Verleihung des Aleksandr-Men-Preises 1997

Prof. Dr. Wolfgang Kasack

"Aleksandr-Men-Preis für Adenauers Dolmetscher"

Katholische Nachrichten-Agentur – XY – 24. Juli 1997

Stuttgart, 23.7.97 (KNA)

Der Kölner Slawist und Literaturwissenschaftler Wolfgang Kasack (70) ist für seine Verdienste um den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Rußland mit dem mit 5.000 Mark dotierten Aleksandr-Men-Preis ausgezeichnet worden. Der frühere deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich Ruth, würdigte bei der Preisverleihung am Dienstagabend in Stuttgart Kasacks Beitrag zur Beendigung der Teilung Europas. Das Lebenswerk des Dolmetschers Adenauers bei dessen legendärem Rußland-Besuch 1955, des Chefdolmetschers der deutschen Botschaft von 1956 bis 1960 in Moskau, des Übersetzers russischer Literatur und Leiters des Slawischen Instituts der Universität Köln von 1969 bis 1992 sei ganz der Überwindung der Entfremdung zwischen Deutschland und Rußland gewidmet. Im Dialog mit vielen russischen Schriftstellern und Politikern habe der gebürtige Potsdamer nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft und schon im Kalten Krieg die Wichtigkeit der Partnerschaft mit Rußland und der geistesgeschichtlichen Einheit im gemeinsamen Haus Europa erkannt.

Bundesratspräsident Erwin Teufel wertete die jährliche Preisverleihung als ein Zeichen ununterbrochener Beziehungen zu Rußland. Mit Aleksandr Men werde die Erinnerung an einen großen Literaten, Freiheitskämpfer und mutigen Bekenner des christlichen Glaubens in der kommunistischen Diktatur wachgehalten. Der Aleksandr-Men-Preis wird an Persönlichkeiten verliehen, "die sich um die interkulturelle Vermittlung zwischen Rußland und Deutschland im Interesse des friedlichen und humanen Aufbaus des europäischen Hauses verdient gemacht haben". Träger der Auszeichnung sind die Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, die Zeitschrift für Ausländische Literatur in Moskau, der Moskauer Aleksandr-MenFreundeskreis und die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Der russisch-orthodoxe Priester Aleksandr Men- in der Zeit der Perestrojka mit seinem Buch über Jesus, "Der Menschensohn", populär geworden und bei den Kulturschaffenden Rußlands und den Gläubigen der russisch-orthodoxen Kirche gleichermaßen hoch angesehen - wurde 1990 im Alter von 55 Jahren ermordet. Die schriftstellerische Tätigkeit Mens begann, nachdem er 1958 von der Universität Irkutsk verwiesen wurde und er freiwillig als Heizer bei der Kirche arbeitete. Bei einem Symposion mit russischen Schriftstellern in der Katholischen Akademie im oberschwäbischen Weingarten hat er sich nach dem Grundsatz "Das Eigene lieben heißt nicht, das Fremde hassen" für die Begegnung der Kulturen in Europa eingesetzt. In seinem Nachlaß fand sich die Idee, einen Preis dafür zu stiften. Kasack ist dritter Träger des Preises nach Lew Kopelew (1996) und Kathinka Dittrich von Wehring (1995). Wie Aleksandr Men sei Kasack ein zutiefst gläubiger Mensch, betonte Ruth und verwies in seiner Laudatio auf eine Tonbandaufnahme Mens über die Bedeutung des Gebetes. Dort spreche Men vom Gebet als einer auf den Betenden zurückstrahlenden Kraft und machtvollster Energie, die ein Mensch zu erzeugen vermöge. Dies zeuge davon, wie Men das geistliche und zutiefst humane Rußland verkörpert habe.

Der Rottenburger Bischof Walter Kasper trat bei der Preisverleihung für eine ökumenische Zusammenarbeit bei der Überwindung der Entchristlichung und sozialen Schäden in Rußland ein. Nach 70 Jahren Kommunismus bestätigten dessen seelische Verwüstungen das Wort des Dichters Dostojewski: "Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt".

BWT-97/VII/1437- Funk voraus 22.7.97-

 

 

Programm

Grußwort
Erwin Teufel,
Ministerpräsident

Grußwort
Bischof Dr. Walter Kasper,
Rottenburg-Stuttgart

Grußwort
Dr. Ekateria U. Genieva,
Moskau

Grußwort
Dr. Gregorü Tchartischvili,
Moskau

Laudatio
Dr. Friedrich Ruth,
Botschafter a.D., Bann

Preisverleihung
Prof. Dr. Günter Bien,
Stuttgart

Dankesworte
Wolfgang Kasack

Artikel Katholische Nachrichten-Agentur

Urkunde von Prof. Dr. Wolfgang Kasack


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