Verleihung des Aleksandr-Men-Preises im Jahr 2000

Michail Gorbatschow

Grußwort

Dr. Walter Döring, MdL Stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg

Schon zum sechsten Mal seit 1995 verleiht heute die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart gemeinsam mit weiteren namhaften Einrichtungen aus Russland und Deutschland einen Preis, der das geistige Erbe eines außergewöhnlichen Menschen bewahren und mehren soll.

Aleksandr Men ist für diejenigen, die sich mit seinem Leben und Wirken befassen, heute, zehn Jahre nach seiner Ermordung aus dem Hinterhalt, ein Symbol der Verständigung und Versöhnung!

Sein

- unablässiges Bemühen um Verständigung zwischen den christlichen Religionen in Ost und West,

- seine Arbeit zu der Verbesserung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen,

- die Verwirklichung des Gedankens, die Trennung der Kulturen von Ost- und Westeuropa zu überwinden,

alles das ist ein wichtiger Teil des beeindruckenden Lebenswerks von Aleksandr Men.

Sein Wirken war getragen von der Erkenntnis, dass Verständigung nur dann nachhaltig und erfolgreich sein kann, wenn sie ernst gemeint und entsprechend fundiert ist.

Nur wer es ehrlich meint und den Anderen, den Fremden oder den Andersdenkenden nicht nur respektiert, sondern auch verstehen will, ist in der Lage, tragfähige "Brücken" zu bauen.

Dies war die Einstellung dieses zugleich weltoffenen und tief religiösen Mannes. Aleksandr Men lebte darin das christliche Gebot der Nächstenliebe. Er galt für viele seiner Landsleute schon lange vor der politischen Wende als Hoffnungsträger. Dies, obwohl sein literarisches Werk erst im "freien" Russland nach 1991 den vom staatlich verordneten Atheismus geprägten Menschen allgemein zugänglich gemacht werden konnte. Dass es dazu im ausgehenden 20. Jahrhundert überhaupt noch kommen würde, konnten wir uns noch bis Mitte der 80 er Jahre kaum vorstellen! Wir alle haben dieses "Wunder" einer politischen Entwicklung zu verdanken, die untrennbar mit einem Namen verbunden ist:

Mit dem Namen Michail Gorbatschow!


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie mich an dieser Stelle einen Moment innehalten und gestatten Sie mir, sehr emotionale Bilder, die wir als Zeitzeugen noch immer in uns tragen, nochmals aufleben zu lassen:

Erinnern wir uns an den Besuch des sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow im Sommer 1989 in der Bundesrepublik Deutschland. Damals fand die Begeisterung der Bevölkerung in unserem Land kaum Grenzen. Als Baden-Württemberger haben wir noch immer die bewegenden Bilder vor Augen, die während Ihrer kurzen Visite in Stuttgart - sehr geehrter Herr Gorbatschow - entstanden sind. Jubelnde und begeisterte Menschen säumten die Strassen und den Stuttgarter Schloßplatz! Die Nähe, die Michail Gorbatschow zu der Bevölkerung Deutschlands und Baden-Württembergs suchte und spontan fand, hat - so meine ich - den damaligen politischen Prozess sehr gefördert.

Die geschilderten Emotionen entsprangen nach meiner Überzeugung einer ganz großen Hoffnung. Nämlich der Hoffnung der Menschen auf ein friedliches und sicheres Miteinander in Europa und in der Welt und auf die Überwindung der Teilung Europas und Deutschlands.

Nach den ersten politischen Reformen hin zu einer Öffnung und Demokratisierung der Gesellschaft waren die Erwartungen der Menschen in Deutschland - und zwar in Ost und West - auf eine noch weitergehende Öffnung des damaligen Ostblocks ausgerichtet.

Diese Hoffnungen waren aufgebaut auf wichtigen Ereignissen und Weichenstellungen, die die zunehmende Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Weltmächten UdSSR und USA bewirkten:

Dazu gehörten auch die vorangegangenen Erfolge in den Verhandlungen zwischen den USA und der UdSSR zu der Beseitigung aller Mittelstreckenraketen, die als sog. "Nulllösung" in die Geschichte eingegangen ist.

"Glasnost" (Öffentlichkeit, Transparenz) und "Perestrojka" (Umbau) waren zu Schlagworten der Weltpolitik geworden. Lassen wir noch ein weiteres, für uns Deutsche sehr emotionales Bild in uns wach werden:

9. November 1989: Tanzende und jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer - aus Ost- und West. Für unsere Generation bleibt dieses Ereignis als Symbol für die Überwindung einer künstlichen Trennung Deutschlands, ja Europas, bestehen.

Und schließlich der 5. Mai 1990 - also vor zehn Jahren: Die Aufnahme der sogenannten "Zwei-plus-Vier-Gespräche" beendeten den "Kalten Krieg" zwischen Ost und West und bereiteten den Weg zu der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten!

