Die Landesbehindertenbeauftragte Stephanie Aeffner bei ihrem Vortrag

Freizeit inklusive?! – Menschen mit Behinderung im Lebensbereich Freizeit Prof. Dr. Reinhard Markowetz (München)

Jutta Pagel-Steidl im Gespräch mit dem Ehrenvorsitzenden der Bundesbehindertenfanarbeitsgemeinschaft Waldemar Schwendemann

TeilnehmerInnen der Tagung „Alle inklusive?! - Menschen mit schweren Behinderungen in der Freizeit

Bewegung, Farbe und mee(h)r. TeilnehmerInnen während der Tagung

Stuttgart Ansprechpartner: Christina Reich

Alle inklusive - für viele unerfüllter Wunsch

Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen müssen in ihrer Freizeit auf vieles verzichten. Aber sie wollen sich nicht länger damit abfinden.

Fast wie ein großes Familientreffen fühle sich die jährlich stattfindende, gemeinsam vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart veranstaltete  Tagung in Hohenheim  an.  Das sagte Christina Reich, die neue Leiterin des Akademie-Fachbereichs Gesellschafts- und Sozialpolitik I. Doch was die herzliche Atmosphäre des Treffens beschrieb hat auch einen ernsten Hintergrund. Denn Menschen mit schweren Behinderungen sind im Alltag eben auch immer noch vielfachen Nachteilen und Behinderungen ausgesetzt, gegen die sie sich wehren. Diese Benachteiligung äußert sich nicht nur in finanzieller Hinsicht oder beim Arbeitsmarkt, sondern auch in vielfältiger Weise im Freizeitbereich.

Wenig Kontakte von Menschen mit und ohne Behinderungen

Ist die Forderung der UN-Behindertenrechts-Konvention nach Inklusion deshalb nur eine Illusion? Reinhard Markowetz, Professor für Sonderpädagogik und Ordinarius für Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensstörungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wollte nicht ganz so schwarz  sehen. Gleichwohl gab er zu bedenken, dass ausgehend von dem Menschenrecht aller auf individuelle Entwicklung und Teilhabe Menschen mit Behinderung noch immer „ ein deutlich höheres Exklusionsrisiko“ hätten. Zwar seien viele Städte und Landkreise unterwegs zu gelebter Inklusion, sagte Markowetz, doch würden vor allem gelebte Kontakte  Vorurteile aufbrechen und Einstellungen verändern. Und davon gebe es immer noch viel zu wenig.

Markowetz gliederte die rund 700 000 Stunden durchschnittliche Lebenszeit (das entspricht der durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren) in 53 Prozent Freizeit, 33 Prozent Schlaf, fünf Prozent Ausbildung und neun Prozent Berufstätigkeit, wobei sich die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer stärker auflösten. Freizeit definiert er als Lebenszeit, die sich in Fremdbestimmung, Zweckbestimmung und Selbstbestimmung gliedere und von den acht folgenden Bedürfnissen geprägt sei: Rekreation, Kompensation, Edukation, Kontemplation, Integration/Inklusion, Partizipation/Teilhabe, Enkulturation.  In all diesen Punkten sind Menschen mit Behinderungen im Nachteil, denn sie sind oft bei allem abhängig von der Hilfe anderer Menschen, sie sind vielfach nicht mobil und ihnen  steht aus zahlreichen Gründen nur eine geringe Auswahl an Bildungs- und Freizeiteinrichtungen zur Verfügung. Ob bei Schulfreizeiten, Aktivitäten im Verein oder in der öffentlichen Jugend- und Kulturarbeit, beim Wohnen, der Arbeit der Erwachsenenbildung oder beim Reisen und im Urlaub – „für all das sind sozialintegrative Veränderungen nötig“, sagte Markowetz und leitet als zentrale Forderungen ab: eine bezahlte Freizeitassistenz, individuelle Finanzierungsmöglichkeiten im Bundesteilhabegesetz sowie Barrierefreiheit nicht nur beim Bauen sondern auch beim Thema Reisen.

Stephanie Aeffner, die Beauftragte der Landesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, sollte eigentlich über den Stand des Aktionsplans der Landeregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bereich Kultur, Freizeit und Sport berichten, indes: messbare Daten gibt es noch nicht. Die Inklusion in den Schulen und die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes beschäftigt die Landesregierung noch so stark, dass der erste Bericht zum  Aktionsplan des Landes noch aussteht.

