„Jede Wahrheit ist nur mächtig in ihrer Ganzheit. Das Christentum kann nur in seiner Fülle angenommen werden“ (Ernest Hello).
Nach Alfred Delp SJ (1907-1945) ist besonders die deutsche Geistesgeschichte durch „das Geheimnis der fehlenden Mitte“ charakterisiert: “Es fehlt die Kraft der Einigung der Gegensätze, zur Bindung in einer höhere Einheit, zur schöpferischen Synthese. All die neuen Aufbrüche [in Theologie und Philosophie] waren nicht Versuche, zur notwendigen Mitte vorzudringen“ (Gesammelte Schriften II, 145ff). Delps Feststellung: „In dieser Zeit ist Sehnsucht wach nach diesem Land der Mitte, dem Heimatlande aller Menschen“, trifft erst recht für heute zu. Die christliche Religion ist in diesem Sinn die Religion der ‚Mitte’, der Einheit der Gegensätze und so der Fülle, wo sie sich ganz vom Geheimnis des Kreuzes her versteht.
Das Christentum ist keine 'Buchrelgion', sondern die Religion des Kreuzes: „Das Kreuz ist mein Buch“ (Konrad von Parzam) als "Buch der Weisheit" (Franziskus). Das Kreuz symbolisiert als Ort der (hochzeitlichen) 'Gegensatz-Vereinigung' im Kreuzungspunkt der Mitte den Ursprungsort des alles versammelnden Logos, den Ort der 'Überlieferung' und 'Entbindung' des Geistes der Liebe (Joh 19,30.34).
Das alttestamentliche Vor-Bild ist die ‚Bindung’/Opferung Isaaks auf dem Tempelberg Morijah (= „Jahwe ist mein Lehrer“) in Gen 22,1-14. Jüdischer Tradition zufolge ist der Morijah als ‚Mitte’ zugleich der Ort des Traums Jakobs (= Israels) von der Himmelsleiter, die in der christlichen Tradition mit dem Kreuz identifiziert wird (vgl. Joh 1,51): „Jede Begegnung zwischen Gott und Mensch findet auf dem Berg Morija statt, nur dort, wo der Mensch alles hergibt, findet er Gott“ (Christiana Reemts).
© Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Impressum