Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
FachreferateMigrationProjekt ZwangsarbeitBericht Süddeutsche Zeitung

Bericht Süddeutsche Zeitung

Freitag, 16. Februar 2001

 

Aus Verlegenheit gut

Zwangsarbeiter: Katholische Kirche als Vorbild

Lob vom einstigen Gegner ist die schönste Anerkennung. Lothar Evers vom Bundesverband für NS-Verfolgte in Köln fand nur gute Worte für die katholische Kirche: Sie zahle bereits an ehemalige Zwangsarbeiter – die Stiftungsinitiative von Staat und Wirtschaft habe noch nicht einmal das versprochene Geld beisammen. Und sie habe sich bei denen entschuldigt, die einst auf ihren Feldern, in ihren Einrichtungen arbeiten mussten. Karol Galowski, Vertreter der polnischen Zwangsarbeiter, wählte die gleiche Tonlage: Hier die großherzigen Katholiken, dort die geizige Wirtschaft.

Das ist bemerkenswert, weil Ewers und Galowski eigentlich daran interessiert sind, dass möglichst viel Geld in die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ fließt. Die katholischen Bistümer entschädigen Zwangsarbeiter aber in Eigenregie mit insgesamt fünf Millionen Mark; weitere fünf Millionen stehen für „Versöhnungsarbeit“ zur Verfügung. 950 Namen ehemaliger Zwangsarbeiter haben die kirchlichen Archivare inzwischen bundesweit gefunden, 40 von ihnen hat der Caritas-Suchdienst aufgespürt, sie erhalten je 5000 Mark. Jüngst bekannte der Bischofskonferenz-Vorsitzende und designierte Kardinal Karl Lehmann, die Kirche sei sich „viel zu spät der Nöte der ehemaligen Zwangsarbeiter bewusst geworden“ – darin liege „ein Moment der Schuld“. Sätze, die vielen Opfern so wichtig sind wie das Geld.

Die katholische Kirche als Vorreiterin bei der Zwangsarbeiter-Entschädigung – das war nicht unbedingt so geplant; man war vielmehr aus Verlegenheit gut. Erst, als immer mehr Fälle publik wurden, nahmen die Hirten das Problem zur Kenntnis; da hatte die evangelische Kirche bereits zehn Millionen Mark in den Zwangsarbeiter-Fonds gezahlt. Dass die katholische Kirche, auch aus Trotz, dies nicht tat, erwies sich als richtig. Der Fonds sieht keine Zahlungen an Landarbeiter vor – doch alle kirchlichen Fremdarbeiter rackerten in Küche, Feld und Wald. Nun verhandelt die evangelische Kirche mühsam über eine Zusatzstiftung für diese Gruppe.

Zwölf Prozent weniger Lohn
Bei den Katholiken engagieren sich vor allem das Bistum Rottenburg-Stuttgart und die Erzdiözese München-Freising; beide Bistümer haben eigene Stellen zur Erforschung der Zwangsarbeit geschaffen. In Rottenburg-Stuttgart sind mittlerweile 130 Beschäftigungsverhältnisse nachgewiesen, 105 Namen sind bekannt. In München sind von 157 Fremdarbeitern 98 identifiziert, an fünf wurde bereits Geld gezahlt.

Auf zwei Tagungen in München und Stuttgart wurde deutlich, dass die Aufarbeitung des lange verdrängten Themas immer noch am Anfang steht. Schon die Definitionsfrage ist schwierig: Manche wurden mit der Waffe zur Deportation getrieben, andere meldeten sich – mehr oder weniger – freiwillig. Häufig waren kirchliche Einrichtungen beschlagnahmt, es lässt sich nicht mehr klären, ob der Staat oder die Kirche zuständig für die Fremdarbeiter war.

Wer im Kloster oder einem katholischen Krankenhaus arbeiten musste, dem ging es vergleichsweise gut, sind sich die Historiker einig. Der Lohn lag etwas unterhalb der Bezahlung Deutscher – im Benediktinerkloster Ettal um zwölf Prozent. Aber es gab zu essen und erträgliche Unterkünfte. „Und man saß am gleichen Tisch“, sagt Klaus Barwig, Geschäftsführer der Stuttgarter Zwangsarbeiter-Kommission. Die Mönche, Nonnen, Pfarrer unterliefen das Kontaktverbot; die Gestapo klagte ständig darüber.

Dennoch blieb der Zwang: „Trotz aller Distanz zum Nationalsozialismus waren die Kirchen in die Kriegsgesellschaft eingebunden“, betonte Karl-Joseph Hummel, der Geschäftsführer der Bischöflichen Kommission für Zeitgeschichte. Fremdarbeiter wurden in der Landwirtschaft generell besser behandelt als in der Industrie – ob die Kirchen nur guter Durchschnitt waren oder tatsächlich besser als andere, ist noch nicht geklärt.

Bloß kein Geld für die Stiftung
Die Diözesan-Archivare müssen nun aus den Akten der Krankenkassen, Arbeitsämter, Klöster und Ordinariate Namen finden; viele Dokumente sind verloren oder nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist vernichtet. Die Chancen, Namen zu klären, liegen in den kriegszerstörten Städten Nürnberg und Würzburg bei nur einem bis zwei Prozent, berichtet Hermann Rumschüttel, Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns.

Es werden also wohl nur noch wenige Kirchen-Zwangsarbeiter gefunden. Was die Bischöfe in die nächste Schwierigkeit bringen wird: Selbst wenn 200 oder 300 Menschen aus Polen, Russland, der Ukraine entschädigt werden, bleiben dreieinhalb bis vier Millionen Mark übrig. Was tun damit? Es der eigenen Versöhnungsarbeit zuzuschlagen, sähe schlecht aus: Die katholische Kirche entschädigt sich selbst. Diskutiert wird, den gefundenen Zwangsarbeitern einfach das Doppelte zukommen zu lassen. Klaus Barwig schlägt dagegen vor, die Bischöfe sollten das Geld der Stiftungsinitiative überweisen – nicht, um die Wirtschaft zu entlasten, sondern zusätzlich, für Härtefälle.

Doch die Stiftungsinitiative ist den Bischöfen ein rotes Tuch; man will nicht auf einer Stufe stehen mit der Industrie und misstraut den osteuropäischen Zwangsarbeiter-Verbänden. Die Harmonie könnte nur begrenzt haltbar sein.

Matthias Drobinski



© Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Impressum