Stuttgart

Eine Ära geht zu Ende

Stabwechsel nach 37 Jahren im Fachbereich Migration: Klaus Barwig leitet im Januar zum letzten Mal die Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht. Danach geht er in den Ruhestand. Die Bilanz seines Fachbereichs ist beeindruckend.



Im Januar 1981 begann Klaus Barwig seine Arbeit an der Akademie - in einem neugeschaffenen  Referat – das sich zunächst Ausländer-, später Migrationsfragen widmete. Es sind unter der Ägide des Diplom-Theologen 37 interessante und spannende Jahre  geworden mit etwa 600 Tagungen, Symposien, Seminaren und Expertengesprächen. Rund 35 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen dazu aus dem In- und Ausland, aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Rechtsprechung, aus Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). Sie diskutierten interdisziplinär und interkulturell von Anfang an, interdisziplinär immer mehr -  im Jubiläumsjahr unserer Verfassung erhob die "Süddeutschen Zeitung" die Akademie deshalb zu einem „Ort der Demokratie“.

 

Barwigs Markenzeichen: Die Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht

Ausgangspunkt waren die 1985 erstmals durchgeführten und bis heute regelmäßig stattfindenden Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht. Hieraus ergaben sich im Lauf der Jahre vielfältige kontinuierliche Kontakte und Kooperationen mit einer Reihe von Hochschulen. Daraus hervorgegangen sind Formate wie  jährlich fünf Studienwochen, ein Expertenkreis Migrationsrecht sowie das Wissenschaftliche Netzwerk Migrationsrecht (gegründet 2007 mit derzeit etwa 200 Mitglieder und der Jahrestagung jeweils in Hohenheim). Entstanden ist hier auch die Begleitung der inzwischen an mehr als 30 Hochschulstandorten gegrüneten RefugeeLawClinics, deren Jahrestagung jeweils in Weingarten stattfindet.

Studienreisen führten Klaus Barwig seit 1986 unter anderem in die Türkei (Exodus religiöser Minderheiten), in die  Niederlande und nach Brüssel (Migrationspolitik), nach Polen (1993: Rückübernahmeabkommen Flüchtlinge BRD-Polen und Entschädigungsfrage ehemaliger Zwangsarbeiter), in die Ukraine (1995: Flüchtlingsaufnahme und Beitritt Europarat und Genfer Flüchtlingskonvention), 2005 Bosnien-Herzegovina (10 Jahre nach Dayton), erneut in die Türkei 2003 und 2007 (Menschenrechts- und Minderheiten-Fragen im Kontext der EU-Beitrittsverhandlungen) sowie in den Nahen Osten (2008: Syrien und Jordanien – Flüchtlingsbewegungen in die Nachbarstaaten des Irak und Überlegungen zur Kontingentaufnahme) und Kurdistan 2014 (Vertreibung christlicher und yezidischer Bevölkerungsteile durch das Vordringen des sogenannten Islamischen Staates).

Seit 1982 begleitete der Fachbereich unter Barwigs Regie die wachsende Zahl von Muslimen und deren Einwanderungsprozess nach Westeuropa und insbesondere Deutschland mit regelmäßigen Tagungen. Dies führte schließlich 2001 zur Begründung eines eigenen Referats „Interreligiöser Dialog“.

Auch die Frage nach Enschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter beschäftigte Klaus Barwig. Durch Fachtagungen und Publikationen an der Akademie wurden grundlegende Impulse gegeben, die sich in der später etablierten Bundesstiftung konkretisierten. In der Folge koordinierte die Akademie in den Jahren 2000 bis 2003 die Suche nach in der Diözese beschäftigten Zwangsarbeitern und ihre Entschädigung.

Ein großes aktuelles Problem: fehlende Rechtssicherheit für Flüchtende

Aktuelle Herausforderungen im Flüchtlingsrecht liegen nach Ansicht von Klaus Barwig besonders in der fehlenden Rechtssicherheit derjenigen Flüchtlinge, die – vielfach unter enormem Einsatz von haupt- und ehrenamtlichen Begleitern - in Ausbildung oder Arbeitsverhältnisse vermittelt werden konnten und sich nunmehr in der Gefahr einer kurzfristigen Beendigung ihres Aufenthaltes befänden. Hier entstehen nach Ansicht des bundesweit anerkannten Experten für alle Beteiligten (Begleiter, Arbeitgeber und die Betroffenen selbst) unerträgliche und demotivierende Situationen, die absehbar zu einem Erlahmen der bisherigen Hilfsbereitschaft und einem Motivationsverlust der Betroffenen führen und viele Integrationsbemühungen zunichte machen. Ein weiteres gravierendes Problem wird - insbesondere auch aus kirchlicher Perspektive – in der jahrelangen Verweigerung des Familiennachzugs zu hier lebenden subsidiär Geschützten gesehen. Auch dies ist nach Einschätzung Barwigs eine integrationspolitisch höchst kontraproduktive Situation. Die Politikwissenschaftlerin Dr. Constanze Jüngling, die Nachfolgerin Barwigs als Fachbereichsleiterin, werden die Themen auf absehbare Zeit also nicht ausgehen.