Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
FachreferateGesellschafts- und SozialpolitikVeröffentlichungenVernetzung und Kooperation der ambulanten und stationären AltenhilfeInhaltliche Einführung

Vernetzung und Kooperation der ambulanten und stationären Altenhilfe
Dr. Manfred Lallinger


Inhaltliche Einführung

1.
Vernetzung ist - auch transportiert durch die Pflegeversicherung- zu einem Oberbegriff für eine Form der Zusammenarbeit verschiedener Dienste geworden. Begriffe wie Koopera-tion, Absprache und Vernetzung werden teilweise synonym verwendet. Wenn Dienste vor Ort sich miteinander verständigen, meint man, sich vernetzt zu haben. Viele, auch und gerade kirchliche Träger, sehen Vernetzung als Wert an sich an, als strategisches Ziel gewissermaßen.

Warum bilden wir Netzwerke? Aus der Volkswirtschaft wissen wir, daß es Kartelle gibt. Kartelle sind das Pendant der Vernetzung im privatwirtschaftlichen Sektor. Diese Kartelle dienen immer einem bestimmten Zweck. Die in einem Kartell vereinigten Unternehmen haben individuelle Ziele, die sie nur gemeinsam, nämlich eben in einem Kartell als umsetzbar sehen.

Das SGB XI ist widersprüchlich, fordert es doch auf der einen Seite den freien Markt und reglementiert auf der anderen Seite sehr stark die Qualitäts- und Preispolitik der Träger. Dieser Widerspruch ist derzeit für die Einrichtungen unauflösbar. Während also die einen staatliche Lenkung im Pflegemarkt anstreben, propagieren die anderen den freien Wettbewerb, der in der Pflegeversicherung im Grundsatz auch gewollt ist. Ein Ideologie-streit ist entbrannt, die bekannten Argumente werden ausgetauscht. Vernetzung spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie als Planungsinstrument taugen soll. Die ehemaligen Richtlinien zur Förderung der ambulanten Hilfen des Landes Baden-Württemberg waren ein Beispiel für die Wirksamkeit verordneter Vernetzung in Koppelung mit staatlicher Subventionspolitik.

2.
Es gibt unterschiedliche Interessensgruppen:
Aus Kunden-/Klientensicht sind die Dienstleistungen des Pflegemarktes unübersichtlich geworden. Die Parallelität der Dienste, noch dazu normiert durch die gesetzlichen Vorgaben, machen Entscheidungen für oder gegen ein Angebot schwer. Die Nachfrager können nur schwer unterscheiden. Pflegekassen geben Preisvergleichslisten aus, Beurteilungskriterien für Qualität aber fehlen. Strukturen und zum Teil Prozesse werden extern kontrolliert, bei der Ergebnisqualität ist der Nutzer weitgehend allein gelassen. Dafür braucht es Hilfesysteme, Makler, ähnlich wie es im Land Baden-Württemberg mit den IAV-Stellen konzipiert war. Die Betroffenen selber spielen bei der Strukturierung des Marktes eine nur sehr untergeordnete Rolle und haben nur wenig Chancen, ihr individuelles Leistungspaket bei einer Sozialstation oder einer stationären Einrichtung zusammenzustellen.
Ist Vernetzung hierfür eine Lösung?

Aus Sicht der Dienste und Einrichtungen ist Wettbewerbsverhalten bei gleichzeitigen zum Teil eng gesetzten Bedingungen und geringer werdenden Finanzspielräumen eine starke Herausforderung. Die vom Gesetzgeber erstellten Anforderungen an die Struktur-, Prozeß- und Ergebnisqualität der Dienste sind mit den Ressourcen, die die Anbieter erhalten, nicht oder kaum mehr in Einklang zu bringen. Entgeltvereinbarungen werden von den Diensten und ihren Trägern vielmehr als Preisvorgabe der Kostenträger erlebt und tragen nicht mehr den Charakter von Aushandlungsprozessen.
Ist Vernetzung hier ein Teil einer Überlebensstrategie?

Aus Sicht der Leistungsträger ist ihr Sicherstellungsauftrag nur durch ein Mindestmaß an Angeboten in einer Region zu erfüllen. Wenn sich wegen der erhofften Einnahmen durch die Pflegeversicherung viele Anbieter auf dem Markt präsentieren, führt dies zu Parallelstrukturen, die die Kostenträger letztendlich bezahlen müssen. Wenn Ab-stimmungen zwischen den Anbietern im Sinne einer Aufteilung der Leistungen erzielt werden, könnte Vernetzung auch ein Interesse der Kostenträger sein.

Vernetzung als Garant für die Sicherstellung des Versorgungsauftrages und als Instrument zur Abschottung des Marktes, um die Kosten zu begrenzen?

Aus Sicht der Politiker ist bundes- bzw. landesweit ein Mindestangebot bei möglichst hoher Qualität und guter Erreichbarkeit vorzuhalten. Die Ausgaben der Sozialhilfe sind zu begrenzen, die Beiträge für die Pflegeversicherung dürfen nicht steigen. Für diese Quadratur des Kreises haben im Sinne der Selbstverwaltung Leistungsträger und Leistungsanbieter Verantwortung zu tragen. Die Struktur des örtlichen Marktes könnte Vernetzung notwendig machen, um dies zu ermöglichen.
Ist Vernetzung Instrument zur Planung von Altenhilfe?

3.
Wir suchen mit dieser Fachtagung Antworten auf diese Fragen. Wir beteiligen uns damit an der sozialpolitischen Diskussion, weil wir Sorge haben, daß der Druck, der auf den Diensten und Einrichtungen lastet, den Blick auf die Chancen von Netzwerken versperrt. Den völlig liberalisierten Anbietermarkt, in dem ausschließlich die Sorge um das Überleben der Dienste zählt, kann niemand anstreben. Die Berichte aus Hamburg und anderswo zeigen, daß die Verantwortung für pflegebedürftige Menschen nicht allein dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden kann. Wir unterstellen die Notwendigkeit abgestimmter und vernetzter Strukturen, weil sie Transparenz schaffen und homogene, bedürfnisgerechte Angebote gewährleisten. Gleichzeitig lehnen wir eine vereinheitlichte, außengesteuerte Sozialplanung ab, die die Wahlfreiheit des Bürgers zugunsten eines normierten Systemes abschafft und die damit den Bedürfnissen pflegebedürftiger Menschen nach individueller, freier Lebensgestaltung zuwider läuft.

4.
Diese Tagung haben wir "sternförmig" konzipiert: Aus verschiedenen Richtungen nähern wir uns der Vernetzung:
· Für kommunalpolitische Ansätze der Sozialplanung steht Herr Dr. Eckhart Schnabel vom Dortmunder
Institut für Gerontologie.
· Für die sozialwissenschaftliche Seite begrüßen wir Herrn Dr. Roland Schmidt vom Deutschen Zentrum
für Altersfragen.
· Die Sicht eines Leistungsträgers stellt Herr Kessler von der AOK Baden-Württemberg dar.
· Case-Management und Vernetzung ist das Thema von Herrn Professor Dr. Rainer Wendt von der
Berufsakademie Stuttgart.
· Vernetzung aus der Sicht des Marketings beschäftigt Herrn Dieter Stemmle vom Siebten Sinn aus
Schaffhausen

Den Referenten des heutigen Tages danke ich für ihre Beteiligung, ebenso der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Zusammenarbeit. Nicht zuletzt freuen wir uns über die zahlreiche Teilnahme, die beweist, daß wir mit dem heutigen Tag elementare Fragen der Altenhilfe behandeln.


Clemens Wochner-Luikh, Stuttgart



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