Dank hierzu gilt auch Hans-Dietrich Genscher!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich meine, dass die Kraft dieser Bilder auch heute - mehr als zehn Jahre nach diesen Ereignissen - uns alle immer wieder daran erinnert, dass wir dankbar auf diejenigen blicken, die den Weitblick besessen haben, diese großen Veränderungen einzuleiten. Dass es einen Menschen gab, der diese Herausforderung wagte, ist mehr als bemerkenswert. Mit Ihrem politischen Mut, sehr geehrter Herr Gorbatschow, haben Sie Maßstäbe gesetzt, die in der Geschichte dauerhaft ihren Platz haben werden. Gerade das deutsche Volk ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Auch ich persönlich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre großartigen Leistungen, die Sie für unser Land und für die Demokratie in der Welt erbracht haben. Die Akademie der Diözese Rottenburg hätte für den Aleksandr-Men-Preis keinen würdigeren Preisträger finden können, als Sie, verehrter Herr Gorbatschow. An dieser heutigen Preisverleihung teilnehmen zu können, ist mir eine besondere Freude.

Dass wir mit Ihnen, sehr geehrter Herr Gorbatschow, eine Persönlichkeit haben, die unserem Land auch in anderer Weise verbunden ist, kommt für mich als Stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg noch hinzu:

Im November 1999 wurde Michail Gorbatschow zu dem Präsidenten der neuen Internationalen Akademie für Nachhaltige Entwicklungen und Technologien an der Universität Karlsruhe gewählt.

Ziel dieser Einrichtung ist es, das ökologische Bewusstsein in Russland und in den osteuropäischen Ländern zu fördern, eine Thematik, die sich Michail Gorbatschow schon vor vielen Jahren zur Aufgabe gemacht hat.

Gerade der Bereich Umweltforschung und Umwelttechnik erlangt neben dem kulturellen und politischen Austausch zunehmend eine ethische Dimension. Im Sinne der globalen Verantwortung für unsere gemeinsame Umwelt müssen auch hier die Verständigung und die Zusammenarbeit verstärkt weiterentwickelt werden. Wir müssen viele Brücken bauen, um unsere Länder einander näher zu bringen.

Als besonders tragfähige Brücke erweist sich immer wieder die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auf diesem Gebiet haben wir in den zurückliegenden Jahren auch als Bundesland stets eigene Anstrengungen unternommen.

So unterhalten wir enge Beziehungen mit dem Gebiet Swerdlowsk und der Stadt St. Petersburg, wo wir zum Aufbau von russischen Einrichtungen der Wirtschaftsförderung beitragen konnten. Ich bin zuversichtlich, dass nach dem Besuch von Präsident Putin in Deutschland die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen unserem Land und Russland insgesamt neue Impulse erfährt. Es sind letztlich doch immer wieder Menschen und Persönlichkeiten, die grenzüberschreitend Verbindungen, Verständigung und oft auch Versöhnung schaffen.

Ich beglückwünsche Sie, sehr verehrter Herr Gorbatschow - zugleich im Namen der Landesregierung von Baden-Württemberg - sehr herzlich zu der Verleihung des Aleksandr-Men-Preises.

Ihnen, dem neben dem Friedensnobelpreis 1990 eine große Anzahl von herausragenden Ehrungen und Preise verliehen wurde, ist das Vermächtnis Ihres Landsmannes Aleksandr Men wichtig und wertvoll geblieben.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass die Vertiefung unserer Beziehungen nach Russland und in die GUS noch mehr von dem geistigen Erbe eines Aleksandr Men beeinflusst werden können.

Der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und den weiteren verleihenden Institutionen danke ich für diesen bemerkenswerten Beitrag zur Förderung der manchmal noch immer schwierigen Verständigung zwischen West und Ost!

Ihnen allen danke ich für Ihre freundliche Aufmerksamkeit!



Es gilt das gesprochene Wort!

Programm

Begrüßung
Msgr. Dr. Gebhard Fürst,
Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Grußwort
Weihbischof Dr. Johannes Kreidler
Administrator der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Grußwort
Dr. Walter Döring
Stellvertreter des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg

Grußwort
Dr. Ekaterina U. Genieva
Generaldirektorin der Bibliothek für Ausländische Literatur, Moskau
Vertreterin der Preisjury

Laudatio auf den Preisträger
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Dr. Hans-Dietrich Genscher,
Bundesaußenminister a. D.

Preisverleihung
Prof. Dr. Günther Bien,
Vorsitzender des Kuratoriums der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Dankesworte des Preisträgers
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Michail S. Gorbatschow,
Staatspräsident a.D.

Bericht Stuttgarter Nachrichten

Pressemitteilung

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