Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
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Strategien und Modelle zur Verbesserung der Beschäftigungssituation älterer Erwerbspersonen
Dr. Manfred W. Lallinger


Grußwort zur Eröffnung der Veranstaltung
Bernhard Bauer, Stuttgart


- Es gilt das gesprochene Wort -


Anrede und Begrüßung.....

1. Über die Hälfte der Betriebe ohne Mitarbeiter über 50

Weit mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland beschäftigen keine Mitarbeiter mehr, die älter als 50 Jahre sind. Dies belegt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB-Betriebspanel aus dem Jahr 2000).
Dieser Befund ist nur auf den ersten Blick verblüffend. Tatsächlich korrespondiert er recht deutlich mit der nach wie vor schwierigen Situation älterer Arbeitsloser am Arbeitsmarkt.
Erwerbslosigkeit und Erwerbsminderung sind längst zu einer häufigen Übergangsform in die Rente geworden. Die Frühverrentungsaktionen der Betriebe trugen erheblich zu diesem Ergebnis bei.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dies ist kein Vorwurf an die Betriebe, die nur rational kalkuliert haben. In vielen Fällen bestand auch bei den Mitarbeitern und Mit-arbeiterinnen durchaus Bereitschaft, früher aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, solange dies finanziell attraktiv genug war. Leistungen aus den Sozialplänen spielten dabei eine gewichtige Rolle.
Auch der Gesetzgeber hat in der Vergangenheit Anreize für diesen Weg in die Frührente gesetzt.


2. Gravierende Auswirkungen der Rentenform für ältere Arbeitslose

Durch die Erhöhung der Altersgrenzen und die eingeführten Abschläge bei vorzeitigem Rentenbeginn wegen Arbeitslosigkeit ist dieser Weg in die Frührente inzwischen aber deutlich steiniger geworden. Wenn sich die Situation für Ältere auf dem Arbeitsmarkt nicht bessert, wird dies künftig für einen großen Teil der Betroffenen gravierende Auswirkungen haben.
Vor allem in den neuen Bundesländern ist der Anteil der Rentenzugänge wegen Arbeitslosigkeit sehr hoch.


3. Klischee vom lebenslustigen Vorruheständler

Meine Damen und Herren, der schwierigen Situation älterer Arbeitsloser steht auf der anderen Seite das in manchen Me-dien zum Klischee verzerrte Bild der lebenslustigen Vorruheständler, Frührentner und Pensionäre gegenüber. Danach sind für diesen Personenkreis Traumziele von einst längst greifbare Realität.
Sie reisen in Länder, in denen die Sonne länger scheint, überwintern auf den Kanaren, in Florida oder wenigsten auf Mallorca und kreuzen fröhlich auf schneeweißen Yachten über karibische Meere.


4. Mobilisierung von Beschäftigungsreserven notwendig
...vordringlicher als eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre...

In diese Idylle platzen Vorschläge (der Arbeitgeberseite) zur baldigen schrittweisen Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre. Ich will dies hier nicht näher bewerten.
Wichtiger und nahe liegender ist jedenfalls zunächst der längere Verbleib Älterer im Beschäftigungssystem innerhalb der bestehenden Altersgrenzen. Solange dies noch nicht in den Köpfen geschweige denn in der betrieblichen Realität angekommen ist, ist eine Diskussion über eine Anhebung des Rentenalters kaum weiterführend. So waren im Jahr 2000 noch nicht einmal die Hälfte der Erwerbstätigen im Alter von 60 - 65 Jahren erwerbstätig.

...ist eine stärkere Erwerbsbeteiligung der älteren Jahrgänge innerhalb der bestehenden Altersgrenzen

