Das Bemühen, die "Vernunft des Ganzen" in den Blick zu bekommen, wie es sich die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter der Leitidee des Dialogs zu eigen gemacht hat, verlangt in besonderer Weise die Auseinandersetzung mit Geschichte. Dabei geht es folgt man – Marc Bloch – nicht um die Vergangenheit als solche, vielmehr um die Menschen in der Zeit, also um die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, wobei die Gegenwart nur durch die Vergangenheit verstanden werden kann (und die Vergangenheit nur durch die Gegenwart): "Das Nicht-Verstehen der Gegenwart ist die unvermeidliche Folge der Unwissenheit über die Vergangenheit."
Ein wesentliches Element geschichtlichen Denkens, die Erinnerung, steht freilich in einem unlösbaren Spannungsverhältnis zur Geschichte als analytisch-rationaler Wissenschaft. Angelegt ist dies bereits im doppelten Ursprung europäischer Geschichtsauffassung. Yosef Hayim Yerushalmi verweist schon mit dem Titel seines Buches 'Zakhor' ("Erinnere dich!") auf deren jüdische Wurzel und stellt fest: "Herodot mag der Vater der Geschichtsschreibung gewesen sein, der Sinn der Geschichte war eine Erfindung der Juden." Angesichts des schweren Traumas, das in diesem "Jahrhundert der Erinnerung" auf Europa (und insbesondere auf den Deutschen) lastet, zeige sich – so Jacques Le Goff bei seiner Rede zur Hegelpreis-Verleihung in Stuttgart – eine zwiespältige Haltung: "Auf der einen Seite möchte man vergessen, auf der anderen Seite hingegen ist man in Gefahr, sich von der Erinnerung erdrücken zu lassen." Es sei eine der wichtigsten Funktionen einer in kritischem Geist und mit Ehrlichkeit ausgeübten Geschichtswissenschaft, "die Erinnerung zu korrigieren und wieder aufzurichten". – Doch bleibt der moralische Anspruch einer anteilnehmenden Vergegenwärtigung und der Identifikation, nicht zuletzt mit den Benachteiligten, den Opfern.
Christlicher Glaubenstradition verpflichtet (die zentral in Geschichte und Erinnerung gründet), möchte die Akademie einen Beitrag zur Entwicklung einer "anamnetischen Kultur", einer Kultur des Sich-Erinnerns, leisten, die jedem Verdrängen und Vergessen den lebendigen Geist und die widerständige Kraft des Gedächtnisses entgegenhält – und dabei dem Anspruch kritischer Wissenschaft gerecht wird.
Dieter R. Bauer (Oktober 1995)
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