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Dienstag, 2. Februar 2010

„Europa ist ohne Russland nicht vollständig“

Falk Bomsdorf erhält in Moskau den Aleksandr-Men-Preis 2009

Moskau/ Stuttgart (ars). Der langjährige Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung, Falk Bomsdorf (67), ist der 15. Preisträger des von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit-verliehenen Aleksandr-Men-Preises. Die mit 2500 € dotierte Auszeichnung für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland wurde dem promovierten Rechtswissenschaftler am 22. Januar in Moskau verliehen, dem 75. Geburtstag des 1990 ermordeten russisch-orthodoxen Erzpriesters Men.

In seiner Dankesrede sagte der Preisträger, in Russland fehle heute eine Stimme wie die von Aleksandr Men, der sich für die Bürger- und Menschenrechte und insbesondere für die Freiheit der Meinungsäußerung eingesetzt habe. Als Autorität „kraft seiner Persönlichkeit“ musste er mit denen in Konflikt kommen, „deren Autorität nicht auf innerer Freiheit und auf tiefer Überzeugung beruhte“. Das Eigene lieben bedeutete für Men gerade nicht, das Fremde zu hassen. Häufig habe er das Wort von Bischof Platon (+ 1891) zitiert: „Unsere irdischen Trennwände reichen nicht bis zum Himmel.“

Bomsdorf kritisierte, dass in unserer Mediengesellschaft die politische Nachricht zur Unterhaltung geworden sei. So gewöhne man sich an „Mord mit politischem Hintergrund“, und diese Gewohnheit verbinde sich mit dem Zynismus, „so ist es nun einmal in Russland“.  In seiner fast 17-jährigen Tätigkeit an der Spitze der Naumann-Stiftung in Moskau habe er versucht, die deutsche und russische Gesellschaft auf dem Weg des Dialogs anzunähern. Dialog setzt das Zuhören und die Akzeptanz einer anderen Wirklichkeitssicht als der eigenen voraus. Gerade der Dialog über die Bürde der Vergangenheit in beiden Ländern sei und bleibe notwendig.

Seine erste Begegnung mit Russland hat der Preisträger nach eigenem Bekunden als Kind in seiner alten Heimatstadt Dresden gemacht, als er bei einer Straßenbahnfahrt in der Nähe des Hauptbahnhofs staunend eine unversehrte russische Kirche mit goldenen Kuppeln erblickte. In seiner Verwandtschaft habe es zudem auch Russen gegeben. So sei es naheliegend gewesen, dass er während seines Jurastudiums Anfang der 70er Jahre auch Russisch lernte. Immer habe er in Russland auch „das Andere und das Anderssein“ gesehen, sich aber in Russland nie fremd gefühlt. „Russland, Moskau ist mir zur zweiten Heimat geworden“, sagt Bomsdorf. Sein leitender Grundgedanke sei immer gewesen: „Europa ist ohne Russland nicht vollständig.“

Die Direktorin der Akademie, Verena Wodtke-Werner, hatte in ihrem Grußwort auf das Projekt „Nathan der Weise“ verwiesen, das die Naumann-Stiftung gemeinsam mit dem Goethe-Institut durchführte, um für die Idee der Toleranz mit den Mittel des Theaters zu werben. Toleranz als Haltung nicht bloß des Ertragens, sondern des Respekts und der Anerkennung sei für Bomsdorf Voraussetzung wirklich demokratischen Handelns und bereichernd für die eigene Wahrheitsfindung: „Ich sehe mehr, wenn ich mit den Augen der Anderen zu sehen versuche.“

Falk Bomsdorf, geboren 1942 in Dresden und aufgewachsen in Flensburg, promovierte nach seinem Studium der Rechtswissenschaften, Slawistik und osteuropäische Geschichte 1969 zum Dr. iur.  Im Auswärtigen Amt war er zuständig für die damalige Sowjetunion, in der Stiftung Wissenschaft und Politik (Ebenhausen) für die Rüstungskontrollverhandlungen. Von 1993 bis 2009 leitete er das Moskauer Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung. Bei der Preisverleihung in der Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur hielten der Preisträger von 2005, Botschafter Ernst-Jörg von Studnitz, und Prof. Lilija Schewzowa vom Moskauer Institut für Internationale Beziehungen die Laudatio.

Preisgeber des seit 1995 verliehenen Men-Preises sind die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Allrussische Staatliche Bibliothek für ausländische Literatur (Moskau), die in Verbindung mit dem Kreis der Freunde von Aleksandr Men steht, die Akademie für Zivilgesellschaft (Moskau), das Institut für osteuropäische Geschichte  und Landeskunde der Universität Tübingen, das Slawische Seminar der Universität Tübingen sowie die Zeitschrift für ausländische Literatur in Moskau. Sie alle eint das Ziel, an Aleksandr Men zu erinnern und sein Werk auch heute lebendig zu erhalten. (ars/kwh)



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