Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
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Dienstag, 4. Juli 2006

Der Geist ist mehr als das Gehirn

Emergenztheorie Philip Claytons verbindet Natur- und Geisteswissenschaft

Stuttgart (ars). Wie kommt im Laufe der Evolution der Mensch zu seinem Geist, wie verhält sich der Geist zum Gehirn, und wie ist Willensfreiheit zu denken? Als Antwortversuch auf diese strittigen Fragen stellte der renommierte Philosoph und Theologe Philip Clayton (Claremont/Kalifornien) bei der Tagung "Die Emergenz des Geistes – Von den Atomen zum Bewusstsein" in Stuttgart-Hohenheim seinen Ansatz zur Diskussion.

Clayton schlug einen großen Bogen von der Quantenphysik zum Bewusstsein, indem er die Entwicklung der Natur bis hin zum menschlichen Geist als Emergenz interpretierte. Diese Erklärung sei dem Physikalismus vorzuziehen, der alles auf rein physikalische Gesetzmäßigkeiten reduziert und den Geist wegerklärt, wie auch dem Dualismus, der neben dem Materiellen auch eine geistige Substanz annimmt, deren Entstehung aus dem Materiellen aber nicht erklären kann, so der amerikanische Wissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt ‚Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaft’.

Clayton machte plausibel, dass neue und unvorhersagbare Phänomene auf natürlichem Wege durch Emergenz entstehen können. Die neu entstandenen Systeme oder Systemeigenschaften wie etwa der Geist hingen zwar von ihren Subsystemen (in diesem Fall dem Gehirn) ab, seien aber mehr als diese und nicht auf sie reduzierbar. Mehr noch: die emergenten Realitäten übten einen kausalen Einfluss auf die Teile aus, aus denen sie entstanden sind, also eine „Top-Down-Verursachung“ des Geistes auf das Gehirn. Willensfreiheit sei darum auch nicht einfach eine Illusion.

Emergenztheorie auf dem Prüfstand

Kritische Rückfragen zur Emergenztheorie stellten der Biologe Thomas Junker (Tübingen) und der Naturphilosoph Hans-Dieter Mutschler, die bei aller Zustimmung im Großen und Ganzen doch größte Vorbehalte hatten, die Emergenz als Binnenbegriff der Naturwissenschaft zuzulassen. Junker sah die Gefahr, dass die Emergenz als Erklärung dazu verleite, die kausale Analyse zu umgehen. Darum sei der Aufweis der Emergenz nur der erste Schritt, dem die Detailforschung zu folgen habe. Für jede emergente Eigenschaft müsse der Selektionsvorteil aufgewiesen werden. Mutschler gab zu bedenken, dass die Einführung des Emergenzbegriffes in die Naturwissenschaften einen hohen Preis habe, weil Emergenz im Vollsinn Unvorhersehbarkeit in Kauf nehme – ein Preis, den eine wesentlich auf Prognosefähigkeit angelegte Naturwissenschaft nicht zu zahlen bereit wäre.

Jenseits der engen Grenzen der Naturwissenschaft bezeichnete jedoch auch Mutschler den Emergenzbegriff als unabdingbar, wolle man den Menschen unverkürzt in den Naturzusammenhang stellen. So hielt er mit Clayton daran fest, dass sich der menschliche Geist letztlich nicht auf das Gehirn reduzieren lasse – ein Standpunkt, dem Junker allerdings nicht beipflichten konnte. Beweisen lassen sich beide Positionen nicht. Aber für Clayton ist "Emergenztheorie die Wette, dass wir trotz aller Fortschritte der Wissenschaften nicht zu einer Reduktion des Mentalen auf das Gehirn kommen". ars/kwh 

Hinweis: Vortrag und Podiumsdiskussion sind zusammen mit Hintergrundinformationen multimedial dokumentiert (www.forum-grenzfragen.de)



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