Statement in der Pressekonferenz zur Übergabe der durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart ermittelten Personendaten von während des Zweiten Weltkrieges in kirchlichen Einrichtungen der Diözese beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern an den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes Prälat Hellmut Puschmann
10. November 2000, Geschäftsstelle des kirchlichen Suchdienstes Stuttgart
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Wir treten ein für gerechte Entschädigung und aufrichtige Versöhnung
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Sehr herzlich danke ich Ihnen, daß Sie der Einladung zur heutigen Pressekonferenz gefolgt sind und begrüße Sie in der Stuttgarter Geschäftsstelle des kirchlichen Suchdienstes. Insbesondere Herrn Prälat Puschmann und Herrn Professor Dr. Hirschfeld danke ich für Ihr Kommen. Ich freue mich sehr, daß ich als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart dem Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes heute eine achtzig Personen umfassende Liste mit Personendaten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern übergeben kann, die während des Zweiten Weltkrieges in katholischen Einrichtungen in unserer Diözese beschäftigt waren. Diese Liste ist die Frucht mehrerer Monate intensiver Arbeit und die Grundlage für eine rasche und - so hoffe ich - gerechte Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter.
"Was es uns schwer macht zu reden, das verbietet uns auch zu schweigen", dieses Wort Leo des Großen erfaßt sicherlich in ganz besonderer Weise die Schwierigkeiten, die sich im Blick auf die Verantwortung unseres Volkes und der katholischen Kirche für die Zeit des nationalsozialistischen Unrechtregimes stellen. Die Kirche in Deutschland trägt, auch da, wo sie nicht unmittelbar Schuld auf sich geladen hat, Mitverantwortung für das Unrecht, das damals geschehen ist. Dieser Mitverantwortung stellen wir uns. Dies gilt auch für die Frage der Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen. Wir stellen fest, daß kirchliche Einrichtungen in unserer Diözese mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern Schuld auf sich geladen haben. Alle Frauen und Männer, denen dieses Unrecht angetan wurde, bitte ich von ganzem Herzen um Vergebung!
Was geschehen ist, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Es muß aber ehrlich und so vollständig als möglich aufgeklärt werden. Solche Aufklärung muß zu einer aufrichtigen Umkehr und zur Bereitschaft zum Frieden zur Versöhnung fahren und ebenso zu einer glaubwürdigen und gerechten Wiedergutmachung, soweit dies noch möglich ist. Nur so, dies haben die Deutschen Bischöfe in ihrem großen Friedenswort "Gerechter Friede" erst vor kurzem betont, kann der Würde der Opfer Gerechtigkeit widerfahren. Die katholische Kirche bemüht sich seit Jahren um solche Versöhnung. Ich nenne in diesem Zusammenhang nur das "Maximilian-Kolbe Werk", das sich um die Opfer des Nationalsozialismus vor allem in Polen kümmert. Seit 1973 sind rund 100 Millionen Mark in die konkrete materielle Hilfe und in die Versöhnungsarbeit zwischen Deutschen und Polen geflossen. Seit 1993 setzt die Solidaritätsaktion "Renovabis" jährlich ca. 60 Millionen Mark für Partnerschaftsprojekte in Mittel- und Osteuropa ein, deren Beitrag zur Versöhnung und Verständigung außerordentlich ist. Nicht wenige Einrichtungen der Kirche hatten und haben seit dem Krieg stetig Kontakte zu den Menschen gehalten, die während des Krieges bei ihnen als Fremdarbeiter oder Zwangsarbeiter gearbeitet und gelebt haben.
Nachdrücklich begrüßen wir, daß mit der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" von Seiten von Politik und Wirtschaft nunmehr der Weg für eine Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter bereitet ist. Die katholische Kirche in Deutschland hat im Sommer dieses Jahres beschlossen, einen eigenen Entschädigungsfonds im Umfang von 5 Millionen Mark sowie einen Versöhnungsfonds ebenfalls im Umfang von 5 Millionen Mark zu gründen. Die Nachforschungen nach ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen haben unmittelbar darauf begonnen. Am Dienstag dieser Woche konnte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Dr. Lehmann zusammen mit Herrn Präsident Puschmann mitteilen, daß unser Entschädigungsfonds seine Arbeit aufgenommen hat und mit Entschädigungsleistungen beginnt.