Aeffner: Barrierefreiheit bedeutet für jeden etwas anderes

Zu berichten wusste Frau Aeffner dennoch viel, vor allem von den Grenzen, an die Menschen mit Behinderung in diesen Bereichen stoßen. Umfragen zufolge geben 97 Prozent der Deutschen als ihre Lieblingsbeschäftigung das Fernsehen an, gefolgt von Radio hören (90 Prozent), Telefonieren (89 Prozent) und dem Surfen im Internet (73 Prozent) -  „überall dort gibt es Barrieren für Menschen mit Behinderung“, so die Behindertenbeauftragte. Sie kritisierte, dass es keine gesetzlichen Regelungen gibt, die private Institutionen verpflichten, Barrierefreiheit herzustellen. Dort Veränderungen zu erreichen sei schwierig, wenngleich nicht unmöglich. „Österreich hat es uns vorgemacht. Dort kann ich im Rollstuhl im Prater Riesenrad fahren“, schilderte Aeffner eigene Erfahrungen. Auch im Bereich Sport gibt es noch viel zu tun. Sportvereine müssten inklusiv werden, forderte Frau Aeffner, „es passiert was, aber viel zu wenig“.

Der Behindertenbeauftragten war es wichtig herauszustellen, dass jede Behinderung speziische Hilfen braucht, um selbstbestimmt unterwegs sein zu können. Barrierefreiheit bedeute eben für jeden etwas anderes. Aeffner schilderte dies anschaulich am Beispiel der als barrierefrei ausgezeichneter Wanderwege, die ohne weitere Beschreibung noch nichts über den Schwierigkeitsgrad der Wege aussagen. Sie forderte daher, man solle immer beschreiben, was mit Barrierefreiheit jeweils gemeint sei.
Auch im Bereich der Stadtentwicklung sieht die Ombudsfrau der  Menschen mit Behinderungen im Land noch eine Menge Aufgaben. Es gelte bei der Bürgerbeteiligung „die eher stillen Gruppen“, zu denen sie die Behinderten zählt, einzubinden. Notwendig sei, die Interessensvertretung auszubauen. „Wir  sollten das auf allen Ebenen selber machen“. Im Bereich der politischen Bildung kündigte Aeffner ein Projekt an, um mehr politische Teilhabe zu erreichen.

Aeffner griff auch die Forderung nach einer Freizeitassistenz auf. Darüber  gebe es allerdings im Bundesteilhabegesetz keine Vereinbarung. Problem sei, eine Aussage zu machen. „Wenn ich ins Kino will, heißt das einmal in der Woche oder einmal im Monat?“  Die freie Entscheidung müsse möglich sein, sagte Aeffner und forderte den  Grundsatz ein: „Nichts über uns ohne uns“.

Große Probleme: Mangelnde Mobilität und fehlende Assistenz

Zahlreiche Erfahrungsberichte belegten, dass sich manches bewegt, aber die mangelnde Mobilität und die Abhängigkeit der Menschen mit Behinderung von Helfern noch immer das größte Problem sind. Mit dem Rollstuhl in die Disco? Für Natascha Cid ist das nur bei einer in Stuttgart möglich – und das Heimkommen immer schwierig, weil zu der Zeit keine Dienste angeboten werden. Fußball erleben direkt in den Stadien? Waldemar Schwendemann, der Ehrenvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft behinderter Fans, hat bei den Vereinen der ersten und zweiten Liga viel erreicht. In den Stadien gibt es inzwischen Rolli- und sogar Blindenplätze, aber in den Ligen darunter ist noch viel zu tun. Und Peter Maier, der in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft  in Stuttgart lebt, beschrieb auch, dass es fast unmöglich sei, mal spontan zum VfB zu gehen, weil er immer viele Leute fragen müsse, bis er jemanden finde, der ihn dabei begleitet.  Möglichkeit zum Sport treiben für schwer behinderte Menschen? Hans Ulrich Karg, ein pensionierter Sonderschullehrer aus Bad Schussenried, berichtet von etlichen sportlichen Aktivitäten von Boccia bis Basketball, bei denen die spielerische Gestaltung und die Regeln den Bedürfnissen der behinderten Menschen angepasst wurden. Doch Behindertensport sei wegen des hohen Transport- und Assistenzaufwandes sehr teuer.

