Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
FachreferateMigrationProjekt ZwangsarbeitDefinition Zwangsarbeiter

Zwangsarbeiter

Der nicht-zeitgenössische Begriff "Zwangsarbeiter" umfaßte zwischen 1939 und 1945 eine Vielzahl von Personengruppen, die sich in teilweise sehr unterschiedlichen (auch wechselnden) Arbeitsverhältnissen befanden. Die Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich ihres politischen Status, der Art und Weise ihrer Rekrutierung, der Rechtsgrundlage ihrer Beschäftigung, ihrer sozialen Lage sowie Dauer und Umstand des Arbeitsverhältnisses.

Es lassen sich grob skizziert vier Kategorien von Zwangsarbeitern unterscheiden:

1. Ausländische Zivilarbeiter, die in Deutschland landläufig als "Fremdarbeiter" bezeichnet wurden. Sie bilden die größte Gruppe, wobei sie häufig zunächst auf freiwilliger, später in der Regel jedoch gezwungener Basis ("Reichseinsatz") im Deutschen Reich arbeiteten. Die Angehörigen dieser Gruppe kamen u.a. aus folgenden Ländern bzw. infolge der deutschen Besetzung neu gebildeten Territorien: "Protektorat" Böhmen und Mähren, der Slowakei, Italien, Ungarn, Kroatien, Bulgarien, Serbien, Niederlande, Belgien und Nordfrankreich, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Spanien.
- Hiervon zu unterscheiden sind Polen, denen gemäß Polizeiverordnung vom 8.3.1940 und Anordnung des Reichsarbeitsministers vom 5.10.1941 ein diskriminierender Sonderstatus zugewiesen wurde (Kennzeichnungspflicht, Lagerunterkünfte, Verbot jeglichen privaten Umgangs mit Deutschen etc.).
- Für sowjetische Zivilarbeiter (sog. "Ostarbeiter") galten ab Februar 1942 besondere Erlasse, die an Radikalität die Behandlung der Polen noch übertrafen (streng bewachte Lager, minderwertige Verpflegung, geringe Entlohnung, etc.).

2. Ausländische Kriegsgefangene, überwiegend aus Polen, der Sowjetunion und Frankreich, deren Arbeitseinsatz keineswegs immer dem Völkerrecht entsprach. Im Sommer 1940 erhielten 400.000 polnische Kriegsgefangene den Status der "Zivilarbeiter", nach dem Abfall Italiens von der "Achse" wurden 600.000 italienische "Militärinternierte" als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert. Von 5,7 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener starben ca. 3 Millionen in deutschem militärischem Gewahrsam. Die übrigen wurden später als "Hiwis" des deutschen Militärs und als "Ostarbeiter" (ca. 950.000) im Reich beschäftigt.

3. Jüdische und nicht-jüdische KZ-Häftlinge aus Konzentrationslagern der SS im Reichsgebiet, die vom SS-Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt an private und öffentliche Unternehmen vermittelt wurden.

4. Europäische Juden, die nach ihrer Deportation aus den Heimatländern für kürzere oder längere Zeit Zwangsarbeit verrichten mußten, nach 1944 in verstärktem Ausmaß auch auf Reichsgebiet.
Ulrich Herbert (Fremdarbeiter, 1985) schätzt, daß die höchste Zahl der gleichzeitig beschäftigten Zwangsarbeiter im September 1944 mit ca. 7,6 Millionen erreicht wurde. Davon waren ca. 5,7 Millionen Zivilarbeiter und ca. 2 Millionen Kriegsgefangene. Hinzu kamen 400.000 zur Zwangsarbeit eingeteilte jüdische und nicht-jüdische KZ-Insassen. Die Gesamtzahl sämtlicher in Deutschland zwischen 1939 und 1945 eingesetzten Zwangsarbeiter betrug zwischen 9,5 und 10 Millionen Menschen.

Gerhard Hirschfeld [Dez. 2000]




© Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Impressum