Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
FachreferateGesellschafts- und SozialpolitikVeröffentlichungenKindsein ist kein KinderspielVorwort

Kindsein ist kein Kinderspiel
Bedingungen des Aufwachsens in Deutschland

Dr. Manfred W. Lallinger, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart


Vorwort

Vor wenigen Monaten war Weltkindertag. Kein Anlaß für die Bundesrepublik Deutschland, besonders stolz zu sein. Die Mißachtung der Rechte und Bedürfnisse von Aufwachsenden ist in unserer Gesellschaft ein alltägliches Phänomen. Viele Stadtkinder sind mit einem Wohnumfeld konfrontiert, in dem der Verkehr die Möglichkeiten zur Auskundschaftung und selbstbestimmten Exploration der Umwelt, zur Eroberung und Gestaltung des öffentlichen Raums mit kleinen Schritten nachhaltig einschränkt. Das Phänomen der "erzwungenen Verhäuslichung" kennzeichnet den Alltag nicht weniger Knirpse und Grünschnäbel. Lärm durch kindliches Spielen ist selten erwünscht. Noch immer kommt es vor, daß Erwachsene, die vergessen haben, daß sie selber einmal Kinder waren, mit einer Unterschriftenaktion gegen eine geplante Spielstraße zu Felde ziehen.

Ältere Kids nutzen zunehmend virtuelle Spielplätze, verlagern ihre Welterfahrung in Tele- bzw. Videospielkonsolen. Über die Wirkung der computersimulierten Kunstwelten auf Kinder tobt unter den "Kinderexperten" ein Glaubenskrieg. Außer Zweifel steht indes, daß die artifiziellen Welten des Computers und der Tele- und Videospiele den Verlust von traditionellen Aktionsräumen nicht ausgleichen können.

Immer mehr Kinder leiden unter bedrückenden ökonomischen Verhältnissen und wachsen im sozialen Abseits auf. Derzeit sind etwas mehr als 40 Prozent der 2,8 Mio. Sozialhilfeempfänger Kinder. Fast zwei Millionen Kinder leben in Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Rund 500.000 Kinder sind in Obdachlosensiedlungen oder in völlig unzureichenden Wohnungen untergebracht. In den Sozialwissenschaften wird inzwischen von einer "Infantilisierung" der Armut gesprochen. Nicht mehr der arme Alte, sondern das arme Kind ist mittlerweile typisch für unsere Gesellschaft, wird von wissenschaftlicher Seite konstatiert.

Manche Kinder wachsen auf wie Gras, ohne Liebe und Geborgenheit. Nach wie vor zählen zum Repertoire elterlicher Erziehungspraktiken "schlagende" Argumente. Schätzungsweise 10 Prozent aller Kinder müssen harte Züchtigungen erleiden. Gewalt tritt in vielen Gewändern auf und bedrängt in vielfältiger Weise kindliche Entfaltungen. Das Spektrum dessen, was Gewalt gegen Kinder ausmacht, ist breit. Neben der strukturellen Gewalt, die sich aus der "Macht der Verhältnisse" ergibt, aus ungünstigen Lebensbedingungen und disparat verteilten Chancen auf Glück, Wohlergehen, Bildung und damit auch Zukunft, umfaßt Gewalt vor allem auch die sich in Vernachlässigung, Mißhandlung und sexuellem Mißbrauch äußernde personale Gewalt.

Die in diesem Sammelband vorgestellten Texte thematisieren die genannten Sachverhalte und widmen sich weiteren Aspekten der Alltagswelt von Kindern, die sich in einer ganzen Reihe von Fragen verdichten: Welche Bedeutung kommt dem Geschlecht bei der Identitätsfindung im Kindesalter zu ? In welchen Familienstrukturen wachsen Kinder heute auf? Welche Ziele verfolgt die Sozialberichterstattung über Kinder? Wie gestaltet sich Kindheit in ruralen Regionen? Abgeschlossen und abgerundet wird der Materialienband durch die Darstellung von Formen konkret umgesetzter Parteinahme für Kinder.

Der Einleitungsvortrag "Veränderte Welt der Kinder" - "Paradise lost - lost in Paradise?" bietet Gelegenheit zu einer Zeitreise, eröffnet anhand von ausgewählten Bildern aus der Kunstgeschichte Einblicke in frühere Lebenssituationen von Kindern und ermöglicht den Vergleich mit heutigen Kinderwelten.

Abschließend bleibt noch ein bedauerlicher Ausfall zu erwähnen: Der überaus wichtige Beitrag zur Rolle bzw. Bedeutung des Vaters im kindlichen Sozialisationsprozeß fehlt in dieser Sammlung. Es war leider nicht möglich, zum vereinbarten Termin von Herrn Fthenakis eine Manuskriptfassung seines Vortrages zu erhalten.


Dr. Manfred W. Lallinger, Akademiereferent
Stuttgart, im Januar 1998



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