1/1997
Forum Wirtschaftsethik
Forum Wirtschaftsethik
Bericht
Prof. Dr. Bernd Richter und Prof. Dr. Josef Wieland

Ethik an Fachhochschulen: Das Beispiel der FH Konstanz, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung
I

Die Fachhochschule Konstanz ist hervorgegangen aus dem von Alfred Wachtel im Jahre 1906 gegründeten privaten "Technikum Konstanz". Auch nach der "Beförderung" in den Stand einer staatlichen Hochschule 1971 war die Ausrichtung des Fächerspektrums bis 1991 fast ausschließlich den Ingenieurwissenschaften verpflichtet. Die Fachbereiche Architektur, Bauingenieurwesen, Elektrische Automatisierungstechnik, Elektrische Nachrichtentechnik, Maschinenbau/Betriebs- und Fertigungstechnik, Maschinenbau/Kontruktions- und Verfahrenstechnik sowie Informatik, mit den Studiengängen Technische Informatik und Wirtschaftsinformatik definierten den Fächerkanon, unterstützt durch zwei Dienstleister, die Fachbereiche Wissenschaftlich-Technische Grundlagen und Sozialwissenschaften.
Eine Erweiterung des Angebotes um den Studiengang Betriebswirtschaftslehre konnte zum Wintersemester 1991/92 realisiert werden. Die Grundidee war dabei, daß dies einerseits zu einer Abrundung des Fächerspektrums und damit einer höheren Attraktivität der Hochschule führen kann, andererseits aber auch hochschulintern "Verbundeffekte" über die Fachbereichsgrenzen hinaus genutzt werden können. Der Studiengang Betriebswirtschaftslehre wurde in den (umbenannten) Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften integriert. Gemäß dem Anspruch der Gründer und wegen der Chance, zukunftsweisende Inhalte und ein eigenes Profil zu entwickeln, haben wir als erste Fachhochschule in der Bundesrepublik eine der neu genehmigten Professuren für das Lehr- und Forschungsgebiet "Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik" ausgeschrieben und mit Prof. Josef Wieland zum Sommersemester 1995 besetzen können.
Warum aber gerade eine der Professuren für den Schwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik ausschreiben? Noch dazu an einer Fachhochschule, die doch den besonderen Auftrag zu theoriegestützter aber praxisbezogener Ausbildung hat? Wo bildet sich denn dieses Fach in der Praxis ab? Wird sich überhaupt eine berufungsfähige Person finden lassen, die insbesondere das Kriterium einer einschlägigen Berufspraxis nachweisen kann? Werden die Konstanzer Absolventen der BWL mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger im Unternehmen überhaupt "sozialisierbar" sein? Dies sind nur einige der Fragen mit denen wir uns hochschulintern aber auch in Diskussionen mit Unternehmensvertretern auseinanderzusetzen hatten. Wir haben uns trotzdem für dieses Fach entschieden! Aus mehreren Gründen.
Am wichtigsten war wohl die Überzeugung der an der Ausarbeitung des Curriculums Beteiligten, daß Fragen der Verantwortung, Fairneß und Integrität zu einem immer drängenderen Problem in komplexen wirtschaftlichen Entscheidungs- und Handlungssituationen werden. Insoweit wäre es nachgerade unverantwortlich, Studierende der Betriebswirtschaftslehre in die Praxis zu entlassen, ohne daß sie sich auch mit den normativen Fragen des Wirtschaftens befasst hätten. Ziel war und ist, daß die Studierenden Sensibilität für ethische Fragestellungen entwickeln und Handlungskompetenz in ethisch bedenklichen Situationen erwerben können.
Dazu kam, daß die Situation aus zweierlei Gründen günstig war, unser Vorhaben zu realisieren: Erstens hatte der Ministerpräsident in Baden-Württemberg, Erwin Teufel, das Thema Ethik zu seinem Thema gemacht und eine Umfrage unter den Hochschulen des Landes angeregt, inwieweit dies bereits Bestandteil der Curricula sei, was zweitens die Einrichtung von Ethikbeauftragten zur Folge hatte. Wir in Konstanz konnten somit das bislang im "Studium Generale" für alle Studiengänge angebotene Seminar zur Wirtschafts- und Unternehmensethik heranziehen als weitere Begründung für die Institutionalisierung im Curriculum der Betriebswirtschaftslehre.
Schließlich resultierte die Überzeugung in die Sinnhaftigkeit unseres Tuns schlicht aus der Erfahrung, die wir aus Diskussionen mit Studierenden ingenieurwissenschaftlicher Fächer im Vorfeld der Einführung des Studiengangs Betriebswirtschaftslehre zum Thema Verantwortung gemacht haben. Zitat eines Studenten: "Was ich von zwei Tagen Ethik-Seminar mitgenommen habe? Viele Fragen und Anregungen. Aber vor allem das gute Gefühl, mich mal wieder mit etwas anderem als mit der Fourier-Reihenentwicklung oder den Kirchhoffschen Gesetzen beschäftigt zu haben."
Wenn man die nicht ganz einfache "Geburt" der Konstanzer Professur mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Unternehmensethik bedenkt, dann meine ich, daß uns der Erfolg recht gibt. Nicht nur in der Wahrnehmung der Studenten und Kollegen im Studiengang Betriebswirtschaftslehre, sondern auch bei den "Überstrahlungseffekten", die wir uns erhofft haben. So hat etwa der Fachbereich Maschinenbau/Konstruktions- und Verfahrenstechnik im reformierten Curriculum eine Pflichtvorlesung zum Thema Technikfolgenabschätzung neu eingeführt. Auch der erhoffte Effekt, das Profil der "Konstanzer BWL" wie auch der gesamten Hochschule in der öffentlichen Wahrnehmung und Plazierung in der Hochschullandschaft zu differenzieren, konnte realisiert werden. Im schärfer werdenden Wettbewerb der Hochschulen und in der Unübersichtlichkeit der Landschaft, ist das kein ganz unwichtiger Gesichtspunkt.

