Prof. Dr. Bernd
Richter und Prof. Dr. Josef Wieland Ethik an Fachhochschulen: Das
Beispiel der FH Konstanz, Hochschule für Technik, Wirtschaft und
Gestaltung
I
Die Fachhochschule Konstanz ist hervorgegangen aus dem von Alfred
Wachtel im Jahre 1906 gegründeten privaten "Technikum Konstanz". Auch nach
der "Beförderung" in den Stand einer staatlichen Hochschule 1971 war die
Ausrichtung des Fächerspektrums bis 1991 fast ausschließlich den
Ingenieurwissenschaften verpflichtet. Die Fachbereiche Architektur,
Bauingenieurwesen, Elektrische Automatisierungstechnik, Elektrische
Nachrichtentechnik, Maschinenbau/Betriebs- und Fertigungstechnik,
Maschinenbau/Kontruktions- und Verfahrenstechnik sowie Informatik, mit den
Studiengängen Technische Informatik und Wirtschaftsinformatik definierten
den Fächerkanon, unterstützt durch zwei Dienstleister, die
Fachbereiche Wissenschaftlich-Technische Grundlagen und Sozialwissenschaften.
Eine Erweiterung des Angebotes um den Studiengang Betriebswirtschaftslehre
konnte zum Wintersemester 1991/92 realisiert werden. Die Grundidee war dabei,
daß dies einerseits zu einer Abrundung des Fächerspektrums und damit
einer höheren Attraktivität der Hochschule führen kann,
andererseits aber auch hochschulintern "Verbundeffekte" über die
Fachbereichsgrenzen hinaus genutzt werden können. Der Studiengang
Betriebswirtschaftslehre wurde in den (umbenannten) Fachbereich Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften integriert. Gemäß dem Anspruch der
Gründer und wegen der Chance, zukunftsweisende Inhalte und ein eigenes
Profil zu entwickeln, haben wir als erste Fachhochschule in der Bundesrepublik
eine der neu genehmigten Professuren für das Lehr- und Forschungsgebiet
"Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und
Unternehmensethik" ausgeschrieben und mit Prof. Josef Wieland zum
Sommersemester 1995 besetzen können. Warum aber gerade eine der
Professuren für den Schwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik
ausschreiben? Noch dazu an einer Fachhochschule, die doch den besonderen
Auftrag zu theoriegestützter aber praxisbezogener Ausbildung hat? Wo
bildet sich denn dieses Fach in der Praxis ab? Wird sich überhaupt eine
berufungsfähige Person finden lassen, die insbesondere das Kriterium einer
einschlägigen Berufspraxis nachweisen kann? Werden die Konstanzer
Absolventen der BWL mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger im Unternehmen
überhaupt "sozialisierbar" sein? Dies sind nur einige der Fragen mit denen
wir uns hochschulintern aber auch in Diskussionen mit Unternehmensvertretern
auseinanderzusetzen hatten. Wir haben uns trotzdem für dieses Fach
entschieden! Aus mehreren Gründen. Am wichtigsten war wohl die
Überzeugung der an der Ausarbeitung des Curriculums Beteiligten, daß
Fragen der Verantwortung, Fairneß und Integrität zu einem immer
drängenderen Problem in komplexen wirtschaftlichen Entscheidungs- und
Handlungssituationen werden. Insoweit wäre es nachgerade unverantwortlich,
Studierende der Betriebswirtschaftslehre in die Praxis zu entlassen, ohne
daß sie sich auch mit den normativen Fragen des Wirtschaftens befasst
hätten. Ziel war und ist, daß die Studierenden Sensibilität
für ethische Fragestellungen entwickeln und Handlungskompetenz in ethisch
bedenklichen Situationen erwerben können. Dazu kam, daß die
Situation aus zweierlei Gründen günstig war, unser Vorhaben zu
realisieren: Erstens hatte der Ministerpräsident in
Baden-Württemberg, Erwin Teufel, das Thema Ethik zu seinem Thema gemacht
und eine Umfrage unter den Hochschulen des Landes angeregt, inwieweit dies
bereits Bestandteil der Curricula sei, was zweitens die Einrichtung von
Ethikbeauftragten zur Folge hatte. Wir in Konstanz konnten somit das bislang im
"Studium Generale" für alle Studiengänge angebotene Seminar zur
Wirtschafts- und Unternehmensethik heranziehen als weitere Begründung
für die Institutionalisierung im Curriculum der Betriebswirtschaftslehre.
Schließlich resultierte die Überzeugung in die Sinnhaftigkeit
unseres Tuns schlicht aus der Erfahrung, die wir aus Diskussionen mit
Studierenden ingenieurwissenschaftlicher Fächer im Vorfeld der
Einführung des Studiengangs Betriebswirtschaftslehre zum Thema
Verantwortung gemacht haben. Zitat eines Studenten: "Was ich von zwei Tagen
Ethik-Seminar mitgenommen habe? Viele Fragen und Anregungen. Aber vor allem das
gute Gefühl, mich mal wieder mit etwas anderem als mit der
Fourier-Reihenentwicklung oder den Kirchhoffschen Gesetzen beschäftigt zu
haben." Wenn man die nicht ganz einfache "Geburt" der Konstanzer Professur
mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik bedenkt, dann meine ich,
daß uns der Erfolg recht gibt. Nicht nur in der Wahrnehmung der Studenten
und Kollegen im Studiengang Betriebswirtschaftslehre, sondern auch bei den
"Überstrahlungseffekten", die wir uns erhofft haben. So hat etwa der
Fachbereich Maschinenbau/Konstruktions- und Verfahrenstechnik im reformierten
Curriculum eine Pflichtvorlesung zum Thema Technikfolgenabschätzung neu
eingeführt. Auch der erhoffte Effekt, das Profil der "Konstanzer BWL" wie
auch der gesamten Hochschule in der öffentlichen Wahrnehmung und
Plazierung in der Hochschullandschaft zu differenzieren, konnte realisiert
werden. Im schärfer werdenden Wettbewerb der Hochschulen und in der
Unübersichtlichkeit der Landschaft, ist das kein ganz unwichtiger
Gesichtspunkt.
