Stuttgart-Hohenheim Ansprechpartner: Vladimir Latinovic

Der Gesprächsfaden ist geknüpft

Das Projekt "Schatz des Orients" war ein ehrgeiziges Vorhaben – aber der Anfang ist gemacht und die Bilanz sehr positiv: Die Begegnung mit altorientalischen und orthodoxen Christen ist ein Erfolg. Das Interesse und der Gesprächsbedarf sind groß.

Es ist bundesweit ein bisher einmaliges Vorhaben, doch die Resonanz bestätigt die Akademie und ihren Projektleiter Vladimir Latinovic: die Begegnung mit Glaube, Kultur und Leben der altorientalischen und orthodoxen Christen war ein Erfolg. Das Interesse am und der Gesprächsbedarf beim Projekt „Schatz des Orients“ sind groß. Das bewies die erste, thematisch sehr dichte zweitägige Tagung im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim.  Wie leben die orthodoxen Christen unter uns? Welche Rolle spielen die Priester und die Laien? Was wird von den Ehefrauen der Priester erwartet? Welche Probleme bereiten Religionsunterricht, wie sieht die Kinder- und Jugendarbeit aus? Wie ist der Stand bei Wissenschaft und Forschung? Wie aufgeschlossen sind die katholische und evangelische Kirche für diese erweiterte Form der Ökumene? Wie sieht die Hilfe der Volkskirchen für ihre orthodoxen Glaubensbrüder- und schwestern konkret aus? Und welche Herausforderungen sehen ostkirchliche Bischöfe für ihre Kirchen? Es sind viele Fragen, die sich auftun. Denn das Wissen übereinander ist noch sehr gering – man kennt sich ja kaum.  Die Freude an der zumeist  ersten Begegnung war deshalb groß; die Kontaktlisten auf den Handys der Teilnehmer sind rasch gewachsen.

 

Religionsunterricht ist ein großes Problem

Es gibt viele, oft kinderreiche Familien in den Orthodoxen Gemeinden. Der Religionsunterricht für die Kinder und Jugendlichen, das wurde rasch deutlich, ist ein großes Problem. In vielen Gemeinden gibt es deshalb Samstags- oder Sonntagsschulen. Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan von der Armenischen Apostolische Kirche berichtete, dass es schwierig sei, die Kinder in den  Samstagsschulen in Stuttgart, Göppingen, Karlsruhe, Kehl und Mannheim zu unterrichten, denn die etwa 5000 Armenier im Land kommen aus unterschiedlichen Diaspora-Ländern. Sie sprechen nicht mehr die gleiche Sprache und bringen einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund aus ihren Herkunftsländern mit.  Jugendarbeit gibt es überhaupt erst seit einem Jahr; erstmals werden nun Jugendliche im Rahmen des Landesjugendplanes zu Jugendleitern ausgebildet. Pfarrer Ilya Limberger von der Russisch Orthodoxen Gemeinde in Stuttgart schilderte, dass Deutschland  – nicht zuletzt durch die große Anzahl von Spätaussiedlern - eine größere russische Gemeinde hat als die USA.  Bisher habe man eine Jugenddiözese aufgebaut, Freizeiten im Sommer und Winter organisiert, Theater, Tanz und Deutschkurse angeboten – und nicht zuletzt Mathematikkurse.  Eine russisch-orthodoxe Jugendorganisation auf Bundesebene muss jedoch erst noch aufgebaut werden.

Seit mehr als zwei Jahren ist man dabei, in Baden-Württemberg orthodoxen Religionsunterricht einzuführen. Der Bildungsplan für alle Schularten ist fertig und vom Kultusministerium angenommen, seit Dezember 2016 gibt es offiziell orthodoxen Religionsunterricht – freilich bisher nur auf dem Papier. Denn ihn auch zu realisieren, ist noch nicht gelungen. Pfarrer Dr.Dr. Josef Önder von der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, der  im Hauptberuf als stellvertretender Rektor der Realschule von Eislingen/Fils tätig ist, erläuterte, dass die Kinder im Religionsunterricht offener nachfragen könnten als im Katechese-Unterricht der Gemeinden; angesichts der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe gäbe es durchaus auch mal Spannungen bei Themen wie Freundschaft, Sexualität und Brauchtum.

Josephine Seel von der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Heilbronn schilderte, dass ihre Söhne aus Mangel an Alternativen den katholischen Religionsunterricht besucht hätten; so ergehe es vielen Eltern. Einig waren sich die Praktiker, dass es angesichts der vielen unterschiedlichen Gemeinden sinnvoll wäre, einen einheitlichen orthodoxen Religionsunterricht anzubieten. Allerdings gibt es bisher nur eine einzige Einrichtung (in München), an der man orthodoxe Religion studieren kann. Es fehlt also auch an Lehrern.

Auf ökumenischer Ebene gibt es allerdings durchaus Bestrebungen, den Orthodoxen Kirchen zu helfen und sie zu unterstützen. So berichtete Professor h.c. Manfred Wagner vom Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung (i.R.) über seine langjährige Zusammenarbeit in sozialer Hinsicht und mit einem Stipendiaten-Programm.  Pfarrer Dr. Uwe Gräbe schilderte seine ökumenischen Erfahrungen als  ehemaliger Jerusalemer Propst. 