Bereits vor einigen Jahren haben sich unter meiner Verantwortung als Akademiedirektor verschiedene wissenschaftliche Tagungen an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit der Zwangsarbeiter Problematik beschäftigt. Ich verweise insbesondere auf den Band "Entschädigung für NS-Zwangsarbeit. Rechtliche, historische und politische Aspekte" (Bestellung), der 1998 von Akademiereferent Klaus Barwig und anderen herausgegeben wurde und der Ihnen hier zur Verfügung gestellt wird. Ebenso weise ich auf die Dissertation von Annette Schäfer, "Russische und polnische Zwangsarbeiter in Württemberg 1939-1945" hin, die in diesen Tagen erscheint. Angesichts der Dimensionen, in denen im staatlichen und wirtschaftlichen Bereich Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, ist freilich auch zuzugeben, daß die quantitativ und qualitativ durchaus unterschiedliche Art der Beschäftigung von Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen bei Historikern bislang in und außerhalb der Kirche keine besondere Aufmerksamkeit gefunden hatte. Durch die Beschäftigung mit der Zwangsarbeiterproblematik jedoch sensibilisiert, auch aufgrund vieler persönlicher Beziehungen nach Rußland und in die Länder Mittel- und Osteuropas, haben wir die Frage der Entschädigung der Zwangsarbeiter in kirchlichen Einrichtungen sofort nach meiner Ernennung zum Bischof von Rottenburg-Stuttgart ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt.
Hinsichtlich der Arbeitskräfte in kirchlichen Einrichtungen ist grundsätzlich ganz klar und ohne Abstriche festzuhalten, daß auch sie, wie alle anderen in Staat und Wirtschaft beschäftigten Zwangsarbeiter nicht freiwillig hier waren. Es sind also - hierzu kann Ihnen Herr Professor Gerhard Hirschfeld gerne detailliert Auskunft geben - ohne Zweifel Zwangsarbeiter, die die Kirche beschäftigt hat. Dennoch ist die Beschäftigung von Zwangsarbeitern im kirchlichen Bereich mit der in anderen Bereichen quantitativ und qualitativ verschieden. Dies vor allem hat uns bewogen, einen eigenen Weg der Entschädigung zu wählen. Ihnen ist bekannt, daß der Deutsche Caritasverband die Durchführung der Aufgaben im Zusammenhang der Entschädigung übernommen hat. Herr Präsident Puschmann und Herr Pronold werden Ihnen nachher darüber gerne Auskunft geben.
Ein weiterer Grund ist: Wir wollen nicht darauf warten, bis ehemalige Zwangsarbeiter sich bei uns melden und ihre Ansprüche geltend machen und rechtfertigen müssen. Vielmehr haben wir uns sofort an die Arbeit gemacht, aktiv die kirchlichen Einrichtungen festzustellen, die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt haben, und diese Personen aktiv zu suchen. Wir wollen von uns aus, über alle sich bietenden kirchlichen und nichtkirchlichen Wege die Namen dieser Personen ermitteln und zu ihnen Kontakt aufzunehmen.
Drittens liegt uns als Kirche daran, über die materielle Entschädigung hinaus, die ohne Zweifel insbesondere für die heute hochbetagten ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Osteuropa wichtig ist und schnell erfolgen muß, einen echten Beitrag zur Versöhnung mit diesen Menschen zu leisten. Versöhnung gelingt nach unserer Auffassung in der aufrichtigen menschlichen Begegnung, sie braucht nicht nur Geld, sondern vor allem auch Zeit und die Bereitschaft zum Zuhören und zur Achtung des anderen.
