Professorin Margit Eckholt bei ihrem Einführungsvortrag

Podium mit Flüchtlingsfrauen ( von links nach rechts: Dolores Latinovic aus Bosnien, Mariam Mohammad aus Syrien, Moeratorin Barbara Thurner-Fromm, Fathma S. (Name auf Wunsch redaktionell geändert) aus Afghanistan und Mariam Abo Allaban aus Syrien

Theologinnen aus ganz Deutschland hören interessiert den Berichten zu.

Stuttgart-Hohenheim Ansprechpartner: Dr. Verena Wodtke-Werner

„Ich bin wie ein Kind. Ich wachse jeden Tag“

Beim 13. Hohenheimer Theologinnen-Treffen steht im Mittelpunkt, was eine Flucht mit betroffenen Frauen und mit uns als Aufnahmegesellschaft macht.

Wenn der Papst fordert, wir müssten an die Peripherie gehen, so bedeute dies  in Deutschland auch, vor die Haustüre zu gehen, denn dort sei für uns eine fremde Welt erfahrbar, sagte Professorin Margit Eckholt aus Osnabrück. Die Vorsitzende des Theologinnen-Netzwerks AGENDA zeigte sich überzeugt davon, dass dies nicht nur die Migrantinnen, sondern auch die deutschen Mitgestalterinnen verändere.  Von den 1,1 Millionen Flüchtlingen, die allein im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen sind, seien etwa 30 Prozent Frauen. Eckholt forderte eine neue Haltung zum Thema Flüchtende. „Glaube ist immer auch Erfahrung von Zerbrechlichkeit“, sagte sie. „Wir sind selbst Suchende, weil wir Transformationen durchlaufen und bereit sein müssen, uns selber zu verändern.“ Eckholt zeigte sich überzeugt davon: „Was sich ereignet, wird unsere Gesellschaft verändern.“

Professorin Marianne Heimbach-Steins aus Münster beschrieb Flucht als  komplexen Transformationsprozess, bei dem die Frauen keineswegs nur Opfer sondern auch Akteure sind, die sich losreißen müssen von Vertrautem wie Heimat, Familie, Staatsangehörigkeit sowie Sicherheit gebende Normen und sozialen Konventionen. Sie kämen als Fremde in ein fremdes Land und in rechtliche Unsicherheit, in ein provisorisches Leben und müssten sich im Paragrafendschungel selbst rechtfertigen. „Sie müssen das eigene Leben neu erfinden“, bilanzierte Heimbach-Steins das „empowerment“ der Frauen; sie müssten  sich ermächtigen etwas zu tun, um selbstständig zu leben“. Dies löse „Irritationen und Konfrontationen“ aus, sagte Heimbach-Steins – im Hinblick auf Geschlechterrollen und Konflikte zwischen Tradition und Emanzipation.

Gefangen im Paragrafendschungel eines fremden Landes

Wie sich das ganz konkret anfühlt beschrieben vier Frauen, die wegen Krieg,  Gewalt  und Terror ihre Heimat verlassen haben. Die 38jährige bosnische Englischlehrerein Dolores Latinovic, die vor zehn Jahren über Serbien nach Deutschland kam, berichtete von der Perspektivlosigkeit ihrer Generation in der zerstörten Heimat „alle meine Freunde  sind gegangen.“  Noch immer kann sie aber hier nicht in ihrem akademischen Beruf arbeiten, weil es Probleme mit der Anerkennung ihrer Zeugnisse gibt. Sie hat sich aber entschieden, ihren Weg konsequent weiter zu gehen und die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt.

Dagegen sieht sich Mariam Mohammad aus Syrien erst ganz am Anfang ihres Weges weg vom Krieg  hin in eine gute Zukunft. Die  Mutter von drei Kindern im Alter von drei, acht und zehn Jahren ist vor eineinhalb Jahren in Stuttgart angekommen – allein, denn ihr Mann hat es mit den Kindern nur bis Ägypten geschafft. Doch auch dort herrschen Gewalt und wirtschaftliche Not, ist die Lage insgesamt unsicher und so bleibt der Mathematik-Lehrerin nichts anderes übrig, als Deutsch zu lernen und voller Sorge jeden Tag über Skype mit ihrer Familie zu sprechen. Ihre ganze Hoffnung richtet sie auf den März nächsten Jahres: Sie hat von den Behörden die Zusage, dass ihre Familie dann nachziehen dürfe. Doch angesichts der seit 2015 mehrfach verschärften  Asylgesetze und des immer restriktiver gehandhabten Familiennachzugs ist die Angst bei der Mathematiklehrerin gewachsen.