II

In der gültigen Prüfungsordnung ist das Fach "Unternehmensethik" als 2-stündige Pflichtvorlesung für die Studenten des 7. Semesters verankert. Die Prüfungsleistung wird durch eine Klausur erbracht. Im nunmehr überarbeiteten Curriculum wurde eine zusätzliche Pflichtvorlesung "Unternehmensethik" für die Studenten des 4. Semesters aufgenommen. Damit ist besser gewährleistet, daß das Thema im gesamten Studium, also in Grund- und Hauptstudium, integriert ist.
Wie sehen nun die Vorlesungsinhalte und -methoden aus? Ein entscheidender Gesichtspunkt bei der Konzeption des Faches ist der Umstand, daß es sich um eine Pflichtvorlesung handelt. Alle Studenten müssen sie besuchen und alle Studenten können am Fach "Unternehmensethik" scheitern. Darin liegt für den Lehrenden eine Herausforderung, die sich deutlich unterscheidet von der in Wahlpflicht- oder Wahlfächern. Stoff und Methode müssen so gewählt sein, daß auch Studenten, die bis dato noch keine Affinität zum Thema hatten (und vielleicht auch nie eine entwickeln) für seine Inhalte und seine Relevanz gewonnen werden müssen. Weiterhin muß darauf geachtet werden, daß die Vorlesung sich in das Gesamtangebot der Hochschule integriert. Nach den bisherigen Erfahrungen scheint die Betonung folgender Punkte dafür besonders wichtig:

  1. Ethik in der Unternehmung ist kein Fach für "moral heroes" und auch keine Lösung für Ausnahmesituationen, wo sonst nichts mehr hilft. Sie ist vielmehr Bestandteil der Alltagspraxis eines Unternehmens in all seinen Bereichen und gehört zum guten Management.
  2. Unternehmensethik kann einen eigenständigen Beitrag zur Lösung betrieblicher oder wirtschaftlicher Probleme leisten, der von Bedeutung ist und nicht durch wirtschaftliche oder juristische Äquivalente erbracht werden könnte..
  3. Es gibt lehr- und lernbare Methoden zur Strukturierung ethischer Probleme und es gibt Instrumente zur Umsetzung entsprechender Maßnahmen.

Auf die Plausibilisierung dieser drei Grundaussagen zielt die Lehre in Konstanz. Die Erläuterung von Techniken und Instrumenten (stakeholder, Strukturierungsmodelle, ethics decision model, EthikManagementSystem, EthikAuditSystem) wird durch entsprechende "case studies" nachvollzogen und vertieft. Dies macht den Hauptteil der Vorlesung aus. In etwa 1/3 der Vorlesungszeit werden die gängigen theoretischen Ansätze und philosophische Begründungsmodelle eingeführt. Für Studenten, die speziell die beiden zuletzt genannten Aspekte vertiefen möchten, wird ein Wahlpflichtfach "Sozialphilosophische Grundlagen der Unternehmensethik" angeboten. Im Prinzip handelt es sich um einen Lesekurs klassischer Texte der Wirtschaftsethik (Aristoteles, Hobbes, Bentham, Kant). Es ist sehr erfreulich, daß zwischen 1/3 und 2/3 der Studenten eines Jahrgangs (also zwischen 9 und 20 Studenten) dieses Wahlpflichtfach besuchen. Diese Unterscheidung und Schwerpunktbildung zwischen praxisnaher Anwendungsorientierung in der Pflichtvorlesung und philosophischer Begründungsorientierung im Wahlpflichtfach hat sich bewährt. Sie wird ab dem Sommersemester´97 ergänzt werden durch eine computergestützte Wahlveranstaltung zu "ethics decision model", das auch vom australischen Verband der "chartered accountants" genutzt wird.
Mittlerweile wurde mit Unterstützung des Rektorats der FH und der Bayerischen Bauwirtschaft das "KIEM - Konstanz Institut für EthikManagement" gegründet, dessen Leiter Prof. Wieland ist. Die gegenwärtige Hauptaufgabe dieses Instituts ist es, die Grundlagenforschung zu den Themen "EthikManagementSystem" (EMS) und "EthikAuditSystem" (EAS) weiter zu entwickeln und deren praktische Implementierung in Unternehmen als Dienstleistungsprodukt zu betreiben. Letzters geschieht im Verlauf dieses Frühjahrs in etwa 20 Firmen der Bauwirtschaft. Diese Aufgabe entspricht ziemlich exakt dem Spezifikum der Fachhochschulen, das sie von Universitäten unterscheidet: Der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis der Unternehmen und den Transfer dieser praktischen Erfahrungen in die Ausbildung der Studenten und die Forschungsaktivitäten.

Prof. Dr. Bernd Richter; Prof. Dr. Josef Wieland; Fachhochschule Konstanz; Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; Brauneggerstr. 55; 78462 Konstanz; Telefon: 07531/206-410; Fax: 07531/206-427

 
 
Forum Wirtschaftsethik
zum Inhaltsverzeichnis

Forum Wirtschaftsethik
http://www.akademie-rs.de/wirtschaftsethik/






© Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Impressum