Von diesen Zielen geleitet hat der damalige Ständige Vertreter des Diözesanadministrators und jetzige Generalvikar Prälat Redies am 20. Juli dieses Jahres eine diözesanweite Umfrage zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern eingeleitet. Diese Umfrage wurde begleitet und unterstützt durch das Diözesanarchiv und die Akademie der Diözese und wurde erfreulicherweise konstruktiv und zügig beantwortet. In Absprache mit mir berief zum 17. August Diözesanadministrator Weihbischof Dr. Kreidler eine Kommission zur Klärung der Beschäftigung von Zwangsarbeitern in unserer Diözese. Diese Kommission, die vor allem unter dem Vorsitz des Direktors des Diözesancaritasverbandes Monsignore Wolfgang Tripp hervorragende Arbeit geleistet hat, zeichnet sich insbesondere dadurch aus, daß sie auch hochrangige und ausgewiesene Wissenschaftler aus dem außerkirchlichen Bereich zur Mitarbeit gewinnen konnte. Ich nenne an dieser Stelle Herrn Professor Hirschfeld, ebenso aber auch den Datenschutzexperten Professor Dr. Alfred Büllesbach.
Alle Recherchen, die wir in unserem Bereich und aus eigener Kraft unternehmen konnten, sind nun abgeschlossen. Ihr Ergebnis finden Sie in der Broschüre, die Ihnen ausgeteilt wurde. Zur konkreten Arbeit in der Kommission wird Ihnen Direktor Tripp gleich Auskunft geben. Demnach sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt 20 kirchliche Einrichtungen bekannt, die in den Jahren 1939 bis 1945 Zwangsarbeiterinnen oder Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Rund 120 Beschäftigungsverhältnisse konnten bislang anhand von Archivalien nachgewiesen werden. 81 Personen, näherhin 39 Frauen und 42 Männer, konnten inzwischen namentlich identifiziert werden. Ihre Namen übergebe ich heute, so daß der Suchdienst der Caritas überprüfen kann, wer von diesen Personen noch am Leben ist und wo sie jetzt leben.
Die Nationalität oder Herkunft ist uns derzeit von 72 Personen bekannt. Drei Viertel davon gehören zu der Großgruppe der Ostarbeiter. Als Herkunftsländer werden Rußland, Ukraine, Polen und Jugoslawien genannt; zwei Frauen werden als "Weissrutheninnen" bezeichnet. Den überwiegenden Anteil machen die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen aus. Ein Viertel der Arbeiterinnen und Arbeiter gehören zu der Großgruppe der Westarbeiter. Hier sind bislang Frankreich (es handelt sich hier um Kriegsgefangene, die in den Status von Zivilarbeitern überführt wurden) und Italien vertreten. Nach dem Sturz des Faschismus im Sommer 1943 wurden die in Deutschland lebenden Italiener über Nacht als Zivilinternierte zu "Fremdarbeitem". Die konkreten Einsatzbereiche konnten noch nicht in allen Fällen ermittelt werden. Die Mehrzahl der Fremdarbeiter arbeitete in der Landwirtschaft der jeweiligen Einrichtung (z.B. Bad Mergentheim, Bad Wurzach, Matzenbach, Horb, Heggbach, Mulfingen, Neresheim, Oberschelklingen). In Horb wurden sie auch in der Forstwirtschaft eingesetzt, in Biberach für Friedhofsarbeiten. In Stuttgart waren die holländischen Zimmerleute mit Instandsetzungsmaßnahmen nach Luftangriffen beauftragt. Die Frauen fanden Beschäftigung in den Küchen (z.B. Pflegeanstalt Heggbach, Krankenhaus Ravensburg, Altenheim Ulm), aber auch in der Waschküche (Schwäbisch Gmünd), im Nähzimmer (Oggelsbeuren) und in der Säuglingspflege (Ravensburg St. Nikolaus). Im Blick auf die Entschädigungsleistungen ist insbesondere das Alter der ehemaligen Zwangsarbeiter von Bedeutung: Von 73 Erwachsenen ist im Moment das Geburtsdatum bekannt. Die Auszählung der Jahrgänge wirft ein bezeichnendes Licht auf die Dringlichkeit der raschen Ermittlung von noch lebenden Zwangsarbeitern. 44 sind, sofern sie noch leben, heute über 80 Jahre alt (sie gehören den Geburtsjahrgängen 1869 bis 1919 an). 29 stehen heute in einem Alter zwischen 70 und 80 Jahren (Geburtsjahrgänge 1920 bis 1929).