Aber wir werden es uns auf jeden Fall in Zukunft nicht mehr leisten können, ältere Arbeitnehmer so früh aus dem Erwerbsleben ausscheiden zu lassen wie bisher.
Mit Blick auf die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt können derzeit Maßnahmen zur Reduzierung des Erwerbspersonenpotenzials zwar nach wie vor noch zu einer Entspannung der Arbeitsmarktsituation beitragen.
Langfristig ist angesichts der demographischen Entwicklung aber eine höhere Erwerbsbeteiligung der Älteren notwendig, denn das Erwerbspersonenpotenzial wird etwa ab dem Zeitraum 2010 bis 2015 abnehmen - besonders fühlbar aber in den danach liegenden Jahrzehnten.
Eine verstärkte Zuwanderung, da sind sich alle Experten einig, kann die Problematik allein nicht lösen.
Vorrangig ist daher die Mobilisierung heimischer Beschäftigungsreserven:
Ein Schatz, der noch gehoben werden muss sind zum einen gut ausgebildete Frauen, die bisher nicht oder nicht mehr in der Erwerbsarbeit waren. Und wir sollten auch nicht vergessen, dass zumindest langfristig die demographische Entwicklung beeinflussbar ist, wenn wir die Weichen Betreuungsinfrastruktur und finanzielle Besserstellung der Familien richtig stellen. Gesellschaft und Wirtschaft brauchen auch junge Menschen. Wie so häufig kommt es auch hier auf den richtigen Alters-Mix an.
Zum anderen geht es darum, ältere und erfahrene Fachkräfte möglichst lange im Betrieb zu halten.
Auch bei Einstellungen darf sich der Blickwinkel nicht nur auf junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verengen.
In den kommenden Jahrzehnten müssen der Erwerbsprozess und damit die Anforderungen des technischen und organisatorischen Wandels in verstärktem Maße von älteren Personen bewältigt werden. Leider ist dies lange Zeit verdrängt worden. Umso mehr erfordert der bevorstehende Paradigmenwechsel ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und zwingt uns jetzt zum Handeln.


5. Soziale Sicherungssysteme vor großen Herausforderungen

Denn in unseren Systemen von Rente, Gesundheit und Pflege ticken Zeitbomben. Die demographische Entwicklung wird zum Sprengsatz für die sozialen Sicherungssysteme.
Die Ausgangslage lässt keine Fragen mehr offen:
Einerseits nimmt die Geburtenhäufigkeit ab, andererseits steigt, was natürlich erfreulich ist, die Lebenserwartung weiter an.
Dies Entwicklung hat gravierende Folgen:
Während heute rechnerisch 100 Beitragszahler die Renten für ca. 40 Rentner aufbringen müssen, wird dieselbe Zahl an Beitragszahlern im Jahr 2030 für 70 bis 80 Rentner aufkommen müssen.
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung macht der Verlust des Gleichgewichts zwischen den Generationen eine neue Justierung des Gesundheitswesens erforderlich und in der Pflegeversicherung führt die demographische Entwicklung zu einer weiteren Zunahme der Leistungsberechtigten.
Wir müssen also umsteuern, sonst können wir die Kosten der sozialen Sicherungssysteme nicht mehr bezahlen. Eine verstärkte Erwerbsbeteiligung aller Altersgruppen, vor allem aber eine längere aktive Erwerbstätigkeit der Älteren kann uns dabei helfen.


6. Milderung des Fachkräftemangels durch höhere Erwerbsbeteiligter Älterer

Aber nicht nur der Blick auf die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme spricht für längere Erwerbstätigkeit der Älteren. Darüber hinaus haben wir ein Problem, das vielen Betrieben bereits heute unter den Nägeln brennt: der ungedeckte Bedarf an Fachkräften.
Es braucht keiner hellseherischer Fähigkeiten um zu erkennen, dass die demographische Entwicklung diese Problematik weiter verschärfen wird.
Wir werden aller Voraussicht nach wohl nicht mit einem generellen Arbeitskräftemangel rechnen müssen. Aber die erwartete Abnahme des Potenzials an Fachkräften mittlerer und höherer Qualifikationen muss wohl als zentrales Problem eingestuft werden.
Wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und letztlich auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft erhalten wollen, müssen wir künftig sehr viel stärker die Ressourcen der älteren Arbeitnehmer gezielt nutzen.


7. Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit Älterer

Eine ganz entscheidende Voraussetzung hierfür sehe ich in einer sinnvollen Laufbahngestaltung. In einer solchen Laufbahngestaltung müssen die Anforderungen, Anreize und Belastun-gen im Berufsleben in einer geeigneten zeitlichen Abfolge stehen.
Das Alter der Beschäftigten wird nur dann zum Problem, wenn sie zu lange auf belastungsin-tensiven Tätigkeiten bleiben. Dann genügt das individuelle Leistungsvermögen den konkreten Anforderungen an diesem Arbeitsplatz immer weniger. Arbeitsgestaltung, Arbeitsbedingungen und Arbeitsumfeld müssen deshalb konsequent auf eine Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit Älterer ausgerichtet werden.
Auch der Arbeitsschutz sowie die Aufsichts- und Beratungstätigkeit der Arbeitsschutzbehör-den müssen sich an diesen Gegebenheiten ausrichten.
So wird ein Schwerpunkt der künftigen Maßnahmen darin liegen, geeignete Erhebungsin-strumente sowie Strategien zur Vermeidung und zum Abbau unangemessener psychischer Belastungen am Arbeitsplatz zu entwickeln. Daneben sind die Potenziale, die in zielgenauen Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung liegen, bei weitem noch nicht ausgeschöpft.


