Podiumsteilnehmer (v.l.n.r.): El-Jezawi, Nüske, Cömert, Pusmaz

Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt.

Abdul-Ahmad Rashid

Blick in den vollbesetzten Saal

Podiumsteilnehmer (v.l.n.r.): Ströbele, Trägner-Uygun, Khalfaoui

Stuttgart-Hohenheim Ansprechpartner: Dr. Christian Ströbele

„Wir erleben einen sehr positiven Wandel“

Zum Abschluss einer dreiteiligen Reihe über die Herausforderungen muslimischer Jugendarbeit haben mehr als 90 Teilnehmer über die Rollenbilder von jungen Muslimen diskutiert.

Junge Musliminnen hinterfragen ihre kulturellen Rollen und beteiligen sich aktiv im Gesellschaftsleben –  „wir erleben einen sehr positiver Wandel“, sagte Derya Sahan, die ehemalige Bundesvorsitzende des Frauenverbandes im türkischen Islamverband DITIB, in Stuttgart-Hohenheim. Dort diskutierten mehr als 90 TeilnehmerInnen über „Genderfragen unter jungen Muslimen“. Es handelte sich um die dritte Tagung einer  Kooperation zwischen der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Robert Bosch Stiftung und drei muslimischen Jugendverbänden.

Gerade die Angebote der muslimischen Jugendarbeit bieten Orte für ein notwendiges Gespräch über die Anliegen junger Muslime - etwa zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und der Geschlechterrollen. Das hob Dr. Christian Ströbele hervor, Fachbereichsleiter für Interreligiösen Dialog an der Akademie. Er verwies darauf, dass muslimische Jugendliche ganz unterschiedlich mit religiösen Normen und Werten umgehen, aber auch mit oft nicht einfachen gesellschaftlichen Wahrnehmungsmustern. Wie setzen sie diese ins Verhältnis zur eigenen Biographie? Nötig sei in jedem Fall zu unterscheiden zwischen "dem Islam“ und Formen und Vermittlungen des Islam, sowie zwischen religiösen und sozialen Faktoren: Studien zeigten, dass für offene Einstellungen der Bildungsgrad und die soziale Lage viel entscheidender sein können als etwa die Religionszugehörigkeit. Man dürfe Probleme deshalb nicht „muslimisieren“, sollte durchaus aber fragen, wo islamische Traditionen auch Ressourcen bereitstellen können für ein Empowerment von Jugendlichen.

Was zu Männer- und Frauenrollen islamisch-theologisch zu sagen ist, verdeutlichten exemplarisch Prof. Dr. Mouez Khalfaoui und Simone Trägner-Uygun, beide sind Dozenten am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen. Sie hoben die Notwendigkeit hervor, nach Zusammenhängen und Lebenssituationen zu differenzieren. Manche wortwörtlichen Lesarten von Koran und Prophetenüberlieferungen seien sehr problematisch und selbst paternalistisch gefärbt, es gebe aber auch historische Verständnisse, die weiter führten und an die man wieder erinnern sollte. Man müsse stärker die damaligen historischen Umstände und die heutige Lebenssituation ins Verhältnis setzen und fragen, was eigentlich die Stoßrichtung der Texte ausmache und wie diese sich ins Heute übersetzen lasse. Dabei dürften nicht Einzelverse isoliert, „atomistisch“, herangezogen werden, sondern man müsse diese einordnen in die Grundlinien des Koran. So seien etwa Mann und Frau letztlich gleichrangig geschaffen; der Koran ziele insgesamt auf die Schaffung größerer Gerechtigkeit. Für eindeutige, ungleiche und die veränderlichen Lebenskontexte ignorierende Rollenmuster für Mann und Frau gebe es keine islamische Begründung.

