Wulff fordert Engagement für Demokratie

Seit 50 Jahren sichert die Kirchengemeindeordnung Laien umfangreiche Mitspracherechte. Ex-Bundespräsident Christian Wulff hält Teilhabe für unverzichtbar für die Zukunft der Demokratie.

Als sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart vor 50 Jahren eine Kirchengemeinde-Ordnung gab, war diese für die katholische Kirche so revolutionär, dass der Vatikan Bedenken anmeldete. Denn die Satzung sah vor, dass ein Kirchengemeinderat gewählt wird, und die Laien für alle Dingen zuständig und entscheidungsbefugt sein sollen, für die der Priester nicht ausdrücklich die alleinige Zuständigkeit hatte. Dass man 1968 noch darüber diskutierte, ob Frauen überhaupt für den Kirchengemeinderat kandidieren dürfen, zeigt, wie weit die Kirche damals noch zurück war. Dass heute mehr als 50 Prozent der Kirchengemeinderäte weiblich sind, belegt aber auch die Wegstrecke, die seither zurückgelegt wurde.

Ex-Bundespräsident: Hass tötet von innen heraus

Bei der Jubiläumsveranstaltung im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim machte der frühere Bundespräsident Dr. Christian Wulff in seiner Festansprache deutlich, wie wichtig Teilhabe in Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen ist. Wulff warf die Frage auf, warum heute so viele Menschen verunsichert und ängstlich sind, dass sie darauf mit wachsendem Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit reagieren. Der frühere Ministerpräsident Niedersachsens benannte dafür drei Gründe: Der islamistische Terror bedrohe uns von außen und im Innern; sein Ziel sei, dass wir Maß und Mitte verlören. „Wir müssen uns vor Hass fürchten“, sagte Wulff, „weil der von innen tötet“. Verbale oder tätliche Angriffe auf demokratisch gewählte Politiker leite Wasser auf die Mühlen der Islamisten, weil sie die Demokratie unterhöhlten. „Die Demokratie ist die erfolgsreichste Staatsform, was Freiheit, Wohlstand und Sicherheit angeht. Wenn sie aber angegriffen wird, ist sie zugleich aber auch die schwächste Staatsform“, gab Wulff zu bedenken. Es gebe keine Garantie für Demokratie, sagte er mit Verweis auf die historischen Erfahrungen der Weimarer Republik, aber auch mit Blick auf Entwicklungen in Ungarn, Polen oder der Türkei.

Als zweiten Grund für die aktuelle Verunsicherung benannte Wulff Defizite bei der Globalisierung. Seit der Finanzkrise hätten viele Menschen das Gefühl, sie müssten für Dinge haften, auf die sie keinen Einfluss haben. Dass Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert würden, dass Steuerflucht in großem Umfang betrieben werde, mache die Menschen zornig. Die Politik habe die Steuerungsfähigkeit verloren und müsse sie durch einen entschlossenen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität zurück gewinnen. Wulff ermunterte die Kirche, bei der Frage nach mehr Gerechtigkeit im Globalisierungsprozess eine entscheidende Rolle zu spielen.

Noch kein richtiges Maß im Umgang mit dem Internet gefunden

Als drittes Krisenthema benannte Wulff die „völlig unbewältigte Digitalisierung“. Die Bevölkerung habe noch immer kein richtiges Maß gefunden, wie man mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten umgehen soll. Das zeige sich in der Entgrenzung, aber auch der Polarisierung und Radikalisierung durch das Internet. Das weltweite Netz habe viele positive, aber eben auch gefährliche Wirkungen entfaltet und welche davon die Oberhand  behalten, sei noch nicht klar. Ein grundsätzliches Problem sieht Wulff in der Stimmungsmache durch Hass und Häme; diese zerstöre das grundsätzliche Vertrauen, auf dem unser Zusammenleben basiere. Nötig seien deshalb Medienkompetenz, Ethik und gesetzliche Kontrollen.

Als Antworten auf diese Bedrohungen forderte Wulff: „Bekennen Sie sich zu Offenheit und Vielfalt nach innen und zu Kooperation nach außen.“ Vielfalt brauche klare Regeln, die für alle gelten, sagte Wulff. „Multikulti als Beliebigkeit ist gescheitert, aber Multikulturalismus ist der Weg der Zukunft.“ Reflexe des Argwohns müsse man zulassen. Aber Toleranz sei zu wenig, aus Akzeptanz müsse Respekt erwachsen. „Wer dazugehört, dem könne man auch was abverlangen“. Zugleich warnte Wulff aber davor wegzuhören, wenn Fremdsein verhöhnt wird. „Wir müssen stärker gegenhalten als bisher, denn die Rassisten sind im Parlament angekommen.“

Mentoren und fürsorgliche Erwachsene sind nötig

Auch den Europaskeptikern tritt Wulff entgegen: „Europa braucht eine von den Menschen getragene Renaissance“, forderte er und erinnerte daran, dass die Aussöhnung über Grenzen hinweg, der Freihandel, die Wohlfahrtsstandards und die Demokratie die Erfolgsfaktoren der EU sind. „Die EU ist der einzige Frühling in einer blutgetränkten Geschichte der europäischen Nationalstaaten“ hob er die Bedeutung der Europäischen Union hervor. Christlich geprägte Politiker und Kirchenleute hätte in dieser Erfolgsgeschichte von Anfang an eine wesentliche Rolle gespielt, sagte Wulff und erinnerte an Winston Churchill oder die polnischen Bischöfe und den späteren Papst Johannes Paul II.
Auch deshalb plädierte Wulff dafür, das eigene christliche Fundament nicht aufzugeben. „Sprache, Struktur, Föderalismus, Subsidiarität, Mittelstand, – all das mache Deutschland aus, und wir müssen nichts davon aufgeben“, sagte Wulff. Vielmehr gehe es darum, mehr „fürsorgliche Erwachsene“ zu bekommen, „christliche Mentoren“, weil das analoge Leben trotz Internet wieder wichtiger werde, denn: „Menschen wollen geborgen und eingebunden sein.“ (Barbara Thurner-Fromm)

KONGRESS

Einstiegspräsentation
Vortrag Bundespräs. a.D. Christian Wulff: Demokratie
Vortrag JProf. Dr. Bernhard Spielberg: Partizipative Kirche
Vortrag Dr. Valentin Dessoy: Organisationaler Blick
Vortrag Prof. Dr. Bernhard Anuth: Kirchenrechtlicher Blick
Vortrag Theresa Reinke: KGO-Studie
Plakate Workshops
Plakat Ein Blick in die Geschichte

TAG der RÄTE

Einstiegspräsentation
Vortrag Prof. Dr. Thomas Sternberg: Die synodale Kirche weiterentwickeln
Plakate Kirchengemeinde ist ...
Plakate Partizipation ist ...
Plakate Kooperative Leitung ist ...

 

 

Der frühere Bundespräsident Dr. Christian Wulff mahnte gesellschaftliche Offenheit und Teilhabe an.