8. Konzeptionen für ein lebenslanges Lernen

Meine Damen und Herren,
kaum jemand bestreitet inzwischen noch, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei entsprechenden Rahmenbedingungen auch im höheren Alter produktiv und innovativ tätig sein
können. Das Altern ist ein Prozess, der von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Es muss keineswegs zwangsläufig mit einer Abnahme des Leistungsvermögens insgesamt ein-hergehen.
Mit einer Anhebung des Qualifizierungsniveaus der älteren Arbeitnehmer steigt ihre Attraktivität für die Betriebe.
Zur gezielten Ausschöpfung des Leistungspotenzials der Älteren ist allerdings eine Qualifi-zierungsoffensive für diesen Personenkreis erforderlich. Gefordert sind in erster Linie die Unternehmen und die in Beschäftigung stehenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer selbst. Der Staat kann hier nur Schrittmacherdienste leisten.
Aber nicht nur das Angebot an Bildungsmaßnahmen ist wichtig.
Die älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen auch von dem Konzept eines lebenslangen Lernens überzeugt werden.
Es muss ihnen auch glaubwürdig übermittelt werden, dass man sie braucht und auch im höheren Lebensalter durch Erwerbsarbeit ein erfülltes Leben gestaltet werden kann. Der ältere Arbeitnehmer als erfahrene Fachkraft oder Führungskraft im Betrieb sollte wieder verstärkt ins Zentrum der Öffentlichkeit und der Öffentlichkeitsarbeit gerückt werden. Arbeitgeber sollten daher das Potenzial der Älteren als wichtige betriebliche Ressource erkennen und of-fen sein für die Einstellung älterer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen.
Davon könnten dann auch die älteren Arbeitslosen profitieren, bei denen sich nach einer längeren Arbeitslosigkeit doch so manche psychische Hemmschwellen aufgebaut haben. Ich glaube, dass die sehr vielfältigen und intensiven Aktivitäten der Bundesanstalt für Arbeit zur Vermittlung älterer Arbeitsloser – wie z.B. die Aktion „50 plus – die können es“ - inzwischen doch zum Aufbrechen mancher mentaler Blockaden geführt haben.


9. Sind Senioritätsprinzipien Einstellungshemmnissse?

Wir müssen aber auch hinterfragen, ob nicht vielleicht einige in guter Absicht eingeführte Sonderregelungen für ältere Arbeitnehmer in Gesetzen und Tarifverträgen, den sog. Senioritätsprinzipien die Einstellungsbereitschaft der Betriebe für diesen Personenkreis beeinträchtigen. Wir haben deshalb eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben: Darin wird geprüft, ob und welche derartigen Regelungen in Gesetzen und Tarifverträgen festgeschrieben sind und wie sich diese auf die Einstellung älterer Arbeitnehmer auswirken.
Die Ergebnisse der Untersuchung werden zwar erst bis Mitte diesen Jahres vorliegen. Aber wir werden ja morgen bereits einiges über die Senioritätsprinzipien aus der Perspektive der Tarifpartner hören und auch die Gelegenheit zu einer Diskussion hierüber haben.
Ich will der morgigen Diskussion nicht vorgreifen. Aber einen Aspekt möchte ich bereits an dieser Stelle einbringen:
Wir sollten uns nicht nur auf die derzeit sicher wichtige Problematik der Einstellungshemm-nisse beschränken. Möglicherweise werden wir eines nicht allzu fernen Tages das Thema Senioritätsprinzipien unter dem Vorzeichen diskutieren, den Älteren so attraktive Arbeitsplätze zu bieten, dass sie auch gerne und länger im Erwerbsleben bleiben. Vielleicht wird dies eine der großen Herausforderungen in der Zukunft.


10. Ausblick

Meine Damen und Herren,niemand kann Ihnen heute sagen, welche Folgen eine schrumpfende und alternde Bevölke-rung letztlich auf Wirtschaftswachstum, soziale Systeme und politische Ordnung haben wird. Fest steht jedoch, dass wir mit gewaltigen Veränderungen rechnen müssen.
Es wird deshalb entscheidend davon abhängen, ob und inwieweit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in unserem Land bereit sind, sich mit vorausschauendem Handeln und übergreifenden Konzeptionen diesen Herausforderungen zu stellen.
Ich hoffe - nein - ich bin überzeugt, dass die heute und morgen vorgestellten und diskutierten Strategien und Modelle zur Verbesserung der Beschäftigungssituation älterer Erwerbspersonen mit dazu beitragen, diese Herausforderungen zu meistern.



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