 

Die Frauen spielen eine wichtige Rolle

Auf ein lebhaftes Echo bei  den Tagungsteilnehmern stieß eine Diskussionsrunde über den Alltag und die Rolle von Priesterfrauen. Wer einen orthodoxen Priester heiratet, so viel wurde rasch deutlich, weiß, dass er seine Gemeinde mitheiratet, denn die Frauen übernehmen vielfältige Aufgaben.  Wie Marijana Limberger von der Russisch Orthodoxen Kirche schilderte, war dies für sie eine beglückende Aufgabe. Allerdings sei es auch eine große Herausforderung, die eigene vielköpfige Familie, einen Beruf und das ehrenamtliche Engagement in der Gemeinde unter einen Hut zu bringen. Adina Gilla von der Rumänisch Orthodoxen Gemeinde pflichtete ihr bei. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin in Heidelberg und ehrenamtlich in ihrer Gemeinde in Tübingen. Es sei nicht einfach, Zeit mit dem Partner herauszuschneiden, berichtete sie. Allerdings hat sie auch festgestellt, dass sie bei ihrem kirchlichen Engagement – das sie allerdings lieber als Dienst, denn als Arbeit sieht – ihre eigene Identität bewusster wahrnehme.

Auch Basant Ghali von der Koptisch Orthodoxen Kirche in Stuttgart-Degerloch ist mit sich im Reinen: Dass sie nicht selber Priesterin werden darf, findet die vierfache Mutter, die in Ägypten Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, nicht schlimm. Sie hält ihren Beitrag nicht für geringer, denn als Mutter obliege es ihr, ihre Söhne zu friedliebenden starken Menschen zu erziehen, die Sorge, dass ihre Kirche patriarchalisch ist und damit auch autoritäre Züge annehmen könne, sieht sie nicht. Die Rolle der Frau sei nicht weniger wert, zeigte sie sich überzeugt. Auch Zinovia Patanzidou  von der Griechisch Orthodoxen Kirche  wollte an ihrem Status keine Kritik üben. Allerdings erklärte die Diplomtheologin, die als Religionslehrerin im gesamten Frankfurter Raum tätig ist, sie wisse sehr wohl, dass es keine theologische Begründung dafür gebe,  Frauen die letzte Gleichberechtigung zu verweigern und sie vom Priesteramt auszuschließen.

 

Orthodoxie fristet ein Schattendasein in der Wissenschaft 

Im Bereich der Wissenschaft steht die Orthodoxie noch ganz am Anfang. Das  wurde bei einem weiteren Gesprächskreis deutlich. Professor Athanasios Vletsis von der Ludwig Maximilians-Universität München sprach sich für ein ökumenisches Grundstudium aus, auf das ein konfessionelles theologisches Masterstudium aufgebaut werden sollte. Ein entsprechender Versuch sei in München allerdings gescheitert. Auch der aus dem Libanon stammende Professor Assaad Elias Kattan von der Universität Münster brachte eher schlechte Nachrichten mit. Zwar gab es dort bis 1999 einen der katholischen Fakultät zugeordneter Lehrstuhl für orthodoxe Theologie, 2005 wurde zudem ein Erweiterungsstudium für orthodoxe Theologie aufgebaut. Doch mangels Studenten wird der Lehrstuhl wieder abgebaut. Kattan glaubt, dass das KO-Kriterium für die Studenten gewesen sei, dass sie daneben zwei weitere Hauptfächer studieren müssen. Kattan plädierte deshalb für ein neues Modell: ein Studium der Orthodoxie in ökumenischer Trägerschaft. Und er sprach sich für die Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts und stattdessen für die Einführung eines ökumenischen Unterrichts aus, der in die verschiedenen Religionen einführt.  Der türkisch-stämmige Professor Hacik Rafi Gazer von der Universität Erlangen  berichtete, dass es heute in der Türkei keine einzige christliche Fakultät mehr gebe und von den insgesamt 24 islamischen Fakultäten keine über ostkichliche Christen unterrichte. „Der Schatz des Orients ist gefährdet“ befürchtet er, auch weil die ökumenische Perspektive erst ganz am Anfang stehe. Dabei  sei es  angesichts von rund 50 orthodoxen Kirchen  nötig, „fast so viele Brücken zu bauen wie in Venedig“.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Gespräch mit zwei ostkirchlichen Bischöfen: Anba Michael von der Koptisch Orthodoxen Kirche und Bischof Ferafim von der rumänisch-orthodoxen Kirche. Beide berichteten vom schnellen Wachstum ihrer Gemeinden und den damit verbundenen Herausforderungen für ihre Kirchen. Dazu gehören auch unterschiedliche Ansichten über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Diskussionen, etwa die gerade erst beschlossene Ehe für Alle. Obwohl die orthodoxen Kirchen ein traditionalistisches Verständnis von Ehe haben, äußerten die Glaubensführer doch viel verständnis für die einzelnen Betroffenen. (Barbara Thurner-Fromm/Vladimir Latinovic)

 

Medienecho

Auch im Ausland hat die Tagung mediale Resonanz gefunden: Ein Artikel in bulgarischer Sprache findet sich unter  https://dveri.bg/wcry3

In Serbien kann man Medienberichte über die ostkirchliche Woche unter folgendem Link finden: 

http://spc.rs/sr/prvo_beogradsko_pevachko_drushtvo_nastupilo_u_shtutgartu

http://spc.rs/sr/ordenom_svetoga_save_odlikovan_g_manfred_vagner

http://spc.rs/sr/orden_svetog_save_g_manfredu_vagneru_tv_hram