Dr. Franz Brendle erklärt theologische Kernbotschaften in moderner Sprache.

Stuttgart-Hohenheim

"Wir müssen heute anders formulieren“

Der Seelsorger Dr. Franz Brendle diskutiert in einer Veranstaltungsreihe Glaubensfragen - in zeitgemäßer Sprache. Andreas Ruiner hat mit Pfarrer Brendle darüber gesprochen, welche Überlegungen ihn dabei leiten.


Dr. Franz Brendle  ist seit Jahrzehnten  Seelsorger.  Beim  Zugfahren hat er eine interessante Erfahrung gemacht: „Man kann gut ins Gespräch mit den Menschen kommen, wenn man nicht an der Kleidung als Priester erkennbar ist. Wenn ich die Kalkleiste (den weißen Stehkragen, d.Red.) anhabe, setzt sich keiner zu mir ins Abteil. Aber wenn ich Alltagskleidung trage, komme ich mit den Leuten ins Gespräch.  Da heißt es dann irgendwann: Was sind sie denn von Beruf? Und dann sag ich: Pfarrer. Und dann fragen die Leute: Evangelischer? Noi, katholisch. Was? Katholisch?“   Die Distanz zur katholischen Kirche baut Pfarrer Brendle aber nicht nur durch die Kleidung ab, sondern auch mit  einer  Veranstaltungsreihe in der Akademie zu Glaubensfragen.  Andreas Ruiner hat mit Pfarrer Brendle über seine Arbeit gesprochen.

Herr Dr. Brendle, erzählen Sie uns etwas über sich und  Ihren Betätigungsfeldern?
Vor 15 Jahren habe ich den Runden Tisch der Religionen auf Bundesebene gegründet und aktuell noch einen Lehrauftrag an der Uni Stuttgart im Rahmen des Studium Generale  -  obwohl ich seit  Oktober 2016 eigentlich im Ruhestand bin. Außerdem mache ich auf Anfrage sonntags noch Gottesdienste  und bin Präsident der internationalen Nichtregierungs-Organisation ‚Religions for Peace‘. Früher hatte ich die Eucharistiefeiern sonntags um 12 Uhr in St. Eberhard in Stuttgart gefeiert. Dafür habe ich immer wieder  verschiedene Personen, oftmals auch Professoren, eingeladen, diesen Gottesdienst zu feiern oder zu predigen.


Welches waren denn Ihre Tätigkeiten in der Katholischen Akademie?
Ich war für die Pastoral in der Akademie zuständig. Da früher die Tagungen häufig am Sonntag endeten, bot es sich an, in diesem Rahmen einen Gottesdienst zu feiern. Das  hat sich geändert, denn viele Tagungen enden mittlerweile bereits am Samstag. Außerdem  bin ich immer noch für die Seelsorge der Akademie-Mitarbeitenden zuständig und daher regelmäßig in der Geschäftsstelle.


Sie haben dieses Jahr eine Themenreihe zum christlichen Glaubensbekenntnis  geleitet. Wie kam es dazu?
Die Akademie fragte mich, ob ich dieses Thema  als 3er-Reihe mit anschließender Eucharistiefeier anbieten könnte. Früher gab es  eine Samstag-Abend-Reihe in der Akademie mit anschließender Eucharistiefeier. Und ich dachte, dann mach ich was zum Thema „Glaube herausgefordert“, zum Glaubensbekenntnis. Denn ich erfahre immer wieder in Gesprächen, dass die Leute mit den Formulierungen des Glaubensbekenntnisses nichts anfangen können. Das liegt natürlich auch daran, dass viele  dogmatische Formulierungen aus den Konzilen nur verkürzt wiedergegeben werden. Die Menschen fragen zum Beispiel: Gottes eingeborener Sohn - was soll das heißen? Geboren aus der Jungfrau? Gott, der allmächtige Vater – bei diesem ganzen Unglück auf der Welt? Da kann man sich schon fragen: Wer versteht das heute noch?  Außerdem haben viele der Teilnehmenden Bekannte, die Muslime sind. Und oft fragen die Muslime, wie das denn mit dem Sohn Gottes sei. Und da sind dann die Christen herausgefordert, Stellung zu nehmen.


Worum  ging es denn konkret in dieser dreiteiligen Reihe und in welchem Rahmen fanden die Veranstaltungen statt?
Die Fragestellungen lauteten:  Allmacht oder Ohnmacht Gottes?  Schöpfung oder Evolution?  Christlicher Monotheismus oder christliche Vielgötterei?  Diese Reihe wurde jetzt im Herbst fortgesetzt zu christologischen Themen. Und im Januar starten wir die dritte Staffel. Die Themen lauten dann: "Ein gekreuzigter Gottessohn?", "Der Auferstandene im Reich des Todes?" und "Auferstanden von den Toten". Der Ablauf der Veranstaltungen mit etwa 40 bis 60 Personen im Tagungszentrum Hohenheim hat sich sehr bewährt: Zunächst um 18 Uhr ein kurzer Input von maximal 30 Minuten, keine Minute länger! Im Anschluss daran die Möglichkeit für Rückfragen und Diskussion. Und um 19 Uhr beginnt dann die Eucharistiefeier. Das bedeutet, der Abend ist um 19.45 Uhr beendet.