II
In der gültigen Prüfungsordnung ist das Fach
"Unternehmensethik" als 2-stündige Pflichtvorlesung für die Studenten
des 7. Semesters verankert. Die Prüfungsleistung wird durch eine Klausur
erbracht. Im nunmehr überarbeiteten Curriculum wurde eine zusätzliche
Pflichtvorlesung "Unternehmensethik" für die Studenten des 4. Semesters
aufgenommen. Damit ist besser gewährleistet, daß das Thema im
gesamten Studium, also in Grund- und Hauptstudium, integriert ist. Wie
sehen nun die Vorlesungsinhalte und -methoden aus? Ein entscheidender
Gesichtspunkt bei der Konzeption des Faches ist der Umstand, daß es sich
um eine Pflichtvorlesung handelt. Alle Studenten müssen sie besuchen und
alle Studenten können am Fach "Unternehmensethik" scheitern. Darin liegt
für den Lehrenden eine Herausforderung, die sich deutlich unterscheidet
von der in Wahlpflicht- oder Wahlfächern. Stoff und Methode müssen so
gewählt sein, daß auch Studenten, die bis dato noch keine
Affinität zum Thema hatten (und vielleicht auch nie eine entwickeln)
für seine Inhalte und seine Relevanz gewonnen werden müssen.
Weiterhin muß darauf geachtet werden, daß die Vorlesung sich in das
Gesamtangebot der Hochschule integriert. Nach den bisherigen Erfahrungen
scheint die Betonung folgender Punkte dafür besonders wichtig:
- Ethik in der Unternehmung ist kein Fach für "moral heroes"
und auch keine Lösung für Ausnahmesituationen, wo sonst nichts mehr
hilft. Sie ist vielmehr Bestandteil der Alltagspraxis eines Unternehmens in all
seinen Bereichen und gehört zum guten Management.
- Unternehmensethik kann einen eigenständigen Beitrag zur
Lösung betrieblicher oder wirtschaftlicher Probleme leisten, der von
Bedeutung ist und nicht durch wirtschaftliche oder juristische Äquivalente
erbracht werden könnte..
- Es gibt lehr- und lernbare Methoden zur Strukturierung
ethischer Probleme und es gibt Instrumente zur Umsetzung entsprechender
Maßnahmen.
Auf die Plausibilisierung dieser drei Grundaussagen zielt die
Lehre in Konstanz. Die Erläuterung von Techniken und Instrumenten
(stakeholder, Strukturierungsmodelle, ethics decision model,
EthikManagementSystem, EthikAuditSystem) wird durch entsprechende "case
studies" nachvollzogen und vertieft. Dies macht den Hauptteil der Vorlesung
aus. In etwa 1/3 der Vorlesungszeit werden die gängigen theoretischen
Ansätze und philosophische Begründungsmodelle eingeführt.
Für Studenten, die speziell die beiden zuletzt genannten Aspekte vertiefen
möchten, wird ein Wahlpflichtfach "Sozialphilosophische Grundlagen der
Unternehmensethik" angeboten. Im Prinzip handelt es sich um einen Lesekurs
klassischer Texte der Wirtschaftsethik (Aristoteles, Hobbes, Bentham, Kant). Es
ist sehr erfreulich, daß zwischen 1/3 und 2/3 der Studenten eines
Jahrgangs (also zwischen 9 und 20 Studenten) dieses Wahlpflichtfach besuchen.
Diese Unterscheidung und Schwerpunktbildung zwischen praxisnaher
Anwendungsorientierung in der Pflichtvorlesung und philosophischer
Begründungsorientierung im Wahlpflichtfach hat sich bewährt. Sie wird
ab dem Sommersemester´97 ergänzt werden durch eine
computergestützte Wahlveranstaltung zu "ethics decision model", das auch
vom australischen Verband der "chartered accountants" genutzt wird.
Mittlerweile wurde mit Unterstützung des Rektorats der FH und der
Bayerischen Bauwirtschaft das "KIEM - Konstanz Institut für
EthikManagement" gegründet, dessen Leiter Prof. Wieland ist. Die
gegenwärtige Hauptaufgabe dieses Instituts ist es, die Grundlagenforschung
zu den Themen "EthikManagementSystem" (EMS) und "EthikAuditSystem" (EAS) weiter
zu entwickeln und deren praktische Implementierung in Unternehmen als
Dienstleistungsprodukt zu betreiben. Letzters geschieht im Verlauf dieses
Frühjahrs in etwa 20 Firmen der Bauwirtschaft. Diese Aufgabe entspricht
ziemlich exakt dem Spezifikum der Fachhochschulen, das sie von
Universitäten unterscheidet: Der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in
die Praxis der Unternehmen und den Transfer dieser praktischen Erfahrungen in
die Ausbildung der Studenten und die Forschungsaktivitäten.
Prof. Dr. Bernd Richter; Prof. Dr. Josef Wieland; Fachhochschule Konstanz;
Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; Brauneggerstr. 55; 78462
Konstanz; Telefon: 07531/206-410; Fax: 07531/206-427 |