1/1998
Forum Wirtschaftsethik

 
Zur Diskussion:
 
Die Vorgänge um Brent Spar und die Defizite des institutionenethischen Ansatzes



Ein Aufsatz von Jürgen Abendschein und Günther Seeber setzt sich mit ordnungsethischen Ansätzen (Homann/Blome-Drees 1992) im Rahmen der Unternehmensethik auseinander:
Abendschein, Jürgen/ Seeber, Günther, Die geplante Versenkung der Brent Spar als typische Dilemmasituation. Ein unternehmensethisches Lehrstück. In: Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht, 1997, Heft 3, S. 373-392


Wir geben hier einige Thesen von Abendschein/Seeber wieder und ermuntern die Leser zur kritischen Reflexion und Diskussion:
"Die Ereignisse um die Versenkung der Ölplattform Brent Spar durch Royal Dutch/Shell demonstrieren die möglichen Schwachstellen des Modells von Homann/Blome-Drees. Obwohl das Unternehmen in einer demokratisch verfaßten Rahmenordnung agierte, sich an klaren Richtlinien orientierte und innerhalb eines marktwirtschaftlichen Systems nach der ökonomisch sinnvollsten Lösung suchte, entstand ein moralischer Konfliktfall. Die Versenkung der Plattform erwies sich als umweltethisch fragwürdig und die Konsequenzen des Handlungsablaufs führten zu einer ökonomisch suboptimalen Lösung. Obwohl also das Unternehmen sich in der Praxis konform zu dem theoretischen Modell einer Institutionenethik verhielt, entstand ein Dilemma. Wir schließen aufgrund der Ereignisse auf mögliche Lücken des Modells und wollen zur Begründung einige Thesen zur Diskussion stellen:
  1. Auch in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft müssen gesellschaftliche Normen und kodifiziertes Recht nicht deckungsgleich sein. Sich auf den Ordnungsrahmen zu berufen, kann deshalb ‘fatale’ Folgen haben.
  2. Für global agierende Unternehmen gelten Sonderbedingungen:
    • Sie werden mit unterschiedlichen Rechtssystemen konfrontiert, die dennoch alle einer demokratischen Kontrolle unterliegen können.
    • Sie sehen sich unterschiedlichen Kulturen und damit Moralen gegenüber. So stieß der Widerstand gegen das Handeln der Royal Dutch/Shell in Deutschland auf die größte Resonanz, während er in England gegen Null tendierte.
    • Sie werden global wahrgenommen. Menschenrechtsverletzungen in Nigeria oder Offshore-Versenkungen auf hoher See können Konsequenzen auf Märkten in anderen Regionen haben.
    • Die im Modell vorgesehenen Strategien zur Umgehung eines Dilemmas (wettbewerbs-/ordnungspolitische Maßnahmen) können gerade beim ‘global player’ versagen und der dann vorgesehene Marktaustritt ist weder praktikabel noch sinnvoll, obwohl der nicht für möglich gehaltene ‘negative Kompatibilitätsfall’ (die Handlung ist weder moralisch noch ökonomisch sinnvoll) eingetreten ist.
  3. Deshalb gilt: Ethische Überlegungen sind dem Gewinnprinzip systematisch vorgeordnet; Gewinnstreben allein ist nicht genuin moralisch.
  4. Ein integrativer Ansatz, der konsequent im Vorfeld den Dialog mit den Betroffenen einer Handlung realisiert (hier vielleicht mit Greenpeace), bietet möglicherweise eine Handhabe zur Vermeidung eines Dilemmas wie im Fall Brent Spar."