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Mittwoch, 1. April 2009

„Russischer Beitrag zum Bau des geistigen Europas“

Weltbekannte Autorin Ljudmila Ulitzkaja für ihr literarisches Werk mit dem Alkesandr-Men-Preis ausgezeichnet

Stuttgart (ars). Als „russischer Beitrag zum Bau des geistigen Europas“ ist am Dienstagabend (31. März) in Stuttgart das große literarische Werk Ljudmila Ulitzkajas (66) gewürdigt worden. Anlass war die Verleihung des Aleksandr-Men-Preises der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und anderer Institutionen für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland durch den Vorsitzenden des Kuratoriums der Akademie, Professor Hans-Georg Wehling.

Ernst-Jörg von Studnitz, selbst Preisträger des Jahres 2005 und ehemals Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, sagte in seiner Laudatio, niemand sei so sehr berufen, dem Ziel der Verständigung für den friedlichen und humanen Aufbau des Europäischen Hauses zu dienen, wie gerade die Schriftsteller durch den Einsatz des Wortes. Die russische Literatur sei „der vielleicht größte Beitrag des russischen Geisteslebens zur europäischen Kultur“. Die weltbekannte Autorin Ljudmila Ulitzkaja reihe sich mit ihrem Werk ein in die Reihe der russischen Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts „als Erbin der großen russischen Autoren Dostojewski, Tolstoj und Tschechow“. Die große Humanistin habe mit ihrem gesamten schriftstellerischen Werk der Verständigung zwischen den Völkern „einen bleibenden Dienst erwiesen“.
Ljudmila Ulitzkaja wertete die Auszeichnung als „Gruß und Zustimmung von Vater Aleksandr“, den sie nach eigenen Angaben von früher Jugend an gekannt hat. Die Begegnung und Gespräche mit dem 1990 ermordeten russisch-orthodoxen Erzpriester habe ihr Leben geprägt und ihr Bewusstsein verändert: „In dieser Hinsicht bin ich ein besonders glücklicher Mensch.“ Aleksandr Men, der sich zeitlebens für die Ökumene der Kirchen engagierte, ist Namensgeber des deutsch-russischen Preises, der seit 1995 abwechselnd in Moskau und Stuttgart vergeben wird.
An dem in Russland bereits millionenfach verkauften, inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Roman „Daniel Stein, der Dolmetscher“, auf dessen Veröffentlichung die Verleihung der mit 2500 € dotierten Auszeichnung entscheidend beruht, hat Ljudmila Ulitzkaja dreizehn Jahre gearbeitet. Es sei ein Buch über einen „gleichzeitig demütigen und herausragenden, bescheidenen und unwahrscheinlich wagemutigen Christen,  der ein ganz gewöhnliches Leben in einer provinziellen Stadt eines provinziellen Staates führte und gleichzeitig ständig mitten im Herzen der Welt war“. Wie Vater Aleksandr Men sei auch ‚Bruder Daniel’, dem die historische Gestalt des Oswald Rufeisen zugrunde liegt, ein „über jeden Zweifel erhabener Gerechter“ unter den Menschen gewesen.
Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst, der am dem Festakt nicht teilnehmen konnte, ließ durch Akademiedirektor Abraham Kustermann in einer Grußbotschaft mitteilen, wie sehr er die Entscheidung des Preisgerichts für Ljudmila Ulitzkaja begrüße. Gerade weil der Roman Daniel Stein „durch und durch im Geiste von Vater Aleksandr Men geschrieben“ sei, könne er sich „keine bessere Entscheidung der Jury vorstellen“.

Ein Heiliger in den Schrecken der nationalsozialistischen Juden-Vernichtung
Nach den Worten von Ernst-Jörg von Studnitz hat Ljudmila Ulitzkaja in der literarischen Figur Daniel Stein eine Gestalt gezeichnet, „die wie ein Heiliger durch die Schrecken und das Grauen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden, Polen und Russen in den westlichen, von den Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion gegangen ist“. Er selbst sei mehrfach „wie durch ein Wunder“ dreimal der physischen Vernichtung entgangen. Auf Grund seiner guten deutschen Sprachkenntnisse als Dolmetscher für die Gestapo angestellt, sei er „in der ersten Phase seines Lebens ein Dolmetscher im eigentlichen Sinne des Wortes“ gewesen: ein Vermittler zwischen zwei Seiten.
Studnitz erinnerte daran, dass der in Polen geborene Jude Oswald Rufeisen, der eine deutschsprachige Schule besuchte, erstmals bei polnischen Ordensschwestern, die ihn unter eigener Lebensgefahr vor den Nazis versteckten, dem Neuen Testament begegnet sei. Er habe dabei erkannt, dass das Kreuz Jesu „der Weg zu Erlösung und Auferstehung“ sei und auch „das jüdische Volk in all seinem schrecklichen Erleben trägt“. In Jesu Namen könnten sich die Menschen von Hass und Bosheit befreien. So habe er sich selbst mit Gott versöhnt können, sich katholisch taufen lassen und „das schwerste aller Gebote verwirklicht, seine Feinde zu lieben“.
Im Heiligen Land wirkte Rufeisen bis zu seinem Lebensende als Karmeliterpater „unter äußerlich bescheidensten Bedingungen“ für eine Gemeine christlicher Araber nach dem Vorbild der Kirche des Jakobus vor der Spaltung zwischen jüdischem und christlichem Glauben, um die Kluft zwischen Judentum und Christentum überwinden zu helfen. Weil seine Lehre und Praxis „nicht mit der amtlichen Lehre übereinstimmten“, wurde er kurz vor seinem Tod seines Amtes enthoben, eine Entscheidung, die – worauf Studnitz ausdrücklich hinwies –ihn nicht mehr lebend erreichte.

Mehr als ein Dutzend Literaturpreise
Ljudmila Ulitzkaja hat als Autorin, unter anderem auch in China und Italien, mehr als ein Dutzend Literaturpreise erhalten, darunter den prestigeträchtigen Russischen Booker-Preis 2002, die wichtigste russische Literaturauszeichnung, und den Preis als „beste russische Schriftstellerin“ im Jahr 2004. Ihre Werke wurden inzwischen in 17 Sprachen übersetzt.  Dabei ist sie erst im Alter von 50 Jahren Schriftstellerin geworden. Ausgebildet als promovierte Genetikerin, hat sie nach ihrem Berufsverbot aufgrund der Verbreitung systemkritischer Literatur zunächst zwanzig Jahre als freischaffende Autorin gearbeitet und unter anderem Theaterstücke, Drehbücher, Artikel und Ausstellungskataloge sowie Übersetzungen verfasst. Einem größeren Publikum bekannt wurde sie 1992 nach dem Ende der Sowjetherrschaft durch die Novelle „Sonjetschka“.
Der Alksandr-Men-Preis, der immer abwechselnd einer deutschen und einer russischen Persönlichkeit verliehen wird, wurde zum 14. Mal vergeben (aufgrund von Terminschwierigkeiten für 2008 erst am Ende des ersten Quartals 2009). Frühere russische Preisträger waren unter anderem Lew Kopelew, Tschingis Aitmatow, Anatoli Pristawkin, Daniil Granin sowie Michail Gorbatschow. Getragen wird die Auszeichnung von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Allrussischen Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, der Europäischen Akademie für Zivilgesellschaft, Moskau, Einrichtungen der Universität Tübingen und der Moskauer Zeitschrift für Ausländische Literatur. (ars/kwh)



Kontakt: Erika Dacke


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