Tradierte Rollenmuster brechen auf

Dagegen beschreibt die 32 Jahre alte Fathma S. (die ihren richtigen Namen aus berechtigter Sorge öffentlich nicht preisgeben will), wie positiv sich ihr Leben im Moment  verändert. „Ich bin wie ein Kind. Ich wachse jeden Tag“ beschreibt die Frau, die mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn 2010 aus Afghanistan flüchtete. Dass sie nur Grundschulbildung und eine Kurzausbildung als Friseurin hatte, war in ihrer traditionellen Rolle als Hausfrau nicht so wichtig. Doch bei der Einreise auf einem Flughafen in Deutschland wurde ihr Mann verhaftet und in Abschiebehaft genommen; sie war in der Fremde und im Paragrafendschungel  plötzlich ganz auf sich allein gestellt und musste  Alphabet und Sprache  und überhaupt alles lernen, was das westliche Leben und den Alltag hier ausmacht. Zwischenzeitlich ist die Familie längst vereint, eine kleine Tochter, die wie ihr großer Bruder lupenrein deutsch spricht,  ist dazu gekommen. Der Vater hat als Schweißer Arbeit gefunden, sie selbst macht eine Ausbildung zur Verkäuferin. Fathma ist eine sehr hübsche, herzliche  Frau mit langen braunen Haaren, deshalb klingt ihr Fazit zunächst irritierend: „Ich denke, ich bin ein Mann hier geworden.“ Doch was sie beschreibt ist ein rasanter Emanzipationsprozess, den sie durchlaufen hat. Sie dolmetsche bei der Arbeitssuche für ihren Mann; sie engagierte sich in der Kirchengemeinde und in der Schule, sie will ihre Berufstätigkeit nicht mehr missen – trotz der Doppelbelastung, denn die Familienrolle hat sie weiterhin allein auszufüllen.
Von wachsendem Selbstbewusstsein zeugen auch die Erfahrungen von Marian Abo Allaban. Die 22-Jährige Syrerin kam nach einer zweijährigen Station im Libanon als UN-Kontingentflüchtling nach Baden-Württemberg und hat gerade erfolgreich den Realschulabschluss mit guten Noten in Aalen absolviert. Sie hat nicht weniger als drei Zusagen für eine Ausbildung zur Labor-Assistentin und ließ sich auch nicht von einem Arbeitgeber irritieren, der ihren Einsatz als Praktikantin lobte, ihr aber nur ohne ihr Kopftuch einen Ausbildungsvertrag geben wollte. Darauf wollte Abo Allaban aber nicht verzichten; bei der Universität in Ulm war das dann auch kein Thema mehr.

„Wer bist Du, fremde Schwester?“

Die Tagung der Theologinnen machte freilich auch die Entwicklungsprozesse in der Aufnahmegesellschaft deutlich. Ulrike Riedlberger berichtete anschaulich über das kfd-Projekt Kulturmittlerin in Sinsheim. Dabei geht es darum, Teilhabe zu organisieren – was freilich zunächst auch Wissensaneignung über Kulturen und Religionen bedeutet. In Sinsheim begegnen sich dazu Frauen auf Augenhöhe. „Zeig mir, wie du betest“, lautete eine Überschrift dafür, die Christinnen in die Moschee und muslimische Frauen in die Kirche gebracht haben. „Wer bist du, fremde Schwester?“ wird dort gefragt – und beim gemeinsamen Kochen oder Basteln für den Kindergarten beantwortet. „Wir gehen inzwischen viel vorurteilsfreier auf die Frauen zu“, berichtet Ulrike Riedlberger und schildert, dass die geflüchteten Frauen im Gegenzug nach Yoga fragen oder nach einem muslimischen Frühstückstreff nach christlichem Vorbild  (also ohne Aufsicht durch den Imam). Elisabeth Staudenmaier  vom Stuttgarter Malteser Hilfsdienst kümmert sich besonders um Schwangere in etlichen Unterkünften, die naturgemäß besonders schutzbedürftig sind. Ob Spaziergänge oder die Begleitung zu Arztbesuchen, es gehe vor allem darum, da zu sein, schildert Staudenmaier das Engagement. Anders als nach dem Fall der Mauer in Deutschland, als die Geburtenrate wegen der gesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland sogar unter die Rate des zweiten Weltkriegs gefallen ist, werden nach Erfahrungen von Staudenmaier hier viele Frauen schwanger. Über die Gründe mag man spekulieren. Für Staudenmaier ist die Sicherheit in Deutschland nur ein Grund. „Die Menschen wollen eine Perspektive für ihr Leben. Und gibt es ein schöneres Zeichen für das Leben als ein Kind?“ (Barbara Thurner-Fromm)

Zu Beginn der Tagung wurde der YouTube-Film über den Friedensmarsch der Frauen im Nahen Osten gezeigt.  Es lohnt sich, ihn anzusehen und zu teilen: 

https://youtu.be/YyFM-pWdqrY?rel=0