Stuttgart (ars). Als ein herausragender und mutiger Übersetzer deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts ist der diesjährige Preisträger des Aleksandr-Men-Preises, Solomon Apt, im Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart gewürdigt worden. Beim Festakt zur Preisverleihung am Mittwochabend, 29. November, sagte die Laudatorin Elfie Siegl (Berlin), der 85-jährige Apt „lebt und arbeitet in einem schwierigen Land, das nach wie vor denen Mut abverlangt, die unabhängig denken und handeln".
Die Übersetzertätigkeit im sowjetischen Russland habe ein „größeres öffentliches Gewicht" gehabt als in nicht autoritären Ländern, betonte die Journalistin. „Man musste sich etwas einfallen lassen, um die Zensur zu täuschen." Beim Erscheinen der Übersetzung des Josephs-Romans von Thomas Mann 1968 sei die erste Auflage von 50.000 Exemplaren binnen dreier Tage ausverkauft gewesen und „auf dem Schwarzmarkt teuer gehandelt worden". Aber auch unabhängig davon habe die Tätigkeit des Übersetzens große gesellschaftliche Bedeutung, denn „ohne Übersetzer wären die Kulturen um ein Vielfaches ärmer".
Der Laudatorin zufolge müsse ein Übersetzer von „seinem" Autor begeistert und überzeugt sein, dass sein Werk dem Leser neue Erkenntnisse bringe, „ja eine Art Überraschung für ihn ist". Apt habe an der Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder" mit geringen Unterbrechungen sieben Jahre gearbeitet. „Es war seine schwierigste und wichtigste Übersetzerarbeit", erklärte Siegl, die Apt mit den Worten zitiert: „Das Übersetzen ist eine Art Kunst."
Mit dem orthodoxen Erzpriester Aleksandr Men verbinde Apt, dass sie beide aus einem jüdischen Elternhaus stammten (beide Väter waren zudem in der Textilindustrie tätig) und sich 1990, dem letzten Lebensjahr des ermordeten Erzpriesters, auch kurz auf dem Moskauer Flughaften zum gemeinsamen Weg nach Stuttgart und weiter zu einem deutsch-russischen Schriftsteller-Symposium im Tagungshaus der Akademie in Weingarten begegnet sind. Und eine weitere auffällige Verbindung gebe es: Der Todestag Mens, der 9. September, war der 69. Geburtstag von Solomon Apt.
Der Preisträger selbst sagte, er habe Aleksandre Men als einen „außerordentlichen Menschen von hohem Geist und Verstand" kennen gelernt. Der mit seinem Namen verbundene Preis sporne die intellektuelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland an „im Interesse des friedlichen und humanen Aufbaus des Europäischen Hauses", wie es in der Satzung des Preises heiße. Gerade im heutigen Europa sei es notwendig, dass Deutschland und Russland gemeinsam „Hand in Hand" gingen, unterstrich Apt. Dies habe Thomas Mann schon in seiner „Russischen Anthologie" einige Jahre nach Ende des ersten Weltkriegs gefordert.
Boris Chlebnikow, Vizepräsident der Europäischen Akademie für Zivilgesellschaft in Moskau, erinnerte in seinem Grußwort an das erste Buch Apts mit Übersetzungen Thomas Manns vor genau fünfzig Jahren, kurz nach dem Tod des deutschen Dichters (1955). Auch Chlebnikow wies darauf hin, dass die Leistung, ja „Meisterschaft" von Übersetzern im Unterschied zu der Arbeit anderer Interpreten wie etwa von Musikern in der Öffentlichkeit oft zu wenig gesehen und gewürdigt werde.
Zahlreiche Auszeichnungen
Solomon Apt, der über den altrömischen Poeten Juvenal promoviert hat und einige Jahre als Lateinlehrer tätig war, weil er wegen seiner jüdischen Herkunft Berufsverbot hatte, ist für seine herausragenden Übersetzungen deutschsprachiger Literatur ins Russische schon vielfach ausgezeichnet worden. So erhielt er 1986 den Österreichischen Staatspreis für die Übersetzung von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften" und 1992 den Preis der Stadt Calw für die Übersetzung von Werken Hermann Hesses. Seit 1994 ist er Mitglied in der renommierten Akademie für Sprache und Kunst in Darmstadt. 1989 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Köln und im Jahr 2000 den Schukowskij-Preis, den höchsten deutsch-russischen Übersetzerpreis überhaupt, für sein übersetzerisches Lebenswerk. Neben Mann, Musil und Hesse übersetzte Apt auch Werke anderer moderner Klassiker wie Kafka, Canetti, Dürrenmatt, Frisch und Stifter, aber auch etwa die Märchen von Wilhelm Hauff und eine Schrift von Karl Jaspers sowie als Altphilologe Werke von Aristoteles und Aristophanes. Elfie Siegl sagte in ihrer Laudatio: „Autoren, die er übersetzt hat, hat er persönlich nicht gekannt, und diejenigen, die er gekannt hat, hat er nicht übersetzt."
Der mit 2.500 € dotierte Preis wird seit 1995 an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die interkulturelle Vermittlung zwischen Deutschland und Russland verdient gemacht haben. Stifter sind die Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Allrussische Bibliothek für Ausländische Literatur (Moskau), die Zeitschrift für Ausländische Literatur (Moskau), das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen und der Lehrstuhl für Slavische Philologie/ Literaturwissenschaft am Slavischen Seminar der Universität Tübingen. Preisträger waren bisher unter anderem Lew Kopelew, Gerd Ruge, Michail Gorbatschow, Otto Graf Lambsdorff und Ernst-Jörg von Studnitz.
Der Religionsphilosoph, Priester und Dissident Aleksandr Men gilt als einer der bedeutendsten russisch-orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts. Der seit den 60er Jahren vom KGB überwachte Theologe gewann nach dem Ende der Sowjetunion große Popularität, wurde jedoch auch unter anderem wegen seiner ökumenischen Haltung von Vertretern der Orthodoxie offen angefeindet. 1990 wurde er in Moskau auf dem Weg zur Kirche von einem Attentäter mit dem Beil erschlagen; der Meuchelmord wurde nie aufgeklärt. (ars/kwh)
Der Name von Kloster und Stadt inspirierte dazu, Künstlergärten in Weingarten entstehen zu lassen. Zeitgenössische Künstler gestalteten Gärten – recht artifiziell und organisch. Präsentiert werden diese in einem Parcours vom Martinsberg bis in die Stadt.
Vernissage
13. Juni 2010 um 11 Uhr
Ausstellungsdauer
13. Juni bis 19. September 2010
KUNST-RAUM-AKADEMIE
Tagungshaus Weingarten
Kirchplatz 7
88250 Weingarten
Telefon: 0751 5686-0
E-Mail: weingarten@akademie-rs.de
Öffnungszeiten
werktags von 9-18 Uhr; samstags und sonntags auf Anfrage
Öffentliche Führungen
7. August, 14.00 Uhr
11. September, 14.00 Uhr