Vorbehaltlich der Ergebnisse weiterer Recherche und Prüfung bei außerkirchlichen Stellen und Archiven ist nach der Überprüfung der Einrichtungen und Gemeinden unserer Diözese festzustellen, daß in der Diözese Rottenburg-Stuttgart als einer der großen deutschen Diözesen nach intensiver Suche 120 Zwangsarbeiter festgestellt werden konnten. Im Vergleich dazu ging die Zahl von Zwangsarbeitern bei staatlichen Einrichtungen und vor allem in der Wirtschaft schon bei einzelnen Kommunen oder einzelnen Betrieben bekanntlich in die Tausende und Zehntausende. Dies ist ein sehr wichtiger quantitativer Unterschied. Auch ein qualitativer Unterschied zu Zwangsarbeitsverhältnissen bei Staat und Industrie ist festzuhalten. Viele Quellen, aber auch Äußerungen von Zeitzeugen, insbesondere aber auch die vielfach nach dem Ende des Krieges weiterbestehenden Beziehungen der Arbeiterinnen und Arbeiter zu den Einrichtungen, in denen sie eingesetzt waren, belegen dies. Es ist inzwischen weithin bekannt, daß Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter über Lohn und Sozialversicherung hinaus in kirchlichen Einrichtungen sehr oft weit besser behandelt wurden als anderswo. Nicht wenige Priester zogen sich scharfe Kritik und sogar Bestrafung von Seiten des Regimes zu, weil sie die Zwangsarbeiter seelsorgerlich betreuten und angeblich "zu gut" behandelten.
Für diese qualitative Besonderheit zwei Beispiele: Im Säuglingsheim St. Nikolaus in Ravensburg, Sie finden die genauen Angaben auf Seite 18 der Broschüre, arbeiteten zwischen 1943 und 1945 zehn Frauen, die damals um die zwanzig Jahre alt waren und jeweils ein paar Monate in St. Nikolaus waren. Sie sind namentlich identifiziert und von uns selbstverständlich als Zwangsarbeiterinnen verzeichnet. Bei genauerer Recherche wurde uns nun jedoch berichtet, daß neun der zehn Frauen während ihres Aufenthaltes von den dortigen Franziskanerinnen betreut entbunden hätten und danach, während sie ihre eigenen Kinder betreuten, als Ammen andere Säuglinge mitversorgt und gegen ein kleines Entgelt mitgearbeitet hätten. Ein anderes Beispiel: Gerade vorgestern, nachdem die Personenliste fertiggestellt war, kam aus der Hospitalstiftung in Horb die Nachricht, daß aufgrund der seit dem Krieg gehaltenen persönlichen Beziehungen zu ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern bereits im Laufe dieses Sommers erneut Briefkontakt aufgenommen werden konnte. Von einigen Personen haben wir vollständige Anschriften. Davon ausgehend kann von Seiten der Caritas und des Entschädigungsfonds sofort Kontakt zu diesen Personen aufgenommen und die Entschädigung ausbezahlt werden.
Wie geht die Arbeit nun weiter? Die von uns aufgrund unserer eigenen Überlieferung und aufgrund von Zeitzeugen ermittelten Daten werden auf der Grundlage eines durch das Diözesanarchiv erstellten detaillierten Verzeichnisses von 555 im Jahr 1939/40 bestehenden kirchlichen Einrichtungen durch Nachforschungen in den Staatsarchiven, Kreisarchiven, kommunalen Archiven und insbesondere auch in den Archiven der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) überprüft und nach Möglichkeit ergänzt. Zur Unterstützung dieser Arbeit werden in diesen Tagen von der Diözese zwei für diese Aufgabe ausgewiesene Wissenschaftler und eine Wissenschaftliche Hilfskraft aus diözesanen Mitteln eingestellt. Es freut mich außerordentlich, daß die Bereitschaft von Seiten dieser Einrichtungen, insbesondere auch von Seiten der für unsere Aufgabe sehr wichtigen AOK sehr gut und konstruktiv ist. Auf unsere am 23. Oktober an 120 Archive versandte Anfrage haben sich innerhalb von nicht einmal zwei Wochen bereits über 60 zurückgemeldet. Für diese Kooperationsbereitschaft danke ich sehr herzlich. Ich bin zuversichtlich, daß wir in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit unserer schnellen, wissenschaftlich qualifizierten und sehr intensiven Recherche den richtigen Weg gegangen sind.
