehaltene negative Kompatibilitätsfall (die Handlung ist weder
moralisch noch ökonomisch sinnvoll) eingetreten ist.
- Deshalb gilt: Ethische Überlegungen sind dem
Gewinnprinzip systematisch vorgeordnet; Gewinnstreben allein ist nicht genuin
moralisch.
- Ein integrativer Ansatz, der konsequent im Vorfeld den
Dialog mit den Betroffenen einer Handlung realisiert (hier vielleicht mit
Greenpeace), bietet möglicherweise eine Handhabe zur Vermeidung eines
Dilemmas wie im Fall Brent Spar."
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