Als ein großes Problem vieler Eltern mit mehrfach behinderten Kindern wurde auch beschrieben, dass Kinder- und Jugendfreizeiten oft unüberwindbare Hürden hätten, die sehr frustrierend für die Betroffenen seien. Es mangelt an barrierefreien Einrichtungen und Assistenzen. Hinzu kommen Altersgrenzen im Jugendbereich, die dazu führten, dass Betroffene ausgeschlossen und Eltern überfordert sind.
Was aber auch erreichbar ist, schilderte Anke Dallmann aus Freiburg, die sich kommunalpolitisch bei den Freien Wählern engagiert und inzwischen stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Freiburger Gemeinderat ist. Zunächst musste sich die Rollstuhlnutzerin anhören, einen Aufzug gebe es nicht im denkmalgeschützten Rathaus. Inzwischen gibt es ihn doch. Ihr Motto:  „Wir müssen mit unserem Engagement Inklusion sichtbar machen“. (Barbara Thurner-Fromm)

 

Im Portrait: Stephanie Aeffner - eine energiegeladene Ombudsfrau

 

Seit einem Jahr ist Stephanie Aeffner ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Landesregierung. Die 41-jährige, aus Eppelheim stammende Sozialpädagogin, arbeitet seit vielen Jahren hauptamtlich  - im Zentrum Selbstbestimmt Leben in Stuttgart -  und ehrenamtlich bei den Grünen für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen und damit erste persönlich Betroffene in dieser Funktion.

Im ersten Jahr viel Verwaltungserfahrung gesammelt 

Im Gespräch in der Akademie schildert Aeffner, dass sie in ihrem ersten Tätigkeitsjahr vor allem Erfahrungen mit der Vewaltung gesammelt habe. Politisch sei sie zwar „schon lange aktiv und geprägt von den Grünen, aber ich mache keine Parteipolitik“ stellt sie klar. Ein guter Kontakt zu den Parteien im Landtag sei ihr wichtig. Die AfD, so schränkt sie allerdings ein, grüße sie kaum und interessiere sich auch nicht für das Thema, „jedenfalls Ist noch niemand auf mich zugekommen.“

Seit März leitet Aeffner den Behindertenbeirat, der sich mit allen einschlägigen Fragen befassen kann. Im Mittelpunkt, so schildert die Ombudsfrau der Menschen mit Behinderungen im Land, die sich auch um Einzelfall-Lösungen kümmert, stehe aber noch immer die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, das sich als große Herausforderung erweise. Bei einem Treffen aller Behindertenbeauftragten der Länder in Berlin sei zwar gesagt worden, Baden-Württemberg sei vorbildlich, wie es den Diskussionsprozess zur Umsetzung realisiere. „Bei den finanziellen Leistungen sind wir aber unter dem Bundesdurchschnitt“ fügt Aeffner kritisch an.

Inklusion in Schulen bleibt eine Herausforderung

Ein großen Problem, das räumt Aeffner ein, ist in Baden-Württemberg noch immer die Inklusion in der Schule. Mit Kulturministerin Susanne Eisenmann (CDU) liefen die Gespräche aber sehr gut. „Wir sind im regelmäßigen Austausch“, sagt Aeffner. Das Problem sei, dass es keine wirkliche Datengrundlage darüber gebe, was notwendig sei – im Hinblick auf Fortbildung, Ausstattung und ähnliches. „Wir haben Neuland betreten und das Monitoring kommt, aber es braucht halt Zeit“. Das Problem sei, dass eine Schullaufbahn nur jeweils einige Jahre dauere und damit die Betroffenen der ersten Generation nicht genügend von den Umstellungen profitieren. „Es gab leider nichts gewachsenes, jetzt muss sich die Schulentwicklung ändern. Wir müssen aber die Lehrer mitnehmen“. Dennoch sieht sie das Land hier auf einem guten Weg.

Auf dem Arbeitsmarkt haben es Menschen mit psychischen Behinderungen schwer

Noch zu wenig Erfolge sieht Aeffner beim Thema Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt. Zwar habe sich „bei der Kernklientel“ was verändert; behinderte Menschen kämen heute aus Personalmangel durchaus bei Handwerkern oder im Dienstleistungsbereich unter. „Das Programm Job inklusive hat für 4000 Menschen mit Behinderung sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Aeffner, „doch noch immer sind doppelt so viele Menschen mit Behinderung doppelt so lange arbeitslos wie nicht behinderte – trotz verbesserter Bildung und Ausbildung“, kritisiert sie. Und es gebe in die Behindertenwerkstätten einen regen Zugang von jungen Leuten mit psychischen Behinderungen.  Diese hätten kaum Chancen im regulären Arbeitsmarkt, weshalb Arbeitgeber in solchen Fällen noch immer lieber die Abgabe zahlten statt Gehandicapte einzustellen.
Aeffner hat also etliche große Baustellen. Das schreckt sie aber keineswegs. „Die Arbeit macht unheimlich Spaß“ sagt sie, „das ist eine tolle Aufgabe.“   Ein Wermutstropfen sei die Enttäuschung mancher Betroffener, wenn sie nichts für sie tun könne oder die Bürokratie schnelle Lösungen unmöglich mache. „Ich werde aber immer nach einer Lösung suchen“, verspricht sie. (Barbara Thurner-Fromm)