Auf der Grundlage der von uns ermittelten Daten wird der Kirchliche Suchdienst und zusammen mit dem Entschädigungsfonds umgehend mit der Entschädigung der in unserer Diözese tätigen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beginnen können. Dazu werden wir möglichst den direkten Weg gehen. Wir werden die guten, vor allem auch durch die Arbeit der Akademie gepflegten Kontakte zu osteuropäischen Stiftungen und Zwangsarbeiterorganisationen ausbauen, und ich freue mich, daß auch von dort die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Begegnung signalisiert wird. Darüber hinaus ist es mir als Bischof ein Anliegen, daß wir zu diesen Personen und ihren Familien bestehende persönliche Kontakte intensivieren oder Kontakte neu herstellen können. Versöhnung geschieht in menschlicher Begegnung. Der Versöhnungsfonds sollte nach meiner Auffassung deshalb auch für Begegnungen mit den ehemaligen Zwangsarbeitern und ihren Familien eingesetzt werden.
Abschließend will ich unsererseits betonen, daß wir die Aufgabe der gerechten Entschädigung und der aufrichtigen Versöhnung mit den Frauen und Männern, die vor über einem halben Jahrhundert als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in kirchlichen Einrichtungen unserer Diözese waren, in konstruktiver Zusammenarbeit mit anderen Diözesen und mit der Evangelischen Kirche leisten wollen. Wir sind selbstverständlich auch zur Zusammenarbeit mit dem Entschädigungsfonds und der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" bereit und sehen eine solche Zusammenarbeit als nicht nur sinnvoll, sondern in vielen Detailfragen auch notwendig an. Freilich wünschen wir auch, daß angesichts des hohen Alters der ehemaligen Zwangsarbeiter ohne weiteren Aufschub die Voraussetzungen geschaffen werden mögen, daß dieser Entschädigungsfonds seine Arbeit tun kann. Allen Mitgliedern unserer diözesanen Kommission, insbesondere Herrn Direktor Tripp und Herrn Diözesanjustitiar Dr. Teufel sowie den Geschäftsführern Klaus Barwig und Dieter Bauer, Herrn Diözesanarchivar Dr. Janker, allen Mitarbeitern des Diözesanarchivs sowie den vielen Pfarrern, Ordensoberen und Leitern kirchlicher Einrichtungen sage ich an dieser Stelle meinen ganz herzlichen Dank. Besonders danke ich auch allen nichtkirchlichen Mitgliedern der Kommission, die uns ihre Kompetenz, ihre Zeit und ihr großes Engagement zur Verfügung gestellt haben. Ich weiß, daß Sie eine außerordentliche Arbeit geleistet haben, weit über Ihre dienstlichen Aufgaben hinaus. Dafür herzlichen Dank!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! In dem von mir eingangs erwähnten Friedenswort der Deutschen Bischöfe heißt es: "Wer den Frieden will, muß für den Frieden bereit sein." Friede "ergibt sich nicht von selbst, schon gar nicht, wenn ganze Völker schweres Unrecht erdulden mußten und viele Menschen tief in ihrer Würde verletzt wurden. [... ] Wer eine gemeinsame Zukunft will, braucht Verständigung über die Vergangenheit." (Nr. 108) Zu dieser Verständigung, zu einer gerechten Entschädigung und einer aufrichtigen Versöhnung sind wir alle, wir Christen insbesondere, verpflichtet. Ich bin mir sicher, daß die konsequente und aktive Aufarbeitung des während des Dritten Reiches begangenen Unrechtes eine wesentliche Voraussetzung für eine gesamteuropäische Friedensordnung und für ein gutes Miteinander der verschiedenen Völker ist.
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