Abdul-Ahmad Rashid, beim ZDF als Redakteur zuständig für das „Forum am Freitag“ und einer der besten Kenner der pluralen islamischen Szene, beleuchtete die Rolle junger Muslime in der deutschen Öffentlichkeit. Insbesondere in den Medien kämen junge Muslime nur selten vor und wenn, dann meist als Problemfall. Dabei sei die Hälfte der Muslime in Deutschland unter 30 Jahre alt, und das sollte nachdenklich machen, warum wir über diese so wenig sprechen, oder allenfalls über eine kleine Spezialgruppe. Dies erzeuge das falsche Gefühl,  sie stünden für die Gesamtheit. Tatsächlich gebe es aber ein enormes Potential, das die Medien und die Öffentlichkeit stärker und differenzierter wahrnehmen sollten. Beispielhaft dafür sei die Reihe „Junge Muslime als Partner“ an der Akademie und die hier mögliche Gelegenheit zu einem gemeinsamen Austausch. Dies leiste  einen wichtigen Beitrag dazu, dass der Islam Normalität und Alltag wird.

In einem Grußwort hob Ottilie Bälz die Bandbreite von Themen hervor, mit denen sich muslimische Jugendliche beschäftigen, die zugleich auch gesamtgesellschaftlich relevante Fragen betreffen. Als Beispiel nannte sie das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Die Bereichsleiterin der Robert Bosch Stiftung, welche die Tagungsreihe „Junge Muslime als Partner“ fördert und begleitet, diagnostizierte, dass Muslime „häufig im Fokus verkürzter Debatten über das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und über Fragen der Integration stehen“, wobei gerade die Religiosität muslimischer Jugendlicher häufig als Problem gesehen werde. Bälz sagte, umso wichtiger sei es, den Glauben als Motivation für das Engagement muslimischer Jugendlicher zu verstehen – ein Antrieb für Aktivitäten, mit denen sie weit über die eigene Community hinaus wirksam werden. Diese Aktivitäten unterstützt die Robert Bosch Stiftung z.B. auch mit dem Programm „Yallah! Junge Muslime engagieren sich“.

Auf humorvolle Art schilderte der Frankfurter Comedian Amir Mohammed Erfahrungen als Muslim in Deutschland: „Wir Muslime haben einen riesigen Image-Schaden, ich glaube, nur VW weiß, was wir durchmachen.“

Verena Maske M.A. von der Universität Marburg schilderte den kulturwissenschaftlichen Befund zu Geschlechterrollen von jungen Muslimen in Deutschland. Einem „Negativismus“ in der medialen Berichterstattung stellte sie die Differenziertheit muslimischer Jugendlicher und ihrer Organisationen, Projekte, Engagements und Orientierungen gegenüber.
Nach einer interaktiven Phase - moderiert von Saliha Soylu -,  in der die TeilnehmerInnen die eigenen Geschlechterrollen, Lebensentwürfen und –wirklichkeiten reflektierten, wurde über eigene Erfahrungen und offene Fragen rege diskutiert.

Das Schlusspodium widmete sich der Frage, wie die muslimische Jugendarbeit mit Themen der Geschlechtergerechtigkeit umgeht, welche Angebote sie bereitstellt und welche Erfahrungen mit Rollenmustern, strukturellen Gegebenheiten und individuellen Anliegen dabei bestehen. Dieses Podium, moderiert von Volker Nüske von der Robert Bosch Stiftung, bestritten VertreterInnen der drei Kooperationspartner, Raniah El-Jezawi (Muslimische Jugend in Deutschland), Meryem Cömert (DiTiB Landesjugendverband Württemberg) und Sefa Pusmaz (IGMG Jugend Regionalverband Württemberg).

Dr. Hussein Hamdan, der Leiter des Projektbereichs Islam-Beratung und –Fortbildung an der Akademie, würdigte abschließend die dreijährige Partnerschaft zwischen Akademie, Robert Bosch Stiftung und den muslimischen Jugendverbänden. Anknüpfend an die Studie „Junge Muslime als Partner“, waren dabei Querschnittsthemen für muslimische Jugendliche und deren Jugendarbeit diskutiert worden: 2015 über „Junge Muslime im Web 2.0“ und 2016 „Identitätsprozesse Junger Muslime“. (Dr. Christian Ströbele)

Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V. RAA Berlin

 

Über die Tagung berichtete Thomas Wagner im Deutschlandfunk - sein Beitrag kann nachgehört werden unter: Wie hältst du's mit Gender?