Erzählen Sie bitte  etwas zum Inhalt der Themenabende.
Es hat sich sehr bewährt, die Teilnehmenden selbst zu Wort kommen zu lassen. Ich bin nicht der Spezialist, der alle Fragen beantworten kann. Besonders deutlich wurde das bei der  Frage nach der Allmacht und Ohnmacht Gottes, bei der viele Teilnehmende erzählt haben, wo sie in ihrem Leben die Ohnmacht Gottes erfahren haben. Da kamen erschütternde Erfahrungen zur Sprache,  Themen wie Krankheit oder Ausgrenzung. Viele Menschen fragen da natürlich: Wie kann der allmächtige Gott das zulassen?  Das waren wirklich ergreifende Gespräche.  Der Abend zur Allmacht und Ohnmacht Gottes war sehr emotional und existentiell geprägt, der Themenabend zur Frage nach Schöpfung und Evolution fand hingegen eher auf kognitiver Ebene statt.

 
Denken Sie, dass manche solcher Themenabende auch eine seelsorgerische Wirkung haben können?
Im Hintergrund des Themenabends zur Frage nach der Ohnmacht und Allmacht Gottes stand auch die Idee, die Ohnmachtserfahrungen des Einzelnen als Gemeinschaft, als WIR, in gewisser Weise auffangen zu können. Dadurch kann man diese Ohnmachtserfahrungen natürlich nicht komplett kompensieren, aber für manche  kann ein gemeinschaftliches Tragen des Leids doch eine Hilfe sein. Für manche ist es eine Möglichkeit, mit dem Leid im Leben umgehen zu können, indem sie sich bewusst machen, dass jedes Leben Freude und Leid beinhaltet und dass aufgrund der Geschöpflichkeit des Menschen ausnahmslos jedes Leben Freude und Leid beinhaltet. Wie man auf der einen Seite viel Glück und Freude im Leben erfährt, so gibt es auf der anderen Seite das Leid und den Schmerz. Aber es wird dennoch immer wieder leidvolle Situationen geben, auf die kein Mensch eine wirkliche Antwort geben kann. Manches Leid bleibt für uns Menschen unerklärlich – wie dies auch der Papst vor kurzem gesagt hat.


Um welche Themen ging es in der Herbstreihe zum Glaubensbekenntnis?
Beim ersten Abend ging es um das Thema der Jungfrauengeburt.  In der ganzen Theologiegeschichte wurde eigentlich nie ernsthaft geglaubt, dass eine Jungfrau ein Kind zur Welt bringt. Der Abend sollte eine Hilfestellung sein, mit diesem Thema umzugehen. Denn die Menschen fragen natürlich: Wenn es nicht so ist, warum steht das denn dann in der Bibel? Beziehungsweise, wenn es so ist, wie kann dann das Jesuskind in die Maria kommen? Ich sag immer klipp und klar: Der Vater von Jesus ist Josef! Dennoch kann Jesus Sohn Gottes sein – wir sind übrigens alle Söhne und Töchter Gottes! Den Begriff Sohn Gottes hat Jesus nie für sich genutzt, er wurde ihm beigelegt. Man sollte den Begriff Sohn Gottes vermeiden, denn er ist missverständlich. Sonst sagen dann die Heranwachsenden, die irgendwann anfangen philosophisch zu denken: Da hat man uns doch ein Märchen erzählt!

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Menschen den christlichen Glauben wieder auf verständlichere Weise vermitteln zu können?
In den Gottesdiensten der Themenreihe habe ich verschiedene Formulierungen des Glaubensbekenntnisses verwendet. Eines davon war von Dietrich Bonhoeffer. Diese Formulierungen beinhaltenhaben die wesentlichen Inhalte unseres Glaubensbekenntnisses, sind aber  anders formuliert. Viele der Teilnehmenden haben gesagt: „Endlich mal ein Glaubensbekenntnis, bei dem man versteht, was das heißt!“ In der dritten Veranstaltung ging es ja um das Thema  ‚Ein Gott in drei Personen‘. Schon der Tübinger Theologe Hans Küng schrieb, dass wir besonders auch gegenüber den Muslimen erklären müssen, was wir unter Trinität verstehen und dass wir natürlich auch an EINEN Gott glauben. Vielleicht sollten wir besser formulieren: Ein Gott, der sich in dreifältiger Weise zeigt und in unserer Welt wirkt. Aber die Menschen fragen natürlich: „Warum sprecht ihr dann immer von drei Personen?“ Karl Rahner hat gesagt: „Manche Dinge müssen wir einfach neu formulieren!“ Manche Formulierungen versteht heute keiner mehr! Und das Glaubensbekenntnis wird unglaubwürdig, wenn das heute junge Leute nur einfach so runterlesen. Ich nehme mittlerweile auch  bei Taufen andere Formulierungen des Glaubensbekenntnisses! Damit sollen die ursprünglichen Formulierungen nicht abgewertet werden, aber  viele verstehen sie einfach nicht mehr! Ich habe den Eindruck, dass gerade in Regionen, in denen einfache Menschen gewohnt haben, der Islam viele Anhänger fand.


Was wollen Sie damit sagen?
Dort heißt es einfach: Allahu akbar – Gott ist allmächtig! Punkt. Schluss. Aus. Wenn man Konvertiten fragt, warum sie zum Islam konvertiert sind, hört man immer die gleiche Antwort: Es ist alles viel einfacher! Mit den Formulierungen des christlichen Glaubensbekenntnisses können viele überhaupt nichts mehr anfangen. Im Islam hingegen ist klar: Es gibt Allah und dem Wort Allahs ist zu folgen! Das sieht man zum Beispiel auch beim Thema Fasten: Im Christentum heißt es dann immer: „Das kann man so oder so machen!“ Im Islam hingegen wird das viel strenger durchgezogen. Da wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder getrunken noch gegessen. Langsam kommt auch im Islam die historisch-kritische Exegese, etwa durch Professor  Mouhanad  Khorchide von der Universität Münster. Aber der wird von vielen nicht akzeptiert.